Beiträge getaggt mit Electronic-Rock

Review: Three Trapped Tigers – Silent Earthling [2016]

Three Trapped Tigers - Silent Earthling Cover| Erschienen bei Superball Music (2016) / Cover-Artwork von Paul Maurice |

Seien wir ehrlich: Als Tom Rogerson, Matt Calvert und Adam Betts sich für ihren Bandnamen entschieden, hätte ihnen der Irrtum eigentlich sofort klar gewesen sein müssen. Ganz anders als eine Raubkatze hinter Gitterstäben – passiv, träge, jeglicher Kraft und Gefahr beraubt – gelang dem Trio in der MySpace-Ära mit wilden, unberechenbaren, regelrecht entfesselten Performances der Durchbruch auf der Insel. Vielleicht spricht aus dieser an Ironie nicht sonderlich armen Namenswahl ja nur eine gewisse Vorliebe der Instrumentalmusiker, ahnungslose Hörer auf die falsche Fährte zu locken. Ihr ebenso verspielter wie technisch versierter Stilhybrid, der die für sich alleine betrachtet schon exzentrischen Sphären von Don Caballero und Squarepusher vereinen konnte, verdiente sich mit all seinem Gebimmel, Geklacker und Gefrickel den sprichwörtlichen Titel der klanggewordenen Wundertüte – und stellte Gewohnheitstiere damit vor handfeste Herausforderungen.

Für »Silent Earthling« haben sie fast fünf Jahre nach ihrem Debütalbum »Route One or Die« das ultradichte Soundgefüge, so scheint es mir zumindest, ein wenig aufgeräumt: Drum Kit, E-Gitarre, Lead-Synthies werden als Kernelemente der textfreien Songs nun klarer erkennbar. Insbesondere die noch eingängiger gewordenen Keyboardlinien stehen stärker denn je im Vordergrund. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass ihnen komplexe Arrangements und Spielwitz abhandengekommen wären – nach wie vor wird mit Rhythmus- und Tempowechseln die Aufmerksamkeit gefordert, tummeln sich eine Menge verschiedener Zutaten im Topf. Für TTT-Verhältnisse jedoch ist manch eine Passage im Vergleich zum sprühenden Erfindungsreichtum vergangener Releases beinah schon überschaubar geraten. Beinah, wie gesagt.

Von Reduktion kann und darf angesichts immer noch überdurchschnittlich üppiger Ausgestaltung keine Rede sein. Der mächtige Titeltrack gibt sich schon in seinem hallenden Intro wenig Mühe, die durchaus beachtlichen Größenverhältnisse herunterzuspielen, ehe Betts‘ spektakuläres Drumming »Silent Earthling« zum ersten, aber nicht einzigen Mal auf Höchstgeschwindigkeit katapultiert; diverse, mehr oder weniger betuliche Abschnitte kulminieren letztlich in einen schwindelerregenden Synthesizer-Strudel. Derlei Momente, wie sie der Opener bereithält, die ein merkliches Gewicht mit sich bringen, bilden seltene Ausnahmen auf der Platte. Rogerson und Co. verlegen sich hier überwiegend auf unbeschwerten Synth-Prog-Optimismus, stets im flinken Wechsel zwischen Gaspedal und Bremse. Für »Kraken« ist man sich sogar nicht zu schade, sich ein wenig jener ‚Cockiness‘ zu bemächtigen, die normalerweise eher dem puristischen Rockspektrum zu eigen ist, um diese einer nerdigen Neubehandlung zu unterziehen. Dessen ungeachtet ist das symbiotische Zusammenspiel von Elektronik und verzerrten Gitarren einfach hervorragend, auch wenn hier schon mal die eine oder andere anachronistische Keyboard-Einlage für irritiertes Aufhorchen sorgt.

Dass die Band sich an solchen oder ähnlichen Zuschreibungen vermutlich nicht besonders stören wird, liegt denn auch an ihrer spleenigen, aber unprätentiösen Herangehensweise, wie man sie gerade im Math-Rock der jüngeren Vergangenheit häufig antrifft. Keine Spur also von überkandideltem, pseudoelitärem ‚High-Art‘-Gehabe oder schwülstigem Ästhetizismus. Bei aller Virtuosität zeigen die Tiger keinerlei Berührungsängste mit dem vermeintlich ‚Trivialen‘, schöpfen im Gegenteil ausgiebig aus den künstlichen Welten der Massenkultur. Vor allem ältere Videogame-Soundtracks scheinen es ihnen angetan zu haben. »Rainbow Road« referiert sogar schon namentlich an die Rennstrecke aus den Mario Kart-Spielen und ‚emuliert‘ auch gewissermaßen deren klanglichen Ausdruck. Der merkliche 80er-Computermusik-Einschlag des Albums lässt sich ohne weiteres als retro-nostalgische Strategie klassifizieren. Und damit wären TTT, glaubt man Simon Reynolds, dem Zeitgeist paradoxerweise wieder sehr nah. Aber womöglich lohnt es sich auch, zumindest darüber nachzudenken, ob ihr Ansatz dem eklektizistischen Eifer eines Oneothrix Point Never vielleicht näher steht als angenommen, mag dieser Vergleich zunächst auch abwegig erscheinen. Als ein mit dem elektronischen Sektor assozierter Solo-Künstler (um nicht die irreführende Vokabel ‚Producer‘ weiterzutragen) nähert sich Daniel Lopatin der Angelegenheit nur eben von der anderen Seite – und verarbeitet natürlich ungleich abseitigere bzw. weniger erinnerungswürdige Facetten der Konsumgesellschaft als die eher heimelig verklärten Pixelwelten aus der Kindheit.

Dieser quietschbunte Nintendo– und Arcade-Automaten-Charme jedenfalls kann durchaus mit den zuletzt so überdrehten Veranstaltungen von Battles oder And So I Watch You From Afar in Konkurrenz treten. So unterhaltsam sich diese Komponente im Sound auch weitgehend niederschlagen mag, verlieren sich einige Songs leider einen Tick zu sehr im naiven Kitsch… ja, es droht der Überdruss an Regenbogenfarben! »Blimp« und das erste Drittel von »Engrams« sind etwas zu zuckrig geraten, beim genannten »Rainbow Road« verlässt man sich außerdem das eine Mal zu viel auf hymnisches Lalala als kompositorischen Rettungsanker. Der an und für sich wunderbar wüste Math-Ausbruch kurz vor Schluss wirkt im Kontext dann irgendwie zu halbherzig und bemüht, um das Steuer noch herumreißen zu können.

Abseits dieser Kritikpunkte ist das auf »Silent Earthling« Geleistete jedoch definitiv zu würdigen. Gerade der Einfluss jener Inspirationsquellen, die über Daddelbuden-Ästhetik hinausweisen, geht beim flüchtigen Hören fast unter. Das energetische »Strebek« glänzt mit Synthie-Eskapaden im Stile Aphex Twins sowie einem pastoralen Ambient-Outro. »Hemisphere« hingegen greift auf subtile Weise die unterkühlte Soundpalette von Electro-Funk und Old School Hip-Hop auf. Und »Rainbow Roads« Rhythmik erinnert sicher nicht zufällig an die des Drum & Bass.

Bleiben in der Aufzählung also noch zwei bislang gänzlich unerwähnte Stücke übrig, die aber unbedingt einer Bemerkung bedürfen: »Tekkers«, weil es in seiner markanten Einfachheit problemlos in das Happy End eines typischen High School-Films passen würde, wo es dann auf dem Abschlussball gespielt würde – und trotzdem sehr cool geraten ist! Ebenfalls nicht zu vergessen: »Elsewhere«, der tatsächliche (und nebenbei grandiose) Schlusspunkt der Platte. Die Gruppe bringt hier ihre ganze Stärke zur Geltung, die nämlich nicht einfach nur Könnerschaft und raffiniertes Engineering umfasst, sondern sich in Verbindung mit einer gesunden Portion Sentimentalität erst wirklich entfaltet. Unterm Strich ist »Silent Earthling« ein gutes Album mit ein paar signifikanten  Ausschlägen nach oben. Wenn es auch etwas hinter seinen Vorgängern, insbesondere der tollen EP-Sammlung, zurückfällt, gelingt Three Trapped Tigers kurzweiliger und dabei clever aufgebauter Synth-Rock, der zu keiner Sekunde streberhaft rüberkommt. Für dieses Mal haben sie den Streckenverlauf klar abgesteckt und manchmal gar ein bisschen zu konsequent verfolgt. Nun wird es spannend sein, zu erfahren, welche Richtung als nächstes eingeschlagen wird.

Tracklist:
01. Silent Earthling  
02. Strebek  
03. Blimp
04. Engrams
05. Tekkers  
06. Hemisphere  
07. Rainbow Road
08. Elsewhere  

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Does It Offend You, Yeah?: Keine Comeback-Pläne!

Lange hat man nichts mehr gehört von Does It Offend You, Yeah?. Das ist an sich nicht verwunderlich. Vor drei Jahren gab die Band aus Reading (UK) nämlich bekannt, ihr Projekt nach zwei erfolgreichen Alben und ereignisreichen Tourneen für unabsehbare Zeit auf Eis zu legen. Das dürfte Viele trotzdem nicht davon abgehalten haben, auf ein möglichst baldiges Comeback zu hoffen. Bis zuletzt schien die Resonanz unter den Fans schließlich noch recht groß. Diesen Hoffnungen hat die fünfköpfige Briten-Formation nun jedenfalls einen herben Dämpfer verpasst. In einem Facebook-Statement stellte man klar, dass auch weiterhin keine Pläne bestehen, DIOYY wiederzubeleben:

„We would just like to say we are very flattered with the response we got to Dan’s message. While it is indeed lovely to see you are all still there, we have to point out that there are no plans to tour or release any new music at the moment, Never say never though! We feel that the DIOYY album we would want to make is not the one you would want to hear. We have never been in the business of repeating ourselves. We always had a go at something new. Sometimes it worked, other times it didn’t, but that’s nature of the beast we decided to tussle with. Again thanks so much. Its nice to see so many of you still dancing to our odd little beats.“

Obwohl das natürlich alles sehr schade ist, so ist es doch gleichzeitig bemerkenswert, dass die 5er-Combo – zumal in ihrer Heimat ziemlich populär – auf die Fortführung einer mutmaßlich relativ sicheren Erfolgsgeschichte verzichtet, weil sie sich eben musikalisch nicht wiederholen möchten. Vorbildlich, da könnten sich einige Bands mal eine Scheibe von abschneiden! Nettes Detail: Ganz ausschließen möchte man eine Rückkehr in ferner Zukunft dann aber doch nicht. We’ll see…

Does It Offend You, Yeah? - Facebook PostDer originale Facebook-Post

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Review: The Prodigy – The Day Is My Enemy [2015]

The Prodigy - The Day Is My Enemy| Erschienen bei Take Me To The Hospital / Cooking Vinyl (2015) |

“Any musician that puts himself primarily at the service of his audience is likely to quite rapidly become a self-repeating machine.With audiences, there’s always a tension. Audiences, particularly at gigs, tend to want to hear the favorites, and if you’re not careful, as I see it, and I certainly feel that I’ve observed it in looking at other people’s careers, you can get fenced into an area that the audience wants you in.” (Squarepusher)

Die Vorgeschichte

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Video: The Prodigy – Nasty

In Unterzahl, von allen gejagt und am Ende doch die Oberhand gewonnen, die Gegner sogar auf die eigene Seite gezogen – so in etwa ergeht es dem protagonistischen Fuchs in The Prodigys schick animierten Video zur neuen Single »Nasty« und nur ein Schelm würde hier gewisse Parallelen zum Selbstverständnis der Band erkennen. Die Crew aus Essex versteht sich eben noch immer am liebsten auf Abgrenzungkämpfe gegen die ‚Anderen‘ da draußen. »Always Outnumbered, Never Outgunned« hat als Devise scheinbar noch lange nicht ausgedient.

In musikalischer Hinsicht reminisziert der Track aber eigentlich nur wenige Aspekte jenes unterschätzten Albums aus dem Jahr 2004. Das gegenwärtige Lebenszeichen könnte Kritikern diesmal zur Abwechslung wirklich berechtigten Stoff für den Vorwurf liefern, man hätte hiermit lediglich einen Abklatsch alter Glanztaten vorgelegt. In seinen schwächsten Momenten, etwa den teils aus übergeschnappten, recht plakativen – ironischerweise eher kraftlos vorgetragenen – Selbstbehauptungen bestehenden Lyrics, ruft »Nasty« unangenehmerweise sogar das verworfene Material inklusive Bandkrise aus der Zeit kurz nach der Jahrhundertwende ins Gedächtnis (von der bis auf das gar nicht mal soo üble »Baby’s Got A Temper« fast alle Spuren beseitigt wurden).

Zugegeben, das wäre jedoch eine arg drastische Einschätzung der Lage. Liam Howletts Sound mag sicherlich schon bessere Tage gesehen haben und die vorliegende Single ist nicht gerade ein kreativer Höhenflug, jedoch genauso wenig ein Schandfleck in der Diskographie. Ein kurzweiliges, schnörkelloses Geballer im bewährten Breakbeat-Punkrock-Gewand, das den meisten Hardcore Techno- und Metal-Acts immer noch locker die Show stiehlt. Mit dieser Nummer kann man sich arrangieren. Ob dieses solide Mittelmaß eine Wartezeit von mehr als fünf Jahren rechtfertigt, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Abzuwarten bleibt weiterhin, ob The Prodigy auf ihrem kommenden Album »The Day Is My Enemy« mehr als bloße Routine aufbieten können… wenngleich ungelenke und etwas einfallslose Songtitel wie »Rebel Radio« (RATM-Anspielung?), »Rok-Weiler« oder »Rhythm Bomb« bislang nicht unbedingt dafür sprechen. Bis dahin kann man sich lediglich in Spekulationen ergehen…

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