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Highlights 2016: Die besten Alben

Jetzt, wo sämtliche Jahresrückblicke längst vergessen und fragwürdige Awards bereits medienwirksam an die üblichen Verdächtigen verteilt worden sind, lasse auch ich mir eine persönliche Abrechnung mit 2K16 nicht nehmen, muss dazu aber leider ein wenig ausholen…

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Highlights 2015: Die besten Alben

Und schon wieder eine Bestenliste! Überall tauchen sie auf, besonders am Jahresende, von den kleinsten Blogs bis zu den reichweitenstärksten Magazinen, alle bombardieren sie die Welt mit ihren inflationären Rankings. Da reiht man sich doch nur zu gerne ein, jedoch durfte die folgende, durchaus wohl überlegte Auswahl immerhin mehr als einen Monat lang heranreifen, um sich nun drastisch verspätet, aber …nennen wir es mal…  einigermaßen vollendet zu präsentieren, sofern dies überhaupt möglich ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen stellt sich ein gewisser Déjà-vu-Effekt ein, deswegen sei auf die Einleitung des letzten Jahres verwiesen und an dieser Stelle nur kurz angemerkt, dass es bei der schieren Menge an veröffentlichter Musik einfach unmöglich ist, ihr in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Denjenigen, die das hier lesen, wurde die Qual der Wahl damit hoffentlich ein wenig aus der Hand genommen. Vielleicht sagt die Selektion der Titel aber auch mehr über die Person aus, die sie vorgenommen hat, als über das Musikjahr 2015 – wer weiß das schon?

Fest steht hingegen – um ein bisschen Pathos in die Sache zu bringen –, dass Musik eines der wenigen Bollwerke gegen die Unannehmlichkeiten der Existenz darstellt und gleichzeitig, sofern sie mehr als bloße Ablenkung sein möchte, trotzdem in jene Realität eingebunden, also nicht vom Leben abgekoppelt ist. Das einleitende Geschwafel beschließe ich also in der Überzeugung, dass die unten gelisteten Alben dies gerade bewerkstelligen, indem sie der faden Mittelmäßigkeit und Austauschbarkeit entsagen und zum Kern der Dinge hervordringen.

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Highlights 2015: Die besten EPs & Mini-Alben

Während die Eindrücke aus dem letzten Jahr nun so langsam Platz machen für die Gegenwart (um nicht vom abgedroschenen ‚Hier und Jetzt‘ sprechen zu müssen) und 2016 Kontur annimmt, gibt es doch noch einiges, das nachhallt. Die Rede ist von – wer hätte das gedacht? – sehr guter Musik! Den Startschuss zur wie immer reichlich verspäteten Rückschau auf die Highlights von 2015 macht das Ranking einer oft vergessenen und unterschätzten, jedoch dank des Independent-Sektors niemals irrelevant gewordenen Veröffentlichungsform: der EP. Schließlich erscheinen immer wieder auch tolle Werke, die aber nicht über den Umfang eines gesamten Albums verfügen. Genau solche habe ich hier zusammengestellt.

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Video: Mother Room – Sin

Wovor fürchten wir uns? Ist es der Schrecken, der uns offen und direkt begegnet? Oder nicht viel eher das Unbestimmte und Mittelbare; etwas, das sich als fremdartig präsentiert oder sich lediglich erahnen lässt? Oder muss man hier nicht besser differenzieren zwischen blanker Furcht und ihrem Vorboten, dem Unheimlichen? Wenn etwas nicht fassbar erscheint und nur vage Assoziationen auslöst, aus denen sich in der Fantasie ein Angstszenarium fortspinnen lässt, dann kann man das als unheimlich bezeichnen. Fast jeder gute Gruselfilm lebt davon: Was wäre zum Beispiel »Blair Witch Project« ohne die Ängste, die der jeweilige Zuschauer ins Geschehen hineinprojiziert? Oft genug spielt sich der Horror hauptsächlich im Kopf ab. Das Unheimliche ist gewissermaßen die Angst vor der Angst – und sie kommt gerne in Form der Andeutung daher.

»Sin« von Mother Room ist gewiss kein Schocker. Es wirkt subtiler und wirft dem Zuschauer nur ein paar visuelle Brocken hin, deren Geheimnisse wohl nur von der individuellen Vorstellungskraft entlockt werden können. Zwei dunkel verhüllte Gestalten gehen in Zeitlupe über eine Wiese. Das Bild ist unscharf und farblos, der schiefe Bildaufbau eigentlich gar keiner, sondern das Take nur an einem Hang gedreht. Das gleißende Licht der Sonne wird in schwarz-weißen Bildern eingefangen. Eine Vermummte balanciert etwas, das wie ein Tablett aussieht, auf dem Kopf und hat die Hände vor sich gefaltet. Die Einstellungen wiederholen sich zum Teil mit invertierten Farben. Die dunklen Gewänder leuchten nun hell, die Sonne dagegen wird zur riesigen schwarzen Kugel am Himmel. Wir sehen den Rücken einer Frau, jedoch nicht ihr Gesicht. Doch damit nicht genug: Etwas Rundliches, Undefinierbares bewegt sich schnell am Himmel, fast so wie die naive UFO-Vorstellung einer fliegenden Untertasse. Hat sich das Objekt vorher von der verdunkelten Sonne gelöst, denn so scheint es fast? Was geht hier eigentlich vor? Es sind schlichte Zutaten und doch ist die irritierende Wirkung durchaus beachtlich. Aus begrenzten Mitteln wurde hier das Maximale herausgeholt. Nicht mal die Person in der Skelettmännchen-Verkleidung wirkt albern – das muss schon was heißen! Nicht zuletzt ist es auch der famose Noise-Track mit seinem schwergängig-dumpfen Donnern, der perfekt zur rätselhaften Atmosphäre beiträgt.

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Review: Theologian – Pain of the Saints [2015]

Theologican - Pain of the Saints (TumorCD76)| Erschienen bei Malignant Records (2015) |

Lee Bartow alias Theologican gehört zu den prägenden und vor allem ziemlich produktiven Kräften im Post-Industrial-Sektor der letzten Jahre. Obwohl die Diskographie seines gegenwärtigen Solo-Projekts 2009 ihren späten Anfang findet – in Nachfolge zu seinem Engagement als Mastermind der kurz zuvor aufgelösten Navicon Torture Technologies – hat der US-Amerikaner seitdem eine beachtliche Anzahl von Veröffentlichungen angehäuft. Mit »Pain of the Saints« legte Bartow nun sogar ein bis zum Bersten vollgepacktes Doppelalbum vor.

Schon der Titel und das stilvoll-blutige Cover-Artwork deuten auf die hier verfolgte ästhetische Zielrichtung hin. Davon abgesehen ist Theologian auch wahrlich kein Künstler, über den man im Formatradio oder in der TV-Werbung stolpern würde, und auf dem nächsten Kirchentag wird man seine Musik sicher nicht antreffen. Nähert man sich dem neuen Werk trotz aller Vorzeichen ganz unbedarft, dürfte man alsbald kalt erwischt werden. Besser gesagt, man hockt sogleich im Vorhof des Verderbens. Wenige Minuten sollten locker für die Feststellung reichen, dass man hier alles andere als leichte Feierabendkost vor sich hat. Der erste und mit über dreizehn Minuten zugleich längste Track »Savages« schickt einen früh in die akustische Unterwelt; gedämpft-verschwommenes Klopfen im Hintergrund, maschinelles Knattern und Schnarren, statisch-stechende Synthtöne, sinistres Rauschen und wiederholte schmerzverzerrte Laute vereinen sich zu einem ziemlich unfreundlichen Empfangskomitee. Wem dieser morbide Kosmos aus Mystik, Noise und Selbstzerfleischung eine (im Wortsinn) Heidenangst einjagt, ist gut beraten, hier den nächsten Ausgang zu nehmen. Für den geneigten Anhänger abgründig-atmosphärischer Musik hingegen gibt es Balsam für die Ohren.

Bartows Arbeit, angesiedelt in relativ wenig definierten Grenzbereichen zwischen Death Industrial, Dark Ambient und ähnlichen Subgenres, ist zum einen sehr facettenreich ausgefallen, aber bisweilen auch beachtlich komplex. Das virtuose ‚Layering‘ der vielen Soundschichten erweist sich als klarer Trumpf, Klangelemente sind spürbar mit viel Bedacht zusammengesetzt. Und auch wenn die insgesamt 20 Tracks stellenweise ohne jeden Zweifel harsch und mit der nötigen Kompromisslosigkeit daherkommen, geht die von Außenstehenden im Industrial so häufig vermisste Musikalität im Grunde doch nie verloren. Dennoch ist »Pain of the Saints«, alleine schon aufgrund der überbordenden Länge von mehr als 2 ½ Stunden, natürlich ein harter Brocken, der es wirklich in sich hat. Aber einer, in den man sich hervorragend versenken kann, dafür bieten sich genug Zwischentöne, Details und Ideen.

Der repetitive Power Electronics-Stampfer »Infection« gehört in dieser Hinsicht jedoch eher zu den weniger interessanteren Beiträgen. Auffälliger, und das nicht nur wegen des bedingt familienfreundlichen Titels, ist da schon »Piss and Jism«. Das setzt auf einen beharrlich grollenden Drone-Teppich und Vocals, die so verzerrt sind, das man beinah nur noch ein zischendes Spektrum wahrnimmt, sowie langgezogene Schreistimmen, die viel mehr organisch in die Textur eingearbeitet werden, anstatt eine gewöhnliche vokale ‚Funktion‘ einzunehmen. Ein grandioser Ausflug in spacige Sphären ist »Gravity« geworden, bei welchem sternschnuppenartige Tonmodulationen und schmetternde Riesenasteroiden-Klänge die Akzente im ruhigen, fast schon meditativen Wabern setzen. »Of Foulness And Faithfulness« sticht heraus, weil seine ratternde Fabrikkulisse ironischerweise so dumpf geraten ist, als wäre das Stück irgendwann in den frühen 80ern produziert worden. Eine in ihrer sturen Konsequenz und dichten Konstruktion geradezu faszinierend eindringliche Lärmwand. »Sainthood Is Suffering« ist deutlich Beat-orientierter als das restliche Material – das Ganze geht schon stärker in Richtung Electro-Industrial oder Rhythmic Noise -, manövriert sich aber im Verlauf in einen immer dichter werdenden Sturm aus gnadenlos übersteuerten Texturen und Melodie-Schemen.

»The Lies Of The Past Become The Prayers Of The Future« eröffnet die zweite Hälfte noch intensiver als »Savages« die erste, obgleich das Stück im direkten Vergleich deutlich kürzer angelegt ist. Die vielleicht plastischste Repräsentation des Albumkonzepts geht im Anschluss mit »Suppuration« vonstatten, da die eigentlich recht feierliche, erbauliche Stimmung hinterrücks mit qualvollen Lauten unterlegt ist und damit gewissermaßen verdeutlicht wird, dass Leid und Schmerz in der Religiosität des Christentums eine elementare Rolle spielen, was man als durchaus fragwürdig empfinden kann – entsprechend lässt sich dieses ‚Licht‘ auf der texturalen (nicht textlichen) Ebene als Scheinheiligkeit interpretieren. Momente wahrhaftiger Schönheit finden sich allerdings auch auf dem Album: Wie das traurige Violinenspiel in »Blessed Pray« die geheimnisumwobenen, schimmernden Flächen umgarnt und so eine magische Atmosphäre erzeugt, kann einem schon mal die Sprache verschlagen… Weniger Harmonien, dafür jedoch akustisches Waterboarding – im positiven Sinn – verspricht »Redemption Is An Impossibility«; ein einziger Spannungsaufbau, der sich steigert und steigert, sogar eine überraschend groovige Distortion-Bassline zulässt, und dann auf dem Fast-Höhepunkt ohne großen Knall wieder auseinanderfällt. »Self-Flagellation As Faith« bringt zum Schluss mit ritualistischem Getrommel und Frauengesang noch einmal andere Nuancen hinein und außerdem die Kasteiungen vom Anfang des Albums zurück.

Bleibt abschließend festzuhalten: »Pain of the Saints« ist in seiner ausufernden Ganzheit definitiv eine Herausforderung, die sich bei gründlicher Auseinandersetzung aber umso mehr bezahlt macht. Mag die zugrundeliegende Katholizismuskritik, welche Doppelmoral und Sadismus anprangert, manch einem vielleicht zu offensichtlich sein und nicht mehr ganz taufrisch erscheinen, sollte man sich trotzdem nicht abschrecken lassen. Denn Theologian hat ein Werk hingelegt, das durch stilistisches Abwechslungsreichtum, cleveres Verwischen von Subgenre-Codes und handwerkliche Sorgfalt über die volle Laufzeit überzeugen kann.

Tracklist:
1 – 01. Savages
1 – 02. Infection
1 – 03. Serpentine Angels
1 – 04. Piss And Jism
1 – 05. Gravity
1 – 06. Without Trust, Your Love Is Meaningless
1 – 07. Of Foulness And Faithfulness
1 – 08. Iron Pierces Flesh And Bone Alike
1 – 09. You Are The End Of The World
1 – 10. Sainthood Is Suffering
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2 – 01. The Lies Of The Past Become The Prayers Of The Future
2 – 02. Suppuration
2 – 03. Witchfinder
2 – 04. Their Gelded And Rapacious Hearts
2 – 05. Deprivation
2 – 06. Blessed Prey
2 – 07. With Eternal Derision
2 – 08. Redemption Is An Impossibility
2 – 09. It Was You Who Taught Me Indifference
2 – 10. Self-Flagellation As Faith

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Highlights 2014: Top-Alben

Ganz ehrlich: Niemand mag frühe Jahresrückblicke, die einem schon Anfang Dezember allerorts aufgedrängt werden. Deswegen… na gut, auch wegen anderer Gründe, kommt mein Highlight-Ranking für 2014 auch später als alle anderen! Wie schon im letzten Jahr gilt natürlich auch diesmal das Credo: Vollständige oder objektive Bestenlisten gibt es nicht, sie bleiben stets Ausschnitte ohne Universalitätscharakter – eine persönliche Selektion nach individuellen Kriterien. Und trotzdem fiel es mir diesmal sogar schwer, eine für die eigenen Maßstäbe zufriedenstellende Rangliste zu kreieren.

2014 erschien mir in musikalischer Hinsicht nämlich in der Spitze sehr dicht gestaffelt, nur wenig hat sich daher wirklich für eine ‚Ehrung‘ aufgedrängt. Zwar gab es durchaus viele gute und sehr gute Alben, jedoch kaum besonders hervorstechende, brillante, mitreißende Werke, die meine subjektiven Knöpfchen zu drücken wussten. Oder lag es vielleicht an enttäuschten Erwartungen? Manche mit Vorfreude erwartete Alben gestandener Künstler konnten ihre Vorschusslorbeeren letztlich nicht ganz einlösen.

Beherrscht wurde das Jahr indes vor allem von Ambient- und Drone-Klängen, ätherisch-umwasserten Rock-/Pop-Formationen sowie ‚Hauntologen‘-Techno – es ist, als lege sich ein nebulöser Schleier um den Musikbetrieb unserer Zeit –, wohingegen viele bekannte Post-Rock-Bands solide Alben ohne größere Neuerungen nachlegten. Das Ranking haben diese Trends aber nicht unbedingt dominiert. Alles in allem war es ein knappes Rennen an der Spitze, mit vielen Anwärtern auf einen Startplatz, aber keinen echten Titelfavoriten. Nur eines kann ich vorab versprechen, Coldplay oder Kraftclub sind garantiert nicht darunter!

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Review: Paul Wolinski – Full Bleed [2014]

p.wolinkski - full_bleed(400x)| Erschienen bei Sacred Tapes / Bandcamp (2014) / Cover-Artwork von Caspar Newbolt |

Paul „65daysofstatic“ Wolinski ist nicht nur die treibende Kraft hinter den großartigen Sheffielder Glitch-Post-Rockern, abseits dieser vielbeachteten Hauptbeschäftigung ist der Brite musikalisch inzwischen auch auf einzelgängerischen Pfaden unterwegs. 2011 konnte man sich das Ergebnis dieses Alleingangs unter dem Pseudonym Polinski in Form seines ersten Solo-Albums anhören: »Labyrinths« bot mit seinen regenbogenfarbenen Dance-Klängen und energetischen IDM-Pop-Hybriden ein immerhin abwechslungsreiches Hörerlebnis, das scheinbar losgelöst von zeitgenössischen Trends daherkam und irgendwie aus der Zeit gefallen wirkte. Kein großer Wurf, aber dennoch mit ein paar spannenden Momenten gesegnet, die das Talent Wolinskis durchblicken ließen. Insbesondere der mit Noise-Elementen und Pianotönen angereicherte Rausschmeißer stach dabei als interessantestes Stück heraus.

Noch viel stärker in die letztgenannte Richtung geht die neueste Arbeit namens »Full Bleed«, die Wolinski diesmal unter seinem bürgerlichen Namen beim englischen Nischenlabel Sacred Tapes auf Kassette veröffentlicht hat – einem Medium, das aufgrund seiner Historizität und technisch bedingten Klangcharakteristika bestens geeignet ist für eine dem Lo-Fi-Gedanken verpflichtete Herangehensweise. Dieser bleibt hier nicht bloß in der Oberfläche verhaftet, die Eigenarten und Nebeneffekte eines solchen Prinzips werden förmlich zum elementaren Gestaltungsmittel, also musikalischen Gegenstand. »Full Bleed« verbindet die synthiehaltigen Flächen von 65dos‘ »Wild Light« mit großzügigem Einsatz von Rauschen, Verzerrung und dem minimalistischen Gebrauch des Klaviers. Die Überlagerung von unterschiedlichen Loops und Texturen sowie das fließende Wechselspiel aus Harmonien und ihrer Dekonstruktion stehen im Zentrum. Die Stücke erinnern damit erstaunlich oft an das renommierte Werk Tim Heckers, mengen dieser brüchig-flirrenden Ästhetik aber noch eine Prise spaciger Eleganz und Zugänglichkeit bei.

Auch im digitalen Release wird das Format der Musikkassette in gewisser Weise beibehalten – technisch gesehen handelt es sich um zwei längere Tracks, die den Seiten A und B des physischen Datenträgers entsprechen. Natürlich besteht wiederum jeder Track aus mehreren Musikstücken. Der Tonband-Ursprung erklärt damit auch, wieso »Full Bleed« mit einem Umfang von rund 25 Minuten recht knapp ausgefallen ist. Auf der ersten Seite trifft man auf dichte, laut dröhnende Soundwände (»Russian Echo«, »Black Square«), gelegentlich genehmigt man dem Hörer aber etwas mehr Raum zum Atmen (»Piano Room«, »Borrowed Time«), in den sich Piano-Akkorde, Subbass-Wellen und andere delikate Details drängen. Die ‚Rückseite‘ startet zunächst mit Feldaufnahmen, ehe man bei »Somewhere Else, not Here« zu einer Expedition durch ebenso schroffe wie schöne Drone-Canyons mitgenommen wird. Im abschließenden Titeltrack von »Full Bleed« werden energische, aufbruchfreudige Klavier-Melodieschleifen und perkussive Nadelstiche nach und nach immer mehr von Distortion und Audionebel verschluckt, womit das Tape auf äußerst gelungene Art zum Ende kommt.

Mit seinem bislang experimentellsten Projekt entfernt sich Paul Wolinski vom rhythmisch und melodisch zuletzt sehr klaren, strukturierten Band-Output und seinen vergangenen Solo-Gehversuchen. »Full Bleed« ist ein überzeugender, unerwartet sicherer Schritt auf abstraktes Noise- und Ambient-Terrain, der auf ein beachtliches klangkünstlerisches Potential hindeutet. Weiteres Engangement in dieser Richtung wäre also durchweg zu begrüßen!

Tracklist:
01. Russian Echo / Piano Room / Black Square / Anxiety / Borrowed Time
02. Somewhere Else, Not Here / Full Bleed

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Aus der Mottenkiste: Coil – Remote Viewing 1 (2002)

Ein grauer Tag im Jahr 2013, welcher Monat oder welche Jahreszeit, daran erinnere ich mich nicht mehr – und will es auch nicht unbedingt wissen. Tristesse war angesagt. Wettertechnisch also ein recht treffendes Abbild des Innenlebens. Es war eben so ein typischer Tag, an dem man sich lieber verkriecht und unweigerlich in Gedanken versinkt…

Genau an jenem Tag hörte ich „Remote Viewing 1“ zum ersten Mal. Und das ist der Grund, wieso ich diese eigentlich so vergessenswerten 24 Stunden, losgelöst von irgendeinem größeren Kontext, prägend in Erinnerung behalten habe. Es war zwar nicht die erste Berührung mit der Musik von Coil, doch wo meine vorherige Auseinandersetzung mit der herausfordernden Kunst von John Balance und Peter Christopherson nicht von allzu großer Nachhaltigkeit und Ausdauer geprägt war, konnte mich das rund zwanzigminütige Instrumental von der allerersten Sekunde an packen und ließ mich bis zum letzten Ton nicht mehr los. Ich war sofort machtlos und eingenommen von diesem surrenden Gewitter, das sich durch meine Ohren unerschüttert bis ins Hirn bohrte. Wie ein Käfer, der sich unter der Schädeldecke breitmacht und die zentrale Nervenbahn unter Beschlag nimmt.

(„Remote Viewing 1„)

Von Beginn an wohnt dem Stück eine unergründliche Spannung inne. Schrille Dudelsack-Drones pfeifen, quietschen, tosen beharrlich und dissonant, erzeugen eine Stimmung der Unruhe und Konfusion. Gleichzeitig fühlen sie sich an wie ein unbändiges Klagelied, das ein Schwarm von mechanischen Zikaden ins Universum rausschickt. Synth-Tupfer sprenkeln die Kulisse, oder sind es doch auseinandergepflügte Drehleier-Klänge, die auf fast schon magische Weise im Zusammenspiel wunderschöne Melodien bilden? Man kann sich das ungefähr so vorstellen wie von der Erosion verschonte Fragmente einer ehemals größeren Formation, dessen ursprüngliche Umrisse man noch zu erkennen glaubt. In den leiseren Momenten, wenn das Pfeifkonzert etwas aufklart, kann man im Hintergrund unaufgeregte Tribal-Percussions vernehmen. Doch es passiert noch so viel anderes in diesem schwer fassbaren Musikstück, das sich mit Worten einfach nicht stimmig beschreiben lässt.

Es ist eine merkwürdige Faszination, die „Remote Viewing 1“ auslöst. So unvertraut und weltfern wirkt das alles, doch gleichzeitig so unmittelbar, intensiv und einnehmend. Sublim und sperrig, für Coil-Verhältnisse jedoch erstaunlich entgegenkommend. Seltsam hypnotisch kreist es um wiederkehrende Elemente, die sich aber stetig neu anordnen und variieren, andere Kombinationen bilden – die Vertonung eines archaischen Rituals von einem anderen Planeten? Die Antwort muss wohl jeder für sich selbst finden und bei jedem Hördurchgang gibt es neues zu entdecken in diesem rätselhaften Gebilde.

Das zugehörige Album „The Remote Viewer“ erschien zunächst 2002 in limitierter Auflage. Nach dem tragischen Unfalltod des unter Alkoholismus und Depressionen leidenden John Balance im Jahr 2004, brachte Peter Christopherson 2006 eine um zwei Tracks erweiterte Version heraus. Christopherson starb vier Jahre später. Coil hinterließen eine umfangreiche Diskographie mit obskurer, aufwühlender und nahezu bewusstseinserweiternder Musik.

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Review: Ben Frost – A U R O R A [2014]

Ben Frost- AURORA Cover[ Erschienen bei Bedroom Community / MUTE (2014) ]

Mit dem Begriff ‚Aurora‘ verbindet man unweigerlich die prächtigen Polarlichter, welche den schwarzen Nachthimmel in besonders nördlichen oder südlichen Regionen dieser Erde bunt erleuchten. Erscheinungen, die nicht nur so ausgesprochen selten und überwältigend schön sind, sondern buchstäblich auch ein anderes Licht auf die Welt werfen, gewissermaßen eine außergewöhnliche Wahrnehmungserfahrung fernab des Alltäglichen erlauben.

Alltägliches ist man von Soundkünstler Ben Frost sowieso nicht gewohnt. Während der Entstehungsphase seines aktuellen Albums entwickelte der Wahl-Isländer eigenen Aussagen zufolge eine regelrechte Obsession für Lumineszenzen – ob Meerestiere aus der Tiefsee, die farbenträchtigen Ergebnisse bildgebender Verfahren der Wissenschaft (wie z.B. beim ATLAS-Projekt des CERN) oder auch nur die grelle Neonbeleuchtung von Rave-Parties. Vor allem aber die Arbeit mit Fotograf und Videokünstler Richard Mosse, den Frost bei Aufnahmen im krisengeschüttelten Kongo für die Installation „The Enclave“ begleitet hat, habe die Ästhetik und Konzeption von „A U R O R A“ maßgeblich geprägt. Nicht zuletzt deshalb sind wichtige Teile des Albums sogar zwischen den Dreharbeiten entstanden – am Laptop und ohne Hilfe von Pianos, Streichinstrumenten, Gitarren und anderer bewährter ‚Studiotechnik‘.

Das Visuelle, es spielt eben eine große Rolle im Werk des Australiers, in diesem Fall vielleicht noch mehr als sonst. Das Albumcover zeigt (vermutlich) Frost in der Seitenansicht, der Kopf durch den oberen Rand zur Hälfte aus dem Bildraum exkludiert. Die gezeigte Person ist kaum identifizierbar, das Bild dunkel und extrem grobkörnig, beinah pointilistisch anmutend. Farbliche Akzente im dominanten Dunkel des Bilds verschaffen Neontöne: Rot, Gelb, Grün und Blau. Dieses auffällige Bildrauschen, die kontrastreiche Ästhetik aus kaltem, farbigem Licht und Schwärze erinnert an dunkle Science Fiction-Filme der 80er Jahre.

Quasi synästhetisch setzt sich diese Vision im Sound fort. Mit „A U R O R A“ legt Frost ein cinemaskopisches Ambient-Album vor, in dem ebenjene Ambivalenzen zu einer homogenen Einheit verschmelzen – harsch, spannungsgeladen und bisweilen dennoch melodiös. Schichten über Schichten von Lärm, verzerrten Texturen und harmonischen Farbtupfern übereinander türmend, entlockt der Geräuschkomponist dem synthetischen Krach eine brutale, kathartische Schönheit, der man sich nicht entziehen kann. Ohrenbetäubend pfeifend ruft schon Opener „Flex,“ den nervenaufreibenden Gänsehaut-Score der frühen „Terminator“-Filme ins Gedächtnis – das ist Suspense pur! Im nachfolgenden „Nolan“ kämpft man sich stimmungsmäßig dagegen schon durch das Innenleben der Skynet-Zentrale, in der sich finstere Maschinen selbst reproduzieren – oder hat hier etwa Tim Hecker seine Version der „Blade Runner“-Filmmusik geschrieben?

Frosts Musik ist mitunter so nach vorne drängend, dass man zwar noch nicht von Power Noise sprechen möchte, sich aufgrund ihrer maschinenhaft polternden Rhythmisierung aber stellenweise durchaus im Industrial-Sektor wiederfindet. Dieser raue, gewaltige Charakter ist ein Stück weit umso verblüffender, als dieser mit Ausnahme einiger von Gastmusikern eingespielten Percussions komplett auf Software-Basis fußt – abermals ein nonchalanter Beweis dafür, wie kantig und roh Laptop-Musik klingen kann.

Seine Synthese aus harten experimentellen Sounds und emotional packender Klangarchitektur, die Art und Weise wie destruktive Energie und stürmische Gefühlseruptionen Hand in Hand gehen, erinnert beim brillanten „Secant“ in all ihrer Erhabenheit an das überlebensgroße Spätwerk von Gridlock. Definitiv ein Highlight der Platte! Doch nicht alle Stücke schlagen den lautstarken Weg des filmischen Bombasts oder der erbarmungslosen Noise-Schlacht ein. Leisere Tracks wie das starke „The Teeth behind the Kisses“ sind aber auch keine behutsamen Ruhepausen, unter ihrer Oberfläche brodelt es gewaltig. Hier zeigen sich auch insbesondere laustärkedynamische Qualitäten. Möchte man in den stilleren Momenten noch reflexartig den Volumenregler hochdrehen, explodieren einem wenige Minuten später fast die Ohren, wenn kompromisslose Distortion-Orgien die Indikatornadel mühelos in den roten Bereich treiben.

Das große Finale „A Single Point of Blinding Light“ bringt das bildhafte Albumkonzept schließlich auf die Spitze: Neonfarbene Dance-Synthies durchfluten die Dunkelheit bis in den letzten Winkel, verstrahlt und derangiert wie sie klingen, erhalten sie im Kontext des Brachialen und Bedrohlichen eine ungemein bizarre Note. Ein wahnwitziges Unterfangen, das die Rezeptoren an die Grenzen der Leistungsfähigkeit und das Gesamtwerk zum einzig konsequenten Abschluss bringt.

Mit „A U R O R A“ ist Ben Frost eines der außergewöhnlichsten und mitreißendsten Alben des bisherigen Jahres gelungen. Stets fokussiert und treibend, findet es die genau richtige Balance zwischen Avantgarde-Krach, Minimalismus und breitwandigem Hollywood-Spektakel. Ein vielschichtiges Meisterwerk.

Tracklist:
01. Flex,
02. Nolan
03. The Teeth Behind Kisses
04. Secant
05. Diphenyl Oxalate
06. Venter
07. No Sorrowing
08. Sola Fide
09. A Single Point of Blinding Light

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Review: The Body – I Shall Die Here [2014]

The Body - I Shall Die Here (Cover)[ Erschienen bei RVNG Intl. (2014) / Bandcamp ]

Jeder von uns ist sein eigener Teufel, und wir machen uns diese Welt zur Hölle“, lautet ein erstaunlich zeitloser Satz von Oscar Wilde, welcher ein nicht gerade schmeichelhaftes Urteil über das Menschsein durchscheinen lässt. Auch Aufklärer Immanuel Kant verortet das Böse unmittelbar im Menschen – es steckt in uns allen und niemand ist davor gefeit. Ganz in diesem Sinne präsentiert sich auch das Album „I Shall Die Here“ der amerikanischen Experimental-Metaller The Body. Mit archaischer Brutalität und quälender Langsamkeit fegt das ambitionierte Werk über sämtliche humanistischen Wertvorstellungen, Rock-Klischees und schöngeistigen Kunstideale hinweg – ein wohltuend extremes Hörerlebnis, welches das innere Seelendunkel freisetzt. Die Titel der Songs allein sprechen Bände.

Verzerrte Gitarren-Drones, scheppernde Drums, sinistere Spoken Word-Samples und gnadenlose Noise-Attacken prägen das Soundbild des Albums, lassen dieses zur hervorragenden Grenzerfahrung für aufgeschlossene Hörer werden. Das Verderben kommt langsamen Schrittes, aber unaufhaltsam – monoton und monolithisch bohrt es sich durch den Gehörgang bis ins Innerste. All das mit einer Wucht und Intensität, die ihresgleichen sucht. Wer bei diesem Höllenlärm noch von Minimalismus als Konzept sprechen möchte, ist selbst schuld. Das ist Suizid-Musik.

Einen Gutteil seiner Faszination und Originalität verdankt „I Shall Die Here“ dabei den speziellen Umständen seiner Entstehung, genauer gesagt einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen The Body und Bobby Krlic, den man besser unter dem Namen The Haxan Cloak kennt. Der Engländer, dem im letzten Jahr mit dem avantgardistischen Sensationsalbum „Excavation“ (hier zur Kritik) ein Überraschungserfolg gelang, hat bei jedem Song persönlich Hand angelegt. Tatsächlich hat Krlic das von der amerikanischen Band bereitgestellte Rohmaterial vollständig neu arrangiert und mit eigenen Facetten versehen. Damit ist er für die finalen Versionen der Tracks zuständig gewesen, weshalb er mindestens den halben Anteil am Gelingen des Albums trägt. Erstaunlich ist also, dass er hier nicht offenkundig als künstlerisch Verantwortlicher neben The Body geführt wird, zumal die Handschrift des Briten permanent präsent ist. Das zeigt sich insbesondere an den ungemein druckvollen Bässen und aufreibenden Synthie-Sprenklern, aber auch wenn es um Dynamik, den geschickten Einsatz von ‚Raum‘ bzw. Stille und unerwartete Twists geht.

Es dauert nicht lange, bis das Werk seinen perfide entschleunigten Terror entfaltet: Ein gelooptes obskures Kreischen, wie man sich das einer Hexe vorstellt, läutet „To Carry the Seeds of Death Within Me“ ein, wenig später kommen metallische, mit Hall unterfütterte Drumschläge und schabende Gitarrenklänge hinzu. Auch das folgende „Alone All The Way“ dröhnt genial bösartig, dass es eine wahre Freude ist und hält die fast unerträgliche Spannung bis zum Schluss, sodass man sich weiterer Todeswalzen gewiss sein kann. Mit herkömmlichem Sludge und Doom Metal hat das übrigens nur noch recht wenig gemein, bewegen sich die Tracks eher in einer Grauzone zwischen Drone, Industrial, Dark Ambient/Horrorfilmmusik und den genannten Genres.

Die Vocals der Zwei-Mann-Truppe aus Rhode Island lassen sich mehr als ein hysterisches, beinah unverständliches Keifen denn als Gesang bezeichnen. Sie dienen deswegen eher der Athmosphäre, statt als unmittelbarer Bedeutungsträger zu fungieren. In der ersten Albumhälfte befindet sich diese exzentrische stimmliche Darbietung dicht an der Grenze zur unfreiwilligen Komik, doch im weiteren Verlauf wandelt sich dieser Eindruck immer mehr in Verstörung; eine Komponente, die den Tracks einen gewissen Wahnsinn verleiht. So auch im großartigen „Hail To Thee, Everlasting Pain“. Mit eiskalten elektronischen Beats und Synthie-Spitzen beginnend, mündet der Aufbau in einer markerschütternden Kakophonie aus Folterschreien, Quietschgeräuschen, durchdringenden Percussions und anderen Noise-Trümmern. „Our Souls Were Clean“ begeistert mit ähnlichen Qualitäten, integriert aber sogar auf fabelhafte Weise ‚gewöhnliche‘ Gitarrenriffs. „Darkness Surrounds Us“ hingegen leistet sich nervöse, disharmonische Grusel-Streicher, die ihre zermürbende Wirkung nicht verfehlen.

I Shall Die Here“ ist ein grandioses Album, das dem Hörer einen tiefen Blick in die eigenen Abgründe eröffnet. Der radikale Ansatz erlaubt es, existenzielle Fragen jenseits aller verklärten Heile-Welt-Vorstellungen zu stellen: Wenn der Mensch an sich gut ist, wo liegt dann die Quelle des Bösen? Ist das Schlechte auf der Welt nur das Vakuum infolge der Abwesenheit des Guten oder hat es eine eigenständige Qualität? Angesichts der sechs nervenzerfetzenden, wenig hoffnungsvollen Stücke bleibt jedoch das beunruhigende Gefühl zurück, dass es sich von Anfang an nur um spöttisch-rhetorische Fragen gehandelt haben muss. Wenn du nicht zur Hölle fährst, dann kommt die Hölle eben zu dir.

Tracklist:
01. To Carry The Seeds Of Death Within Me 
02. Alone All The Way 
03. The Night Knows No Dawn
04. Hail To Thee, Everlasting Pain 
05. Our Souls Were Clean 
06. Darkness Surrounds Us

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