Beiträge getaggt mit The Prodigy

Review: The Prodigy – The Day Is My Enemy [2015]

The Prodigy - The Day Is My Enemy| Erschienen bei Take Me To The Hospital / Cooking Vinyl (2015) |

“Any musician that puts himself primarily at the service of his audience is likely to quite rapidly become a self-repeating machine.With audiences, there’s always a tension. Audiences, particularly at gigs, tend to want to hear the favorites, and if you’re not careful, as I see it, and I certainly feel that I’ve observed it in looking at other people’s careers, you can get fenced into an area that the audience wants you in.” (Squarepusher)

Die Vorgeschichte

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Video: The Prodigy – Nasty

In Unterzahl, von allen gejagt und am Ende doch die Oberhand gewonnen, die Gegner sogar auf die eigene Seite gezogen – so in etwa ergeht es dem protagonistischen Fuchs in The Prodigys schick animierten Video zur neuen Single »Nasty« und nur ein Schelm würde hier gewisse Parallelen zum Selbstverständnis der Band erkennen. Die Crew aus Essex versteht sich eben noch immer am liebsten auf Abgrenzungkämpfe gegen die ‚Anderen‘ da draußen. »Always Outnumbered, Never Outgunned« hat als Devise scheinbar noch lange nicht ausgedient.

In musikalischer Hinsicht reminisziert der Track aber eigentlich nur wenige Aspekte jenes unterschätzten Albums aus dem Jahr 2004. Das gegenwärtige Lebenszeichen könnte Kritikern diesmal zur Abwechslung wirklich berechtigten Stoff für den Vorwurf liefern, man hätte hiermit lediglich einen Abklatsch alter Glanztaten vorgelegt. In seinen schwächsten Momenten, etwa den teils aus übergeschnappten, recht plakativen – ironischerweise eher kraftlos vorgetragenen – Selbstbehauptungen bestehenden Lyrics, ruft »Nasty« unangenehmerweise sogar das verworfene Material inklusive Bandkrise aus der Zeit kurz nach der Jahrhundertwende ins Gedächtnis (von der bis auf das gar nicht mal soo üble »Baby’s Got A Temper« fast alle Spuren beseitigt wurden).

Zugegeben, das wäre jedoch eine arg drastische Einschätzung der Lage. Liam Howletts Sound mag sicherlich schon bessere Tage gesehen haben und die vorliegende Single ist nicht gerade ein kreativer Höhenflug, jedoch genauso wenig ein Schandfleck in der Diskographie. Ein kurzweiliges, schnörkelloses Geballer im bewährten Breakbeat-Punkrock-Gewand, das den meisten Hardcore Techno- und Metal-Acts immer noch locker die Show stiehlt. Mit dieser Nummer kann man sich arrangieren. Ob dieses solide Mittelmaß eine Wartezeit von mehr als fünf Jahren rechtfertigt, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Abzuwarten bleibt weiterhin, ob The Prodigy auf ihrem kommenden Album »The Day Is My Enemy« mehr als bloße Routine aufbieten können… wenngleich ungelenke und etwas einfallslose Songtitel wie »Rebel Radio« (RATM-Anspielung?), »Rok-Weiler« oder »Rhythm Bomb« bislang nicht unbedingt dafür sprechen. Bis dahin kann man sich lediglich in Spekulationen ergehen…

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Happy Birthday, Jilted Generation!

Vor ziemlich genau 20 Jahren erschien The Prodigys Kultalbum „Music for the Jilted Generation„. Grund genug, um eine Rückschau zu wagen und diesen Klassiker noch ein mal ausdrücklich zu würdigen…

Als Liam Howletts Geniestreich anno 1994, genauer gesagt am 4. Juli des besagten Jahres, veröffentlicht wurde, war ich vier Jahre alt und es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich etwas von dieser Musik, die ihrerzeit einer kleinen Revolution gleichkam, bewusst mitbekommen habe (zwei Jahre später sollte sich das mit „Firestarter“ abrupt ändern). Sicher irgendwie bedauerlich, aber eben dem jungen Alter geschuldet. Viel später erst sollte ich diesen Meilenstein für mich entdecken und richtig zu würdigen wissen. Doch hier soll es eben nicht um meine persönliche, offen gestanden wenig interessante, Story gehen.

“I was feeling free – free of the rave BPMs, and feeling slightly rebellious against it. Rave had turned into something that we didn’t like. I remember standing on stage in Scotland, at a rave, and it just felt silly. I was like: ‘What the f*ck am I doing here? I’m not into this. It’s now so far from what it was.’ That made me want to do something different.”
(Liam Howlett)

Aus musikhistorischer Perspektive liegt es rückblickend nah, „Music for the Jilted Generation“ als Bindeglied in der musikalischen Entwicklung von The Prodigy zu verorten, das den Wechsel vom wenig massentauglichen Hardcore Rave („Experience„, 1992) zum stilistisch unverwechselbaren Rock’n’Roll-Psycho-Breakbeat („The Fat of the Land„, 1996) markiert, der ungeachtet seiner innovativen Form zum internationalen Chartbreaker avancierte. Ein gewisser Übergangscharakter beim Zweitwerk ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dennoch verkennt dieses Labeling die eigentliche Wirkungsmacht und Einflusskraft des 94’er Longplayers. So großartig sein Vorgänger und der Nachfolger auch gewesen sind, der wirkliche Coup ist Howlett und Co. mit „Music for the Jilted Generation“ gelungen! Ein nie dagewesener Hybrid aus Rock und Rave, der alles gleichzeitig und doch nichts von beidem war; einer, der vor lauter Ideen überzulaufen schien (ebenfalls nicht zu vergessen sind die Jazz-, Funk- und Hip Hop-Einflüsse) und bezeichnend war für die wahrscheinlich produktivste und kreativste Phase einer in vielerlei Hinsicht unkonventionellen Band.

Das Cover-Artwork allein ist ein kleines Meisterwerk. Kalt, synthetisch, aber alles andere als hochglanzpoliert sieht das Motiv aus. Es zeigt die Konturen eines Gesichtes, die aus einem metallisch anmutenden Untergrund hervorzutreten scheinen. Der Mund ist weit aufgerissen. Maskenhaft, fremdartig und ein bisschen unheimlich wirkt diese Silhouette. Manche fühlen sich an Han Solos Karbonit-Hülle aus „Star Wars“ erinnert, andere wiederum an den Flüssigmetall-Androiden T-1000 aus „Terminator 2„. Oder handelt es sich möglicherweise doch bloß um ein Industrial-Update von Munchs „Der Schrei“? The Prodigy - Music for the Jilted Generation ArtworkSo ganz eindeutig mag man das Gezeigte nicht einordnen. Es bleibt bei vage angedeuteten Vielleicht-Referenzen. Das Motiv erscheint nicht nur deshalb fremd und vertraut gleichzeitig – für Freud schlichtweg die Definition des Unheimlichen. Was verbirgt sich hinter der silbrigen Ausformung?  Ist sie ein Insignium für etwas Lebendiges, das sich dort hinter befindet? Oder doch nur ein simpler Abdruck, eine eiserne Totenmaske? Ist es artifizieller Herkunft, vom Menschen gemacht? Diese unbeantwortbaren Fragen und suggestiven Qualitäten geben der Abbildung etwas Rätselhaftes. Dass sie nicht zu viel verrät, ist einer der Gründe, weshalb sie so reizvoll für den Betrachter ist. In jedem Falle transportiert das Jilted-Generation-Motiv jene sinister anmutenden Fortschrittsgedanken der 90er Jahre, die im multimedialen Vernetzungswahn und einer regelrechten Technophilie kulminierten. Wenngleich deutlich subtiler im Ausdruck, steht es damit auch dem nicht weniger gelungenem Artwork von Apollo 440s „Millenium Fever“ nahe, das die Ästhetik des Cyberpunks noch unmittelbarer repräsentiert und in Kombination mit seinem Albumtitel sogar eine unmissverständliche Ausrichtung vornimmt.

Mit dem Titel nahm man im Fall von The Prodigy hingegen scheinbar direkt Bezug auf eine Subkultur desillusionierter Jugendlicher, denen man die letzten Rückzugsgebiete wie z.B. Warehouse-Parties per Gesetz weggenommen hatte („Fuck’em, and their law!„). Howlett bestreitet diesen Zusammenhang und dennoch klingt es auf dem Album fast so, als wollten The Prodigy mit einem sich über stilistische Grenzen hinwegsetzenden Sound die verschiedenen Szenen auseinandernehmen und zu etwas Neuem vereinen. Experimentierfreudig ging man vor und dementsprechend abwechslungsreich ist auch das Programm, kamen hier mit Drum Machines, gesampelten Percussions, E-Gitarrenriffs, Synthieflächen, gepitchten Vocals, Flöten-Arrangements, Filmschnippseln, Acid-Geblubber usw. eine Fülle an unterschiedlichen Zutaten zum Einsatz, ohne dass das Ergebnis beliebig wirkte oder an Konsistenz vermissen ließ. Jeder der 12 Tracks klingt einzigartig und würde eine seperate Besprechung verdienen. Zusammengehalten als Gesamtwerk wurde das alles hauptsächlich durch die angenehm dreckigen Breakbeats und erhabenen Synthesizer-Klänge, die finster und spacig tönen.

Auch nach zwei Dekaden und unzähligen Durchläufen ist es immer noch erstaunlich, wie dicht und mitreißend Howlett sein Opus Magnum gewebt hat: Ein Highlight folgt auf das nächste, „MFTJG(so die inofizielle Kurzform) ist episch und kompakt, atmet neonfarbige 90er-Jahre Luft und ist seiner Zeit dennoch um Lichtjahre voraus gewesen. Untypische, wüst daherkommende Hits wie das unnachahmlich galoppierende Brett „Voodoo People“ oder Kopfnicker „Poison“ mit seinem Jam-Charakter, sind genauso anzutreffen wie großzügige UK Hardcore-Rückstände, denen man in oldschooligen Breakbeat-Attacken der Marke „Full Throttle“ oder „One Love (Edit)“ begegnet. Den endgültigen Siegeszug auf den musikalischen Olymp tritt die Truppe aus Essex jedoch erst in der Verlängerung an: Das finale Dreigestirn mit dem Untertitel „The Narcotic Suite“ hievt das bereits zu diesem Zeitpunkt hervorragende Album in schwindelerregende Sphären. „3 Kilos“ läutet die Odyssee tiefenentspannt und verspielt ein, langsam und majestätisch beginnt man schließlich abzuheben und alles um einen herum verschwindet in der Ferne. In „Skylined“ hat man die Umlaufbahn längst verlassen. Schwerelos lauscht man dem experimentellen Weltraum-Techno, aufregend und wunderschön ist das, aber auch ungewiss und trügerisch still. Allmählich wandelt sich die erhebende Spannung in eine zunehmend hypnotische Beklemmung. Was vorher noch frei und grenzenlos schien, zieht sich immer enger um den Hörer zusammen. Bei „Claustrophobic Sting“ ist man bis in die dunkelsten Randbereiche des Universums vorgedrungen und blickt dem puren Nichts ins Auge. „My mind is glowing„, ein fiebriger Acid-Rave-Alptraum zum Abschluss. Man klopft an die Türen des Unfassbaren. 78 Minuten und sieben Sekunden sind gespielt. Und dann endet es.

Während die Welt in trashigem Euro Dance und dumpfer Grunge-Ödnis zu versinken drohte, waren vier englische Querdenker längst zwei Schritte weiter, wenn auch die Errungenschaften dieses Weges eine unvermeidliche Eigendynamik nach sich zogen, die von der Band selber erst ein mal verkraftet werden musste. Sie hatten alles Vorherige durcheinandergewirbelt und wären bei all der Energie fast selber ins Schleudern gekommen. The Prodigy expandierten, verkauften Millionen Platten, füllten Stadien und blieben gleichzeitig doch irgendwie Underground im Geiste. Das soll ihnen mal einer nachmachen…

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