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Highlights 2016: Die besten Alben

Jetzt, wo sämtliche Jahresrückblicke längst vergessen und fragwürdige Awards bereits medienwirksam an die üblichen Verdächtigen verteilt worden sind, lasse auch ich mir eine persönliche Abrechnung mit 2K16 nicht nehmen, muss dazu aber leider ein wenig ausholen…

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Highlights 2015: Die besten Alben

Und schon wieder eine Bestenliste! Überall tauchen sie auf, besonders am Jahresende, von den kleinsten Blogs bis zu den reichweitenstärksten Magazinen, alle bombardieren sie die Welt mit ihren inflationären Rankings. Da reiht man sich doch nur zu gerne ein, jedoch durfte die folgende, durchaus wohl überlegte Auswahl immerhin mehr als einen Monat lang heranreifen, um sich nun drastisch verspätet, aber …nennen wir es mal…  einigermaßen vollendet zu präsentieren, sofern dies überhaupt möglich ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen stellt sich ein gewisser Déjà-vu-Effekt ein, deswegen sei auf die Einleitung des letzten Jahres verwiesen und an dieser Stelle nur kurz angemerkt, dass es bei der schieren Menge an veröffentlichter Musik einfach unmöglich ist, ihr in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Denjenigen, die das hier lesen, wurde die Qual der Wahl damit hoffentlich ein wenig aus der Hand genommen. Vielleicht sagt die Selektion der Titel aber auch mehr über die Person aus, die sie vorgenommen hat, als über das Musikjahr 2015 – wer weiß das schon?

Fest steht hingegen – um ein bisschen Pathos in die Sache zu bringen –, dass Musik eines der wenigen Bollwerke gegen die Unannehmlichkeiten der Existenz darstellt und gleichzeitig, sofern sie mehr als bloße Ablenkung sein möchte, trotzdem in jene Realität eingebunden, also nicht vom Leben abgekoppelt ist. Das einleitende Geschwafel beschließe ich also in der Überzeugung, dass die unten gelisteten Alben dies gerade bewerkstelligen, indem sie der faden Mittelmäßigkeit und Austauschbarkeit entsagen und zum Kern der Dinge hervordringen.

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Review: Squarepusher – Damogen Furies

Squarepusher - Damogen Furies (Cover)| Erschienen bei Warp Records (2015) / Cover photography by Timothy Saccenti |

Tom Jenkinson ist kein Freund von Kategorisierungen. Dies pflegt er in Interviews gern und oft zu betonen. Vielleicht gilt der Brite hinter dem Squarepusher-Alias ja gerade deswegen bei vielen Journalisten als ernster, etwas grummeliger und eigenbrötlerischer Zeitgenosse, der die obligatorischen Pressetermine eben nicht zu oberflächlichen Feel-Good-Veranstaltungen verkommen lassen will. Eine nonkonforme Haltung, die sich auch in der vielfältigen, durchaus von Humor zeugenden, Diskographie wiedererkennen lässt und den Fachmedien regelmäßig Mühen bereitet. Kaum haben Kritiker nämlich eine Schublade (Drill & Bass, Jazz Fusion Breakbeat etc.) ausgesonnen, markiert Jenkinson den Spielverderber und ändert mit dem nächsten Release die Kursrichtung. Mit Warp Records, einer Institution, die sich bestens mit unangepassten Typen (Oneothrix Point Never, Flying Lotus, Aphex Twin,…) auskennt, hat der Klötzchenschieber einen Heimathafen gefunden, der ihm seit den späten 90ern praktisch freie Handhabe beim Nachgehen manischer Alleingänge gewährt, was dann idealerweise Meisterwerke wie »Hard Normal Daddy« oder »Ultravisitor« nach sich zieht. Eine Arbeitsbasis, die auch für die Entstehung des 2015er Outputs eine überaus zentrale Rolle gespielt haben muss.

Die Verwirrung beginnt diesmal bereits beim Inspizieren der CD-Verpackung, denn das Frontcover mit Jenkinsons digitalverzerrtem Konterfei verrät mir nicht auf Anhieb, wo hier eigentlich oben und unten sein sollen. Auch die beim Aufklappen der Kartonhülle sichtbaren Hilfspfeile vermögen derartige Orientierungsprobleme nicht wirklich zu beseitigen, führen aber immerhin schrittweise zum schwarzbedruckten Datenträger, der sich optisch kaum von seiner Peripherie abhebt. Das Design stellt ein getreue Spiegelung des verdrehten Bastards dar, als der sich dieses »Damogen Furies« erweisen sollte, jedoch täuscht das extrem minimalistische Schwarz-Weiß wiederum ob der wilden Auswüchse und akustischen Farbspielereien, die sich in der ‚Blackbox‘ verbergen.

Opener »Stor Eiglass« prescht mit deftigen Schlägen vor, die die Wände zum Wackeln bringen, etabliert aber bald darauf quietschige, durchaus zum Mitsummen geeignete Melodien aus dem Rechner – Kontraste, die schon der direkte Vorgänger »Ufabulum« aufzuweisen wusste. Im Laufe des Viereinhalbminüters werden die synthetischen Rhythmen zu einem zunehmend diffizilen Datengeflecht zurechtgezwirbelt. Bis hierhin verläuft trotzdem noch alles in vergleichsweise geregelten, weitgehend nachvollziehbaren Bahnen und wenn man dabei leichten Plastikgeruch vernehmen sollte, dann liegt das womöglich daran, dass Mr. Unbequem seinen Einstiegstrack als „Trojan Horse“ für jungfräuliche Gehörgänge ausgetüftelt hat. Richtig los geht es dann erst mit »Baltang Ort«, das mit seiner Verquickung von prachtvollen Flächen und unwirschen Beatfraktalen eine ähnlich tragende Rolle einnimmt wie seinerzeit ‘Pusher-Klassiker »Tundra« auf dem Debütalbum »Feed Me Weird Things« (1996). Nur gerät es vom Ausdruck her weitaus artifizieller und gröber als der ziemlich feingliedrige Jungle-Parcours aus alten Tagen, denn letzterer wird hier durch extragrantige Acid-Einspritzungen und kalte Computerdrums ersetzt. Puh, was ein erhebender Stress das doch ist! Aber wo bleibt der Mindfuck!?

Ein Blick ins Booklet mit einem erklärenden Statement des Künstlers verrät schon mal die Besonderheit der Machart: Alle zu hörenden Sounds entstammen eigenprogrammierter Software, die Jenkinson über viele Jahre hinweg entwickelt hat. Außerdem wurden sämtliche Tracks in einem zusammenhängenden Take ohne nachträgliche Bearbeitung aufgenommen. Irgendwie fast schon kämpferisch klingt dabei seine Proklamation des Wegs des größtmöglichen Widerstandes wie auch das Anliegen, sich von Konsumzwängen freizumachen. Ist Squarepusher damit Gegner einer Kulturindustrie, dessen Teil er unweigerlich selber darstellt? In gewisser Weise ja, doch hierbei geht es ihm merklich weniger um das altbekannte Argument gegen die kommerzielle Verwertung von Musikwerken, als – viel basaler – um die Mittel, die ihrer Entstehung vorausgehen: Instrumente, Hard- und Software. Geräte und Klangerzeuger von der Stange schränken die kreativen Möglichkeiten ein, determinieren zu einem gewissen Grad ihre Nutzungsweisen, so der Gedanke. Sein entschiedener DIY-Approach ist aber auch ein klares Zeichen gegen die Preset- und Readymade-Mentalität des sogenannten ‚EDM‘-Mainstreams der letzten Jahre, dessen Baukasten-Produktionen mit der progressiven, tüftlerischen Essenz der elektronischen Musik denkbar wenig zu tun hätten.

Hektisch, laut und eigenwillig ist »Damogen Furies« ohne Zweifel über weite Strecken, wie auch schon viele Squarepusher-Platten zuvor, doch die Direktheit, mit der die meisten aktuellen Kreationen ins Gesicht ballern, liefert dann doch ein paar Argumente dafür, sein Treiben tatsächlich als eine schräge Art von individualistischer Protestmusik zu begreifen. Nicht in plumpen Parolen, jedoch in eisigen Glitches, Strobo-Breaks und kakophonen Eruptionen findet diese ihren Ausdruck. »Rayc Fire 2«, schrill und kompromisslos, als Single vorab zu vermarkten, bleibt da nur ein kleines Kuriosum mit Randnotizcharakter, schließlich dürfte sich der Kreis derjenigen, die sich von dem tollen Digitalkrach mit Breakcore-Anleihen zum Albumkauf verleiten lassen auf eine relativ überschaubare Anzahl von Musiknerds begrenzen. Das fantastisch rabiate »Kwang Bass« lärmt dunkel und metallisch, beinahe schon mit futuristischem Industrial-Touch; »Exjag Nives« hingegen steigert sich in ein wüstes, ultraverknotetes Drum & Bass-Gefrickel hinein – bekanntermaßen ja ein Feld, auf dem ihm sowieso nur wenige die Stirn bieten können.

Genauso wie die gerade umher geworfenen Genrebegriffe stets nur das Dilemma aufzeigen, dass bei der Beschreibung der Kompositionen entsteht, bleibt die härtere Gangart auch nie bloßes Muskelspiel, sondern hat häufig einen verspielten Charakter. Das expressive Chaos scheint gerade mit dem Bezug zu stereotypen Mustern Sinn zu erhalten. Man nehme etwa »Kontenjaz«, das in seinem Mittelteil kurzzeitig mit gleichmäßigem 4/4-Takt inklusive übertrieben ‚catchy‘ Harmonien überrascht. Doch gerade wenn man denkt, Jenkinson schalte endgültig in den Party-DJ-Modus, treffen einen wieder krachende Beats, die zeigen, was Sache ist. Rein klangästhetisch hat das hier Gebotene ungeahnte Überschneidungen mit den Neonkirmesbespaßern aus dem gegnerischen Lager, doch umso gnadenloser zerschreddert er deren Motive, zerstört bekannte Strukturen, um sie in unorthodoxer Manier neu zu überschreiben. Aus streng reglementiertem Exzess wird ein sich frei entfaltendes Formgemenge. Eine geistige Verwandtschaft zum Free Jazz ist auch diesmal nicht zu verleugnen, die gelungenen melodischen Passagen (»D Frozent Aac«, »Exjag Nives«) hingegen sorgen für das kompositorische Gegengewicht. Der gespaltene Wesenszug ist es, der diese LP trotz aller idiosynkratrischen Ausraster auf gewisse Weise recht zugänglich macht.

Dahinter kann man Kalkül vermuten, tatsächlich lässt sich solch Herangehensweise aber wohl passender mit dem Faktor Eigensinn erklären. „Der Weg ist das Ziel“ galt schon immer für Jenkinsons Ethos, es geht um Risikofreude und das Vermeiden von Routine um jeden Preis. Bloß nicht eine von diesen greisen Rock-Mumien werden, die ihre schalen Hymnen in gefühlter Endlosschleife durch die Stadien krakeelen, ehe man ihnen (zur Bestrafung?) am Schluss noch ein Musical widmet, in der Hoffnung sie würden zum Wohle der Menschheit endlich in Rente gehen. Natürlich bleibt es fraglich, ob die hier bewusst forcierten Unterschiede im Produktionsprozess für den Hörer am Ende überhaupt noch in gleicher Weise greifbar sind wie für den Komponisten. Squarepushers Ansatz ist weniger der ‚Klangforschung‘ verpflichtet als – wenn man es hart ausdrücken möchte – seinem Künstlerego. Alles in allem ist »Damogen Furies« gewiss nicht ‚groundbreaking‘, in der falschen Gemütslage sogar ein anstrengendes Unterfangen, da es konstant auf maximaler Drehzahl powert. Und dennoch stellt es den gelungenen Beweis dar, dass dieser unkonventionelle Musiker auch nach 20 Jahren im Business immer noch sich selbst und das Publikum herauszufordern weiß und unter dieser Prämisse im Stande ist, wahrhaft Spannendes zu fabrizieren.

Tracklist:
01. Stor Eiglass
02. Baltang Ort  
03. Rayc Fire 2  
04. Kontenjaz
05. Exjag Nives  
06. Baltang Arg
07. Kwang Bass  
08. D Frozent Aac  

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Review: Paul Wolinski – Full Bleed [2014]

p.wolinkski - full_bleed(400x)| Erschienen bei Sacred Tapes / Bandcamp (2014) / Cover-Artwork von Caspar Newbolt |

Paul „65daysofstatic“ Wolinski ist nicht nur die treibende Kraft hinter den großartigen Sheffielder Glitch-Post-Rockern, abseits dieser vielbeachteten Hauptbeschäftigung ist der Brite musikalisch inzwischen auch auf einzelgängerischen Pfaden unterwegs. 2011 konnte man sich das Ergebnis dieses Alleingangs unter dem Pseudonym Polinski in Form seines ersten Solo-Albums anhören: »Labyrinths« bot mit seinen regenbogenfarbenen Dance-Klängen und energetischen IDM-Pop-Hybriden ein immerhin abwechslungsreiches Hörerlebnis, das scheinbar losgelöst von zeitgenössischen Trends daherkam und irgendwie aus der Zeit gefallen wirkte. Kein großer Wurf, aber dennoch mit ein paar spannenden Momenten gesegnet, die das Talent Wolinskis durchblicken ließen. Insbesondere der mit Noise-Elementen und Pianotönen angereicherte Rausschmeißer stach dabei als interessantestes Stück heraus.

Noch viel stärker in die letztgenannte Richtung geht die neueste Arbeit namens »Full Bleed«, die Wolinski diesmal unter seinem bürgerlichen Namen beim englischen Nischenlabel Sacred Tapes auf Kassette veröffentlicht hat – einem Medium, das aufgrund seiner Historizität und technisch bedingten Klangcharakteristika bestens geeignet ist für eine dem Lo-Fi-Gedanken verpflichtete Herangehensweise. Dieser bleibt hier nicht bloß in der Oberfläche verhaftet, die Eigenarten und Nebeneffekte eines solchen Prinzips werden förmlich zum elementaren Gestaltungsmittel, also musikalischen Gegenstand. »Full Bleed« verbindet die synthiehaltigen Flächen von 65dos‘ »Wild Light« mit großzügigem Einsatz von Rauschen, Verzerrung und dem minimalistischen Gebrauch des Klaviers. Die Überlagerung von unterschiedlichen Loops und Texturen sowie das fließende Wechselspiel aus Harmonien und ihrer Dekonstruktion stehen im Zentrum. Die Stücke erinnern damit erstaunlich oft an das renommierte Werk Tim Heckers, mengen dieser brüchig-flirrenden Ästhetik aber noch eine Prise spaciger Eleganz und Zugänglichkeit bei.

Auch im digitalen Release wird das Format der Musikkassette in gewisser Weise beibehalten – technisch gesehen handelt es sich um zwei längere Tracks, die den Seiten A und B des physischen Datenträgers entsprechen. Natürlich besteht wiederum jeder Track aus mehreren Musikstücken. Der Tonband-Ursprung erklärt damit auch, wieso »Full Bleed« mit einem Umfang von rund 25 Minuten recht knapp ausgefallen ist. Auf der ersten Seite trifft man auf dichte, laut dröhnende Soundwände (»Russian Echo«, »Black Square«), gelegentlich genehmigt man dem Hörer aber etwas mehr Raum zum Atmen (»Piano Room«, »Borrowed Time«), in den sich Piano-Akkorde, Subbass-Wellen und andere delikate Details drängen. Die ‚Rückseite‘ startet zunächst mit Feldaufnahmen, ehe man bei »Somewhere Else, not Here« zu einer Expedition durch ebenso schroffe wie schöne Drone-Canyons mitgenommen wird. Im abschließenden Titeltrack von »Full Bleed« werden energische, aufbruchfreudige Klavier-Melodieschleifen und perkussive Nadelstiche nach und nach immer mehr von Distortion und Audionebel verschluckt, womit das Tape auf äußerst gelungene Art zum Ende kommt.

Mit seinem bislang experimentellsten Projekt entfernt sich Paul Wolinski vom rhythmisch und melodisch zuletzt sehr klaren, strukturierten Band-Output und seinen vergangenen Solo-Gehversuchen. »Full Bleed« ist ein überzeugender, unerwartet sicherer Schritt auf abstraktes Noise- und Ambient-Terrain, der auf ein beachtliches klangkünstlerisches Potential hindeutet. Weiteres Engangement in dieser Richtung wäre also durchweg zu begrüßen!

Tracklist:
01. Russian Echo / Piano Room / Black Square / Anxiety / Borrowed Time
02. Somewhere Else, Not Here / Full Bleed

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Review: Oyaarss – Zemdega [2014]

oyaarss-zemdega| Erschienen bei Ad Noiseam (2014) |

Nicht eins, nicht zwei, sondern genau drei sind aller guten Dinge. Auf diese besondere Bedeutung weisen diverse Kulturen, Mythologien, Religionen, Märchen u.a. seit Jahrhunderten hin. Schon Aristoteles schwor auf die spezielle Vollkommenheit, im Christentum spricht man etwa von der ‚heiligen Dreifaltigkeit‘ und selbst beim Fußball erhält die siegreiche Mannschaft drei Punkte. Schenkt man all der Zahlensymbolik und Folklore Glauben, hat Oyaarss mit »Zemdega« nun diese ‚magische‘ Balance in seinem Werk hergestellt. Doch was war bis hierher eigentlich geschehen?

Praktisch aus dem Nichts legte der Musiker aus Lettland 2012 auf Ad Noiseam zwei absolut unglaubliche Alben vor, die so unvermittelt und gewaltig einschlugen, wie ein verdeckter Fausthieb in die Magengrube. Dabei ist Arvīds Laivinieks außerhalb seiner Heimat ein nahezu unbeschriebenes Blatt gewesen, dessen frühe Soundcloud-/MySpace-Uploads ohne eigenes Mitwissen im Netz inoffiziell herumgereicht wurden. Mit »Smaida Greizi Nākamība« und »Bads« verblüffte er dann innerhalb weniger Monate mit seinem über alle Maßen kompromisslosen Sound, der so anders, so kreativ, so heftig hirnpenetrierend, genresprengend und unverwechselbar ausgefallen ist, dass man gar nicht anders konnte, als mit heruntergeklappter Kinnlade zurückzubleiben. Ein dystopisches, höchst immersives Gewitter aus den finstersten Ecken des Baltikums brach über den Hörer hinein: dunkel, tonnenschwer und geheimnisvoll; hässlich, deprimierend und schön im gleichen Maße. Gewöhnliche Kategorien schaffen hier keine Abhilfe mehr, nein, nicht weniger als das Tor zu einer unentdeckten musikalischen (Unter)Welt wurde aufgestoßen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Erwartungshaltung des Rezensenten in Hinblick auf das aktuelle Release beinah zwangsläufig ins quasi Unermessliche angewachsen ist, zu prägend sind die bisherigen Eindrücke noch im Kopf verankert. Damit hat »Zemdega« unweigerlich einen schweren Stand: Orientiert es sich zu sehr an seinen Vorgängern, ist es nicht mehr originell, entfernt es sich zu stark von ihnen, droht ebenso die Gefahr der Enttäuschung. Die hohe Kunst besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen diesen Polen zu finden. Tatsächlich macht seine 2014er-Veröffentlichung nicht einfach nur das Dreigespann vollständig, sondern schlägt gleichzeitig ein neues Kapitel auf. Paradoxerweise kann sich »Zemdega« dem Sequel-Dilemma trotzdem oder sogar genau deswegen nicht gänzlich entziehen – auch wenn es sicher übertrieben ist, hier von einem ‚Dämpfer‘ zu sprechen. Auf der einen Seite erscheint sein musikalischer Ansatz dank der eigenen Verdienste auf diesem Gebiet logischerweise nicht mehr ganz so überraschend, radikal und innovativ wie noch vor zwei Jahren, das kann man dem aufstrebenden Künstler aber nicht wirklich zum Vorwurf machen. Andererseits folgt seine unkonventionelle Musik diesmal jedoch anderen Dynamiken und Gesetzen, an die man sich erst gewöhnen muss.

Um zu verstehen, was sich verändert hat, lohnt sich zunächst einmal ein Blick auf die Gemeinsamkeiten: Der Output des Wahl-Berliners erweist sich noch immer als hochgradig verzerrtes, mächtige Bilder erzeugendes und kaum fassbares Monstrum, welches man vergeblich als Schnittmenge von Industrial, Dark Ambient, IDM, Dubstep, Rhythmic Noise, Post-Rock und kontemporärer Klassik subsumieren könnte, würde es in Wahrheit nicht jenseits sämtlicher erprobter Strukturen umher wüten. Oyaarss ist wie ein Hexenmeister, der einen mit den Klängen seiner ‚Zaubermaschinen‘ in ein bittersüßes Universum entführt, das Vergangenheit und Zukunft eklektizistisch zusammenbringt.

Was allerdings schnell auffällt, ist, dass der Sound insgesamt an cineastischer Schärfe gewonnen hat. Phasenweise erklingen die Beats zum Beispiel nicht mehr so rumpelnd, glitchy und maximal dreckig wie bei den Vorgängern. Wirkten deren fantasievoll-trostlose Klangskulpturen noch den Trümmern einer kaputten Zivilisation entstiegen, angesiedelt irgendwo zwischen post-industrialisierter Endzeit und Grimms Märchen, hat »Zemdega« ein wenig dieser morbiden Eleganz eingebüßt. Im direkten Vergleich kann man der Platte einen in dieser Form noch nicht dagehabten, etwas kühleren und futuristischeren – in gewissen Momenten fast alienartigen – Charakter bescheinigen. Robotische Einschübe wie »Trīsvienība« waren nicht unbedingt zu erwarten und erweitern das Spektrum dezent in Richtung Science Fiction. Das Sound-Design ist ohne Frage ausgezeichnet – im wahrsten Sinne umwerfend. Die Percussions, das merkt man schon bei den ersten beiden Tracks, sind ‚filmischer‘ als zuvor. Und auch sonst kommen die Stücke effektverliebt daher, feuern mit Kinosaal-Wucht ins Ohr und nähern sich der Ästhetik von ‚Trailermusik‘ auf die bestmögliche Art und Weise (nicht ganz zufällig lief »Zemdega« als audiovisuelle Installation in einem Filmtheater in Riga).

Dementsprechend ist das Drittwerk aber eben auch skizzenhafter bzw. fragmentarischer geraten, eher auf schnelle und sprunghafte Metamorphosen ausgelegt. Ideen werden verhältnismäßig oft unmittelbar ausartikuliert, bevor sie schon wieder von der nächsten abgelöst werden. Es ist häufig mehr ein überlappendes ‚Hintereinander‘, statt gleichzeitiger Synthese. Durch diesen Fokus auf den Moment allein, auf das Kurzfristige und Affektive, geht der bis dato eigenwillige Fluss und ein Teil der brachialen Sogkraft verloren. Jetzt wäre es natürlich absurd, die Brüche und Wechselspielchen des Albums zu kritisieren, denn Oyaarss‘ Kunst ist ein einziger Traditionsbruch, ein in sich zerstörtes Gebilde. Doch vermisst wird sie in manchen Momenten schon, diese flächige zermalmende Power, die sich gern über Minuten ausbreitet, wie ein zäher Lavastrom. Es ist die Musik als das undurchdringliche Ganze, das einen entscheidenden Teil der Faszination dieses Projekts bislang ausgemacht hat. »Bads« und »Smaida Greizi Nākamība« sind bei aller Abstraktheit in sich ungemein stimmige und geschlossene Meisterwerke. Diese Qualitäten vermag »Zemdega« in der zweiten Hälfte wieder stärker zu forcieren: »Slikta dardedze« mit progressivem Aufbau, quasi das Herzstück in der Mitte des Albums, holpert unnachahmlich um seine kreisenden Melodien und Spoken Word-Mantras. Unbestrittenes Highlight stellt aber das direkt darauf folgende »Brustwart« dar, welches man gewissermaßen als das ‚neue‘ »Malduguns« bezeichnen kann – und nebenbei eindrucksvoll zeigt, dass Oyaarss auch im Uptempo-Modus bestens funktioniert. Abermals faszinierend-zwielichtige Melodien drängen sich um dicht verästelte Rhythmen; im Mittelteil wird das Tempo dann zurückgefahren; quietschige Modem-Sounds bleiben ein kurzes Zwischenspiel, das zu metallisch tönenden Drumpatterns überleitet. Was Laivinieks im Studio zusammengebraut hat, zerberstet hier in schonungsloser Brutalität; dazu gibt der Sänger der belgischen Band Amenra, Colin Van Eeckhout, seine wie von Sinnen geschrienen Vocals zum Besten – heftig! Das gelungene Zusammenspiel aus musikalischer Schönheit und forschem Basteln an den Klängen der Zukunft in »Trombocīts« – aggressive Snaredrums und insektoid anmutende Summ- und Klicklaute auf großartige Weise vereinend – sorgt für einen triumphalen Abschluss.

Nicht alles gelingt auf der Platte, so flächendeckend überwältigend wie die Vorgänger kommt sie nicht daher. Trotz alledem weiß sie mit ihrer erschlagenden physischen Kraft, der gekonnten Verquickung unterschiedlichster musikalischer Ausdrucksmittel und Referenzen zu überzeugen, wagt Veränderungen – und ist darüber hinaus garantiert nichts für Lärmempfindliche! Oder um es mit einer Metapher aus dem Sport zusammenzufassen: Oyaarss steht trotz Systemumstellung nicht mehr uneinholbar vor der Konkurrenz, dennoch reichen diesmal drei brillante Partien und eine Handvoll Arbeitssiege, um sich mit »Zemdega« das Triple zu sichern.

Tracklist:
01. Četrvienība
02. Izniekotā Laika Hronikas
03. Divdabība
04. Trīsvienība
05. Rītrīts
06. Slikta Dardedze 
07. Brustwart 
08. Purva Līdējs
09. Zemsega
10. Trombocīts 

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Review: Ruby My Dear – Form [2013]

Ruby My Dear - Form[Erschienen bei Ad Noiseam (2013) / Painting by Marc Streichen]

Es mag keine allzu waghalsige Behauptung sein, doch Breakcore und IDM lassen sich immer weniger voneinander unterscheiden. Das zeigt schon ein Blick auf die Diskographien von Künstlern wie Venetian Snares oder Enduser. Sofern eine solche Trennlinie überhaupt jemals eindeutig gezogen werden konnte, denn schließlich handelt es sich bei beiden Kategorien mehr oder weniger um paradoxe Hilfskonstrukte, die als Genremarkierungen gerade das bündeln wollen, was sich orientierungsstiftenden Schemata ohnehin weitgehend entzieht bzw. idealerweise einen nahezu dogmenbefreiten Ausdruck der Kreativität darstellt. In der Tat passen die radikale MashUp-Attitüde und Zerstörungswut auf der einen Seite und die oft exzentrischen, mitunter sämtliche Hörgewohnheiten sprengenden Klangtüfteleien auf der anderen Seite gut zusammen.

Auch Ruby My Dear scheint sich mehr denn je auf einem solchen Mittelweg zwischen verschiedenen Stilrichtungen zu bewegen. So einfach lässt sich sein letztes Album eben nicht schubladisieren, weswegen der schlichte Titel „Form“ und das stilistisch abstrakte Cover-Artwork in Anbetracht dessen alles andere als willkürlich gewählt zu sein scheinen. Entsprechend vielfältig gestalten sich die musikalischen Ausprägungen der elf Tracks. Ist man nur auf der Suche nach dem schnellen Breakcore-Kick, muss man sich zunächst gedulden. Der ebenso so kompakte wie ausgezeichnete Opener „Prah“ verzichtet z.B. auf ein leitendes Beatgerüst und hätte sogar hervorragend auf eines der letzten Alben von Klangkunst-Genie Amon Tobin gepasst, so reichhaltig, entrückt und schlicht umwerfend ist das Sounddesign geraten – wie eine Szene vom anderen Stern…

Bei „Stax bleiben die heftigen Beat-Bombardements ebenso aus, wenngleich die abgehackte, von Glitches und Brüchen durchzogene Downtempo-Nummer von jeglicher Easy-Listening-Tauglichkeit weit entfernt ist, dank ihrer kurz vor Schluss einsetzenden Piano-Klänge aber zu einem ruhigen Ende gelangt. „Spleen operiert zu Anfang mit trübsinnigen Hip Hop-Beats und geht dann im weiteren Verlauf  ein erstes Mal zu labyrinthisch verzweigten Highspeed-Drum-Attacken über, die jedoch auf sich alleine gestellt leider noch ein wenig farblos und erstaunlich moderat ausfallen.

Die darauffolgenden Tracks sind dann eher von im weitesten Sinne Dubstep-ähnlichen Rhythmen geprägt, wie z.B. das narkotisch wabernde „Carradine Suicide“, ohne jedoch ihre experimentelle Clicks & Cuts-Affinität aufzugeben. „Jitter Room und „Annwvynklingen ebenfalls wunderbar verspult. Hier trifft die träumerische Atmosphäre auf kontrapunktiv platzierte Knarzbässe und disharmonische Frickelelemente. Gegensätze bleiben auch danach das Thema, allerdings wendet sich das Album wieder mehr den altbewährten Braindance-Ingredienzen zu. 20-bits Fish“, in dem verspielte Melodien und eine kindlich zufriedene Grundstimmung ironisch gebrochen auf hyperaktiv zuckelnde Schachtelbeats prallen, könnte geradewegs Aphex Twins verrücktem „Richard D. James Album“ entsprungen sein.

Entspannte Zupftöne und Hawaii-Feeling begleiten „Geysa, den Ruhepol der Platte. Hier übernehmen sanfte Ambient-Klänge und schräge Geräuschkunst die Oberhand, ohne dass aggressive Percussions die Idylle wie üblich durchbrechen.
Erst im Schlussdrittel des Albums („Focus on Sanity“ u.a.) hält der Breakcore mit seinen charakteristischen Extremen – Hardcore-Geballer, abrupte Rhythmuswechsel, augenzwinkernde Over-the-Top-Samples – tatsächlich verstärkt Einzug. Das macht wohldosiert umso mehr Spaß, die Ernsthaftigkeit geht aber glücklicherweise nie ganz verloren. So beendet „Embruns das Gesamtwerk nach einem Marathon der zermarternden Sounds in seinen letzten Sekunden mit einem überraschend bodenständigen und organischen Breakbeat, der einfach nur unwiderstehlich ist…

Mit „Form“ hat Ruby My Dear ein abwechslungsreiches, wenn auch insgesamt nur bedingt innovatives Album hingelegt. Phasenweise durchläuft sein Schaffen Drill & Bass-Gebiete, die Aphex Twin und Co. schon vor ca. fünfzehn Jahren abgeklopft haben, weshalb die hier vorgefundenen Variationen eher als Referenzen, denn als Weiterentwicklung angesehen werden müssen. Allerdings zeigen sich einige Stücke beeinflusst von neuerer Bass Music, wodurch dem Werk der Anschluss an die zeitgenössische Musikgeneration gelingt. Nur relativ selten droht sich der Fluss ein wenig zu verlieren, wird das hektische Hin und Her anstrengend.
Herauszuheben ist eine neue Ausgeglichenheit und Kohärenz, denn „Form“ ist kein überbordend destruktives Album. Lärmige Passagen und stimmungsvolle Momente halten sich die Waage. Anstatt ‚Copy & Paste‘-Fragmentarismus und szenetypische Anarcho-Prinzipien des Breakcore weiter auf die Spitze zu treiben, ist ein spürbar größeres Interesse für ungewöhnliche Sounds, Melodien und ausgefeilte Texturen hinzugekommen. Es scheint, als hätte jemand seine Form gefunden.

Tracklist:
01. Prah
02. Stax
03. Spleen
04. Carradine Suicide
05. Jitter Room
06. Annwvyn
07. 20-bits Fish
08. Geysa
09. Focus On Sanity
10. Oct Chrystal
11. Embruns

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