Review: Hauschka – Abandoned City [2014]

c_2000x2000x1679390x1386161054xHAUSCHKA_ABANDONED_CITY_hi-res_1440x1440px| Erschienen bei City Slang / Temporary Residence Ltd (2014) |

Unter dem Pseudonym Hauschka hat sich Volker Bertelmann über die Grenzen Deutschlands hinaus längst einen Namen bei Sympathisanten scheuklappenbefreiter Instrumentalmusik machen können. Ausschlaggebend dafür sind neben seiner kompositorischen Tätigkeit vor allem auch seine einfallsreichen Live-Perfomances, die er mithilfe präparierter Klaviere bestreitet. Es fällt gar nicht so leicht, Bertelmanns Musik einzuordnen, wie Rezensenten das eben gerne tun. In der Nähe von jüngeren zeitgenössischen Pianisten wie Arnalds und Frahm, doch lieber bei den verdienten Ambient-Tüftlern Hecker und Eno oder vielleicht sogar in der Avantgarde im Stile eines Cage? Divers auch sein Publikum: Zuletzt war Hauschka im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ebenso zu sehen wie in einer hippen Boiler Room-Session. Nun könnte man vorschnell annehmen, da versuche jemand auf möglichst vielen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, richtiger scheint hier jedoch der Eindruck, dass da einer einfach nur sein Ding macht, ohne Angst entweder zu populär oder zu ‚artsy‘ zu erscheinen.

Sein neuestes Werk »Abandoned City« hat Bertelmann nun in den Kontext von verlassenen Ortschaften gestellt. Mögen Geisterstädte insbesondere im Ambient- und Drone-Sektor – zumindest im endzeitlichen Rahmen einer Ästhetik des Verfalls – ein oft gehörter Topos sein, für Hauschka ist dieser Schritt neu. Tatsächlich wird hier deutlicher als zuvor, dass Bertelmann nicht nur unkonventioneller Klavierspieler, sondern auch Knöpfchendreher und Erzeuger von stimmungsvollen Settings ist. Dreh- und Angelpunkt der nach entvölkerten Städten betitelten Stücke bildet dennoch wieder das modifizierte Saitentasteninstrument des gebürtigen Westfalen. Zum gewohnten Klackern, Rascheln und Klimpern kommen weitere von ihrer diffusen Uneindeutigkeit profitierenden Klangelemente hinzu, die eine Atmosphäre unterfüttern, welche bisweilen auch mal die weniger euphorischen Zwischentöne zum Vorschein bringt.

»Elisabeth Bay« gibt die Marschrichtung vor, drängend und sogar ein wenig unheilvoll – ein toller Opener, der sich mit fortlaufender Dauer steigert und schlussendlich zum immer undurchdringlicher werdenden Crescendo ausholt. Das folgende »Pripyat«, benannt nach der im Zuge des Reaktorunfalls geräumten Siedlung in der Nähe des Kernkraftwerks von Tschernobyl, umgibt ebenfalls ein nebulöser Schleier, ist aber etwas verworrener als das Eröffnungsstück. Melancholisch und getragen kommt das gelungene »Who Lived Here?« daher, flirrende Texturen und Streicher inklusive. Hauschka schafft es in vielen Momenten sogartige Stimmung zu erzeugen. Vor dem geistigen Auge eröffnet sich dem Hörer ein Panorama aus verfallenen Einkaufszentren, menschenleeren Fußgängerzonen, aufgegebenen Tankstellen und verwilderten Häuschen mit Gärten in ehemals piekfeinen Wohnsiedlungen. Bertelmann gelingt es, diesen altbekannten Motiven einen neuen, eher friedfertigen, Dreh zu verpassen, da seine Stücke ihre verspielte Ader nie völlig verlieren. Dadurch gewinnen sie den Anschein, nicht den zerstörerischen Aspekt, den zivilisatorische Ruinen gern mal hervorrufen, überzubetonen, sondern stattdessen auch die Stille und eigenwillige Pracht bewucherter Bauten einzufangen, wenn sich die Natur langsam ihren Lebensraum zurückholt.

Wenngleich »Abandoned City« natürlich nicht die düstere Brillanz der letzten The Stranger-LP (»Watching Dead Empires in Decay«) oder die postapokalyptische Erhabenheit und Epik einer Platte von Godspeed You! Black Emperor vorweisen kann, wird das Album seinem Konzept damit durchaus gerecht. Vor allem belässt es Bertelmann nicht beim ‚hauntologischen‘ Durchwandern dieser einst belebten, aber nun gespenstisch wirkenden Plätze – so wie halt auch nicht jede verwaiste Hinterlassenschaft zwangsläufig einen tragischen Hintergrund bzw. eine furchteinflößende Ausstrahlung besitzt. Bei »Thames Town«, »Agdam« und »Barkersville« wird’s verhältnismäßig munter und das Grundgefühl von Tristesse in die zweite Reihe gedrängt. »Craco« andererseits ist eine ziemlich schwermütige Komposition, die von allen auf dem Album wohl am konventionellsten ausgefallen ist.

Dass »Abandoned City« im Kern aber immer noch ein experimentelles Album ist, vergisst man gelegentlich fast, denn trotz eines beachtlichen Klangreichtums und der ausgefeilten Machart ist die Musik stringent, unprätentiös und wunderbar unkompliziert. Auch die Tatsache, dass sie sich gleichzeitig nie in belanglosem Geklimper verliert, ist ein Verdienst von Bertelmanns Gespür dafür, wie man Tracks aufbaut, sie mit cleveren Spannungsbögen versieht. Das Ergebnis ist stimmig und äußerst hörenswert – 43 Minuten, die erstaunlich kurzweilig vergehen.

Tracklist:
01. Elizabeth Bay
02. Pripyat
03. Thames Town
04. Who Lived Here?
05. Agdam
06. Sanzhi Pod City
07. Craco
08. Barkersville
09. Stromness

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  1. #1 von Evanesca Feuerblut am 24. November 2014 - 23:50

    Danke für die Hörprobe und die Rezension!
    Ich mag moderne Geisterstädte als Motiv, konnte mir aber nie vorstellen, wie man sowas musikalisch umsetzt.

  1. Highlights 2014: Top-Alben | UnSoundaesthetics

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