Beiträge getaggt mit Witch House

Review: SHXCXCHCXSH – SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs [2016]

SHXCXCHCXSH - SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs| Erschienen bei Avian (2016) |

Als die sogenannte ‚Witch House‘-Welle Anfang der 2010er das World Wide Web heimsuchte, erlebten mit ihr bislang kaum beachtete Sonderzeichen einen unerwarteten Popularitätsschub. Okkult angehauchte Symbolketten mit Dreiecken, Petruskreuzen etc. schmückten die Namen unzähliger obskurer D.I.Y.-Musikacts, die auf Videoportalen, Social Media-Plattformen und Blogs von sich reden machten, so manchen Suchmaschinen-User indes zur Verzweiflung trieben (unvergessen: ///▲▲▲\\\).

SHXCXCHCXSH haben mit Witch House übrigens gar nichts am Hut, dennoch pflegt das Producer-Duo, dessen Pseudonym sich so wunderbar leicht einprägen lässt, seit ihrem Erscheinen auf der musikalischen Landkarte ein ähnliches Faible für Geheimniskrämerei und ungewöhnliche Codierungen, nur dass sie bei ihren kryptischen Betitelungen mit den Buchstaben des lateinischen Alphabets auskommen. Stilistische Alleinstellungsmerkmale muss man in ihrem unverwüstlich schubbernden, von der Kritik zu Recht begeistert aufgenommenen Experimental-Techno nicht lange suchen. Da wähnt man mit dem Klopfen der Bass Drum auch den von den perforierten Kellerwänden splitternden Beton in der Aufnahme wiederzufinden, und imaginiert das moderne Soundsystem, auf dem das Ganze abgespielt wird, inmitten einer Armada rustikal aus der Zeit gefallener Gerätschaften, die es mit schwer arbeitenden Antriebsmechanismen am Laufen halten. Der drückend-repetitive Grundcharakter behält auch angesichts stetiger Transformationen seine Dringlichkeit; ebenjene paradox wirkende Dynamik erschafft aus monolithischen Arrangements atmende, wenn auch stoische Kreaturen, die die eigentümliche Faszination der früheren Releases ausmachen.
»Linear S Decoded« gab sich in der Folge nicht nur schriftsprachlich erstmals auskunftsfreudiger, auch der Sound wurde einerseits zugänglicher und melodischer, aber glücklicherweise sogar noch variantenreicher. Kurzum: den Skandinaviern war genreübergreifend eines der besten Alben des Jahres 2014 gelungen.

Also was nun, wird der geheimnisvolle Schleier mit dem dritten Album endgültig gelöst? Und schlägt man diesmal vielleicht sogar einen Weg ein, an dessen Ende ein Schild mit der berüchtigten Aufschrift ‚Pop‘ aus der Ferne erkennbar sein wird? − Nein und nein. Das Werk mit dem mindestens so kompakten wie ausdrucksstarken Titel »SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs« ist im Ganzen wieder merklich reduzierter, schroffer und abstrakter ausgefallen. Auch die auf dem Coverbild platzierte Trackliste sorgt nur bedingt für mehr Verständlichkeit. Die Anzahl der Buchstaben nimmt also von Titel zu Titel exponentiell zu, schön und gut, doch lässt sich daraus keine Verbindung zum Gehörten ausfindig machen. Hypnotische Loops, befremdende Stimmbearbeitungen oder zerfurchte Texturen erwarten den Hörer dagegen allerortens. Mal sind die Tracks ätherischer, mal eher am Beat orientiert, doch wenn man ehrlich ist, werden diese Unterscheidungen beim Hören des Albums mit zunehmender Laufzeit immer hinfälliger. Tauchen gleichmäßige Rhythmen häufig auf, so sind sie doch nie wirklich catchy, treibend oder gar tanzflächenkompatibel, zumindest nach konventionellen Maßstäben besehen. Drums schrappen und knirschen eher beschwerlich dahin oder verhallen einsam in Zeitlupentempo. Feierwütige Konsumenten holt man anders ab, so viel ist mal sicher.

Bei 15 Titeln auf 54 Minuten Spielzeit ist die durchschnittliche Tracklänge entsprechend knapp bemessen. Die durchaus zahlreichen Zwei- bis Vierminüter können innerhalb dieses begrenzten Zeitrahmens natürlich keine größeren Build-Ups und Veränderungsprozesse durchexerzieren, wie es etwa bei Track #6 der seltene Fall ist. Tatsächlich gehen ein paar solcher Exemplare eher als Skizzen oder Interludes durch. Der Experimentierfreude tut das natürlich wenig Abbruch, stellt diese Form der Reduktion schließlich einen neuen Aspekt im Vorgehen der öffentlichkeitsscheuen Schweden dar. Einige der bereits erprobten Zutaten haben indes wieder ihren Weg hinein gefunden, seien es Anleihen dubbiger Raumkonstruktion (#3, #8), Acid-inspirierte Modulationen (#6) oder famos garstiges Industrial-Gerumpel (#5, #11). Verblüffenderweise erinnert die Schlussphase des Albums (#14, #15) an die perkussiveren Ausflüge von Glitchscape-Großmeister Tim Hecker, was im gleichen Zug demonstriert, wie weit nach außen das Experimentierfeld mittlerweile ausgedehnt wurde. Es kreuzen also an den Randgebieten mitunter fremde Spuren ihre Pfade und doch befindet man sich als Hörer unverkennbar im Territorium von SHXCXCHCXSH, wo jedoch selten zuvor ein so kaltes und unfreundliches Klima vorherrschte. Von dort geht eine fremdartige Präsenz aus, die achtlose Durchreisende barsch zurückweist, aufgeschlossene Entdeckerseelen jedoch bald in ihren Bann zu schlagen weisSsSsSsSsSsSsSsSsSs…

Tracklist:
01. Ss
02. SsSs 
03. SsSsSs
04. SsSsSsSs
05. SsSsSsSsSs
06. SsSsSsSsSsSs
07. SsSsSsSsSsSsSs
08. SsSsSsSsSsSsSsSs
09. SsSsSsSsSsSsSsSsSs 
10. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
11. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
12. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
13. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
14. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs 
15. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs

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Review: Dryft – The Blur Vent [2014]

Dryft - The Blur Vent Cover[Erschienen bei n5MD (2014)]

Es ist die außergewöhnliche, transzendierende Fähigkeit der Musik, dass sie den Hörer an andere Orte bringen kann. Das Abgleiten in fremde Sphären, das Entfachen der menschlichen Vorstellungskraft und Sich-Verlieren in ihr ermöglicht wohl kaum eine andere Kunst in diesem Maße, zumindest wenn es sich denn um wirklich inspirierte Werke handelt.

Die Musik von Mike Cadoo zu hören, ist, als würde man eine Reise unternehmen und schlussendlich doch bei sich selbst ankommen, und zwar ganz tief im Inneren. In diesem Licht betrachtet, befindet sich der n5MD-Labelchef auf einer nicht enden wollenden Expedition an die Grenzen des menschlichen Wahrnehmungshorizonts, einer stetigen Suche nach den Spuren des auditiven Urknalls. Cadoo ist dabei Passagier, Kapitän und Reporter zugleich und jedes seiner Werke eine Dokumentation dessen. Ob in früheren Tagen als Hälfte des zu Recht gefeierten Ambient-Industrial-Duos Gridlock, das Klangprinzipien bis in die Molekularstrukturen zerlegte und zu überwältigenden sonischen Mosaiken verdichtete, oder unter seinem Bitcrush-Alias die Genregrenzen von Shoegaze, Post-Rock und sphärischer Electronica bis zur vollkommenen Ununterscheidbarkeit ineinanderfließen – Emotionen und Intellekt befinden sich hier immer zu gleichen Teilen in der Waagschale. Unter all den Klangforschern, Tonmathematikern und Soundingenieuren ist Cadoo ohne Zweifel der Geisteswissenschaftler.

Von dieser unermüdlichen und gefühlsgeleiteten Suche nach musikalischen Ausdrucksweisen zeugen insbesondere diverse Nebenprojekte: „Cell“ (2000), ein famoser Abstecher in dunkles Drum & Bass-Territorium, drückte dem zeitgenössischen Darkstep einen unnachahmlichen, noisigen Cadoo-Stempel auf, während die EP „The Mytotyc Exyt“ (2002) Glitch Hop und Breakbeats einverleibt, was abermals in einer ungemein originellen soundtechnischen Neuinterpretation seines individuell wiedererkennbaren Stils mündet. Weitere acht Jahre später erkundet das im Modus ‚New Age meets Industrial‘ daherkommende Downbeat-IDM-Meisterwerk „Ventricle“ (2010) mit majestätischer Langsamkeit und epischem Weitwinkel, was sich alsbald als zerklüftete Seelenlandschaften herausstellen sollte. Ein mehr als weiser Zug von Cadoo, all diese verschiedenen Artikulationswege paradoxerweise unter dem Künstlernamen Dryft zu bündeln. Schließlich entpuppt sich das eigentliche Nebenprojekt als vielleicht sogar bedeutsamstes künstlerisches Vehikel des Amerikaners.

Nun also „The Blur Vent“. Doch lassen sich die bisherigen Großtaten überhaupt noch toppen? Einer typischen Schneller-Höher-Weiter-Logik scheint das aktuelle Werk jedenfalls nicht zu folgen. Im Gesamteindruck wirkt das neue Material merklich zurückgenommener und ruhiger. Leise Drones eröffnen das Album in „Capsize Ctrl“. Dreieinhalb Minuten nimmt sich dieses Zeit für sein Intro, welches langsam an Kraft gewinnt und sich in wellenförmigen Texturen zwischenzeitig immer mal wieder kurz aufhellt und erneut abdunkelt. Dazu gesellen sich schmetternde Klänge in den Hintergrund, so als würden kleine Felsbrocken auf den Grund einer tiefen Schlucht aufschlagen. Mit unerwarteter Schnelligkeit plötzlich ein surrender Anstieg. Auf den Höhepunkt… Stille… dann der Einsatz eines seltsam metallischen, jeglicher Wärme beraubten Future Garage-Beats, der fortan von rumorenden Tiefbässen und subtilen Schmirgel-Synthies umgeben wird. Stattliche Harmonieflächen machen das Stück wenig später komplett, bevor selbiges ausklingt. Was sich in der Beschreibung durchaus bombastisch anhört, ist tatsächlich zwar ohne Frage eindringlich konstruiert, dabei jedoch auffällig bodenständig ausgefallen und entschieden mit Understatement produziert.

Eines der Elemente, die sich mit diesem Release im Sound von „Dryft“ geändert haben, sind die Beats, die weit weniger abstrakt, expressiv und lärmend klingen als noch in den früheren Veröffentlichungen. Der harsche Industrial-Aspekt wurde klar zurückgeschraubt und so hört man hier erstmals annähernd konventionelle Percussion-Sounds wie Claps, Kicks oder Hi-Hats, die sich mehr an Bass Music der vergangenen Jahre zu orientieren scheinen. Cadoo verzichtet damit zugunsten des Albumkonzepts auf ein liebgewonnenes Markenzeichnen. Eine andere Stärke hat er dagegen beibehalten, nämlich das Erzeugen von mehrdeutigen Stimmungsbildern. Binnen kürzerer Zeiträume mischt sich besorgniserregende Spannung mit leisem Optimismus, sodass man nie sicher sein kann, ob man sich entspannt zurücklehnen oder darauf einstellen sollte, dass die nächste depressive Welle schon anrollt. Ansonsten kennzeichnet „The Blur Vent“ vor allem der großzügige Einsatz von zahlreichen Halleffekten und drückenden Subbässen, die der Musik häufig den Anschein unterirdischer Herkunft verleihen, als stamme sie direkt aus einem Gewölbe oder Höhlenkomplex. Geisterhaft verfremdete Laute, die manchmal fast Choralcharakter erwecken, fließen in ihrer Verwendung ähnlich wie Texturen oder Melodien in die Instrumentierung ein. Bisweilen wird undurchdringlich, was hier ursprünglich menschliche Stimme gewesen ist und was synthetischer Sound, wodurch den Kompositionen eine quasi-unterbewusste Komponente zukommt. Das Zeitlupentempo der meisten Tracks tut sein Übriges, um zur speziellen, zwischenweltlichen Atmosphäre beizutragen.

Czyalon“, eines der eindrucksvollsten Stücke von „The Blur Vent“, setzt auf klirrende Reverb-Beats, unbarmherzig grollende Distortion-Basssounds und zwielichtige Synthesizer-Loops wie aus einem alten Carpenter-Streifen – und erzeugt so eine Unheimlichkeit und mystische Spannung, die sofort in ihren Bann zieht. Doch nicht alle Tracks sind derart düster ausgefallen. Überwiegend finden sich auf dem dritten Dryft-Longplayer eher ausgeglichene, zwischen Gelassenheit und leiser Melancholie mäandernde Instrumentalballaden („Blue Windows“, „Slow Jimmy“), die ihre wahre Tiefe erst nach mehrmaligem Hören enthüllen. Im sehnsuchtsvollen „These Walls“ wagt sich Cadoo sogar an Vocals, die sich erstaunlich gut in den Kontext einfügen und den Track beinah zu einer Dream Pop-Nummer werden lassen. Eine ordentliche Gänsehaut beschert später allerdings das gespenstisch schöne „Like Falling“, bevor der Titeltrack „The Blur Vent“ überraschend euphorisch und straight-forward ins Ziel bringt.

Auch wenn „The Blur Vent“ in Sachen Intensität nicht ganz an frühere Sternstunden wie Gridlocks „Formless“, Bitcrushs „Collapse“ oder den Vorgänger „Ventricle“ heranreicht, ist das neueste Werk wieder ein Kleinod hochemotionaler Musik. Wie so häufig bei Arbeiten mit echtem Tiefgang, benötigt auch „The Blur Vent“ mindestens drei Anläufe, um seine ganze Qualität preiszugeben. Cadoo gelingt es erneut, Strömungen der jüngeren Vergangenheit, in diesem Fall Witch House und Post-Dubstep, in sein Schaffen einfließen zu lassen und dennoch in jedem Moment seine ureigene Handschrift erkennen zu lassen. Der Mut zur Veränderung hat sich auch dieses Mal bezahlt gemacht.

Tracklist:
01. Capsize Ctrl
02. Czyalon
03. B.Prof
04. These Walls
05. Blue Windows
06. The Long Four (Extended)
07. Slow Jimmy
08. Like Falling
09. The Blur Vent

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Review: ††† – ††† [2014]

Crosses Album Cover[ Erschienen bei Sumerian Records (2014) ]

Der Musikkritiker hat es nicht leicht. Besonders wenn dieser ein negatives Urteil  über das rezensierte Werk fällt, wird er schnell auch selbst zum Gegenstand kritischer Begutachtung,  muss sich darauf einstellen mit mal mehr, mal weniger begründeten Zweifeln an der eigenen Qualifikation konfrontiert zu werden. Nicht selten wird gar die gesamte Profession hinterfragt: Der Kritiker ist in den Augen Vieler immer derjenige, der im Elfenbeinturm seiner eigenen Arroganz von oben herab über die Künste Anderer richtet, ohne selbst etwas zu schaffen oder zumindest nicht nah genug am Geschehen scheint, um einen adäquaten Zugang zur Materie zu finden. Oft gelesene Vorwürfe: Werk nicht verstanden, oberflächliche Auseinandersetzung, fehlerhafte Recherche oder schlicht fehlender musikalischer Sachverstand.

Der leidenschaftliche Musikblogger, der gerne Reviews verfasst und dabei auch kritischere Töne nicht scheut, hat es ebenfalls nicht leicht. Wo der Kritiker alten Schlags sich noch im Zweifel auf redaktionelle Zuständigkeiten berufen kann, die ihn zur Meinungsäußerung über ungeliebte Werke zwingen, dürfte es für den selbstbestimmten Schreiberling schwieriger sein, zu begründen, wieso man denn ausgerechnet über die Musik schreibt, mit der man so überhaupt gar nichts anzufangen weiß.

Warum aber schicke ich diese metareflexiven Gedanken voraus, sollte es hier nicht eigentlich um eine gewöhnliche Plattenbesprechung gehen? Möchte ich das nun Folgende etwa schon vorneweg entschuldigen, um mich beim Leser anzubiedern? Geht es also darum, den möglichen Kritikern meiner Kritik von Beginn an den Wind aus den Segeln zu nehmen? Über all das möchte ich mir selbst wiederum kein Urteil erlauben, spräche daraus nur eine gewisse Selbstgerechtigkeit, die meiner versuchten Reflexion wohl entgegenstehen würde. Fest steht, dass das Schreiben dieser Rezension bis zum Ende von Zweifeln begleitet wurde, ob der Text nach Fertigstellung überhaupt veröffentlicht werden soll, entpuppte sich die Musik entgegen der ersten Annahme als nicht unbedingt in den Blog-Zusammenhang passend. Schuster, bleib bei deinem Leisten? Letzten Endes siegte dann aber die profane Einsicht, dass diese Meinung nur eine unter vielen ist und daher ruhig gleichberechtigt neben anderen stehen darf – ganz egal, ob man sich als Review-Autor damit einen Gefallen tut oder eher nicht.

Was ist also das Besondere an dieser Veröffentlichung, das ein derartig weites Ausholen ohne konkret auf die Musik einzugehen rechtfertigen kann?  Hier kann direkt Entwarnung gegeben werden: Das besprochene Werk ist musikalisch keineswegs außergewöhnlich, nicht einmal polarisierend.  Ein unscheinbares Nebenprojekt von Deftones-Stimmchen Chino Moreno, Produzent Scott Chuck und Far-Klampfenspieler Shaun Lopez, das im prallgefüllten Einerlei der Musikindustrie schnell untergehen würde. Dass „†††“ meine Aufmerksamkeit auf einer anderen Ebene erwecken konnte, qualifiziert das Album als anschauliches Exemplar für die Möglichkeit multipler Zugänge zu einem Werk und spiegelt so auch meine prekäre Rolle als Bewertungsinstanz, bei der sich passiv-verschleiernde Selbstabstraktion und ungeniertes Bekenntnis zum ‚Ich‘ im stetigen Konflikt befinden.

Es sind in erster Linie Künstlername und Songtitel, die sich ausgiebig bei der Symbolik der Witch House-Welle bedienen, welche mich zum Werk geführt haben. Die auffällige Verwendung des  typographischen Kreuzes in Kombination mit okkult bzw. düster anmutenden Bezeichnungen wie „dea†h bell“ waren der Ausgangspunkt für jegliches Interesse. Hört man sich „†††“ in Gänze an, kommt man jedoch zum relativierenden Schluss, dass der musikalische Ansatz der Dreikreuzler nur eine vergleichsweise überschaubare Ähnlichkeit mit dem angesprochenen Online-Phänomen aufweist, obwohl einige Schnittmengen nicht zu verleugnen sind. Spitzfindige mögen an dieser Stelle berechtigterweise einwerfen, dass Witch House eh für keine Musikrichtung im engeren Sinne steht, sondern ein ästhetisches Programm zusammenfasst, das sich neben seiner klanglichen Spezifik und künstlerischen Herangehensweise eben auch über den Einsatz von bestimmten Unicode-Symbolzeichen und kryptischen Glyphenketten definiert.

Ist es also notwendig „†††“ zwangsläufig in den größeren Zusammenhang der angesprochenen Haunted House-, Drag- und Zombie Rave-Bewegung zu setzen, um seine Qualität  bzw. Nicht-Qualität treffender einordnen zu können? Oder sollte das Werk auf idealtypische Weise vollkommen isoliert betrachtet werden, zumal Moreno selbst zwar offen das Interesse an mystischen Motiven teilt, das Projekt aber ausdrücklich nicht als Witch House verstanden wissen möchte? Immerhin handelt es sich abseits aller Etiketten hierbei auch ohne Wenn und Aber um ein Pop-Album. Der tendenziell wohlwollende oder harmoniebedürftige Schreiber würde anführen, die Kreuztruppe öffne das sonst doch eher zugestellte, verbarrikadierte Hexenhaus für ein breiteres Publikum und ergänze den kapriziösen Internet-Hype um neue Facetten. Der gnadenlos Underground-affine Kritiker hingegen könnte den Vorwurf erheben, ††† greifen sich bloß Elemente des Genres heraus und verwässern diese zu einem radiotauglichen Hintergrundgedudel.

Natürlich lässt sich in Zusammenhang mit „†††“ genauso gut vollkommen abseits dieser Kategorien denken. Synthie Pop, Trip-Hop, Ethereal oder New Wave sind mindestens ebenso zutreffende Anknüpfpunkte, meistens blickt auch der stadiongeeignete Alternative Rock („bi†ches brew“) um die Ecke. Mit ein wenig Boshaftigkeit, aber nicht ohne Grund, ließe sich konstatieren, ††† klingen in ihren ruhigen Songs wie James Blake für Arme, in den harscheren Momenten wie die Ultralight-Variante Trent Reznors (NIИ) und bei allem was dazwischen liegt nach Curve ohne Seele. Sicherlich könnte man noch andere krumme Vergleiche bemühen, die für das Verständnis von „†††“ aber ebenso wenig hilfreich sind…

Auf der fünfzehn Track starken LP finden sich ausschließlich kurze Songs, von denen kein einziger die Fünf-Minuten-Marke überschreitet. Und die meisten davon gehen leider auch genauso schnell ins Ohr wie sie es zum anderen wieder verlassen. Vielversprechende Ansätze werden immer noch rechtzeitig so glattgeschliffen, dass gelungene  Soundideen fast schon zwangsläufig im allgegenwärtigen Radioformat ersticken müssen. Und hier komme ich dann wieder auf die eingangs erwähnte Witch House-Connection zurück: Wo dessen prägende Acts in ihren zeitlupenartig verfremdeten Pop-Mutationen US-Rap und R’n’B obskurifizieren und damit gelegentlich selber schon gekonnt auf der Zuckerguss-Grenze balancieren, ist das Drei-Mann-Projekt aus L.A. von Anfang an auf klare Rock- und Pop-Dramaturgien fokussiert, während der in einigen Momenten aufblitzende sentimental verspukte Schleier lediglich als ausschmückende Deko herhält. Eine Rechnung, die nicht aufgeht. Die oft langsamen, zurückgenommenen Beats und subtilen Stimmungsspitzen der ruhigen Passagen bzw. Strophen bekommen kaum Chancen zur Entfaltung, stattdessen ertränken ††† jegliche Atmosphäre im ewig gleichen Songwriting-Kitsch mit Bombastproduktion. Dass der sorgsame Aufbau praktisch immer auf den obligatorischen 08/15-Chorus hinausläuft, macht die Sache nicht unbedingt überraschungsgeladener, nach zwei Liedern haben die Kreuzbraven ihr ganzes Pulver nämlich schon verschossen! Morenos schwülstig penetrante Vocals sind im Übrigen wahrlich keine Offenbarung, sondern eine regelrechte Belastungsprobe für den Hörer. Mit jedem Song steigt folgerichtig die Versuchung auf ‚Skip‘ zu Drücken, um dem Elend wenigstens für ein paar Sekunden zu entkommen – obwohl man dann wiederum auch das schöne Outro von „†hholyghs†“ verpasst.

Song und Sound wollen einfach nicht zusammengehören. Sehr schade, denn gerade in den oft stimmungsvollen Intros zeigt sich ja, dass hier durchaus sehr viel mehr drin gewesen ist. Die detailgenaue Produktion bleibt der eindeutig interessanteste und zugleich leider den säuselig in die Länge gezogenen Vocals untergeordnete Aspekt eines somit insgesamt uninspirierten Albums. Qualitative Lichtblicke können zum Ende des Werks nur noch mit dem höchst gelungenen „nine†een eigh†y seven„, das auf den leise industriellen Spuren von Coil und Co. wandelt, sowie dem fantastischen Rausschmeißer „dea†h bell“ gesetzt werden, der mit seinen Klavier-Patterns und ausgeklügelten Percussions an die minimalistischen Arbeiten von Ben Lukas Boysen erinnert. Bedauerlicherweise zu spät, um das Ruder noch einmal herumreißen zu können. Nein, für diese Erkenntnis wäre der Witch House-Vergleich sicher nicht nötig gewesen. Aber in schlechten Phasen klammert man sich ja schließlich an gute Erinnerungen. Und selten war ich nach der Auseinandersetzung mit einem Album derart froh, drei Kreuze machen zu können…

Tracklist:
01. †his is a †rick
02. †elepa†hy  
03. bi†ches brew
04. †hholyghs†
05. †rophy
06. †he epilogue
07. bermuda locke†
08. fron†iers
09. nine†een nine†y four
10. op†ion
11. nine†een eigh†y seven  
12. blk s†allion
13. †
14. prurien†
15. dea†h bell 

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Review: The Haxan Cloak – Excavation [2013]

The Haxan Cloak - Excavation[Erschienen bei Tri Angle (2013) / Design: D.R. ME / Photography by Cody Cobb]

Was geschieht nach dem Tod? Zerfällt man einfach zu Staub und verliert sich im Nichts, gibt es ein Jenseits, in dem das Bewusstsein weiterlebt, oder wird man vielleicht doch wiedergeboren? Fragen, die weder die Wissenschaften noch die Religionen einhellig beantworten können und zu den großen Rätseln gehören, die die Menschheit seit Jahrhunderten begleiten. Selbstverständlich können auch die Künste keine befriedigenden Antworten darauf geben, was mit der Seele – wenn es sie geben sollte – geschieht, wenn der Körper der Vergänglichkeit anheim gefallen ist, doch sie können die Imaginationskraft beschwören, um derartigen Mysterien Ausdruck zu verleihen. Nicht weniger als den Weg eines Verstorbenen möchte das ambitionierte Konzeptalbum „Excavation“ in ein klangliches Gewand hüllen.

Hinter The Haxan Cloak verbirgt sich Bobby Krlic, der nach seinem selbstbetitelten Debüt (2011) im April 2013 mit „Excavation“ sein vielbeachtetes Zweitwerk veröffentlicht hat, das es auf zahlreiche Jahresbestenlisten schaffte. Völlig zu Recht, wie man schnell feststellen muss, begibt man sich in die tiefschwarzen Abgründe, die der Engländer in seinen beeindruckenden Soundkreationen aufstößt. „Excavation“ ist ein minimalistischer Alptraum aus bedrohlichen Subbässen, abstrakten Slow Motion-Beats, Spukgeräuschen und zermürbenden Drone-Texturen, den man sich am besten alleine in den vier Wänden zu Gemüte führt – sofern man nicht zu den Zartbesaiteten gehört (dann wäre man hier allerdings eh an der falschen Stelle). Denn beim ausgiebigen Hören der Platte könnte einem mehr als nur einmal das Gefühl ereilen, von der Dunkelheit völlig verschlungen zu werden. Musik wie ein Fall ins Bodenlose.

Krlic erweist sich abermals als exzellenter Sounddesigner mit dem Gespür für verstörende und fremdartige Motive. Unter den dumpf lodernden Niederfrequenztonmassen und infernalen Trommelschlägen tummeln sich mitunter Kirchenglocken („The Mirror Reflecting (Part 1)“), Choralfragmente („Consumed“), nervöse Streichpassagen („Dieu“), irritierende Lautschnipsel („Miste“) und andere elektronisch verfremdete Klangelemente, doch die Arbeit mit Stille und Raum nimmt einen entscheidenden Platz ein, lässt das pure Nichts der Nachwelt im Kopf des Hörers plastisch werden. Zarte Melodieschleifen kommen ebenfalls mehrfach zum Einsatz und geben den Kompositionen zusätzlich eine fragile, geheimnisvolle Magie.

All das erinnert in Ansätzen durchaus an Horrorfilm-Scores, und die anfänglichen Keyboard-Arrangements im Schlusstrack „The Drop“ hätten sogar fast aus einem sehnsuchtsvollen 80er Synth-Popsong stammen können (aber auch nur fast), doch Krlic orientiert sich nicht an Genrekonventionen. „Excavation“ verfügt trotz mannigfaltiger Einflüsse aus Richtungen wie Drone Doom, Filmmusik und Minimal Techno über einen verblüffenden Überschuss an Originalität, um sich vom Gros herkömmlicher Friedhofsuntermalung abzusetzen. Es ist diese elektrifizierte Andersartigkeit, die musikgewordene Aushöhlung der Seele, die das Album so faszinierend und erschreckend zugleich macht. Ein meisterlicher Kraftakt, experimentell und doch flüssig, in sich geschlossen und ohne Schwächephasen. Zwischen Grauen und Schönheit wandelnd, wird „Excavation“ dem eigenen Anspruch mehr als gerecht, akustisch durchzuspielen, was einen Menschen nach dem Tod erwartet, bleibt dabei gleichzeitig stets ungewiss und rätselhaft wie das Thema selbst, sodass die Frage nur von der individuellen Vorstellungskraft beantwortet werden kann.

Tracklist:
01. Consumed
02. Excavation (Part 1)
03. Excavation (Part 2)
04. Mara
05. Miste
06. The Mirror Reflecting (Part 1)
07. The Mirror Reflecting (Part 2)
08. Dieu
09. The Drop

 

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