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Highlights 2016: Die besten Alben

Jetzt, wo sämtliche Jahresrückblicke längst vergessen und fragwürdige Awards bereits medienwirksam an die üblichen Verdächtigen verteilt worden sind, lasse auch ich mir eine persönliche Abrechnung mit 2K16 nicht nehmen, muss dazu aber leider ein wenig ausholen…

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Review: SHXCXCHCXSH – SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs [2016]

SHXCXCHCXSH - SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs| Erschienen bei Avian (2016) |

Als die sogenannte ‚Witch House‘-Welle Anfang der 2010er das World Wide Web heimsuchte, erlebten mit ihr bislang kaum beachtete Sonderzeichen einen unerwarteten Popularitätsschub. Okkult angehauchte Symbolketten mit Dreiecken, Petruskreuzen etc. schmückten die Namen unzähliger obskurer D.I.Y.-Musikacts, die auf Videoportalen, Social Media-Plattformen und Blogs von sich reden machten, so manchen Suchmaschinen-User indes zur Verzweiflung trieben (unvergessen: ///▲▲▲\\\).

SHXCXCHCXSH haben mit Witch House übrigens gar nichts am Hut, dennoch pflegt das Producer-Duo, dessen Pseudonym sich so wunderbar leicht einprägen lässt, seit ihrem Erscheinen auf der musikalischen Landkarte ein ähnliches Faible für Geheimniskrämerei und ungewöhnliche Codierungen, nur dass sie bei ihren kryptischen Betitelungen mit den Buchstaben des lateinischen Alphabets auskommen. Stilistische Alleinstellungsmerkmale muss man in ihrem unverwüstlich schubbernden, von der Kritik zu Recht begeistert aufgenommenen Experimental-Techno nicht lange suchen. Da wähnt man mit dem Klopfen der Bass Drum auch den von den perforierten Kellerwänden splitternden Beton in der Aufnahme wiederzufinden, und imaginiert das moderne Soundsystem, auf dem das Ganze abgespielt wird, inmitten einer Armada rustikal aus der Zeit gefallener Gerätschaften, die es mit schwer arbeitenden Antriebsmechanismen am Laufen halten. Der drückend-repetitive Grundcharakter behält auch angesichts stetiger Transformationen seine Dringlichkeit; ebenjene paradox wirkende Dynamik erschafft aus monolithischen Arrangements atmende, wenn auch stoische Kreaturen, die die eigentümliche Faszination der früheren Releases ausmachen.
»Linear S Decoded« gab sich in der Folge nicht nur schriftsprachlich erstmals auskunftsfreudiger, auch der Sound wurde einerseits zugänglicher und melodischer, aber glücklicherweise sogar noch variantenreicher. Kurzum: den Skandinaviern war genreübergreifend eines der besten Alben des Jahres 2014 gelungen.

Also was nun, wird der geheimnisvolle Schleier mit dem dritten Album endgültig gelöst? Und schlägt man diesmal vielleicht sogar einen Weg ein, an dessen Ende ein Schild mit der berüchtigten Aufschrift ‚Pop‘ aus der Ferne erkennbar sein wird? − Nein und nein. Das Werk mit dem mindestens so kompakten wie ausdrucksstarken Titel »SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs« ist im Ganzen wieder merklich reduzierter, schroffer und abstrakter ausgefallen. Auch die auf dem Coverbild platzierte Trackliste sorgt nur bedingt für mehr Verständlichkeit. Die Anzahl der Buchstaben nimmt also von Titel zu Titel exponentiell zu, schön und gut, doch lässt sich daraus keine Verbindung zum Gehörten ausfindig machen. Hypnotische Loops, befremdende Stimmbearbeitungen oder zerfurchte Texturen erwarten den Hörer dagegen allerortens. Mal sind die Tracks ätherischer, mal eher am Beat orientiert, doch wenn man ehrlich ist, werden diese Unterscheidungen beim Hören des Albums mit zunehmender Laufzeit immer hinfälliger. Tauchen gleichmäßige Rhythmen häufig auf, so sind sie doch nie wirklich catchy, treibend oder gar tanzflächenkompatibel, zumindest nach konventionellen Maßstäben besehen. Drums schrappen und knirschen eher beschwerlich dahin oder verhallen einsam in Zeitlupentempo. Feierwütige Konsumenten holt man anders ab, so viel ist mal sicher.

Bei 15 Titeln auf 54 Minuten Spielzeit ist die durchschnittliche Tracklänge entsprechend knapp bemessen. Die durchaus zahlreichen Zwei- bis Vierminüter können innerhalb dieses begrenzten Zeitrahmens natürlich keine größeren Build-Ups und Veränderungsprozesse durchexerzieren, wie es etwa bei Track #6 der seltene Fall ist. Tatsächlich gehen ein paar solcher Exemplare eher als Skizzen oder Interludes durch. Der Experimentierfreude tut das natürlich wenig Abbruch, stellt diese Form der Reduktion schließlich einen neuen Aspekt im Vorgehen der öffentlichkeitsscheuen Schweden dar. Einige der bereits erprobten Zutaten haben indes wieder ihren Weg hinein gefunden, seien es Anleihen dubbiger Raumkonstruktion (#3, #8), Acid-inspirierte Modulationen (#6) oder famos garstiges Industrial-Gerumpel (#5, #11). Verblüffenderweise erinnert die Schlussphase des Albums (#14, #15) an die perkussiveren Ausflüge von Glitchscape-Großmeister Tim Hecker, was im gleichen Zug demonstriert, wie weit nach außen das Experimentierfeld mittlerweile ausgedehnt wurde. Es kreuzen also an den Randgebieten mitunter fremde Spuren ihre Pfade und doch befindet man sich als Hörer unverkennbar im Territorium von SHXCXCHCXSH, wo jedoch selten zuvor ein so kaltes und unfreundliches Klima vorherrschte. Von dort geht eine fremdartige Präsenz aus, die achtlose Durchreisende barsch zurückweist, aufgeschlossene Entdeckerseelen jedoch bald in ihren Bann zu schlagen weisSsSsSsSsSsSsSsSsSs…

Tracklist:
01. Ss
02. SsSs 
03. SsSsSs
04. SsSsSsSs
05. SsSsSsSsSs
06. SsSsSsSsSsSs
07. SsSsSsSsSsSsSs
08. SsSsSsSsSsSsSsSs
09. SsSsSsSsSsSsSsSsSs 
10. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
11. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
12. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
13. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
14. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs 
15. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs

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Highlights 2015: Die besten Alben

Und schon wieder eine Bestenliste! Überall tauchen sie auf, besonders am Jahresende, von den kleinsten Blogs bis zu den reichweitenstärksten Magazinen, alle bombardieren sie die Welt mit ihren inflationären Rankings. Da reiht man sich doch nur zu gerne ein, jedoch durfte die folgende, durchaus wohl überlegte Auswahl immerhin mehr als einen Monat lang heranreifen, um sich nun drastisch verspätet, aber …nennen wir es mal…  einigermaßen vollendet zu präsentieren, sofern dies überhaupt möglich ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen stellt sich ein gewisser Déjà-vu-Effekt ein, deswegen sei auf die Einleitung des letzten Jahres verwiesen und an dieser Stelle nur kurz angemerkt, dass es bei der schieren Menge an veröffentlichter Musik einfach unmöglich ist, ihr in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Denjenigen, die das hier lesen, wurde die Qual der Wahl damit hoffentlich ein wenig aus der Hand genommen. Vielleicht sagt die Selektion der Titel aber auch mehr über die Person aus, die sie vorgenommen hat, als über das Musikjahr 2015 – wer weiß das schon?

Fest steht hingegen – um ein bisschen Pathos in die Sache zu bringen –, dass Musik eines der wenigen Bollwerke gegen die Unannehmlichkeiten der Existenz darstellt und gleichzeitig, sofern sie mehr als bloße Ablenkung sein möchte, trotzdem in jene Realität eingebunden, also nicht vom Leben abgekoppelt ist. Das einleitende Geschwafel beschließe ich also in der Überzeugung, dass die unten gelisteten Alben dies gerade bewerkstelligen, indem sie der faden Mittelmäßigkeit und Austauschbarkeit entsagen und zum Kern der Dinge hervordringen.

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Highlights 2015: Die besten EPs & Mini-Alben

Während die Eindrücke aus dem letzten Jahr nun so langsam Platz machen für die Gegenwart (um nicht vom abgedroschenen ‚Hier und Jetzt‘ sprechen zu müssen) und 2016 Kontur annimmt, gibt es doch noch einiges, das nachhallt. Die Rede ist von – wer hätte das gedacht? – sehr guter Musik! Den Startschuss zur wie immer reichlich verspäteten Rückschau auf die Highlights von 2015 macht das Ranking einer oft vergessenen und unterschätzten, jedoch dank des Independent-Sektors niemals irrelevant gewordenen Veröffentlichungsform: der EP. Schließlich erscheinen immer wieder auch tolle Werke, die aber nicht über den Umfang eines gesamten Albums verfügen. Genau solche habe ich hier zusammengestellt.

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Video: Boards Of Canada – Tomorrow’s Harvest (Fan-Movie)

Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum: »Tomorrow’s Harvest« ist ein fantastisches Album. Ganz sicher eines der größten der letzten Jahre, wenn nicht sogar – und da lehne ich mich gerne etwas aus dem Fenster – das Album des Jahrhunderts (bis zu diesem Zeitpunkt, versteht sich)! Ja, das würde ich doch glatt mit fast schon anmaßender Überzeugung vorbringen. Klügere Köpfe als der meinige könnten sicherlich ausladende philosophische Essays darüber verfassen, weshalb das Opus von 2013 weitaus mehr ist als ein retro-futuristisches Endzeit-Narrativ in verwaschener VHS-Ästhetik. Zeitgenossen, die gern mit Begriffen wie ‚Hauntology‘ um sich schmeißen, haben bestimmt ihre helle Freude am hier entwickelten Szenarium, obwohl auch das nur eine potentielle Betrachtungsweise ist. Natürlich steckt der Teufel bei BoC im Detail. Der virtuose Einsatz von Studiotechniken und analog-synthetischen Klangerzeugern bildet einen entscheidenden Baustein dieser Extraklasse, kann selbige aber nicht ohne weiteres erklären.

Hört man nämlich genauer hin und überdenkt das sinnlich Wahrgenommene, stellt man fest, dass man es nicht mit einem Pseudo-Reenactment zu tun hat, einem im Gestern verhafteten Was-wäre-wenn-Gedankenspiel. Denn das, was sich akustisch als Vergangenheit und namentlich als Zukunft verkleidet zu haben scheint, ist nichts anderes als unsere Gegenwart. Wo immer der Eindruck entsteht, die Menschheit würde sich heutzutage in rasender Geschwindigkeit fortbewegen, da dreht sie sich in Wahrheit eigentlich nur im Kreis – und zwar immer schneller; so schnell, dass es mittlerweile fast einem Stillstand gleichkommt. Erklärt das nicht, wieso Moden sich so schnell abnutzen wie nie zuvor? Genau von diesem stumpfen, oder besser abgestumpften, Zirkulieren, dem vorläufigen Ende der Ideen, zeugt »Tomorrow’s Harvest«. Und das auf erstaunlich ergiebige Weise.

Der Weltuntergang als stiller, stetiger und unumkehrbarer Prozess: Diesen ungemein trostlosen, fast nihilistischen Grundton mit obskurer Quasi-Metaphysik, versteckten Andeutungen und subliminalen Feinheiten stimmig zu verknüpfen, das ist schon ein wahres Kunststück. Es hat die Ambivalenz, zu der eben nur tiefsinnige Ausnahmewerke fähig sind, denn es trägt Zeitgeist in sich, indem es die verlorengegange Zeitlichkeit unserer aktuellen Epoche einfängt und negiert jegliche Epochenhaftigkeit damit zugleich. Irgendwie verwirrend und widersprüchlich, nicht wahr? Ja, aber vor allem traurig und desillusionierend schön.

Derart evokative Klangalchemie bedarf nicht zwingend einer visuellen Untermalung, schließlich entsteht das Bild bei Boards of Canada zu allererst im Kopf des Hörers. Doch wer sich ein wenig mit der Aufnahme ihrer Musik durch die äußerst loyale Anhängerschaft beschäftigt, kennt sicherlich die kleinen Fan-Filmchen, zuhauf auf YouTube und Co. zu finden, welche die Tracks mit oftmals passenden Bildern aus der schier unerschöpflichen Recycling-Cloud des Internets untermalen.

Ein User hat sich die Mühe gemacht, aus den zahlreichen inoffiziellen Videoclips (mit Ausnahme des offiziellen Videos zur Single »Reach For The Dead«) ein zusammenhängendes Musikvideo für den kompletten Langspieler zusammenzuschneiden. So wird »Tomorrow’s Harvest« zum audiovisuellen Gesamterlebnis!

Die Auflösung entspricht zwar kaum HD-Niveau, was angesichts des in der Regel eh schon grobkörnigen Ausgangsmaterials und Vintage-Sounds jedoch nicht schwer wiegt. Im Gegenteil: Mitunter verdeutlicht dies kongenialerweise unsere heutige Digitalkultur, in der aus der Vielfalt der geschichtlichen Zusammenhänge eine homogene Pixelmasse geworden ist. Was die Auswahl der Videos angeht, kann man daher geteilter Meinung sein, lag der Fokus hier mehr auf Abwechslungsreichtum denn auf Kohärenz. Wirken die ersten zehn Minuten noch fast wie aus einem Guss, mischen sich nachher Zeichentrick bzw. abstrakte Animation, diverses Dokumaterial und Spielfilm-Ausschnitte (z.B. »Blade Runner«).

Ein überaus netter Zusatz ist der Zusammenschnitt dennoch. Einer von vielen potentiellen Wegen »Tomorrow’s Harvest« synästhetisch auszuformulieren. BoC selbst scheint der extralange Clip jedenfalls gefallen zu haben, denn die beiden Schotten haben ihn vor einiger Zeit sogar auf ihrer ansonsten nicht gerade durch außerordentliche Aktivität auffallenden Facebook-Seite gepostet.

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Review: End.user & N.L.I.C. – her shadow EP [2015]

End.user & N.L.I.C. - her shadow EP| Erschienen bei Bandcamp / Sonicterror (2015) / Coverfotografie von Chris Arson |

Die Atmosphäre ist elektrisch geladen, ein finsteres Grollen ertönt im Hintergrund. Vom Himmel regnet ein Bombenteppich nieder und wüstes Batteriefeuer von allen Seiten durchsiebt die Luft. Die Rede ist nicht etwa von einem Schlachtfeld aus dem vergangenen Jahrhundert, sondern von Musik. Einer radikalen Artikulation von Musik, die sich gebärdet, als wäre der dritte Weltkrieg ausgebrochen – so kennt und schätzt man die Soundgewalt von End.user. Es kommt also nicht von ungefähr, dass er und Kollege N.L.I.C. ihre musikalisches Heim und Wirkungsstätte Sonicterror getauft haben. Doch auf reine Krawallmacherei darf man die Beiden längst nicht reduzieren, haben Lynn Standafer und Carl Sealey, die Personen hinter den Pseudonymen, oft genug bewiesen, dass sie versierte Samplingkünstler mit einem Gespür für Atmosphäre und elaboriertes Klangdesign sind.

Gemeinsam haben die zwei Breakcore-Heads nun eine neue EP herausgebracht. Nicht etwa auf Hymen, Ohm Resistance oder Ad Noiseam, einige der namhaften Stationen in der Vergangenheit – nein, stattdessen ganz einfach und ohne große Promotion via Bandcamp. Fünf Tracks beinhaltet das Release, die meisten davon sind mit etwas mehr oder weniger als vier Minuten Laufzeit recht kurz gehalten. Opener »tranquility (pulling the veil)« erklingt bemerkenswert ruhig und melodisch. Die nach ungefähr einer Minute einsetzende Drumspur ist dann aber doch ein bisschen zu schneidend, nervös und verzwickt konstruiert, um die Bezeichnung Downtempo hier adäquat erscheinen zu lassen. In jedem Falle handelt es sich um einen ebenso gelungenen wie unaufgeregten Beginn, den man durchaus mehrmals hören kann, bevor man alle Feinheiten registriert. In eine vergleichbare Richtung wie das Eröffnungsstück weist auch »regret (iamthesun – zinovia version)«, die alternative Version eines älteren Tracks, den man schon damals auf End.users Album »Even Weight« von 2011 zu hören bekam. Wie der Hinweis im Titel verrät, entstand diese Fassung in Zusammenarbeit mit der äußerst begnadeten Produzentin Zinovia Arvanitidi. Auch wenn das Stück an sich nicht wirklich neu ist, so fügt es sich doch passend in die Veröffentlichung ein. Denn auch der nachfolgende Titel (»i didn’t forget it, i left it there for you«) ist wieder melancholisch und zurückgenommen ausgefallen, lediglich die impulsive Schlagzeug-Rhythmik unternimmt hin und wieder Zuckungen, die aus der getragenen Stimmung etwas ausbrechen. Und wieder überzeugt das Duo mit schwermütiger Komposition und niedrigem Tempo.

Die Ruhe soll jedoch bald ein Ende haben. Programmatisch wird die zweite Hälfte der EP von »awakening the beast« eingeläutet: Anfangs ein recht einfach gehaltenes Drum & Bass-Stück neuerer Schule, bringt es im weiteren Verlauf die heftigen, überfallartig rollenden Beat-Attacken zurück, wegen der sich End.user seinen Ruf als kompromisslosen Breakbeat-Berserker verdiente. Nach diesem kurzweiligen Fast-Vierminüter lässt »ditch« mit Kollabopartner Gore Tech endgültig die Breakcore-Katze aus dem Sack – und zwar so, als wäre das Biest mit Absicht lange Zeit nicht gefüttert worden! Zunächst muss es einen verschlungenen, stimmungsvollen Intro-Parcours hinter sich lassen, bevor es schließlich seinen vernichtenden Beutezug antreten darf, bei dem wirklich nichts mehr heil bleibt. Das Verheerende: Es ist brutal und intelligent – also gleich doppelt gefährlich. Aber genug der Rhetorik! »ditch« ist eine irre gute Haudrauf-Chose mit Dynamik, Ideen und diversen Rhythmusverschiebungen. Zutaten: Kreischende Soundspitzen und hysterisches Geballer wie aus einem Sci-Fi-Shooterspiel. Zum Schluss setzt der Track ganz und gar auf pure Amen Break-Power; richtig eingesetzt, zeigt sich auch hier wieder zu welcher brachialen Sprengkraft dieses altbekannte Drumming-Sample fähig ist!

Das Gesamtbild stimmt: »her shadow« ist eine runde und schlüssige EP, die eine klare Progression durchläuft. Sind die ersten Titel noch vergleichsweise langsam und ausgeglichen, steigt die Aggressivität und Härte nachher eklatant an. End.user und N.L.I.C. beweisen, dass sie beide Seiten – die leisen Töne und das Martialisch-destruktive – sowie das Grau dazwischen beherrschen. Beachtenswert dabei ist zudem der Umstand, dass das Release ohne unterstützendes Label im Rücken und quasi auf eigenes Risiko der Künstler in die Welt gesetzt wurde. Ein waschechtes Independent-Werk sozusagen. Umso mehr wäre es den Urhebern zu gönnen, dass diese hörenswerte Musik auch ein Publikum findet.

Tracklist:
01. tranquility (pulling the veil)
02. regret (zinovia version)
03. i didn’t forget it, i left it there for you
04. awakening the beast
05. ditch (feat. Gore Tech)

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Video: KOLT – Bestabu

Videoclips sind grellbunt, hektisch, schnell geschnitten und vollgestopft bis zur Reizüberflutung? Nicht so bei KOLT, einem nebulösen Musikprojekt, das praktisch wie aus dem Nichts auf der Bildfläche erschienen ist. Die suggestive Kameraführung und fein gefilmte, ihre Langsamkeit ausgiebig zelebrierende Fahrten durch die nicht minder beeindruckenden Schauplätze wecken sogar Erinnerungen an Tarkowskis »Stalker«. Interessanter Fakt am Rande: Gedreht wurde der atmosphärisch enorm dicht inszenierte Clip zu »Bestabu« von Vasily Ovchinnikov tatsächlich in einem der ältesten Dörfer Russlands, das in seinem urtümlichen Zustand einiges hermacht. Ebenso kühn wie die Visualisierung fällt auch die Musik aus. Auf ein schwer definierbares, zwielichtiges Intro folgt eine famos wabernde Downtempo-Nummer mit bestechender Coolness, vom Trip-Hop beeinflusst und doch fernab altbekannter Genre-Klischees. Und sogar einige Sprenkler elektrifizierten Blues nach dem Vorbild eines David Lynch meine ich hier vernehmen zu können. Nicht alles, was auf der Bild- und Tonebene passiert, lässt sich leicht und schlüssig deuten; am Ende bleibt man so durchaus ratlos zurück. Fazit: Erfrischend unkonventionell!

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Highlights 2014: Top-Alben

Ganz ehrlich: Niemand mag frühe Jahresrückblicke, die einem schon Anfang Dezember allerorts aufgedrängt werden. Deswegen… na gut, auch wegen anderer Gründe, kommt mein Highlight-Ranking für 2014 auch später als alle anderen! Wie schon im letzten Jahr gilt natürlich auch diesmal das Credo: Vollständige oder objektive Bestenlisten gibt es nicht, sie bleiben stets Ausschnitte ohne Universalitätscharakter – eine persönliche Selektion nach individuellen Kriterien. Und trotzdem fiel es mir diesmal sogar schwer, eine für die eigenen Maßstäbe zufriedenstellende Rangliste zu kreieren.

2014 erschien mir in musikalischer Hinsicht nämlich in der Spitze sehr dicht gestaffelt, nur wenig hat sich daher wirklich für eine ‚Ehrung‘ aufgedrängt. Zwar gab es durchaus viele gute und sehr gute Alben, jedoch kaum besonders hervorstechende, brillante, mitreißende Werke, die meine subjektiven Knöpfchen zu drücken wussten. Oder lag es vielleicht an enttäuschten Erwartungen? Manche mit Vorfreude erwartete Alben gestandener Künstler konnten ihre Vorschusslorbeeren letztlich nicht ganz einlösen.

Beherrscht wurde das Jahr indes vor allem von Ambient- und Drone-Klängen, ätherisch-umwasserten Rock-/Pop-Formationen sowie ‚Hauntologen‘-Techno – es ist, als lege sich ein nebulöser Schleier um den Musikbetrieb unserer Zeit –, wohingegen viele bekannte Post-Rock-Bands solide Alben ohne größere Neuerungen nachlegten. Das Ranking haben diese Trends aber nicht unbedingt dominiert. Alles in allem war es ein knappes Rennen an der Spitze, mit vielen Anwärtern auf einen Startplatz, aber keinen echten Titelfavoriten. Nur eines kann ich vorab versprechen, Coldplay oder Kraftclub sind garantiert nicht darunter!

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Review: The Future Sound Of London – Environment Five [2014]

FSOL-envi-5s| Erschienen bei fsoldigital (2014) |

Es hat schon eine gewisse Ironie. Da bringen Londons selbsternannte Vorwärtsdenker in den 90ern den Sound ihrer Ära gleich um mehrere Evolutionsstufen voran, releasen mit »Lifeforms«, »ISDN« und »Dead Cities« drei legendäre, zukunftsweisende Alben sowie mit »Papua New Guinea« einen der Übertracks der Dekade – ihren Beitrag zur Weiterentwicklung der modernen Elektronischen Musik bzw. Musik im Allgemeinen kann man gar nicht hoch genug einschätzen -, nur um dann vor der anstehenden Jahrhundertwende mit ihrem ambitionierten Projekt weitgehend von der Bildfläche zu verschwinden. Jahre später, und größtenteils in Vergessenheit geraten, veröffentlicht das Duo um Brian Douglas und Gary Cobain wieder, zunächst allerdings hauptsächlich Archivmaterial, Best-Of-Compilations und Reissues. Kein Wunder also, dass eine breitere Öffentlichkeit nicht mitbekommt, dass mit „Environment Five« erstmals seit mehr als fünfzehn Jahren wieder ein ‚richtiges‘ Album von The Future Sound of London mit brandneuen Stücken erschienen ist – die vier Vorgänger der Serie bestanden überwiegend aus unveröffentlichtem Altmaterial. »Image to the Past« nennt sich bezeichnenderweise eines dieser neuen Stücke. Haben die einstigen Innovatoren ihren Avantgarde-Anspruch inzwischen ad acta gelegt?

Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben“, heißt es in Marinettis Manifest der Futuristen von 1909. Es ist zwar nicht anzunehmen, dass die eher entschleunigend vorgehenden Traditionsbrecher von FSOL mit dem radikalen Gedankengut dieser testosterongesteuerten Bewegung viel gemein haben, dennoch beschreibt jenes Credo den musikalischen Ansatz der IDM-Pioniere recht treffend. Tun sich denn auch beim aktuellen Werk einige Schnittmengen auf? „»Environment Five« explores the space / time / dimension that exists when we die”, erklärt der Pressetext. Eine etwas andere, eher metaphysische Überwindung des Raum-Zeit-Kontinuums also. Das passt absolut ins Bild: FSOL waren eben niemals kühle Technokraten, sondern stehen seit jeher unter Verdacht mit ihrer Musik physikalische Grenzen zu transzendieren, wenn man es so blumig ausdrücken will. »Environment Five« begibt sich dazu erklärtermaßen in einen Bereich, der bei Boards Of Canadas fantastischem »Tomorrow‘s Harvest« mit Ausnahme einiger Songtitel nur relativ vague angedeutet wurde, wählt aber einen weniger nostalgischen Modus als die Schotten.

Was jedoch nicht bedeutet, dass Cobain und Douglas ihre grundsätzliche Ausrichtung über Bord geworfen hätten. Nach wenigen Augenblicken ist unmissverständlich klar, dass The Future Sound Of London hier am Werk gewesen sind. In der Tat haben sich die Haupt-Zutaten kaum geändert: wieder mal treffen synthetische Sounds auf organische Klänge, vermählen sich Klassik-Elemente mit ausgeprägtem Experimentierwillen, psychedelischen Qualitäten und stimmungsvoller Exotik. Diesmal beginnt es schon mit einem Ende: »Point of Departure« markiert den Übergang ins Jenseits, der in der Folge durchexerziert wird. Für ein Konzeptalbum, das den Sterbeprozess behandelt, ist »Environment Five« anders als etwa die hörspielartigen Horrorcollagen von The Haxan Cloak aber gar nicht unbedingt trostlos ausgefallen. Vielmehr entwirft es eine differenzierte Vorstellung unterschiedlicher Stadien, die man im Tod durchläuft. Das liegt vor allem am Abwechslungsreichtum der Tracks, bei denen unterschiedlichste Nuancen immer wieder für komplexes, ambivalentes Kopfkino sorgen. Die Bandbreite der eingesetzten musikalischen Mittel ist außergewöhnlich, gerade die experimentelleren Elemente lassen sich dabei nur schwer in Worte fassen. Wie gewohnt fließen die Stücke natürlich mit raffinierten Übergängen ineinander.

Im ruhigen »Source of Uncertainty« glaubt man zu Beginn Kirchenglocken wahrzunehmen, leise aus der Distanz und unter einem Klangteppich liegend, während das Stück kurze Zeit später mit melancholischen Klavierakkorden besticht, ehe im letzten Drittel noch undefinierbare Quietschgeräusche hinzukommen. Beim vorhin angesprochenen »Image of the Past« fällt in erster Linie die markante, ziemlich relaxte, 3-Ton-Basslinie auf. »In Solitude We Are Least Alone« dagegen fährt einiges auf: Impulsive Streicher und chaotische Saxophon-Melodien transportieren ein gleichzeitiges Gefühl der Geborgenheit und ungeduldigen Aufregung, als könne man sich angesichts des Todes glücklich und frei fühlen, nachher wirbeln Synthies umher, die dann von angenehm zischenden Beats abgelöst werden; am Ende hört man nur noch ein Windspiel leise klimpern, bevor schlussendlich sogar noch ein Flugzeug durch die Szene rauscht.

Etwas unheimlich zumute wird einem dann trotzdem bei »Beings of Light« und »Viewed from Below the Surface«, und das auch nicht nur aufgrund der wabernden Subbässe. Beim Erstgenannten trifft man neben den wortlos gesungenen, weiblichen Choralstimmen, die man aus älteren FSOL-Releases kennt, auch noch auf kaum wahrnehmbare, gespenstische Laute im Hintergrund. Den emotionalen Höhepunkt erreicht das Album schließlich in der zweiten Hälfte mit »Dying While Being Held« dank der mitreißenden melodischen Fülle, welche zum richtigen Zeitpunkt noch mit einem scheppernden Drum-Pattern veredelt wird. »Machines of the Subconscious« ist klassischer, schön atmosphärisch und zurückgelehnt daherkommender Clicks & Cuts-Pluckertechno. Die druckvollen Breakbeats im lebhaften »Somatosensory« wecken Erinnerungen an »Dead Cities«, nur eben ohne den dystopischen Anteil von damals. Beim tollen Schlusstrack »Moments of Isolation« möchte man fast irgendwelche zeitgenössischen Genrebegriffe zur Beschreibung anführen, ehe einem wieder bewusst wird, dass Cobain und Douglas in den 90er Jahren nicht nur Weltbewegendes für die Evolution von Ambient, Trip Hop, Techno, Big Beat etc. geleistet haben, sondern auch abstrakte Ur-Entwürfe von Garage und Dubstep zelebrierten, lange bevor überhaupt jemand diese Wörter in den Mund nahm…

»Environment Five« kommt zwar nicht ganz an die visionäre Kraft und den Wiedererkennungswert der älteren Alben heran, erweist sich dafür aber als das möglicherweise subtilste, geschliffenste Werk der Briten, das zudem wärmer und melodischer als ihre frühen Meilensteine ausgefallen ist. Es mag sein, dass man im Hause FSOL keine Zukunftsmusik mehr macht. Vielleicht ist man ja einfach dazu übergegangen, im wahrsten Sinne zeitlose Kunst zu schaffen. In einem solchen Fall wäre ein Kurswechsel mehr als verschmerzbar.

Tracklist:
01. Point of Departure
02. Source of Uncertainty
03. Image of the Past
04. Beings of Light
05. In Solitude We Are Least Alone
06. Viewed From Below The Surface
07. Multiples
08. Dying While Being Held
09. Machines of the Subconscious
10. Dark and Lonely Waters
11. Somatosensory
12. The Dust Settles
13. Moments of Isolation

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Review: Dryft – The Blur Vent [2014]

Dryft - The Blur Vent Cover[Erschienen bei n5MD (2014)]

Es ist die außergewöhnliche, transzendierende Fähigkeit der Musik, dass sie den Hörer an andere Orte bringen kann. Das Abgleiten in fremde Sphären, das Entfachen der menschlichen Vorstellungskraft und Sich-Verlieren in ihr ermöglicht wohl kaum eine andere Kunst in diesem Maße, zumindest wenn es sich denn um wirklich inspirierte Werke handelt.

Die Musik von Mike Cadoo zu hören, ist, als würde man eine Reise unternehmen und schlussendlich doch bei sich selbst ankommen, und zwar ganz tief im Inneren. In diesem Licht betrachtet, befindet sich der n5MD-Labelchef auf einer nicht enden wollenden Expedition an die Grenzen des menschlichen Wahrnehmungshorizonts, einer stetigen Suche nach den Spuren des auditiven Urknalls. Cadoo ist dabei Passagier, Kapitän und Reporter zugleich und jedes seiner Werke eine Dokumentation dessen. Ob in früheren Tagen als Hälfte des zu Recht gefeierten Ambient-Industrial-Duos Gridlock, das Klangprinzipien bis in die Molekularstrukturen zerlegte und zu überwältigenden sonischen Mosaiken verdichtete, oder unter seinem Bitcrush-Alias die Genregrenzen von Shoegaze, Post-Rock und sphärischer Electronica bis zur vollkommenen Ununterscheidbarkeit ineinanderfließen – Emotionen und Intellekt befinden sich hier immer zu gleichen Teilen in der Waagschale. Unter all den Klangforschern, Tonmathematikern und Soundingenieuren ist Cadoo ohne Zweifel der Geisteswissenschaftler.

Von dieser unermüdlichen und gefühlsgeleiteten Suche nach musikalischen Ausdrucksweisen zeugen insbesondere diverse Nebenprojekte: „Cell“ (2000), ein famoser Abstecher in dunkles Drum & Bass-Territorium, drückte dem zeitgenössischen Darkstep einen unnachahmlichen, noisigen Cadoo-Stempel auf, während die EP „The Mytotyc Exyt“ (2002) Glitch Hop und Breakbeats einverleibt, was abermals in einer ungemein originellen soundtechnischen Neuinterpretation seines individuell wiedererkennbaren Stils mündet. Weitere acht Jahre später erkundet das im Modus ‚New Age meets Industrial‘ daherkommende Downbeat-IDM-Meisterwerk „Ventricle“ (2010) mit majestätischer Langsamkeit und epischem Weitwinkel, was sich alsbald als zerklüftete Seelenlandschaften herausstellen sollte. Ein mehr als weiser Zug von Cadoo, all diese verschiedenen Artikulationswege paradoxerweise unter dem Künstlernamen Dryft zu bündeln. Schließlich entpuppt sich das eigentliche Nebenprojekt als vielleicht sogar bedeutsamstes künstlerisches Vehikel des Amerikaners.

Nun also „The Blur Vent“. Doch lassen sich die bisherigen Großtaten überhaupt noch toppen? Einer typischen Schneller-Höher-Weiter-Logik scheint das aktuelle Werk jedenfalls nicht zu folgen. Im Gesamteindruck wirkt das neue Material merklich zurückgenommener und ruhiger. Leise Drones eröffnen das Album in „Capsize Ctrl“. Dreieinhalb Minuten nimmt sich dieses Zeit für sein Intro, welches langsam an Kraft gewinnt und sich in wellenförmigen Texturen zwischenzeitig immer mal wieder kurz aufhellt und erneut abdunkelt. Dazu gesellen sich schmetternde Klänge in den Hintergrund, so als würden kleine Felsbrocken auf den Grund einer tiefen Schlucht aufschlagen. Mit unerwarteter Schnelligkeit plötzlich ein surrender Anstieg. Auf den Höhepunkt… Stille… dann der Einsatz eines seltsam metallischen, jeglicher Wärme beraubten Future Garage-Beats, der fortan von rumorenden Tiefbässen und subtilen Schmirgel-Synthies umgeben wird. Stattliche Harmonieflächen machen das Stück wenig später komplett, bevor selbiges ausklingt. Was sich in der Beschreibung durchaus bombastisch anhört, ist tatsächlich zwar ohne Frage eindringlich konstruiert, dabei jedoch auffällig bodenständig ausgefallen und entschieden mit Understatement produziert.

Eines der Elemente, die sich mit diesem Release im Sound von „Dryft“ geändert haben, sind die Beats, die weit weniger abstrakt, expressiv und lärmend klingen als noch in den früheren Veröffentlichungen. Der harsche Industrial-Aspekt wurde klar zurückgeschraubt und so hört man hier erstmals annähernd konventionelle Percussion-Sounds wie Claps, Kicks oder Hi-Hats, die sich mehr an Bass Music der vergangenen Jahre zu orientieren scheinen. Cadoo verzichtet damit zugunsten des Albumkonzepts auf ein liebgewonnenes Markenzeichnen. Eine andere Stärke hat er dagegen beibehalten, nämlich das Erzeugen von mehrdeutigen Stimmungsbildern. Binnen kürzerer Zeiträume mischt sich besorgniserregende Spannung mit leisem Optimismus, sodass man nie sicher sein kann, ob man sich entspannt zurücklehnen oder darauf einstellen sollte, dass die nächste depressive Welle schon anrollt. Ansonsten kennzeichnet „The Blur Vent“ vor allem der großzügige Einsatz von zahlreichen Halleffekten und drückenden Subbässen, die der Musik häufig den Anschein unterirdischer Herkunft verleihen, als stamme sie direkt aus einem Gewölbe oder Höhlenkomplex. Geisterhaft verfremdete Laute, die manchmal fast Choralcharakter erwecken, fließen in ihrer Verwendung ähnlich wie Texturen oder Melodien in die Instrumentierung ein. Bisweilen wird undurchdringlich, was hier ursprünglich menschliche Stimme gewesen ist und was synthetischer Sound, wodurch den Kompositionen eine quasi-unterbewusste Komponente zukommt. Das Zeitlupentempo der meisten Tracks tut sein Übriges, um zur speziellen, zwischenweltlichen Atmosphäre beizutragen.

Czyalon“, eines der eindrucksvollsten Stücke von „The Blur Vent“, setzt auf klirrende Reverb-Beats, unbarmherzig grollende Distortion-Basssounds und zwielichtige Synthesizer-Loops wie aus einem alten Carpenter-Streifen – und erzeugt so eine Unheimlichkeit und mystische Spannung, die sofort in ihren Bann zieht. Doch nicht alle Tracks sind derart düster ausgefallen. Überwiegend finden sich auf dem dritten Dryft-Longplayer eher ausgeglichene, zwischen Gelassenheit und leiser Melancholie mäandernde Instrumentalballaden („Blue Windows“, „Slow Jimmy“), die ihre wahre Tiefe erst nach mehrmaligem Hören enthüllen. Im sehnsuchtsvollen „These Walls“ wagt sich Cadoo sogar an Vocals, die sich erstaunlich gut in den Kontext einfügen und den Track beinah zu einer Dream Pop-Nummer werden lassen. Eine ordentliche Gänsehaut beschert später allerdings das gespenstisch schöne „Like Falling“, bevor der Titeltrack „The Blur Vent“ überraschend euphorisch und straight-forward ins Ziel bringt.

Auch wenn „The Blur Vent“ in Sachen Intensität nicht ganz an frühere Sternstunden wie Gridlocks „Formless“, Bitcrushs „Collapse“ oder den Vorgänger „Ventricle“ heranreicht, ist das neueste Werk wieder ein Kleinod hochemotionaler Musik. Wie so häufig bei Arbeiten mit echtem Tiefgang, benötigt auch „The Blur Vent“ mindestens drei Anläufe, um seine ganze Qualität preiszugeben. Cadoo gelingt es erneut, Strömungen der jüngeren Vergangenheit, in diesem Fall Witch House und Post-Dubstep, in sein Schaffen einfließen zu lassen und dennoch in jedem Moment seine ureigene Handschrift erkennen zu lassen. Der Mut zur Veränderung hat sich auch dieses Mal bezahlt gemacht.

Tracklist:
01. Capsize Ctrl
02. Czyalon
03. B.Prof
04. These Walls
05. Blue Windows
06. The Long Four (Extended)
07. Slow Jimmy
08. Like Falling
09. The Blur Vent

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