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Highlights 2016: Die besten Alben

Jetzt, wo sämtliche Jahresrückblicke längst vergessen und fragwürdige Awards bereits medienwirksam an die üblichen Verdächtigen verteilt worden sind, lasse auch ich mir eine persönliche Abrechnung mit 2K16 nicht nehmen, muss dazu aber leider ein wenig ausholen…

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Review: SHXCXCHCXSH – SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs [2016]

SHXCXCHCXSH - SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs| Erschienen bei Avian (2016) |

Als die sogenannte ‚Witch House‘-Welle Anfang der 2010er das World Wide Web heimsuchte, erlebten mit ihr bislang kaum beachtete Sonderzeichen einen unerwarteten Popularitätsschub. Okkult angehauchte Symbolketten mit Dreiecken, Petruskreuzen etc. schmückten die Namen unzähliger obskurer D.I.Y.-Musikacts, die auf Videoportalen, Social Media-Plattformen und Blogs von sich reden machten, so manchen Suchmaschinen-User indes zur Verzweiflung trieben (unvergessen: ///▲▲▲\\\).

SHXCXCHCXSH haben mit Witch House übrigens gar nichts am Hut, dennoch pflegt das Producer-Duo, dessen Pseudonym sich so wunderbar leicht einprägen lässt, seit ihrem Erscheinen auf der musikalischen Landkarte ein ähnliches Faible für Geheimniskrämerei und ungewöhnliche Codierungen, nur dass sie bei ihren kryptischen Betitelungen mit den Buchstaben des lateinischen Alphabets auskommen. Stilistische Alleinstellungsmerkmale muss man in ihrem unverwüstlich schubbernden, von der Kritik zu Recht begeistert aufgenommenen Experimental-Techno nicht lange suchen. Da wähnt man mit dem Klopfen der Bass Drum auch den von den perforierten Kellerwänden splitternden Beton in der Aufnahme wiederzufinden, und imaginiert das moderne Soundsystem, auf dem das Ganze abgespielt wird, inmitten einer Armada rustikal aus der Zeit gefallener Gerätschaften, die es mit schwer arbeitenden Antriebsmechanismen am Laufen halten. Der drückend-repetitive Grundcharakter behält auch angesichts stetiger Transformationen seine Dringlichkeit; ebenjene paradox wirkende Dynamik erschafft aus monolithischen Arrangements atmende, wenn auch stoische Kreaturen, die die eigentümliche Faszination der früheren Releases ausmachen.
»Linear S Decoded« gab sich in der Folge nicht nur schriftsprachlich erstmals auskunftsfreudiger, auch der Sound wurde einerseits zugänglicher und melodischer, aber glücklicherweise sogar noch variantenreicher. Kurzum: den Skandinaviern war genreübergreifend eines der besten Alben des Jahres 2014 gelungen.

Also was nun, wird der geheimnisvolle Schleier mit dem dritten Album endgültig gelöst? Und schlägt man diesmal vielleicht sogar einen Weg ein, an dessen Ende ein Schild mit der berüchtigten Aufschrift ‚Pop‘ aus der Ferne erkennbar sein wird? − Nein und nein. Das Werk mit dem mindestens so kompakten wie ausdrucksstarken Titel »SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs« ist im Ganzen wieder merklich reduzierter, schroffer und abstrakter ausgefallen. Auch die auf dem Coverbild platzierte Trackliste sorgt nur bedingt für mehr Verständlichkeit. Die Anzahl der Buchstaben nimmt also von Titel zu Titel exponentiell zu, schön und gut, doch lässt sich daraus keine Verbindung zum Gehörten ausfindig machen. Hypnotische Loops, befremdende Stimmbearbeitungen oder zerfurchte Texturen erwarten den Hörer dagegen allerortens. Mal sind die Tracks ätherischer, mal eher am Beat orientiert, doch wenn man ehrlich ist, werden diese Unterscheidungen beim Hören des Albums mit zunehmender Laufzeit immer hinfälliger. Tauchen gleichmäßige Rhythmen häufig auf, so sind sie doch nie wirklich catchy, treibend oder gar tanzflächenkompatibel, zumindest nach konventionellen Maßstäben besehen. Drums schrappen und knirschen eher beschwerlich dahin oder verhallen einsam in Zeitlupentempo. Feierwütige Konsumenten holt man anders ab, so viel ist mal sicher.

Bei 15 Titeln auf 54 Minuten Spielzeit ist die durchschnittliche Tracklänge entsprechend knapp bemessen. Die durchaus zahlreichen Zwei- bis Vierminüter können innerhalb dieses begrenzten Zeitrahmens natürlich keine größeren Build-Ups und Veränderungsprozesse durchexerzieren, wie es etwa bei Track #6 der seltene Fall ist. Tatsächlich gehen ein paar solcher Exemplare eher als Skizzen oder Interludes durch. Der Experimentierfreude tut das natürlich wenig Abbruch, stellt diese Form der Reduktion schließlich einen neuen Aspekt im Vorgehen der öffentlichkeitsscheuen Schweden dar. Einige der bereits erprobten Zutaten haben indes wieder ihren Weg hinein gefunden, seien es Anleihen dubbiger Raumkonstruktion (#3, #8), Acid-inspirierte Modulationen (#6) oder famos garstiges Industrial-Gerumpel (#5, #11). Verblüffenderweise erinnert die Schlussphase des Albums (#14, #15) an die perkussiveren Ausflüge von Glitchscape-Großmeister Tim Hecker, was im gleichen Zug demonstriert, wie weit nach außen das Experimentierfeld mittlerweile ausgedehnt wurde. Es kreuzen also an den Randgebieten mitunter fremde Spuren ihre Pfade und doch befindet man sich als Hörer unverkennbar im Territorium von SHXCXCHCXSH, wo jedoch selten zuvor ein so kaltes und unfreundliches Klima vorherrschte. Von dort geht eine fremdartige Präsenz aus, die achtlose Durchreisende barsch zurückweist, aufgeschlossene Entdeckerseelen jedoch bald in ihren Bann zu schlagen weisSsSsSsSsSsSsSsSsSs…

Tracklist:
01. Ss
02. SsSs 
03. SsSsSs
04. SsSsSsSs
05. SsSsSsSsSs
06. SsSsSsSsSsSs
07. SsSsSsSsSsSsSs
08. SsSsSsSsSsSsSsSs
09. SsSsSsSsSsSsSsSsSs 
10. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
11. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
12. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
13. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
14. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs 
15. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs

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Review: Vatican Shadow – Media In The Service Of Terror [2016]

Vatican_Shadow-Media_in_the_service_of_terror-cover-660x660| Erschienen bei Hospital Productions (2016) |

Dass wir unser gesamtes Wissen über die Welt aus den Massenmedien beziehen, wie es ein gewisser Gesellschaftstheoretiker (ausgerechnet aus Bielefeld) mal erkannt haben wollte, ist längst zum vielzitierten Sinnspruch geworden. Zumindest, wenn man diesen auf das Zeitgeschehen und weltpolitische Zusammenhänge der jüngeren Vergangenheit verengt, lässt sich seine Gültigkeit nur schwer in Abrede stellen. Im ähnlichen Maße, wie wir uns der Abhängigkeit von jenen Informationsquellen bewusst geworden sind, erscheint wiederum die Annahme, dass Medien ihre eigene Wirklichkeit erzeugen beileibe nicht mehr wie mehrheitsfernes, abwegiges Geschwafel einiger ‚postmoderner‘ Intellektueller. Wie gesunder Zweifel bei entsprechendem Nährboden und mangels Differenzierungsvermögen in fundamentalen Irrsinn umschlagen kann, zeigt sich ja dieser Tage symptomatisch im Boom von Verschwörungstheorien und unreflektiert-generalisierendem Medienbashing. Unbestreitbar ist es aber für den Einzelnen verdammt schwer geworden, wenn nicht immer schon unmöglich gewesen, alle Informationen aus erster Hand zu erlangen und zu überprüfen, geschweige denn sich angesichts ihrer komplexen Verflochtenheit einen befriedigenden Überblick der Geschehnisse auf dem Planeten zu verschaffen.

Dominick Fernows Nebenprojekt Vatican Shadow nimmt sich dieser Unübersichtlichkeit und schieren Undurchdringlichkeit an, welche kennzeichnend ist für ein globalisiertes, vernetztes Zeitalter, in dem wir zwar mit Informationen überflutet werden, zugleich aber nicht ganz grundlos den ständigen unangenehmen Verdacht hegen müssen, dass gerade die entscheidenden Details uns verwehrt bleiben; und in dem wir trotz ihrer Omnipräsenz oft den gleichen, zumindest aber zum Verwechseln ähnlichen und daher quasi austauschbar gewordenen Medienbildern ausgesetzt sind. Es ist dieses alltägliche Durcheinander von Tickermeldungen, Schlagzeilen, Fotografien, Telepromptergefasel, Video- und Audioaufnahmen mit all seinen Implikationen, welchem durch das bruchstückhafte Spiel mit Artwork, Albentiteln und Trackbezeichungen in den Arbeiten Vatican Shadows entsprochen wird. Der eigentliche Kampf um Deutungshoheiten hingegen interessiert Fernow – und das ist lobenswert konsequent – allerhöchstens sekundär. Sein starkes Augenmerk auf den erwähnten außermusikalischen Komponenten (manch ein Klugscheißer spricht hier auch gerne von sogenannten Paratexten), kreisend um dieselben unscharf markierten, in ihrem Zusammenspiel zugleich enorm suggestiven Themenfelder (US-Militär, Geheimdienste, Naher Osten, Terrorismus, Religion,…), brachten dem Betreiber des renommierten Underground-Labels Hospital Productions – verbunden mit seinem unverschämt hohen Output – durchaus mal den Vorwurf ein, dass die Musik zunehmend zur Nebensache werde und die Idee des Projektes nun so langsam ausgereizt sei. Tracktitel wie »More of the Same« könnte man als polemischer Kritiker natürlich leicht zum überfälligen Eingeständnis von Ideenlosigkeit umwenden.

Tatsächlich stellt Fernow das Konzept über alle darin enthaltene Einzelelemente. Coverabbildungen zum Beispiel sind keine bloßen Dreingaben zur Audiospur, sondern integraler Teil der Gesamterfahrung. Die Soundcollagen dienen als eine Art auditiver Teppich, der den Schlagworten (etwa »Ziad Jarrah Studied Mathematics«), den entkontextualisierten Fotos und Textstellen, Ausdruck verleiht – und umgekehrt. Die Datenträger-Veröffentlichung von »Media in the Service of Terror« beinhaltet sogar eine Mini-Zeitung. Nach und nach zeichnet sich so ein rätselhaftes, unmöglich dechiffrierbares Mosaik aus den vielfältigen multimedialen Steinchen ab, die Fernow nebeneinander legt. Damit ist ebenso klar, dass sich die imaginative Kraft von Vatican Shadow gerade auch über einzelne Releases hinaus entfaltet, da mit jedem neuen Werk das Bisherige erweitert wird, ohne jemals so etwas wie den Eindruck des Vollständigen zu erreichen.

Der Urheber erliegt zum Glück nicht der Versuchung, das Chaos sinnhaft zu ordnen. Ganz anders als seine musikalische Inspirationsquelle Muslimgauze verfolgt Fernow außerdem keine (geo)politische Agenda. Weder sollen offizielle Narrative demontiert werden, noch die eine gültige Wahrheit aufs Brot geschmiert werden. Vielmehr wird dem Abnehmer ein beträchtlicher Vorstellungsraum eröffnet, in dem er assoziieren und darüber reflektieren kann, ob und wie Verknüpfungen zwischen den aus ihren Ursprüngen herausgelösten Bedeutungssplittern generiert werden können. Vor allem aber liegt der Reiz im Ausstellen des Ungewissen und Geheimnisvollen, das hier an die Stelle lückenloser Welterklärungsmodelle tritt.

Doch wie äußert sich diese Desinformationsstrategie konkret in der musikalischen Ausgestaltung? Bislang habe ich hier klarzumachen versucht, dass man die einzelnen Bausteine im Dienste des Konzeptes als untrennbar behandeln sollte. Dennoch möchte ich natürlich ein paar Worte über die ‚hörbaren‘ Aspekte verlieren. Wenig hitparadengerecht, wie man sich denken kann, dafür der Grundidee umso stärker verpflichtet, werden Song-Schemata genauso entschieden gescheut wie lineare narrative Verläufe, wenngleich hier und da mal Layer oder Patterns zwischenzeitlich erscheinen oder verschwinden. Eher technoider Tradition entsprechend, gibt es keine klaren Anfänge und Enden, kommen Übergänge zwischen den Tracks abrupt. Nimmt »Media in the Service of Terror« die Maximen der Repetition auch weniger ernst als manch ältere VS-Erscheinung, muss hier trotzdem von einer Absage an formale Geschlossenheit, dramaturgische Bögen und gewöhnliche Album-Kontinuität die Rede sein.

Knatternde Rhythmus-Skelette bilden dabei nach wie vor häufig den Fixpunkt der evokativen Loops, deren weitere Bezugslinien zu Ambient und Industrial weisen. »More of the Same« präsentiert sich dahingehend fast schon wie ein Dancefloor-Kandidat, den man sich mit ein wenig Fantasie aber durchaus auch in den Sets einschlägiger Berliner Clubs vorstellen könnte. »Ziad Jarrah Studied Mathematics« dagegen verfügt über ein deutlich weniger scharf konturiertes Beatgerüst. Hier werden atmosphärische Flächen und diskret knisternde Hi-Hat-Schleifen in feiner Regelmäßigkeit durch ferne Detonationen erschüttert. Das erfrischend kurze »Wherever There Is Money There Is Unforgiveness« rasselt sich durchsetzt von metallischen Geräuschen durch fabelhafte dreieinhalb Minuten. Und »Interrogation Mosaic« ist wieder so ein Lehrstück aus der Kategorie hintergründigen Gedankenkinos, wie sie die der geneigte Hörer liebgewonnen haben dürfte.

Dient Dominick Fernow das Pseudonym Prurient als Ventil für stark persönlich eingefärbte Noise-Exzesse, so verschwindet seine Person bei Vatican Shadow vollständig hinter dem Alias. Mysteriös ist denn auch das Attribut der Wahl für solche Musik, die einem das Gefühl verabreicht, geradezu endlos im Unklaren zu verharren, während sich das geistige Auge unweigerlich in Versuchen ergeht, den Blick über verschlossene Geheimdienstakten wandern zu lassen, konspirative Treffen mit dubiosen Mittelsmännern zu beäugen oder den unretouchierten Schrecken einer aschfahlen zerbombten Krisenregion zu Gesicht zu bekommen. Das Tappen im Dunkeln, in diesem Fall hat es jedenfalls Methode.

Tracklist:
01. Ziad Jarrah Studied Mathematics
02. More Of The Same
03. Take Vows
04. Wherever There Is Money There Is Unforgiveness
05. Interrogation Mosaic
06. Take Vows (The Inevitable Bitterness Of Life)
07. More Of The Same (Tunisia) 

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Highlights 2015: Die besten Alben

Und schon wieder eine Bestenliste! Überall tauchen sie auf, besonders am Jahresende, von den kleinsten Blogs bis zu den reichweitenstärksten Magazinen, alle bombardieren sie die Welt mit ihren inflationären Rankings. Da reiht man sich doch nur zu gerne ein, jedoch durfte die folgende, durchaus wohl überlegte Auswahl immerhin mehr als einen Monat lang heranreifen, um sich nun drastisch verspätet, aber …nennen wir es mal…  einigermaßen vollendet zu präsentieren, sofern dies überhaupt möglich ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen stellt sich ein gewisser Déjà-vu-Effekt ein, deswegen sei auf die Einleitung des letzten Jahres verwiesen und an dieser Stelle nur kurz angemerkt, dass es bei der schieren Menge an veröffentlichter Musik einfach unmöglich ist, ihr in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Denjenigen, die das hier lesen, wurde die Qual der Wahl damit hoffentlich ein wenig aus der Hand genommen. Vielleicht sagt die Selektion der Titel aber auch mehr über die Person aus, die sie vorgenommen hat, als über das Musikjahr 2015 – wer weiß das schon?

Fest steht hingegen – um ein bisschen Pathos in die Sache zu bringen –, dass Musik eines der wenigen Bollwerke gegen die Unannehmlichkeiten der Existenz darstellt und gleichzeitig, sofern sie mehr als bloße Ablenkung sein möchte, trotzdem in jene Realität eingebunden, also nicht vom Leben abgekoppelt ist. Das einleitende Geschwafel beschließe ich also in der Überzeugung, dass die unten gelisteten Alben dies gerade bewerkstelligen, indem sie der faden Mittelmäßigkeit und Austauschbarkeit entsagen und zum Kern der Dinge hervordringen.

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Review: Vessels – Dilate [2015]

Vessels - Dilate CD Cover| Erschienen bei BIAS / Bandcamp (2015) |

Ein bisschen überraschend ist es schon, diese ersten Takte von »Dilate« zu hören. Zumindest wenn man, wie ich, Vessels noch vage als furios und experimentierfreudig aufspielende Gitarrentruppe in Erinnerung hat. Anstatt im erprobten Post-/Math-Rock-Gewand durchzustarten, eröffnen sie ihr aktuelles Album, man höre und staune, mit waschechtem Techno – ganz so, als wollten sie gleich zu Beginn klarstellen: Wir meinen’s ernst mit dem Kurswechsel, das ist kein Allerweltsgeschrammel mit ein bisschen verwässertem Sommerhaus-Elektro! Rund dreißig Sekunden klopft also der Rhythmusautomat praktisch im Alleingang, dann beginnt sich langsam das akustische Gerüst weiter aufzubauen. Zu Klangschlieren verformte Stimmfragmente fliehen vorbei, mehr Reibung und Bass kommen ins Spiel, aus dem dezenten Pochen wird bald ein treibender Beat. Um diesen schmiegen sich wiederum immer mehr rauschhafte Flächen, bis sie ihn letztlich überlagern und kurz vor dem gefühlten Höhepunkt von einer Synthie-Melodiespur tatkräftig unterstützt werden, bevor der Opener ausfadet. »Vertical« präsentiert sich damit als sogartiger Teaser, der Lust auf mehr macht – bis hierhin nicht von schlechten Eltern, dieser neue Vessels-Sound!

Aufmerksamen Verfolgern der Band dürfte diese Rekalibrierung der Klangkoordinaten zugebenermaßen deutlich bruchloser und weniger unerwartet erscheinen, denn bereits auf ihrer »Elliptic EP« von 2013 ist ein großer Sprung in Richtung Elektronische Musik gemacht worden. Ebendieses »Elliptic«, quasi der Meilenstein auf dem bandinternen Weg von den Prog-Bühnen in die Tanztempel, ist folgerichtig auch auf »Dilate« vertreten und markiert ein weiteres Highlight. Über neun Minuten marschiert es leidenschaftlich auf dem schmalen Grad zwischen Euphorie und Elegie, vermag dabei den Hörer trotz Eingängigkeit durchaus zu fordern, ohne aber nur eine Spur verkopft zu wirken.

Bei all der neu gewonnenen Club-Affinität sind in den Dynamiken dennoch die Post-Rock-Wurzeln des Quintetts noch zu erahnen. Vielleicht schält sich in solch kaskadischen Aufbauten aber auch einfach nur die bereits vorhandene Anschlussfähigkeit zwischen diesen beiden musikalischen Sphären deutlicher heraus. So oder so, was die Herren aus Leeds hier treiben ist weniger ein vorsichtiges Liebäugeln mit den Mechanismen der Clubkultur als innige Umarmung! Blitzartige Richtungswechsel und rabiate Riffs haben fürs erste ausgedient. Die Dringlichkeit wurde vielmehr umgeformt in synthetisierten Druck und geradlinige Energie, welche ohne Aggression auskommt, aber den Sound trotzdem nicht zu glatt werden lässt. Neben dem allerorts (und mit Recht) zum Vergleich herangezogenen Jon Hopkins erinnern mich einige Stücke, insbesondere das tolle »Glass Lake«, an die eleganten Dancefloor-Leuchtfeuer von Kiasmos, während das leicht ‚angeglitchte‘ »Beautiful You Me«  eindeutige Stilverwandtschaft mit 65daysofstatics späteren Arbeiten aufweist.

Spärliche Rückgriffe auf das Rock-Instrumentarium, aber nicht unbedingt dessen Regeln, finden sich etwa noch in »Attica«, einer formidabel stampfenden Nummer mit eigenen Star Guitars im Gepäck, die frisch und vertraut gleichermaßen klingt und zweifellos das Potential zum Instant-Klassiker besitzt. Die verantwortlichen Musiker wussten wohl um die Macht ihrer Kreation und haben sie im wahrsten Sinne zum Zentrum gemacht, das heißt exakt in die Albummitte platziert. Wer hier nicht mitgerissen wird… ja, da fällt mir nicht mal mehr ein Satzende für ein. Aber auch danach haben die Jungs ihr Pulver noch nicht verschossen und wunderbar schwelgerischen Stoff in petto wie den Vocal-Track »On Monos« (mit Snow Fox) oder das bereits erwähnte »Beautiful You Me«.

Wie ein farbenfroh leuchtender Nachtzug rauscht das Album vorbei und treibt den Hörer immer wieder in ekstatische Höhen. Ob schimmernde Keys, knackige Drums, warme Atmosphären-Layer oder versiert eingearbeitete Samples – Vessels beherrschen ihre Technik bravourös. Wahrlich eine enorme Ausweitung des Horizonts, da hat der Titel nicht zu viel versprochen. Ihr persönlicher Dance Music-Beitrag klingt schon jetzt so lebendig, zupackend und ausgereift, dass man sich fragen könnte, was bitteschön soll da noch in Zukunft kommen? »Dilate« sichert sich für den Moment jedenfalls einen heißbegehrten Anwärterplatz auf den Titel des Überraschungsalbums des Jahres.

Tracklist:
01. Vertical  
02. Elliptic  
03. Echo In
04. As You Are
05. Attica  
06. On Monos  
07. Glass Lake  
08. On Your Own Ten Toes
09. Beautiful You Me

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Heute ist morgen ist vorgestern – Gefangen in der Retroschleife?

Im von mir nicht sonderlich geschätzten (aber das ist ein anderes Thema) Online-Mag Noisey, schrieb Joe Zadeh kürzlich einen Artikel über aktuelle Tendenzen und die Zukunft der Popkultur, der mich im Nachgang doch mehr beschäftigte als zunächst angenommen. Entgegen meiner Erwartungen war ich nicht auf einen weitere unsägliche, gewollt auf hip und jugendlich getrimmte Ansammlung von Fast-Food-journalistischen Phrasen gestoßen, sondern auf im Ansatz durchaus nachdenkliche Worte über eine kreative Sackgasse, auf welche die kontemporäre Musikkultur durch ihre pathologische Vergangenheitsfixierung in den 00ern zugesteuert wäre.
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Brandneu: Clark – Unfurla

Überraschend clubtauglich präsentiert sich Warp Records‘ Platzhirsch Clark mit seinem neuen Stück „Unfurla, das der Engländer via Soundcloud der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Eingängige, gerade Beats bilden das treibende Skelett, bei der Texturierung dagegen wird erwartungsgemäß ein wenig mehr experimentiert. Tatsächlich gerät der Rhythmus hier eher unscheinbar, während die reichhaltige ‚Peripherie‘ geradezu meisterhaft detailversessen ausgefallen ist und der Fünfeinhalb-Minuten-Nummer ein beachtliches Farbenreichtum verpasst.
Unfurla“ wird auf Clarks selbstbetiteltem neuen Album zu finden sein, dass am 14. November digital und als physischer Tonträger erscheint.

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Das kenn‘ ich doch irgendwo her… (2)

Daft Punk? Kennt man doch! Around the World, Anime-Filmchen, Robot Rock, Get Lucky… und zuletzt sogar einen Haufen Grammys für die Ärmsten. World Invasion: Check.
Doch lange bevor die amerikanische Musikindustrie den Helmträgern und ihrem Disco-Funk-Revival zu Füßen lag, als French House der neueste Schrei war und Hundewesen mit Radios durch die Großstädte zogen, waren sie durchaus auch mal für härtere Nummern zuständig, bei denen Omi und Opi nicht so leicht mitwippen konnten. Und wenn ich davon spreche, dann meine ich vor allem einen ganz bestimmten Track: Rollin‘ & Scratchin‘ (1997). Ein dumpf-monotoner Stampfbeat, der erst nach einer Weile zum crunchigen Bumm-Tschack ausgebaut wird und kratzig schrille Synthietöne, die teils wie ein mechanisches Zirpen, häufig kompromisslos schabend, aber immer unglaublich roh und brachial über, unter oder zwischen dem Beat Alarm machen, wodurch sie dem Tracktitel alle Ehre machen. Dieses Acid-hafte Geschubber eskaliert im Verlauf des Tracks dann regelrecht, sodass sich Schöngeister alter Schule wahrscheinlich einfach nur die Ohren zuhalten wollen angesichts der elektroakustischen Kakophonie. Gerade deshalb ist Rollin‘ & Scratchin‘ so ein wunderbar nonkonformes Teil, das mit seiner bis ans Stumpfe grenzenden Grobschlächtigkeit und Härte, sowie den effektiv-simplen Bassqualitäten prinzipiell die erste Anspielstation für jeden Subwoofer-Test darstellen sollte.

Dass Boys Noize ein großer Daft Punk-Verehrer ist, die beiden Franzosen zu seinen absoluten Idolen zählt, sollte sich mittlerweile längst rumgesprochen haben. Mitunter äußert sich das auch merklich im Sound, zuletzt etwa bei seinem 2012er Album „Out of the Black„. Es wäre natürlich ein Leichtes gewesen, den Vocoder-geschwängerten Electro von „Touch It“ als eine einzige Daft Punk-Hommage herauszustellen, doch um diesen etwas zu offensichtlichen Schluss geht es hier nicht.

Werfen wir doch lieber stattdessen einen Blick auf „Stop„. Ja genau, das ist der Tune, der schon vom Namen her nach deutscher Maschinenmusik klingt, und nicht nach funkiger Franzosen-Disko. Und siehe da! Ein Techno-Brett, ebenso kompromisslos, synthetisch und rau wie Rollin‘ & Scratchin‘, das zu allem Überfluss auch noch verblüffende konzeptuelle Ähnlichkeit mit Daft Punks Track aufweist, einzig die eingestreuten Sprachsamples scheinen sich von der Vorlage klar abzuheben. „Stop“ kann somit meines Erachtens sogar als äußerst gelungenes 2012er Update durchgehen – und ist natürlich ebenso als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für unterforderte Tieftöner geeignet…

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Video: Gesaffelstein – Hate Or Glory

Werd‘ zu Gold oder stirb bei dem Versuch: Ein paar Tage mehr hat das Video ja mittlerweile schon auf dem Buckel, als dass ich es als Neuigkeit verkaufen könnte, dennoch halte ich es für so sehenswert, dass ich es hier nicht unerwähnt lassen möchte.

In Gesaffelsteins aktuellem Clip scheint die Welt wie aus den Angeln gehoben. Gekippte Kamerawinkel und langsame Fahrten unterstreichen die gewohnt unterkühlte Klangwelt und die edelmetallharten Midtempo-Beats. Nachdem der großartige Mindfuck-Hochglanz-Videoclip zur ersten Single „Pursuit“ zu Recht zwei UK Music Video Awards abgestaubt hat, erzählt die visuelle Umsetzung von „Hate Or Glory“ ein fast surreales, urbanes Neuzeitmärchen, angesiedelt in einem US-amerikanischen Ghetto. Inhaltlich stehen mit Gier und Macht, dem Motiv von Aufstieg und Fall, zwar altbewährte Themen typischer Gangstergeschichten auf dem Programm, aber in dieser bizarren Variation hat man sie wohl noch nie gesehen…

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