Review: The Prodigy – The Day Is My Enemy [2015]

The Prodigy - The Day Is My Enemy| Erschienen bei Take Me To The Hospital / Cooking Vinyl (2015) |

“Any musician that puts himself primarily at the service of his audience is likely to quite rapidly become a self-repeating machine.With audiences, there’s always a tension. Audiences, particularly at gigs, tend to want to hear the favorites, and if you’re not careful, as I see it, and I certainly feel that I’ve observed it in looking at other people’s careers, you can get fenced into an area that the audience wants you in.” (Squarepusher)

Die Vorgeschichte

Es gibt viele Momente, in denen man sich wünscht, manch ein Musiker hätte sich diese weisen Worte von Tom Jenkinson alias Squarepusher wirklich zu Herzen genommen. Dabei wäre man vor 20 Jahren sicher nicht auf die Idee gekommen, den Namen Liam Howlett auch nur in irgendeiner Weise mit kreativem Stillstand und Anbiederung zu assoziieren: »Experience«, »Music For The Jilted Generation« und »The Fat Of The Land« hießen die drei unorthodoxen Meilensteine, die in den 90er Jahren gleichermaßen aus dem ekstatischen Freudentaumel der aufkeimenden Rave-Kultur sowie deren abrupt herbeigeführten, desillusionierenden Niedergang und der folgerichtigen Abkehr von der nun so fremdgewordenen Szene erwuchsen. Die frühe Musik von The Prodigy wird auf ewig verbunden sein mit dieser kurzzeitigen, aber umso intensiveren Phase der Euphorie, utopischen Verheißungen, ungebremsten Fortschrittsgläubigkeit und des eigentlich unpolitischen – und deshalb politisch gerade so wichtigen – Protests der Jugend gegenüber den restriktiven Elementen von Staat und Elterngeneration. Raven hieß damals nach romantisierter Auslegung: Frei sein von gesellschaftlichen Zwängen der Altvorderen und Mächtigen, vom trostlosen fremdbestimmten Alltag, den Blick immer nach vorne gerichtet – bis diese am Rande der Legalität angesiedelten Guerilla-Parties endgültig kriminalisiert und eine Subkultur in die Kommerzialität gezwungen wurde. Dass die Truppe um Howlett, Thornhill, Flint und Palmer nach dem jähen Ende des Untergrund-Raves nicht gleichsam wehmütig unterging, sondern das musikalische Heil an anderer Stelle, auch in den Arenen jenseits des Atlantiks suchte, ließ sie gestärkt aus dem Trümmerhaufen hervorgehen und letztlich zur innovativen Speerspitze der Dekade werden – trotz des Wiederstands diverser Genre-Puristen, Underground-Verfechter und vermeintlicher Sittenwächter. Die Genese des janusköpfigen ‚Prodigy‘-Sounds ist ohne jeden Zweifel in diesen speziellen Konstellationen und Umwürfen verankert.

Die Höhenluft aber bekam der Essex-Crew auf Dauer nicht gut und das Kollektiv begann zu bröckeln. Thornhill erkannte es als erstes und verließ die Band, Flint und Palmer (alias Maxim) widmeten sich ebenfalls verstärkt ihren Solo-Projekten. Ein erneuter Umbruch hatte stattgefunden und so sind die Alben The Prodigys nach der Jahrhundertwende ziemlich zweischneidige Hörerlebnisse. Abgeschreckt von negativen Reaktionen, dauert es viele Jahre, bis mit »Always Outnumbered, Never Outgunned« endlich der vierte Longplayer erscheint. Der vergleichsweise deutliche und von Howlett bewusst vorgenommene Stilwechsel will beileibe nicht jedem gefallen, das interessante Werk ist ungeachtet mancher Schwäche seiner Zeit aber einfach zu weit voraus gewesen. Die fehlende Gegenliebe bleibt dennoch nicht folgenlos. »Invaders Must Die« erscheint abermals nach einer halben Pop-Ewigkeit und diesmal will man kein Risiko mehr eingehen. Kurze, schnörkellose, größtenteils Stadion-taugliche Songs mit einer eigenartigen Pseudo-‚Back-to-the-roots‘-Mentalität halten Einzug. Dank grundsolider Ausarbeitung und Kracher wie »Thunder« oder der »Omen«-Single hatte Howlett aber weiterhin gute Argumente auf seiner Seite. Die Ankündigung, die Fans diesmal ganz bestimmt nicht lange auf einen Nachfolger warten zu lassen gerät zur Fortführung eines Running Gags, denn immerhin zögern sie die Fertigstellung selbstredend auf insgesamt sechs Lenzen hinaus.

DAS NEUE ALBUM

Jetzt aber endlich mal zu »How To Steal A Jetfighter« »The Day Is My Enemy«. Steigen wir doch direkt mal ein in den Titeltrack: Ein militaristischer Drum-Rhythmus eröffnet selbigen, gefolgt von einigen Zeilen Martina Topley-Birds – und dann bricht es auch schon schockwellenartig über einen herein mit heftig verzerrten Basstexturen, dagegen ist das kürzlich vorübergezogene Orkantief ‚Niklas‘ nicht mal ein laues Lüftchen! Die zwischenzeitlich einsetzende Synth-Line verdient sich zwar das Attribut ‚cheesy‘, doch bringt etwas Farbe hinein, die den Track vor der möglichen Eintönigkeit bewahrt. Ein dickes Ausrufezeichen also gleich zu Beginn!

An zweiter Stelle folgt mit »Nasty« eine der im Vorfeld veröffentlichten Singles. Das Stück hat die dreckigen Sounds und splitternden Breakbeats, die man von der Band erwartet, kann aber nie davon ablenken, dass man das stete Gefühl hat, all das vor längerer Zeit schon in viel besserer Form gehört zu haben. Gemeint gewesen ist es als neues »Breathe« oder »Spitfire«, geworden jedoch letztlich nur ein reiner Füller wie seinerzeit »Colours«. Hierbei zeigt sich außerdem die Ähnlichkeit zu »Invaders Must Die«, von dessen Sound sich »TDIME« nur selten wirklich emanzipieren kann. Wenn überhaupt etwas heraussticht, dann die Tatsache, dass sie hier noch mal einen Level straighter zu Werke gehen als beim stellenweise eh auf das Notwendigste reduzierten Vorgänger. Die Herrschaften nennen das neuerdings „einen richtigen Band-Sound“ oder so ähnlich – was im Grunde ja nichts anderes heißt, als eine simpel gestrickte, von Feinheiten befreite Variante ihrer Selbst, die den eigenen Stil auf stereotype Muster reduziert, um ein wie auch immer geartetes Live-Publikum auch beim ersten Hören zum Abgehen bewegen zu können. Der eine oder andere geneigte Festival-Besucher wird das sogar begrüßen, echter Respekt vor den Hörern (der sich durch Ignorieren des Massengeschmacks auszeichnet) sieht nichtsdestotrotz anders aus. Dabei kam es doch schon immer gerade auch auf die feinen Unterschiede an…

An Härte zulegen zu wollen, ist ja prinzipiell eine gute Sache, oftmals wirkt die Aggression hier allerdings aufgesetzt und eben nicht ausgefeilt. Laut und aufdringlich, aber kaum dynamisch, sodass der Effekt verpufft – ein Problem, das sich bereits bei »IMD« und teils sogar bei »AONO« andeutete. Man kann es den ‚kreativen‘ Titeln beinah ablesen. »Rebel Radio« zum Beispiel ist so ein fies verunstalteter Audio-Klumpen, den man schon beim dritten Durchlauf nicht mehr bis zum Ende hören möchte. Gegen wen oder was wird hier eigentlich noch mal rebelliert? Ach ja, es ist die verweichlichte Dance-Szene heutzutage.

Das bringt einen direkt zu »Ibiza«, einer Kollaboration mit den Sleaford Mods. So schlimm wie der Songname vermuten ließe, ist es dann glücklicherweise nicht geworden. Die Nummer richtet sich nämlich gerade gegen die EDM-Clowns und selbstgefälligen Laptop-Poser, die sich gern auf der Partyinsel feiern lassen. Leider ist sie aber selbst mit nervigen Geräuschen zugeschüttet, bietet spärliche Überraschungen. Dabei hat die Kritik ja sicher ihre Berechtigung, die Howlett-Truppe ihrerseits jedoch beängstigend wenig Substantielles entgegenzusetzen. Schlechte Dance-Musik gab es auch in den 90ern zuhauf, deswegen hörte man ja eben bestenfalls Darkcore-Jungle, Techstep oder The Prodigy. Die wiederum antworten im Jahr 2015 mit »Destroy«, das weitaus mehr nach Neonlicht und Loveparade klingt als es zu ‚Jilted‘- oder ‚Fat‘-Zeiten jemals der Fall gewesen ist. Klar, das Intro und die amoklaufenden Drumpatterns sind klasse und man rätselt über die potentielle Ironie des Ganzen. Die Zukunft hört sich trotzdem anders an, daran ändert auch oder gerade der unvermeidlich ‚dubstepige‘ Schluss oder die schamlos von »Omen« recycelten Glöckchen nichts.

Man lässt ja im Hause The Prodigy derzeit kaum eine Gelegenheit aus, seine kompromisslose Auf-die-Fresse-Gangart ausdrücklich zu betonen. Wie bigott das mitunter wirkt, zeigt die dritte Vorab-Auskopplung namens »Wild Frontier«, ein insgesamt zahmes Breakbeat-Popliedchen in rockiger Verkleidung, wie es Chase & Status oder The Qemists vor sieben, acht Jahren so ähnlich hätten abliefern können. Damit kann man sicher niemanden mehr vom Hocker hauen. Einen Wiedererkennungswert kann man der Nummer fairerweise gewiss nicht in Abrede stellen, ganz im Gegensatz zu »Rok-Weiler« (noch so ein doller Titel) oder »Roadblox«, die beide höchstens B-Seiten-Charakter besitzen und nichts Weltbewegendes zum Album beitragen.

Das beatlose XL-Interlude »Beyond The Deathray« muss eindeutig positiv herausgehoben werden, da es die sonst so vermisste Atmosphäre – ja, die sprichwörtliche Luft zum Atmen – verschafft, bevor es tragischerweise den Weg zu einem negativen Höhepunkt der Platte ebnet: »Rhythm Bomb« mit Prollstep-Spezi Flux Pavillon ist – und das kann ich leider nicht anders sageneine rund vierminütige Scheußlichkeit, die bei den kommenden Ballermann-Gelagen gar nicht mal so fehlplatziert wäre. Wie es aussieht, ist man den gescholtenen Acts mittlerweile eben doch viel näher gekommen, als die Band es wohl wahrhaben möchte.

Die orientalisch geprägten »Medicine« und »Get Your Fight On« sind zum Glück deutlich besser. Besonders Letztgenanntes ist herrlich hektische Kost, übernimmt jedoch ärgerlicherweise fast 1:1 den Beat von »Take Me To The Hospital«. Mit »Invisible Sun« versucht sich Howlett an schleppender Rhythmik, vermischt langsame Bassmusic mit Arena-Rock-Elementen. Das ist vom Gesang mal abgesehen eigentlich ganz nett, kommt aber nie so richtig in die Gänge und ist dann plötzlich wieder vorbei. Mit »Wall Of Death« soll dann zum Schluss ein letztes Mal richtig abgerissen werden. Gelingt nur ansatzweise. Die Riffs sind noch übersteuerter, die Beats dicker, aber die Raffinesse alter Tage fehlt einfach auf ganzer Linie – Flints misslungene Vocals sind dafür das treffendste Sinnbild.

Resümee

Was hätte wohl ein Liam Howlett aus dem Jahre 1998 gesagt, wenn man per Zeitreise zurückgehen und ihm die Songs von »The Day Is My Enemy« vorspielen würde? Mein Gefühl sagt mir, er wäre nicht vor Aufregung im Hexagon gesprungen. Beim Klassiker »Mindfields« brüllte Maxim noch: „This is dangerous“ und man konnte nur zustimmen. 2015 klingen The Prodigy nunmehr vor allem: funktional und berechenbar. Der Live-Aspekt war natürlich immer ein ganz entscheidender Faktor im Schaffen; neue Geschosse wurden seit jeher bei ihren Shows daraufhin getestet, wie sie in der Crowd einschlagen. Demonstrativ den Stinkefinger zeigen, hinterrücks aber doch zunehmend den gesichtslosen Publikumsmassen in den Hintern zu kriechen, das nagt irgendwann an der Glaubwürdigkeit und schränkt die Kreativität merklich ein. Schließlich hat sich die Gruppe den uninspirierten Konsensrockern, mit denen sie sich meist die Festivalbühnen teilen, ebenso angenähert wie den zurecht kritisierten EDM-Schwachmaten.

Es ist nicht einfach nur so, dass neue Ideen fehlen würden – man darf ja nicht erwarten, dass eine Band das Rad gleich zwei- oder dreimal neu erfindet. Problematisch ist hingegen, dass die aktuellen Kreationen einfach deutlich schwächer umgesetzt sind als alte Arbeiten und sich das Klangspektrum bedenklich in Richtung Plastikmusik bewegt hat. Praktisch jeder Song hier verfügt über einen konzeptuellen Vorgänger aus dem Back-Katalog, der ihm in jeglicher Hinsicht haushoch überlegen ist. Das ist schade, allein weil sich mehr denn je eine große Lücke aufgetan hat, die Künstler wie The Prodigy besetzen müssten.

Tracklist:
01. The Day Is My Enemy
02. Nasty
03. Rebel Radio
04. Ibiza (feat. Sleaford Mods)
05. Destroy
06. Wild Frontier
07. Rok-Weiler
08. Beyond The Deathray
09. Rhythm Bomb (feat. Flux Pavillon)
10. Roadblox
11. Get Your Fight On
12. Medicine
13. Invisible Sun
14. Wall Of Death

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