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Highlights 2016: Die besten Alben

Jetzt, wo sämtliche Jahresrückblicke längst vergessen und fragwürdige Awards bereits medienwirksam an die üblichen Verdächtigen verteilt worden sind, lasse auch ich mir eine persönliche Abrechnung mit 2K16 nicht nehmen, muss dazu aber leider ein wenig ausholen…

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Review: Oyaarss – Zemdega [2014]

oyaarss-zemdega| Erschienen bei Ad Noiseam (2014) |

Nicht eins, nicht zwei, sondern genau drei sind aller guten Dinge. Auf diese besondere Bedeutung weisen diverse Kulturen, Mythologien, Religionen, Märchen u.a. seit Jahrhunderten hin. Schon Aristoteles schwor auf die spezielle Vollkommenheit, im Christentum spricht man etwa von der ‚heiligen Dreifaltigkeit‘ und selbst beim Fußball erhält die siegreiche Mannschaft drei Punkte. Schenkt man all der Zahlensymbolik und Folklore Glauben, hat Oyaarss mit »Zemdega« nun diese ‚magische‘ Balance in seinem Werk hergestellt. Doch was war bis hierher eigentlich geschehen?

Praktisch aus dem Nichts legte der Musiker aus Lettland 2012 auf Ad Noiseam zwei absolut unglaubliche Alben vor, die so unvermittelt und gewaltig einschlugen, wie ein verdeckter Fausthieb in die Magengrube. Dabei ist Arvīds Laivinieks außerhalb seiner Heimat ein nahezu unbeschriebenes Blatt gewesen, dessen frühe Soundcloud-/MySpace-Uploads ohne eigenes Mitwissen im Netz inoffiziell herumgereicht wurden. Mit »Smaida Greizi Nākamība« und »Bads« verblüffte er dann innerhalb weniger Monate mit seinem über alle Maßen kompromisslosen Sound, der so anders, so kreativ, so heftig hirnpenetrierend, genresprengend und unverwechselbar ausgefallen ist, dass man gar nicht anders konnte, als mit heruntergeklappter Kinnlade zurückzubleiben. Ein dystopisches, höchst immersives Gewitter aus den finstersten Ecken des Baltikums brach über den Hörer hinein: dunkel, tonnenschwer und geheimnisvoll; hässlich, deprimierend und schön im gleichen Maße. Gewöhnliche Kategorien schaffen hier keine Abhilfe mehr, nein, nicht weniger als das Tor zu einer unentdeckten musikalischen (Unter)Welt wurde aufgestoßen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Erwartungshaltung des Rezensenten in Hinblick auf das aktuelle Release beinah zwangsläufig ins quasi Unermessliche angewachsen ist, zu prägend sind die bisherigen Eindrücke noch im Kopf verankert. Damit hat »Zemdega« unweigerlich einen schweren Stand: Orientiert es sich zu sehr an seinen Vorgängern, ist es nicht mehr originell, entfernt es sich zu stark von ihnen, droht ebenso die Gefahr der Enttäuschung. Die hohe Kunst besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen diesen Polen zu finden. Tatsächlich macht seine 2014er-Veröffentlichung nicht einfach nur das Dreigespann vollständig, sondern schlägt gleichzeitig ein neues Kapitel auf. Paradoxerweise kann sich »Zemdega« dem Sequel-Dilemma trotzdem oder sogar genau deswegen nicht gänzlich entziehen – auch wenn es sicher übertrieben ist, hier von einem ‚Dämpfer‘ zu sprechen. Auf der einen Seite erscheint sein musikalischer Ansatz dank der eigenen Verdienste auf diesem Gebiet logischerweise nicht mehr ganz so überraschend, radikal und innovativ wie noch vor zwei Jahren, das kann man dem aufstrebenden Künstler aber nicht wirklich zum Vorwurf machen. Andererseits folgt seine unkonventionelle Musik diesmal jedoch anderen Dynamiken und Gesetzen, an die man sich erst gewöhnen muss.

Um zu verstehen, was sich verändert hat, lohnt sich zunächst einmal ein Blick auf die Gemeinsamkeiten: Der Output des Wahl-Berliners erweist sich noch immer als hochgradig verzerrtes, mächtige Bilder erzeugendes und kaum fassbares Monstrum, welches man vergeblich als Schnittmenge von Industrial, Dark Ambient, IDM, Dubstep, Rhythmic Noise, Post-Rock und kontemporärer Klassik subsumieren könnte, würde es in Wahrheit nicht jenseits sämtlicher erprobter Strukturen umher wüten. Oyaarss ist wie ein Hexenmeister, der einen mit den Klängen seiner ‚Zaubermaschinen‘ in ein bittersüßes Universum entführt, das Vergangenheit und Zukunft eklektizistisch zusammenbringt.

Was allerdings schnell auffällt, ist, dass der Sound insgesamt an cineastischer Schärfe gewonnen hat. Phasenweise erklingen die Beats zum Beispiel nicht mehr so rumpelnd, glitchy und maximal dreckig wie bei den Vorgängern. Wirkten deren fantasievoll-trostlose Klangskulpturen noch den Trümmern einer kaputten Zivilisation entstiegen, angesiedelt irgendwo zwischen post-industrialisierter Endzeit und Grimms Märchen, hat »Zemdega« ein wenig dieser morbiden Eleganz eingebüßt. Im direkten Vergleich kann man der Platte einen in dieser Form noch nicht dagehabten, etwas kühleren und futuristischeren – in gewissen Momenten fast alienartigen – Charakter bescheinigen. Robotische Einschübe wie »Trīsvienība« waren nicht unbedingt zu erwarten und erweitern das Spektrum dezent in Richtung Science Fiction. Das Sound-Design ist ohne Frage ausgezeichnet – im wahrsten Sinne umwerfend. Die Percussions, das merkt man schon bei den ersten beiden Tracks, sind ‚filmischer‘ als zuvor. Und auch sonst kommen die Stücke effektverliebt daher, feuern mit Kinosaal-Wucht ins Ohr und nähern sich der Ästhetik von ‚Trailermusik‘ auf die bestmögliche Art und Weise (nicht ganz zufällig lief »Zemdega« als audiovisuelle Installation in einem Filmtheater in Riga).

Dementsprechend ist das Drittwerk aber eben auch skizzenhafter bzw. fragmentarischer geraten, eher auf schnelle und sprunghafte Metamorphosen ausgelegt. Ideen werden verhältnismäßig oft unmittelbar ausartikuliert, bevor sie schon wieder von der nächsten abgelöst werden. Es ist häufig mehr ein überlappendes ‚Hintereinander‘, statt gleichzeitiger Synthese. Durch diesen Fokus auf den Moment allein, auf das Kurzfristige und Affektive, geht der bis dato eigenwillige Fluss und ein Teil der brachialen Sogkraft verloren. Jetzt wäre es natürlich absurd, die Brüche und Wechselspielchen des Albums zu kritisieren, denn Oyaarss‘ Kunst ist ein einziger Traditionsbruch, ein in sich zerstörtes Gebilde. Doch vermisst wird sie in manchen Momenten schon, diese flächige zermalmende Power, die sich gern über Minuten ausbreitet, wie ein zäher Lavastrom. Es ist die Musik als das undurchdringliche Ganze, das einen entscheidenden Teil der Faszination dieses Projekts bislang ausgemacht hat. »Bads« und »Smaida Greizi Nākamība« sind bei aller Abstraktheit in sich ungemein stimmige und geschlossene Meisterwerke. Diese Qualitäten vermag »Zemdega« in der zweiten Hälfte wieder stärker zu forcieren: »Slikta dardedze« mit progressivem Aufbau, quasi das Herzstück in der Mitte des Albums, holpert unnachahmlich um seine kreisenden Melodien und Spoken Word-Mantras. Unbestrittenes Highlight stellt aber das direkt darauf folgende »Brustwart« dar, welches man gewissermaßen als das ‚neue‘ »Malduguns« bezeichnen kann – und nebenbei eindrucksvoll zeigt, dass Oyaarss auch im Uptempo-Modus bestens funktioniert. Abermals faszinierend-zwielichtige Melodien drängen sich um dicht verästelte Rhythmen; im Mittelteil wird das Tempo dann zurückgefahren; quietschige Modem-Sounds bleiben ein kurzes Zwischenspiel, das zu metallisch tönenden Drumpatterns überleitet. Was Laivinieks im Studio zusammengebraut hat, zerberstet hier in schonungsloser Brutalität; dazu gibt der Sänger der belgischen Band Amenra, Colin Van Eeckhout, seine wie von Sinnen geschrienen Vocals zum Besten – heftig! Das gelungene Zusammenspiel aus musikalischer Schönheit und forschem Basteln an den Klängen der Zukunft in »Trombocīts« – aggressive Snaredrums und insektoid anmutende Summ- und Klicklaute auf großartige Weise vereinend – sorgt für einen triumphalen Abschluss.

Nicht alles gelingt auf der Platte, so flächendeckend überwältigend wie die Vorgänger kommt sie nicht daher. Trotz alledem weiß sie mit ihrer erschlagenden physischen Kraft, der gekonnten Verquickung unterschiedlichster musikalischer Ausdrucksmittel und Referenzen zu überzeugen, wagt Veränderungen – und ist darüber hinaus garantiert nichts für Lärmempfindliche! Oder um es mit einer Metapher aus dem Sport zusammenzufassen: Oyaarss steht trotz Systemumstellung nicht mehr uneinholbar vor der Konkurrenz, dennoch reichen diesmal drei brillante Partien und eine Handvoll Arbeitssiege, um sich mit »Zemdega« das Triple zu sichern.

Tracklist:
01. Četrvienība
02. Izniekotā Laika Hronikas
03. Divdabība
04. Trīsvienība
05. Rītrīts
06. Slikta Dardedze 
07. Brustwart 
08. Purva Līdējs
09. Zemsega
10. Trombocīts 

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Review: Hauschka – Abandoned City [2014]

c_2000x2000x1679390x1386161054xHAUSCHKA_ABANDONED_CITY_hi-res_1440x1440px| Erschienen bei City Slang / Temporary Residence Ltd (2014) |

Unter dem Pseudonym Hauschka hat sich Volker Bertelmann über die Grenzen Deutschlands hinaus längst einen Namen bei Sympathisanten scheuklappenbefreiter Instrumentalmusik machen können. Ausschlaggebend dafür sind neben seiner kompositorischen Tätigkeit vor allem auch seine einfallsreichen Live-Perfomances, die er mithilfe präparierter Klaviere bestreitet. Es fällt gar nicht so leicht, Bertelmanns Musik einzuordnen, wie Rezensenten das eben gerne tun. In der Nähe von jüngeren zeitgenössischen Pianisten wie Arnalds und Frahm, doch lieber bei den verdienten Ambient-Tüftlern Hecker und Eno oder vielleicht sogar in der Avantgarde im Stile eines Cage? Divers auch sein Publikum: Zuletzt war Hauschka im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ebenso zu sehen wie in einer hippen Boiler Room-Session. Nun könnte man vorschnell annehmen, da versuche jemand auf möglichst vielen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, richtiger scheint hier jedoch der Eindruck, dass da einer einfach nur sein Ding macht, ohne Angst entweder zu populär oder zu ‚artsy‘ zu erscheinen.

Sein neuestes Werk »Abandoned City« hat Bertelmann nun in den Kontext von verlassenen Ortschaften gestellt. Mögen Geisterstädte insbesondere im Ambient- und Drone-Sektor – zumindest im endzeitlichen Rahmen einer Ästhetik des Verfalls – ein oft gehörter Topos sein, für Hauschka ist dieser Schritt neu. Tatsächlich wird hier deutlicher als zuvor, dass Bertelmann nicht nur unkonventioneller Klavierspieler, sondern auch Knöpfchendreher und Erzeuger von stimmungsvollen Settings ist. Dreh- und Angelpunkt der nach entvölkerten Städten betitelten Stücke bildet dennoch wieder das modifizierte Saitentasteninstrument des gebürtigen Westfalen. Zum gewohnten Klackern, Rascheln und Klimpern kommen weitere von ihrer diffusen Uneindeutigkeit profitierenden Klangelemente hinzu, die eine Atmosphäre unterfüttern, welche bisweilen auch mal die weniger euphorischen Zwischentöne zum Vorschein bringt.

»Elisabeth Bay« gibt die Marschrichtung vor, drängend und sogar ein wenig unheilvoll – ein toller Opener, der sich mit fortlaufender Dauer steigert und schlussendlich zum immer undurchdringlicher werdenden Crescendo ausholt. Das folgende »Pripyat«, benannt nach der im Zuge des Reaktorunfalls geräumten Siedlung in der Nähe des Kernkraftwerks von Tschernobyl, umgibt ebenfalls ein nebulöser Schleier, ist aber etwas verworrener als das Eröffnungsstück. Melancholisch und getragen kommt das gelungene »Who Lived Here?« daher, flirrende Texturen und Streicher inklusive. Hauschka schafft es in vielen Momenten sogartige Stimmung zu erzeugen. Vor dem geistigen Auge eröffnet sich dem Hörer ein Panorama aus verfallenen Einkaufszentren, menschenleeren Fußgängerzonen, aufgegebenen Tankstellen und verwilderten Häuschen mit Gärten in ehemals piekfeinen Wohnsiedlungen. Bertelmann gelingt es, diesen altbekannten Motiven einen neuen, eher friedfertigen, Dreh zu verpassen, da seine Stücke ihre verspielte Ader nie völlig verlieren. Dadurch gewinnen sie den Anschein, nicht den zerstörerischen Aspekt, den zivilisatorische Ruinen gern mal hervorrufen, überzubetonen, sondern stattdessen auch die Stille und eigenwillige Pracht bewucherter Bauten einzufangen, wenn sich die Natur langsam ihren Lebensraum zurückholt.

Wenngleich »Abandoned City« natürlich nicht die düstere Brillanz der letzten The Stranger-LP (»Watching Dead Empires in Decay«) oder die postapokalyptische Erhabenheit und Epik einer Platte von Godspeed You! Black Emperor vorweisen kann, wird das Album seinem Konzept damit durchaus gerecht. Vor allem belässt es Bertelmann nicht beim ‚hauntologischen‘ Durchwandern dieser einst belebten, aber nun gespenstisch wirkenden Plätze – so wie halt auch nicht jede verwaiste Hinterlassenschaft zwangsläufig einen tragischen Hintergrund bzw. eine furchteinflößende Ausstrahlung besitzt. Bei »Thames Town«, »Agdam« und »Barkersville« wird’s verhältnismäßig munter und das Grundgefühl von Tristesse in die zweite Reihe gedrängt. »Craco« andererseits ist eine ziemlich schwermütige Komposition, die von allen auf dem Album wohl am konventionellsten ausgefallen ist.

Dass »Abandoned City« im Kern aber immer noch ein experimentelles Album ist, vergisst man gelegentlich fast, denn trotz eines beachtlichen Klangreichtums und der ausgefeilten Machart ist die Musik stringent, unprätentiös und wunderbar unkompliziert. Auch die Tatsache, dass sie sich gleichzeitig nie in belanglosem Geklimper verliert, ist ein Verdienst von Bertelmanns Gespür dafür, wie man Tracks aufbaut, sie mit cleveren Spannungsbögen versieht. Das Ergebnis ist stimmig und äußerst hörenswert – 43 Minuten, die erstaunlich kurzweilig vergehen.

Tracklist:
01. Elizabeth Bay
02. Pripyat
03. Thames Town
04. Who Lived Here?
05. Agdam
06. Sanzhi Pod City
07. Craco
08. Barkersville
09. Stromness

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Review: The Future Sound Of London – Environment Five [2014]

FSOL-envi-5s| Erschienen bei fsoldigital (2014) |

Es hat schon eine gewisse Ironie. Da bringen Londons selbsternannte Vorwärtsdenker in den 90ern den Sound ihrer Ära gleich um mehrere Evolutionsstufen voran, releasen mit »Lifeforms«, »ISDN« und »Dead Cities« drei legendäre, zukunftsweisende Alben sowie mit »Papua New Guinea« einen der Übertracks der Dekade – ihren Beitrag zur Weiterentwicklung der modernen Elektronischen Musik bzw. Musik im Allgemeinen kann man gar nicht hoch genug einschätzen -, nur um dann vor der anstehenden Jahrhundertwende mit ihrem ambitionierten Projekt weitgehend von der Bildfläche zu verschwinden. Jahre später, und größtenteils in Vergessenheit geraten, veröffentlicht das Duo um Brian Douglas und Gary Cobain wieder, zunächst allerdings hauptsächlich Archivmaterial, Best-Of-Compilations und Reissues. Kein Wunder also, dass eine breitere Öffentlichkeit nicht mitbekommt, dass mit „Environment Five« erstmals seit mehr als fünfzehn Jahren wieder ein ‚richtiges‘ Album von The Future Sound of London mit brandneuen Stücken erschienen ist – die vier Vorgänger der Serie bestanden überwiegend aus unveröffentlichtem Altmaterial. »Image to the Past« nennt sich bezeichnenderweise eines dieser neuen Stücke. Haben die einstigen Innovatoren ihren Avantgarde-Anspruch inzwischen ad acta gelegt?

Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben“, heißt es in Marinettis Manifest der Futuristen von 1909. Es ist zwar nicht anzunehmen, dass die eher entschleunigend vorgehenden Traditionsbrecher von FSOL mit dem radikalen Gedankengut dieser testosterongesteuerten Bewegung viel gemein haben, dennoch beschreibt jenes Credo den musikalischen Ansatz der IDM-Pioniere recht treffend. Tun sich denn auch beim aktuellen Werk einige Schnittmengen auf? „»Environment Five« explores the space / time / dimension that exists when we die”, erklärt der Pressetext. Eine etwas andere, eher metaphysische Überwindung des Raum-Zeit-Kontinuums also. Das passt absolut ins Bild: FSOL waren eben niemals kühle Technokraten, sondern stehen seit jeher unter Verdacht mit ihrer Musik physikalische Grenzen zu transzendieren, wenn man es so blumig ausdrücken will. »Environment Five« begibt sich dazu erklärtermaßen in einen Bereich, der bei Boards Of Canadas fantastischem »Tomorrow‘s Harvest« mit Ausnahme einiger Songtitel nur relativ vague angedeutet wurde, wählt aber einen weniger nostalgischen Modus als die Schotten.

Was jedoch nicht bedeutet, dass Cobain und Douglas ihre grundsätzliche Ausrichtung über Bord geworfen hätten. Nach wenigen Augenblicken ist unmissverständlich klar, dass The Future Sound Of London hier am Werk gewesen sind. In der Tat haben sich die Haupt-Zutaten kaum geändert: wieder mal treffen synthetische Sounds auf organische Klänge, vermählen sich Klassik-Elemente mit ausgeprägtem Experimentierwillen, psychedelischen Qualitäten und stimmungsvoller Exotik. Diesmal beginnt es schon mit einem Ende: »Point of Departure« markiert den Übergang ins Jenseits, der in der Folge durchexerziert wird. Für ein Konzeptalbum, das den Sterbeprozess behandelt, ist »Environment Five« anders als etwa die hörspielartigen Horrorcollagen von The Haxan Cloak aber gar nicht unbedingt trostlos ausgefallen. Vielmehr entwirft es eine differenzierte Vorstellung unterschiedlicher Stadien, die man im Tod durchläuft. Das liegt vor allem am Abwechslungsreichtum der Tracks, bei denen unterschiedlichste Nuancen immer wieder für komplexes, ambivalentes Kopfkino sorgen. Die Bandbreite der eingesetzten musikalischen Mittel ist außergewöhnlich, gerade die experimentelleren Elemente lassen sich dabei nur schwer in Worte fassen. Wie gewohnt fließen die Stücke natürlich mit raffinierten Übergängen ineinander.

Im ruhigen »Source of Uncertainty« glaubt man zu Beginn Kirchenglocken wahrzunehmen, leise aus der Distanz und unter einem Klangteppich liegend, während das Stück kurze Zeit später mit melancholischen Klavierakkorden besticht, ehe im letzten Drittel noch undefinierbare Quietschgeräusche hinzukommen. Beim vorhin angesprochenen »Image of the Past« fällt in erster Linie die markante, ziemlich relaxte, 3-Ton-Basslinie auf. »In Solitude We Are Least Alone« dagegen fährt einiges auf: Impulsive Streicher und chaotische Saxophon-Melodien transportieren ein gleichzeitiges Gefühl der Geborgenheit und ungeduldigen Aufregung, als könne man sich angesichts des Todes glücklich und frei fühlen, nachher wirbeln Synthies umher, die dann von angenehm zischenden Beats abgelöst werden; am Ende hört man nur noch ein Windspiel leise klimpern, bevor schlussendlich sogar noch ein Flugzeug durch die Szene rauscht.

Etwas unheimlich zumute wird einem dann trotzdem bei »Beings of Light« und »Viewed from Below the Surface«, und das auch nicht nur aufgrund der wabernden Subbässe. Beim Erstgenannten trifft man neben den wortlos gesungenen, weiblichen Choralstimmen, die man aus älteren FSOL-Releases kennt, auch noch auf kaum wahrnehmbare, gespenstische Laute im Hintergrund. Den emotionalen Höhepunkt erreicht das Album schließlich in der zweiten Hälfte mit »Dying While Being Held« dank der mitreißenden melodischen Fülle, welche zum richtigen Zeitpunkt noch mit einem scheppernden Drum-Pattern veredelt wird. »Machines of the Subconscious« ist klassischer, schön atmosphärisch und zurückgelehnt daherkommender Clicks & Cuts-Pluckertechno. Die druckvollen Breakbeats im lebhaften »Somatosensory« wecken Erinnerungen an »Dead Cities«, nur eben ohne den dystopischen Anteil von damals. Beim tollen Schlusstrack »Moments of Isolation« möchte man fast irgendwelche zeitgenössischen Genrebegriffe zur Beschreibung anführen, ehe einem wieder bewusst wird, dass Cobain und Douglas in den 90er Jahren nicht nur Weltbewegendes für die Evolution von Ambient, Trip Hop, Techno, Big Beat etc. geleistet haben, sondern auch abstrakte Ur-Entwürfe von Garage und Dubstep zelebrierten, lange bevor überhaupt jemand diese Wörter in den Mund nahm…

»Environment Five« kommt zwar nicht ganz an die visionäre Kraft und den Wiedererkennungswert der älteren Alben heran, erweist sich dafür aber als das möglicherweise subtilste, geschliffenste Werk der Briten, das zudem wärmer und melodischer als ihre frühen Meilensteine ausgefallen ist. Es mag sein, dass man im Hause FSOL keine Zukunftsmusik mehr macht. Vielleicht ist man ja einfach dazu übergegangen, im wahrsten Sinne zeitlose Kunst zu schaffen. In einem solchen Fall wäre ein Kurswechsel mehr als verschmerzbar.

Tracklist:
01. Point of Departure
02. Source of Uncertainty
03. Image of the Past
04. Beings of Light
05. In Solitude We Are Least Alone
06. Viewed From Below The Surface
07. Multiples
08. Dying While Being Held
09. Machines of the Subconscious
10. Dark and Lonely Waters
11. Somatosensory
12. The Dust Settles
13. Moments of Isolation

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Video: Octave Minds – Symmetry Slice

Chilly Gonzales und Boys Noize machen gemeinsame Sache. Unter dem Projekttitel Octave Minds wird die Kollaboration der beiden Weggefährten bereits am 13. September als gleichnamiges Album erscheinen.

Mit dem vorab veröffentlichten Video zu „Symmetry Slice“ beweisen der Piano-Tausendsassa und Berlins Electro-Allrounder abermals, dass ihr Horizont weit gesteckt ist. Ein wundervoller Leisetreter durch pastellfarbenes Ambiente und erhabene Soundlandschaften des träumenden Bewusstseins. Gonzales‘ evokative Klaviermelodien und das feinsinnig pulsierende Sound-Skelett des deutschen Vorzeige-DJs bilden eine unbedingt hörenswerte Fusion mit Filmmusik-Charakter. Eine kleine Meisterleistung aus nachdrücklichem Understatement und subtiler Akzentuierung. Bei der Synthie-Eruption nach circa zweieinhalb Minuten jagt es einem die Gänsehaut über den ganzen Körper.

Traumwandlerisch im wahrsten Wortsinn präsentiert sich auch der sympathische Clip, der die Fantasiereisen einer schlafenden jungen Frau visualisiert. Das hat durchaus einen gewissen Charme und wirkt überraschend zurückhaltend im Vergleich zur normalerweise so temperantvollen Musik der beiden Künstler.

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Review: Detritus – The Very Idea [2014]

Detritus - The Very Idea (Ad Noiseam)[Erschienen bei Ad Noiseam (2014)]

Nacht. Regen. Herbst. Paranoia. Zweifel. Isolation. Melancholie. Das sind einige der Gefühle, Bilder und Zustände, die sich mit der Musik von Detritus verbinden lassen und sich im Kopf des Hörers zu unheilschwangeren Szenarien zusammenfügen. Schwermut und Unbehagen legen sich wie ein Umhang dicht um das Empfindungszentrum, fressen sich sogar immer wieder bis ins Innerste hinein.

In seinem mittlerweile sechsten Album verzichtet Dave Dando-Moore auf eine Neuerfindung seines Sounds und so sind es diesmal eben nicht große Innovationen, die das Salz in der Suppe des erfahrenen Ein-Mann-Projekts ausmachen. „The Very Idea“ fügt sich als schlüssiger Baustein in die Diskographie des Briten ein und macht ziemlich genau dort weiter, wo der Vorgänger „Everyday Explanations“ (2011) aufgehört hat. Bittersüße Klaviermelodien, elektronische Beats im Niedrigtempobereich, präzise ausgearbeitete Texturen, ein atmosphärischer Unterbau aus diversen Samples/Feldaufnahmen (Rauschen, Stimmen, Hintergrundgeräusche…) sowie gelegentlich der Einsatz von E-Gitarren bilden zusammen eine einzigartige, definitiv wiedererkennbare Handschrift. Es ist Dando-Moores Erfolgsrezept, das hier weitestgehend unangetastet bleibt, sich dafür aber in ausgereifter Umsetzung präsentiert. Seine Instrumentalstücke zeichnen sich besonders durch eine Form der Klarheit und Einfachheit aus, sie wirken auf völlig natürliche Weise aufgeräumt und stimmig.

After” und Titeltrack „The Very Idea“ sind solche unnachahmlichen Glanzstücke, wie sie wohl nur Detritus an seinen besten Tagen fabriziert. Dass Dando-Moore seit vielen Jahren Qualität abliefert, aber trotzdem immer noch verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit für seine Musik bekommt, scheint unbegreiflich, gerade wenn man sich Schlüsselmomente wie zum Beispiel das verhaltene, und dennoch eindringliche Crescendo im Finale von „After“ anhört! „Binddagegen stapft schleppend und bedrohlich in die Gehörgänge, sodass man bald einen hochgewachsenen Axtmörder hinter sich wähnt. Bleierne Schwere und Elegie umgibt das ebenfalls großartige „Egress“, das von wunderbaren Gitarrenwänden geradezu niedergedrückt wird – die perfekte Untermalung für eine Gondelfahrt durch das menschenleere Venedig an einem nebligen Novembertag. Nur kurz brechen die Wolken für das harmonische Streicher-Intermezzo „More Than Half“ auf, ehe das mulmige Gefühl in der Magengegend wieder einkehrt. Zu dick und überlang gerät nur „Radial“, dem etwas weniger Geschrammel und mehr kompositorische Finesse gut zu Gesicht gestanden hätte. Ansonsten bleibt wenig Grund zu Kritik. Dass die Tracks eine gewisse Gleichförmigkeit an den Tag legen und solide Titel wie „Steep“, „Blinding“ oder „Bane“ im Gesamtzusammenhang so doch ein wenig routiniert wirken, lässt sich allerdings verschmerzen.

Alles in allem sind hier wieder zu viel Erfahrung, Talent und Hingabe am Werk, als dass dem Unternehmen „The Very Idea“ jemals die Gefahr der Mittelmäßigkeit drohen würde. Detritus versteht sich hervorragend auf die Hörbarmachung seelischer Ausnahmezustände und spielt auch im Jahr 2014 wieder mit gewohnter Klasse auf der Klaviatur des Unglücks. Zum Glück.

Tracklist
01. Bind
02. The Very Idea 
03. Steep
04. Egress 
05. Blinding
06. Radial
07. After 
08. More Than Half
09. Bane
10. Secession
11. After (Remix By Poordream) 

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Review: Spyros Polychronopoulos – Piano Acts [2013]

Albumcover "Piano Acts"[ROOM40 (2013) / Cover image photograph by Aris Michalopoulos]

Ich muss ehrlich zugeben, dass mir Spyros Polychronopoulos bis vor diesem Release, auf das ich mehr oder weniger zufällig gestoßen bin, nicht bekannt war – eigentlich unbegreiflich bei solch einem markigen Namen.  Recht mühelos ließ sich dazu in Erfahrung bringen, dass der Gute schon auf einen beachtlichen Backkatalog unter dem nicht minder spektakulär klingenden Alias Spyweirdos zurückblicken kann, das er – so mein flüchtiger Eindruck – über die letzten Jahre zum ausgiebigen Experimentieren genutzt zu haben scheint (bei Kennern sei sich hier vorsorglich für meine ungeniert zur Schau getragene Unkenntnis entschuldigt).

Nun also „Piano Acts“: Avantgardistisches in vier Akten – Klavierexperimente und Studiotechnikgefrickel. Unterstützung bei diesem Unterfangen bekommt er von seinem Landsmann Antonis Anissegos, dessen Name mir zuvor ebenso wenig vertraut gewesen ist. Um aber mal von den Beteiligten wegzukommen und sich auf das eigentlich wichtige zu konzentrieren, nämlich die Musik, lässt sich eines vorneweg festhalten: „Piano Acts“ ist ganz sicher kein Stoff für jede Laune und jeden Geschmack. Man muss schon in der richtigen Stimmung sein, sonst verliert man bei den zeitlich enorm ausladenden Kompositionen schnell die Geduld, zumal in jedem Akt, von denen keiner die 9-Minuten-Marke unterschreitet, nur wenig Progression stattzufinden scheint. Sperrig muss man es mögen, dissonant und vor allem sehr repetitiv.

Wenn man den Beiden eines nicht vorwerfen kann, dann ist es mangelnde Konsequenz. Das streng minimalistische Konzept wird von der ersten Sekunde an bis zu den letzten vernehmbaren Tönen durchgezogen. Kurze Pianomelodien wiederholen sich als sture Loops in kurzen Intervallen, immer und immer wieder. Im Hintergrund sind dazu meist leise surrende, pfeifende oder dezent vibrierende Geräusche zu hören. „First Actist vor allem gekennzeichnet durch die auffällige Einbezugnahme von Raum und der so möglich gewordenen Betonung des Nachklangs der Klaviersaiten. Den „Second Act“ machen in erster Linie die höher frequentieren Atmosphäreneffekte auf Dauer zu einem anstrengenden Hörerlebnis mit Frustrationspotential. „Third Act“ markiert mit seiner mysteriösen Grundstimmung im Anschluss dann den stärksten Teil des Albums und könnte immerhin problemlos einen älteren Gruselfilm untermalen. Schräg wird es dabei zuweilen, wenn über das Tastengeklimper ein obskures Säuseln erklingt, oder etwas, das sich nach grotesk schief gespielter Blockflöte anhört. Im abschließenden „Fourth Act“ meint man fast, die Klavieradaption einer kurzen Spielautomatenmelodie in zehnminütiger Dauerschleife hören zu können.

Hinsichtlich der eigenen Bewertungskriterien ergeben sich neue Fragen: Ist „Piano Acts“ unsäglich öde und kreativlos, der überwiegende Verzicht auf variierende Strukturen ein eindeutiges Manko? Oder ist die Wiederholung, so wie sie hier besonders umfassend eingesetzt wird, selbst in dieser Ausprägung noch ein legitimes musikalisches Mittel? Daher gestaltet sich auch ein Urteil darüber schwer, ob es sich um ein Werk handelt, von dem man sich vornehmlich einlullen lässt oder ob man sich diesem sogar mit erhöhter Aufmerksamkeit nähern sollte, um die kleinen Veränderungen in einer ansonsten wenig variablen Struktur umso genauer wahrnehmen zu können. So oder so, ein emotionaler Zugang fällt nicht leicht. „Piano Acts“ ist weitgehend sicher nur etwas für hartgesottene Avantgarde- und Minimal Music-Fans, die geneigt sind, den Stilwillen und Experimentiercharakter klar vor die Hörbarkeit zu stellen.

Tracklist:
01. First Act (With Antonis Anissegos)
02. Second Act (With Antonis Anissegos)
03. Third Act (With Antonis Anissegos)
04. Fourth Act (With Antonis Anissegos)

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Highlights 2013: Top-Alben

Mit ganz viel Verspätung hat es jetzt endlich auch die Rückschau auf meine persönlichen Highlights des vergangenen Musikjahres online geschafft. Natürlich hat diese kleine Zusammenstellung keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Vollständigkeit, und es warten sicher noch einige versäumte Werke darauf, nachgeholt zu werden. Dazu passt dann auch meine ziemlich willkürliche Eingrenzung auf eine Top 7, die ich selbstverständlich nur deshalb mit Rangpositionen versehen habe, um etwas künstliche Spannung zu generieren. Oder um es anders zu sagen: hier sind einfach ein paar Alben versammelt, die es nach meinen Maßstäben verdient haben, noch ein mal extra gewürdigt zu werden. Los geht’s!

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Album-Preview: Detritus – The Very Idea

Detritus hat die Arbeiten an seinem kommenden Album „The Very Idea“ offenbar beendet. Vorab gibt’s schon mal drei komplette Tracks zur Einstimmung auf seiner Souncloud-Seite. Die Vorschau klingt äußerst vielversprechend und lässt den Schluss zu, dass Detritus mit dem neuen Werk scheinbar nahtlos an seinen Vorgänger „Everyday Explanations“ anknüpfen wird. Man darf sich also auf ausgefeilte, schwermütige Instrumentale einstellen, die sich vornehmlich durch Downtempo-Breakbeats, melancholische Akustikpassagen und eine tiefe, bedrückende Athmosphäre auszeichnen. „The Very Idea“ wird aller Wahrscheinlichkeit nach auf Ad Noiseam erscheinen. Ein Termin wurde noch nicht bekanntgegeben.

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