Beiträge getaggt mit Aphex Twin

Highlights 2015: Top 10 Tracks

Keine Sorge, diesmal gibt es keinen langen Einleitungstext, ein paar Worte sollten ausreichen. Schließlich ist die folgende Liste der besten Songs, die das 2015er-Special vervollständigt, aus praktischen Gründen mal etwas schlanker ausgefallen, wodurch auch ein paar Dopplungen vermieden werden. Das hier ist also definitiv die letzte Rückschau aufs vergangene Jahr – versprochen! Unsound-Logo WP2015

PS: (Alternativ-)Links zu den Songs, falls die eingebetteten Player aus irgendeinem Grund nicht funktionieren sollten, gibt’s in den jeweiligen Track-Überschriften! 

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Highlights 2014: 25 herausragende Musikstücke

Was hatte 2014 musikalisch zu bieten? Um diese Frage ging es hier vor kurzem ja schon bei der Suche nach den Album-Highlights des abgelaufenen Jahres – eine äußerst knifflige Angelegenheit –, doch keine Jahresbilanz ist eben vollständig ohne eine Auswahl der herausragenden Songs/Musikstücke. Aber auch die ist nicht leicht getroffen, denn so eine Liste füllt sich viel zu schnell und es ist schade um jeden hörenswerten Titel, der herausgestrichen werden muss…

Teile der Musikpresse hatten indes berechtigten Grund dazu, in 2014 das Jahr des Körpers zu erkennen: allen voran im Gesamtkunstwerk von Kritikerliebling FKA Twigs, die R’n’B beim Feuilleton wieder salonfähig machte, während irritierende, zerfließende Körperinszenierungen bei Arca eher sinnbildlich für sich auflösende Grenzen der Geschlechtsidentität stehen. Pharmakon hingegen geht es um den leibhaftigen, fleischlichen Körper als Gegensatz zum Geist. Perc und Lawrence English andererseits verstehen ihre stark auf das Physische abzielende Musik als politischen Wachmacher für die Gesellschaft. Das Somatische spielt sicherlich auch bei Künstlern wie z.B. Ben Frost, Vessel oder – wer hätte das gedacht? – The Body eine Rolle.

Davon mal abgesehen, ist die Musikwelt aber natürlich viel zu divers, um sie auf einen Trend herunterzubrechen… was auch nicht Ziel dieser Auswahl gewesen ist – die Vielfalt soll sich gefälligst widerspiegeln. Die Rankings nehmen dafür eine andere zentrale Rolle für den Blog ein, denn sie repräsentieren das hier vorherrschende Musikverständnis auf essenzieller Ebene. In erster Linie ist die Zusammenstellung aber natürlich als – hoffentlich unterhaltsam gestaltete – Anregung zum Hören und Entdecken gedacht. Viel Spaß!

PS: Wer die eingebetteten Soundcloud- oder Bandcamp-Player nicht abspielen können sollte, findet in den jeweiligen Tracktiteln der Überschriften einen Direktlink zur Alternativquelle (Vimeo, YouTube), bei der man sich den entsprechenden Song anhören kann.

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Highlights 2014: Top-Alben

Ganz ehrlich: Niemand mag frühe Jahresrückblicke, die einem schon Anfang Dezember allerorts aufgedrängt werden. Deswegen… na gut, auch wegen anderer Gründe, kommt mein Highlight-Ranking für 2014 auch später als alle anderen! Wie schon im letzten Jahr gilt natürlich auch diesmal das Credo: Vollständige oder objektive Bestenlisten gibt es nicht, sie bleiben stets Ausschnitte ohne Universalitätscharakter – eine persönliche Selektion nach individuellen Kriterien. Und trotzdem fiel es mir diesmal sogar schwer, eine für die eigenen Maßstäbe zufriedenstellende Rangliste zu kreieren.

2014 erschien mir in musikalischer Hinsicht nämlich in der Spitze sehr dicht gestaffelt, nur wenig hat sich daher wirklich für eine ‚Ehrung‘ aufgedrängt. Zwar gab es durchaus viele gute und sehr gute Alben, jedoch kaum besonders hervorstechende, brillante, mitreißende Werke, die meine subjektiven Knöpfchen zu drücken wussten. Oder lag es vielleicht an enttäuschten Erwartungen? Manche mit Vorfreude erwartete Alben gestandener Künstler konnten ihre Vorschusslorbeeren letztlich nicht ganz einlösen.

Beherrscht wurde das Jahr indes vor allem von Ambient- und Drone-Klängen, ätherisch-umwasserten Rock-/Pop-Formationen sowie ‚Hauntologen‘-Techno – es ist, als lege sich ein nebulöser Schleier um den Musikbetrieb unserer Zeit –, wohingegen viele bekannte Post-Rock-Bands solide Alben ohne größere Neuerungen nachlegten. Das Ranking haben diese Trends aber nicht unbedingt dominiert. Alles in allem war es ein knappes Rennen an der Spitze, mit vielen Anwärtern auf einen Startplatz, aber keinen echten Titelfavoriten. Nur eines kann ich vorab versprechen, Coldplay oder Kraftclub sind garantiert nicht darunter!

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Heute ist morgen ist vorgestern – Gefangen in der Retroschleife?

Im von mir nicht sonderlich geschätzten (aber das ist ein anderes Thema) Online-Mag Noisey, schrieb Joe Zadeh kürzlich einen Artikel über aktuelle Tendenzen und die Zukunft der Popkultur, der mich im Nachgang doch mehr beschäftigte als zunächst angenommen. Entgegen meiner Erwartungen war ich nicht auf einen weitere unsägliche, gewollt auf hip und jugendlich getrimmte Ansammlung von Fast-Food-journalistischen Phrasen gestoßen, sondern auf im Ansatz durchaus nachdenkliche Worte über eine kreative Sackgasse, auf welche die kontemporäre Musikkultur durch ihre pathologische Vergangenheitsfixierung in den 00ern zugesteuert wäre.
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Review: Aphex Twin – Syro [2014]

Aphex Twin - Syro| Erschienen bei Warp Records (2014) |

Wenn Richard D. James mittels seiner Musik eines am liebsten macht, dann ist es ganz sicher die Angewohnheit mit der Erwartungshaltung seiner Hörer zu spielen. Oder eine bestimmte Erwartungshaltung ähnlich wie Kollege Squarepusher erst gar nicht aufkommen zu lassen, indem man den Überraschungseffekt zum Aushängeschild macht – es kommt eben auf die jeweilige Sichtweise an. James ist ein stilistisches Chamäleon, das in nahezu genialischer Manier seinen eigenen Sound Metamorphosen noch und nöcher vollziehen lässt, geradezu spielerisch unterschiedlichen Strömungen Einlass in seinen Klangkosmos gewährt und gleichzeitig doch unverkennbar die eigenwillige Handschrift erkennen lässt. Unter seinen zahlreichen Pseudonymen widmete sich das unter Wunderkind-Verdacht stehende Schlitzohr schon in Teenagerzeiten nicht nur seinen berühmt gewordenen, traumwandlerisch ruhigen Elektroklängen („Selected Ambient Works 85-92“), sondern machte sich ebenfalls Formen des Industrial-Techno, Acid, Rave und Oldschool Breaks („Classics“) zu eigen; dazu kommen eine ganze Reihe wegweisender IDM-Veröffentlichungen („On“, „Hangable Auto Bulb“, „I Care Because You Do“ uvm.) mit universalem Meilenstein-Status. In den späteren 90ern prägte er maßgeblich die Entwicklung des Drill & Bass-Subgenres („Richard D. James Album“) und landete mit „Come To Daddy“ und „Windowlicker“ sogar zwei subversive Hits, bevor „Drukqs“ im Jahr 2001 als vorübergehendes Ende der Aphex-Ära die Musikgeschichte von vielen Jahrhunderten in einer herausfordernden Doppel-CD zu subsumieren schien. Doch auch danach ist der König der Soundtüftler nicht untätig, bringt unter dem AFX-Alias die „Analord-Serie heraus oder veröffentlicht inkognito als The Tuss exzellenten Braindance.

Die Erwartungen, um darauf noch einmal zurückzukommen, sie waren wohl bei noch keinem Aphex Twin-Album so hoch wie bei „Syro“. Immerhin hat sich James 13 Jahre Zeit für die Fertigstellung gelassen und die Öffentlichkeit weitgehend gescheut, um dann mit aufsehenerregenden PR-Tricks von Warp Records‘ Werbe-Abteilung die Aufmerksamkeit plötzlich wieder auf sich zu lenken. In der Zwischenzeit kokettierte James zu ausgewählten Anlässen damit, genug Material für mehrere Alben angehäuft zu haben, aber schlichtweg nicht in Release-Laune gewesen zu sein. So oder so, die Fallhöhe dürfte nicht geringer geworden sein. Doch all dieses Drumherum, die verblüffenden Marketingaktionen und doppelbödigen Interviews, sind vergessen und unwichtig, sobald der erste Ton von „Syro“ seinen Weg ins Ohr bahnt.

Dabei klingt der Nachfolger des labyrinthischen „Drukqs“ trotz der langen Veröffentlichungspause von Anfang an erstaunlich vertraut. Ein Eindruck, der fortan nicht mehr weichen wird. Diese verknoteten Rhythmen, seltsam entrückten Melodien und schrägen Basslinien – das kann nur ein Aphex Twin-Album sein. Moment mal! …war die unerwartete Komponente, diese Extradosis Wahnsinn, nicht eines der Markenzeichen? Stimmt, doch diesmal hat der gebürtige Ire offenbar keinen Generalangriff auf die allgemeinen Hörgewohnheiten vorgesehen. Stattdessen liefert er eine auffallend zurückhaltende, jedoch blitzsaubere Demonstration seines musikalischen Könnens ab, die weder den Hörer verstört noch großartige Stil-Modifikationen beinhaltet. Hyperaktive Ausbrüche sind eher die Seltenheit auf „Syro“, die Stücke in der Regel weit von Überfrachtung entfernt. Stattdessen scheint James die reduktionistische Schönheit der „Selected Ambient Works“ wieder für sich entdeckt zu haben, die er mit dem melodiös-treibenden AFX-Acid („Chosen Lords“) kombiniert. Das Ergebnis ist ein ausgeglichenes, kohärentes Werk: Ohne Frage verschroben, eigensinnig und weltvergessen, dabei aber so zugänglich wie lange nicht mehr.

Verträumte Synthie-Landschaften laden zum ausgiebigen Erkunden ein, natürlich nicht gänzlich ohne vertrackte Wegführung, Computer-Bleeps und das eine oder andere verrückte Detail am Wegesrand. Die Kompositionen scheinen vordergründig betrachtet nicht unbedingt fokussiert, doch erweist sich das auch gerade als eine Stärke von „Syro“. Aphex Twin arbeitet wie gewohnt nicht mit gewöhnlichen Spannungsbögen. Statt sich in dramaturgische Korsetts zu zwängen, lässt er den Sound fließen und sich entfalten, Altes verschwinden und Neues hinzukommen; ganz offen und grenzenlos. Selbst wenn die Veränderungen manchmal nur unscheinbar und verhalten sind – immer noch bringt er in wenigen Minuten mehr Ideen unter als manche anderen Künstler in einem ganzen Album.

Viele Tracks sind genau genommen nicht neu, sondern vor mehr als fünf Jahren entstanden, wie z.B. „XMAS_EVET10 [120][thanaton3 mix]“, dessen Livemitschnitt man sich als „Unreleased Metz Track“ schon seit geraumer Zeit im Netz anhören konnte. Und es ist der Musik durchaus anzuhören, dass sie größtenteils aus der Mitte der 2000er entstammt, was jedoch nicht negativ ins Gewicht fällt, denn die ausgefeilten Arrangements haben nach wie vor nichts von ihrer Faszination verloren. „4 bit 9d api+e+6 [126.26]“ hätte mit etwas mehr Lo-Fi-Appeal gefühlt auch vor fünfzehn bis zwanzig Jahren erscheinen können, nichtsdestotrotz nimmt man diese wohltuenden Höreindrücke liebend gerne mit. Wo sonst bekommt man schließlich derart leichtfüßige, in einzigartiger Erhabenheit strahlende und dennoch intellektuell bestechende Klangkunst geboten? Eben. „180db_ [130]“, das mit einfachen 4/4-Technobeats startet, wirkt eher wie ein ironischer Abgesang auf die Tanzmusik der 90er, wahrgenommen im Drogenrausch. Irgendwie scheint das Stück immer wieder beinah in sich zu kollabieren, aber degenerierte Rave-Fanfaren und Breakbeats bäumen sich mit letzter Energie dagegen auf. Es folgen ultrakomplexe Geniestreiche wie „CIRCLONT6A [141.98][syrobonkus mix]“, die man besser gar nicht mehr weiter kommentiert… Mit “PAPAT4 [155][pineal mix]” und “s950tx16wasr10 [163.97][earth portal mix]” haut der Chef-Exzentriker in der zweiten Albumhälfte doch tatsächlich noch mal mit handfesten Jungle-Rhythmen auf die Kacke, um die Platte anschließend mit den wundervollen Klavierakkorden von „aisatsana [102]“ leise, melancholisch und ergreifend simpel ausklingen zu lassen.

Manch einer wird das extreme Element oder neue Impulse vermissen. Wie vielerorts richtigerweise angemerkt wird, unterscheidet sich „Syro“ bis auf kleinere Akzentverschiebungen im Grunde wenig von dem, was James in den letzten zwei Dekaden fertiggebracht hat. Doch bevor man Britanniens vielleicht größten zeitgenössischen Musiker Rückwärtsgewandtheit vorwirft, sollte man sich klarmachen, dass die Klangwelt von Aphex Twin nie wirklich in der Gegenwart oder Zukunft verhaftet war, sondern sich trotz vieler Einflüsse seit jeher schon losgelöst von Raum und Zeit konstituierte. Auch beim Zusammenspiel der Melodien, Rhythmen und Geräusche auf „Syro“ hat man immer noch das Gefühl, mehr den Klängen von fernen Alienkolonien zu lauschen als denen einer menschlichen Vergangenheit. „Syro“ mag nicht so monumental ausufern wie „Drukqs“ oder so kompakt und verspielt wie das „Richard D. James Album“ daherkommen. Es ist einfach ein ziemlich gutes Album.

Tracklist:
01. minipops 67 [120.2] 
02. XMAS_EVET10 [120][thanaton3 mix] 
03. produk 29 [101]
04. 4 bit 9d api+e+6 [126.26]
05. 180db_ [130]
06. CIRCLONT6A [141.98][syrobonkus mix]
07. fz pseudotimestretch+e+3 [138.85]
08. CIRCLONT14 [152.97][shrymoming mix]
09. syro u473t8+e [141.98][piezoluminescence mix]
10. PAPAT4 [155][pineal mix]
11. s950tx16wasr10 [163.97][earth portal mix]
12. aisatsana [102]

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Kein Witz: Neues Aphex Twin-Album kommt 2014!

Wer in den letzten Tagen aufmerksam die Schlagzeilen der Musikpresse verfolgt hat, wird es höchstwahrscheinlich schon mitbekommen haben: IDM-Legende Aphex Twin veröffentlicht in naher Zukunft ein neues Album! Diverse Online-Magazine haben darüber berichtet.

Dem fulminanten und dank viraler Geheimnisskrämer-Strategie PR-taktisch äußerst geschickten  ‚Comeback‘ von Boards of Canada im letzten Jahr folgend, scheint 2014 der Weckruf für Richard D. James gekommen zu sein. Nach der aufsehenerregenden Crowdfunding-Aktion um ein inoffizielles 1994er Caustic Window-Release vor einigen Monaten, tauchten vor ein paar Tagen unterschiedliche Hinweise in Form von Aphex Twin-Logos in Metropolen wie New York oder London auf, bevor nun endgültig die Katze aus dem Sack gelassen wurde: „Syro“ heißt das neue Werk und hat mittlerweile auch eine offizielle Labelseite – bei Warp Records, kaum zu glauben!

Aphex Twin - Syro[Aphex Twin – „Syro“-Cover via Stereogum]

Wenn aus den bisher veröffentlichten Infos eines sicher scheint, dann ist es die Gewissheit, dass James seinen Wahnsinn eigenwilligen Humor offenbar nicht verloren hat. Man weiß gar nicht, was man schöner finden soll: die Trackliste mit wunderbar leicht über die Lippen gehenden Songtiteln wie 4 bit 9d api+e+6 [126.26]“ und „s950tx16wasr10 [163.97][earth portal mix]“ oder den mit besonderer Akribie hinsichtlich Wortwahl, Satzbau und Faktentreue verfassten Pressetext. Hier mal ein kleiner Vorgeschmack aus selbigem:

„Whenever one of the most celebrated and influential electronic fartist, Richard D. James can compete with the music flip to influence built. The better part of a decagon, James Polygon Window, Caustic Window, GAK and maintain, including `Aphex Twin has unreleased music under several thousand monikers great pace.

Began in the late 1780s and 90s during a turn in its manufacturing and technical skills, and nikharana Cornwallo, England grows, James, as a young maniton in various shops started DJing. Area of various musical score, James Analogue Booblebath EP was released in 1891, the results of the first series, he decided to record his gown music. Another influential London radio station piss FM’s attention, and then label immediately signed him to their rooster, then post & poplieereRS. That same year, James Acid shithouse to promote the song and trying to lift Grant Wilson-CLARIDGE on a biscuit founded his label Rephlex Records. (…)“

[Den ganzen Text und die Trackliste auf der WARP-Homepage lesen]

Äähhh nein, verstehen muss man das nicht unbedingt… einfach herrlich! Man darf sehr, sehr gespannt sein, ob die Musik hält, was ihre ’spektakuläre‘ Promo verspricht. Bereits am 19. September ist es jedenfalls soweit. Schon mal dick in roter Farbe im Kalender anstreichen, bitte!

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Richard D. James, Kickstarter und der ‚heilige Gral‘

Dass Richard D. James alias Aphex Twin in näherer Zukunft Musik veröffentlicht, damit rechnen sicher nur noch ganz wenige verbliebene Optimisten aus der Fanbase, obwohl der geniale Querkopf ja angeblich über die Jahre genug Material angehäuft haben soll, um etliche Alben füllen zu können – wenn er denn nur wollen würde. Für James gibt’s offenbar Wichtigeres als Plattenverkäufe, Geldverdienen ist für ihn eh bestenfalls sekundär und musikalische Lebenszeichen sind dementsprechend eben rar gesät. Da muss sich der Fan normalerweise damit zufrieden geben, dass James hin und wieder in den Livesets ein paar seiner unveröffentlichten Kreationen zum Besten gibt.

Wenn der Meister selbst also nicht unbedingt der Freigiebigste ist, wenn es darum geht, seine Anhänger an der außergewöhnlichen Kreativität teilhaben zu lassen und stattdessen lieber im stillen Kämmerchen für den Eigenbedarf komponiert, müssen wohl andere Wege gefunden werden, um das Verlangen nach mehr verschrobener Beatkunst von Irlands Neo-Mozart zu stillen. So kam es jetzt dazu, dass sich engagierte Hörer aufgemacht haben, um eine Rarität aus den Archiven ans Tageslicht zu holen: Eine LP aus dem Jahre 1994, die James unter seinem Pseudonym Caustic Window anfertigte, die aber bislang niemals den Weg in die Öffentlichkeit fand. 20 Jahre versauerte das Werk als Testpressung in der Versenkung. Angeblich nur vier Exemplare, die unter Verschluss gehalten wurden, soll es gegeben haben. Bei den Besitzern handelte es sich um Mike Paradinas (aka µ-ziq), Chris Jeffs (aka Cylob), Grant Wilson-Claridge (Mitbegründer von James‘ Rephlex-Label) und natürlich Richard James himself.

Im April 2014 tauchte ein Exemplar der Platte mit dem ominösen Katalogtitel „CAT 023“ dann als Angebot auf Discogs.com zu einem stolzen Verkaufspreis von 13.500 $ auf! Es folgte eine beispiellose Kickstarter-Kampagne, die von dem Fan-Forum We Are The Music Makers initiiert wurde, mit dem Ziel, die Kopie zu erwerben und legal zu vervielfältigen. Das Ergebnis dieser unorthodoxen DIY-Aktion als erfolgreich zu bezeichnen, wäre dabei eine glatte Untertreibung. Mit einer Beteiligung von sagenhaften 67.424 $ bei einer geforderten Summe von 9.300 $ ist die Kampagne durch alle erdenklichen Decken gegangen! Mag man den ganzen Wirbel als Außenstehender möglicherweise als befremdlich und fanatisch empfinden, ist es dennoch eine erstaunliche Demonstration für die Wertschätzung eines Künstlers durch die Hörerschaft und sollte sowohl der Musikindustrie als auch den raffgierigen Handlangern der Verwertungsgesellschaften zu Denken geben.

Doch hält die 15 Track-starke „Caustic Window LP“ auch wirklich, was der Hype verspricht? Nunja, die ersten beiden Tracks, „Flutey“ und „Stomper 101mod Detunekik“ sind allemal solide Stücke elektronischer Musik, aber Weltbewegendes passiert in dieser Anfangsviertelstunde noch nicht. Ansätze der typischen Aphex Twin-Magie kommen erstmalig bei „Mumbly“ auf, das in Sachen Melodien und Athmosphäre noch ein wenig mehr drauf legt und auf einen schroffen, buckligen Beat setzt. Die gebrochenen Rhythmen von „Fingertrips“ zählen sicher ebenfalls zu den Highlights, wie auch das stampfende „Airflow“ mit seinen wunderschönen Synth-Texturen. Unerwartete Leichtigkeit in das ansonsten recht sperrige Gesamtbild bringen „Squidge in the Fridge“ und „Jazzphase“ hinein, doch da nähert sich die LP schon langsam ihrer Endphase. Diese erstahlt zunächst in „101 Rainbows (ambient mix)„, bevor in den harten, wenig melodischen Beiträgen „Phlaps“ und „Cunt“ die Kakophonie Einzug hält. Abschließend lässt Richard D. James‘ dann noch ein mal seinen schrägen Humor aufblitzen, anders ließe sich nicht erklären, wieso er zum Ende des Albums einfach noch ein paar „Phone Pranks“ draufpackt.

Halten wir also fest: Durch schmuckloses Tribal-Gekloppe, kantigen Acid-Breakbeat und entrückt schwelgerischen Alien-Techno manövrierend, bietet die repetitive und nicht ganz leicht zugängliche LP ungefähr das, was man von einem verworfenen James-Release anno 1994 erwarten durfte. Das neue alte Caustic Window-Werk ist damit ganz sicher nicht der ‚heilige Gral‘, den sich manch einer erhofft haben dürfte. Dafür, dass es jedoch praktisch aus dem Nichts kommt, gibt es keinerlei Grund zur Enttäuschung, bereichert es die musikalische Welt immerhin um ein hörenswertes Zeitdokument.

Links:
The Virtuous Circle of Aphex Twin Fandom (Marc Weidenbaum)
FACT Online

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Happy Birthday: 20 Jahre Selected Ambient Works Volume II

Die Überschrift sagt es bereits: 20 Jahre ist es nun her, dass Richard David James alias Aphex Twin seine bahnbrechenden „Selected Ambient Works Vol. II“ veröffentlicht hat. Ein zweieinhalbstündiges Mammutwerk, das nicht nur eine Fülle von Künstlern weltweit inspirierte, sondern bis heute seine Hörer nachhaltig zu faszinieren scheint und trotz seines Alters geheimnisumwoben bleibt. Es wäre also durchaus angebracht, „SAWII“ mit einer ausführlichen Revisite an dieser Stelle gebührend zu würdigen, doch ein Blick ins englischsprachige Web offenbart, dass dies bereits in umfassender Form geschehen ist, jeweils sehr lesenswert und informativ z.B. bei The Quietus und The Stranger, sodass ich es hier bei einem überblicklerischen Jubiläumsgruß belasse.

Im ersten Moment scheint wohl nicht für jeden ersichtlich, was denn hier gerade das Besondere der Musik ausmacht. In der Tat ist das nicht so leicht zu erklären. Obwohl in ihrer Konzeption weniger extrem als das Spätwerk von Richard D. James gehalten, sind die langen und ruhigen Stücke keine Musik, der man sich wie gewöhnlicher Radiobeschallung nähern könnte.
Marc Weidenbaum hat dem Album zu seinem Jubiläum im Rahmen der 33 1/3-Reihe  sogar ein ganzes Buch gewidmet (hier ein Interview dazu), das sich tiefer in die Materie begibt, und, wie ich fest annehme, neben einer Erschließung des kulturellen Kontextes auch Anreize zum detaillierteren Verständnis bietet. Für ihn ist „SAWII „a monolith of an album, but one in the manner of Stanley Kubrick’s 2001: A Space Odyssey, one that reflects back the viewer’s impression…. It is an intense album of fragile music“ (Quelle).
Aus sich selbst heraus transportiert das Werk keine archetypischen Emotionen wie Wut, Trauer, Freude oder Angst, agiert eher im subliminalen Bereich. Das mag ein Grund sein, weshalb es nicht bei jedem Anklang findet, sogar für einen nicht unerheblichen Teil potentieller Hörer wohl schlicht uninteressant ist. Sich häufig auf der Grenze zur puristischen Raummusik bewegend, bestehen die Kompositionen aus vielen repetitiven Elementen. Manchmal pluckert es ausdauernd im ähnlichen Tonfall, wird aber dennoch nie dabei langweilig. In seinen besten Phasen ist „SAWII“ fast magisch, vergehen die Minuten auch beim konzentrierten Hören wie von selbst, sogar wenn Melodieläufe sich beinah unverändert über längere Zeit wiederholen.

Ich könnte hier noch weiter versuchen, die durchaus einzigartige Wirkung des Ganzen in Worte zu fassen, wobei diese Methode ohnehin nicht repräsentativ wäre, da sich aller Wahrscheinlichkeit nach bei jedem eine andere Erfahrung bietet. Besser ist, man hört sich stattdessen zeitlose Stücke wie „Rhubarb“ oder „Blue Calx“ einfach an und erfährt diese suggestive Urkraft am eigenen Leib bzw. Geist. Wieder und immer wieder.


Links:
Marc Weidenbaums Detailstudie zu „SAWII“ bei Amazon
Aphex Twins „Selected Ambient Works Volume II“ auf YouTube anhören
333Sound.com

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