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Review: The Hirsch Effekt – Eskapist [2017]

 | Erschienen bei Long Branch Records (2017) / Cover-Artwork von Alejandro Chavetta |

Ein Gastbeitrag von Stefan Heinrich Simond

Wären die letzten drei Jahre eine Platte, sie wären diese. Die Irrungen des frühen 21ten Jahrhunderts finden sich pointiert beschrieben zwischen den klaren Statements und der verzweifelten Suche nach Hoffnung. Der Eskapist, wie The Hirsch Effekt ihn imaginieren, flüchtet vor der Welt in romantische Exzesse, Fremdenfeindlichkeit, Verschwörungstheorien, Alkoholismus und letztlich in den Schlaf.

Bereits die ersten Sekunden des Openers »Lifnej« sind eine Ansage. Die vor Konfusion flirrende Gitarre, die donnernden Drums, der eingängige Schrei. Das Stück tobt unnachgiebig bis der Chorus schließlich Einklang verschafft. Dynamik und Komplexität harmonieren durchweg und gerade als die Atempause bitter nötig erscheint, kommt sie auch. The Hirsch Effekt scheuen nach wie vor nicht davor zurück, ihre Hörer zu überfordern. Die Klangkeule erschlägt Unerfahrene mit einem Gefühl von unbändigem Stress. Es gibt keine Handreichung, keine freundliche Einladung. Stattdessen liegt die Verantwortung auf der Seite des Rezipienten. Wer durchatmet und sich darauf einlässt, erlebt bald eine inspirierende Achterbahnfahrt. Alle anderen dürfen gerne abschalten.

Deutlicher als in der vorangegangenen »Holon«-Trilogie kommen auf »Eskapist« politische Themen zur Geltung. In »Xenophotopia« steckt die Frustration über einen sturen Konservativismus. Auf die Konfrontation mit zornigem Geschrei folgt in der zweiten Hälfte des Stückes eine schaurige Parodie. Das Bild eines stramm rechtsradikalen Stammtisches drängt sich albtraumhaft auf, wenn es heißt: „Brüder, trinkt! Trinkt und stimmt mit ein!“ In »Natans« dann kommt die Platte zu ihrem vorläufigen Höhepunkt. Empfindsam wird der Leidensdruck flüchtender Menschen beschrieben, während enigmatische Zeilen das Unverständnis einer Wohlstandsgesellschaft präzise kritisieren. Die Komposition ist eine der zugänglichsten und zugleich anspruchsvollsten aus dem Repertoire von The Hirsch Effekt. »Aldebaran« ergießt schließlich einen Hohn aus technischem Speed-Metal über Verschwörungstheoretiker. „Ich bin mein Volk“ wirkt als wütendes Gröhlen ebenso verstörend wie es sich aus den Mündern tausender anhört, die es auf den Marktplätzen Deutschlands rufen. Die selbstgefällige Identifikation mit einer nationalen Idee wird entblößt als kindliche Naivität – „mach mir die Welt, wie sie mir nicht gefällt.

In dem ungewohnt kurzen »Tardigrada« schmettern unwillige Hardcore-Riffs gegen die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz. Der scharfe Kontrast aus Poesie und Zorn verleiht dem Titel eine gleichberechtigte Stellung neben den extensiven Kompositionen. »Berceuse« sowie »Inukshuk« hingegen sind gut platziert und authentisch, doch bleibt ihre Brillanz hinter den übrigen Stücken zurück.

Mögen manche der Interludes eher funktional sein, insofern sie von einem Stück zum nächsten überleiten, sticht doch »Nocturne« als bemerkenswert heraus. Die kurze Dodekaphonie beweist nicht nur den Mut zum stilistischen Kontrast, sondern überdies ein künstlerisches Bewusstsein, das gegenwärtig seinesgleichen sucht. Überlagerungen von Streichern, selbstbewusste Dissonanzen – wäre Alban Berg nicht tot, er stünde im Publikum. Und vielleicht ist die Verwendung von Zwölftonmusik hier fast als Leseanleitung zu verstehen. Denn Musik muss nicht gefällig sein; sie darf ruhig wehtun.

Kein anderes Stück exemplifiziert dies besser als der 14-minütige Brecher »Lysios«. Kurz vor Schluss wartet noch einmal die größte Herausforderung der Platte. Ein musikalischer Bosskampf. In progressivem Tech-Metal stampfend wird mit gnadenloser Explizität der Alkoholismus illustriert. Das ist, je nach Geschmack, anspruchsvoll aber erträglich. Wer es bis zur Halbzeit schafft, wird mit einem Schmuckstück belohnt, das an Wahnsinn grenzt. Unerwartet löst sich das Stück in einen leichtfüßigen wie zynischen Werbejingle auf, kurz darauf gefolgt von vertracktem Speed-Metal-Geschmetter, übermalt mit nervösem Free-Jazz.

Wer auch dieses letzte Aufbäumen übersteht, darf mit »Acharej« entspannen. Das Falsett ist trügerisch und ehrlich zugleich. Sehnsucht und Einsamkeit dominieren den Abschluss von »Eskapist«. Die Melodien sind hier wie in nahezu allen Stücken kalt und verschlossen. Eine Auflösung gibt es nicht; in jeder Hoffnung liegen Zweifel. Es bleibt der Eindruck einer durchkonzipierten Platte, die sich klar politisch positioniert ohne in blinden Aktivismus zu verfallen. Eine rätselhafte Platte, die entschlüsselt werden muss, um ihre Faszination zu begreifen. Titel, die zumindest zu einer Google-Suche einladen und Texte, in denen Begriffe wie ‚servil‘ und ‚indolent‘ vorkommen. Die deutschsprachige Musiklandschaft kann manchmal dröge und unterfordernd wirken. Mit »Eskapist« beweisen The Hirsch Effekt, wie lebendig die Musik als Kunst ist.

Tracklist:
01. Lifnej
02. Xenophotopia
03. Natans 
04. Coda
05. Berceuse
06. Tardigrada
07. Nocturne
08. Aldebaran
09. Inukshuk
10. Autio
11. Lysios
12. Acharej

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Highlights 2016: Die besten Alben

Jetzt, wo sämtliche Jahresrückblicke längst vergessen und fragwürdige Awards bereits medienwirksam an die üblichen Verdächtigen verteilt worden sind, lasse auch ich mir eine persönliche Abrechnung mit 2K16 nicht nehmen, muss dazu aber leider ein wenig ausholen…

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Highlights 2015: Die besten Alben

Und schon wieder eine Bestenliste! Überall tauchen sie auf, besonders am Jahresende, von den kleinsten Blogs bis zu den reichweitenstärksten Magazinen, alle bombardieren sie die Welt mit ihren inflationären Rankings. Da reiht man sich doch nur zu gerne ein, jedoch durfte die folgende, durchaus wohl überlegte Auswahl immerhin mehr als einen Monat lang heranreifen, um sich nun drastisch verspätet, aber …nennen wir es mal…  einigermaßen vollendet zu präsentieren, sofern dies überhaupt möglich ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen stellt sich ein gewisser Déjà-vu-Effekt ein, deswegen sei auf die Einleitung des letzten Jahres verwiesen und an dieser Stelle nur kurz angemerkt, dass es bei der schieren Menge an veröffentlichter Musik einfach unmöglich ist, ihr in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Denjenigen, die das hier lesen, wurde die Qual der Wahl damit hoffentlich ein wenig aus der Hand genommen. Vielleicht sagt die Selektion der Titel aber auch mehr über die Person aus, die sie vorgenommen hat, als über das Musikjahr 2015 – wer weiß das schon?

Fest steht hingegen – um ein bisschen Pathos in die Sache zu bringen –, dass Musik eines der wenigen Bollwerke gegen die Unannehmlichkeiten der Existenz darstellt und gleichzeitig, sofern sie mehr als bloße Ablenkung sein möchte, trotzdem in jene Realität eingebunden, also nicht vom Leben abgekoppelt ist. Das einleitende Geschwafel beschließe ich also in der Überzeugung, dass die unten gelisteten Alben dies gerade bewerkstelligen, indem sie der faden Mittelmäßigkeit und Austauschbarkeit entsagen und zum Kern der Dinge hervordringen.

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Heute ist morgen ist vorgestern – Gefangen in der Retroschleife?

Im von mir nicht sonderlich geschätzten (aber das ist ein anderes Thema) Online-Mag Noisey, schrieb Joe Zadeh kürzlich einen Artikel über aktuelle Tendenzen und die Zukunft der Popkultur, der mich im Nachgang doch mehr beschäftigte als zunächst angenommen. Entgegen meiner Erwartungen war ich nicht auf einen weitere unsägliche, gewollt auf hip und jugendlich getrimmte Ansammlung von Fast-Food-journalistischen Phrasen gestoßen, sondern auf im Ansatz durchaus nachdenkliche Worte über eine kreative Sackgasse, auf welche die kontemporäre Musikkultur durch ihre pathologische Vergangenheitsfixierung in den 00ern zugesteuert wäre.
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