Beiträge getaggt mit Breakbeat

Aus der Mottenkiste: Orbital – The Box (1996)

Sprechen wir doch mal über Orbital …und die 90er. Nicht, dass Letztere zu wenig Beachtung seitens meiner Generation oder der Massenmedien bekommen würden, doch kann man sich dem Schaffen der Gebrüder Hartnoll wohl auch nur schwer annähern, ohne auf ihre Eingebundenheit in die Musikrevolution jener Dekade einzugehen. Eine Dekade, deren Zeitkolorit vom Aufkommen digitaler Technologien mehr bestimmt wurde als alles andere. Multimedia, Virtual Reality, Cyberspace etc. lauteten damals Entwürfe, auf die man – mal als Schreckgespenster, mal als Verheißungen einer besseren Zukunft – unweigerlich treffen musste. Popkultur und andere Diskursfelder waren in der Prä-Millenium-Ära voll davon. Dass ich besagtes Thema an dieser Stelle auf diese Weise behandeln kann, ist im Übrigen natürlich auch den tatsächlichen Auswirkungen des kulturtechnischen Wandels geschuldet, ganz klar. Den Rest des Beitrags lesen »

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Highlights 2015: Die besten EPs & Mini-Alben

Während die Eindrücke aus dem letzten Jahr nun so langsam Platz machen für die Gegenwart (um nicht vom abgedroschenen ‚Hier und Jetzt‘ sprechen zu müssen) und 2016 Kontur annimmt, gibt es doch noch einiges, das nachhallt. Die Rede ist von – wer hätte das gedacht? – sehr guter Musik! Den Startschuss zur wie immer reichlich verspäteten Rückschau auf die Highlights von 2015 macht das Ranking einer oft vergessenen und unterschätzten, jedoch dank des Independent-Sektors niemals irrelevant gewordenen Veröffentlichungsform: der EP. Schließlich erscheinen immer wieder auch tolle Werke, die aber nicht über den Umfang eines gesamten Albums verfügen. Genau solche habe ich hier zusammengestellt.

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Review: Squarepusher – Damogen Furies

Squarepusher - Damogen Furies (Cover)| Erschienen bei Warp Records (2015) / Cover photography by Timothy Saccenti |

Tom Jenkinson ist kein Freund von Kategorisierungen. Dies pflegt er in Interviews gern und oft zu betonen. Vielleicht gilt der Brite hinter dem Squarepusher-Alias ja gerade deswegen bei vielen Journalisten als ernster, etwas grummeliger und eigenbrötlerischer Zeitgenosse, der die obligatorischen Pressetermine eben nicht zu oberflächlichen Feel-Good-Veranstaltungen verkommen lassen will. Eine nonkonforme Haltung, die sich auch in der vielfältigen, durchaus von Humor zeugenden, Diskographie wiedererkennen lässt und den Fachmedien regelmäßig Mühen bereitet. Kaum haben Kritiker nämlich eine Schublade (Drill & Bass, Jazz Fusion Breakbeat etc.) ausgesonnen, markiert Jenkinson den Spielverderber und ändert mit dem nächsten Release die Kursrichtung. Mit Warp Records, einer Institution, die sich bestens mit unangepassten Typen (Oneothrix Point Never, Flying Lotus, Aphex Twin,…) auskennt, hat der Klötzchenschieber einen Heimathafen gefunden, der ihm seit den späten 90ern praktisch freie Handhabe beim Nachgehen manischer Alleingänge gewährt, was dann idealerweise Meisterwerke wie »Hard Normal Daddy« oder »Ultravisitor« nach sich zieht. Eine Arbeitsbasis, die auch für die Entstehung des 2015er Outputs eine überaus zentrale Rolle gespielt haben muss.

Die Verwirrung beginnt diesmal bereits beim Inspizieren der CD-Verpackung, denn das Frontcover mit Jenkinsons digitalverzerrtem Konterfei verrät mir nicht auf Anhieb, wo hier eigentlich oben und unten sein sollen. Auch die beim Aufklappen der Kartonhülle sichtbaren Hilfspfeile vermögen derartige Orientierungsprobleme nicht wirklich zu beseitigen, führen aber immerhin schrittweise zum schwarzbedruckten Datenträger, der sich optisch kaum von seiner Peripherie abhebt. Das Design stellt ein getreue Spiegelung des verdrehten Bastards dar, als der sich dieses »Damogen Furies« erweisen sollte, jedoch täuscht das extrem minimalistische Schwarz-Weiß wiederum ob der wilden Auswüchse und akustischen Farbspielereien, die sich in der ‚Blackbox‘ verbergen.

Opener »Stor Eiglass« prescht mit deftigen Schlägen vor, die die Wände zum Wackeln bringen, etabliert aber bald darauf quietschige, durchaus zum Mitsummen geeignete Melodien aus dem Rechner – Kontraste, die schon der direkte Vorgänger »Ufabulum« aufzuweisen wusste. Im Laufe des Viereinhalbminüters werden die synthetischen Rhythmen zu einem zunehmend diffizilen Datengeflecht zurechtgezwirbelt. Bis hierhin verläuft trotzdem noch alles in vergleichsweise geregelten, weitgehend nachvollziehbaren Bahnen und wenn man dabei leichten Plastikgeruch vernehmen sollte, dann liegt das womöglich daran, dass Mr. Unbequem seinen Einstiegstrack als „Trojan Horse“ für jungfräuliche Gehörgänge ausgetüftelt hat. Richtig los geht es dann erst mit »Baltang Ort«, das mit seiner Verquickung von prachtvollen Flächen und unwirschen Beatfraktalen eine ähnlich tragende Rolle einnimmt wie seinerzeit ‘Pusher-Klassiker »Tundra« auf dem Debütalbum »Feed Me Weird Things« (1996). Nur gerät es vom Ausdruck her weitaus artifizieller und gröber als der ziemlich feingliedrige Jungle-Parcours aus alten Tagen, denn letzterer wird hier durch extragrantige Acid-Einspritzungen und kalte Computerdrums ersetzt. Puh, was ein erhebender Stress das doch ist! Aber wo bleibt der Mindfuck!?

Ein Blick ins Booklet mit einem erklärenden Statement des Künstlers verrät schon mal die Besonderheit der Machart: Alle zu hörenden Sounds entstammen eigenprogrammierter Software, die Jenkinson über viele Jahre hinweg entwickelt hat. Außerdem wurden sämtliche Tracks in einem zusammenhängenden Take ohne nachträgliche Bearbeitung aufgenommen. Irgendwie fast schon kämpferisch klingt dabei seine Proklamation des Wegs des größtmöglichen Widerstandes wie auch das Anliegen, sich von Konsumzwängen freizumachen. Ist Squarepusher damit Gegner einer Kulturindustrie, dessen Teil er unweigerlich selber darstellt? In gewisser Weise ja, doch hierbei geht es ihm merklich weniger um das altbekannte Argument gegen die kommerzielle Verwertung von Musikwerken, als – viel basaler – um die Mittel, die ihrer Entstehung vorausgehen: Instrumente, Hard- und Software. Geräte und Klangerzeuger von der Stange schränken die kreativen Möglichkeiten ein, determinieren zu einem gewissen Grad ihre Nutzungsweisen, so der Gedanke. Sein entschiedener DIY-Approach ist aber auch ein klares Zeichen gegen die Preset- und Readymade-Mentalität des sogenannten ‚EDM‘-Mainstreams der letzten Jahre, dessen Baukasten-Produktionen mit der progressiven, tüftlerischen Essenz der elektronischen Musik denkbar wenig zu tun hätten.

Hektisch, laut und eigenwillig ist »Damogen Furies« ohne Zweifel über weite Strecken, wie auch schon viele Squarepusher-Platten zuvor, doch die Direktheit, mit der die meisten aktuellen Kreationen ins Gesicht ballern, liefert dann doch ein paar Argumente dafür, sein Treiben tatsächlich als eine schräge Art von individualistischer Protestmusik zu begreifen. Nicht in plumpen Parolen, jedoch in eisigen Glitches, Strobo-Breaks und kakophonen Eruptionen findet diese ihren Ausdruck. »Rayc Fire 2«, schrill und kompromisslos, als Single vorab zu vermarkten, bleibt da nur ein kleines Kuriosum mit Randnotizcharakter, schließlich dürfte sich der Kreis derjenigen, die sich von dem tollen Digitalkrach mit Breakcore-Anleihen zum Albumkauf verleiten lassen auf eine relativ überschaubare Anzahl von Musiknerds begrenzen. Das fantastisch rabiate »Kwang Bass« lärmt dunkel und metallisch, beinahe schon mit futuristischem Industrial-Touch; »Exjag Nives« hingegen steigert sich in ein wüstes, ultraverknotetes Drum & Bass-Gefrickel hinein – bekanntermaßen ja ein Feld, auf dem ihm sowieso nur wenige die Stirn bieten können.

Genauso wie die gerade umher geworfenen Genrebegriffe stets nur das Dilemma aufzeigen, dass bei der Beschreibung der Kompositionen entsteht, bleibt die härtere Gangart auch nie bloßes Muskelspiel, sondern hat häufig einen verspielten Charakter. Das expressive Chaos scheint gerade mit dem Bezug zu stereotypen Mustern Sinn zu erhalten. Man nehme etwa »Kontenjaz«, das in seinem Mittelteil kurzzeitig mit gleichmäßigem 4/4-Takt inklusive übertrieben ‚catchy‘ Harmonien überrascht. Doch gerade wenn man denkt, Jenkinson schalte endgültig in den Party-DJ-Modus, treffen einen wieder krachende Beats, die zeigen, was Sache ist. Rein klangästhetisch hat das hier Gebotene ungeahnte Überschneidungen mit den Neonkirmesbespaßern aus dem gegnerischen Lager, doch umso gnadenloser zerschreddert er deren Motive, zerstört bekannte Strukturen, um sie in unorthodoxer Manier neu zu überschreiben. Aus streng reglementiertem Exzess wird ein sich frei entfaltendes Formgemenge. Eine geistige Verwandtschaft zum Free Jazz ist auch diesmal nicht zu verleugnen, die gelungenen melodischen Passagen (»D Frozent Aac«, »Exjag Nives«) hingegen sorgen für das kompositorische Gegengewicht. Der gespaltene Wesenszug ist es, der diese LP trotz aller idiosynkratrischen Ausraster auf gewisse Weise recht zugänglich macht.

Dahinter kann man Kalkül vermuten, tatsächlich lässt sich solch Herangehensweise aber wohl passender mit dem Faktor Eigensinn erklären. „Der Weg ist das Ziel“ galt schon immer für Jenkinsons Ethos, es geht um Risikofreude und das Vermeiden von Routine um jeden Preis. Bloß nicht eine von diesen greisen Rock-Mumien werden, die ihre schalen Hymnen in gefühlter Endlosschleife durch die Stadien krakeelen, ehe man ihnen (zur Bestrafung?) am Schluss noch ein Musical widmet, in der Hoffnung sie würden zum Wohle der Menschheit endlich in Rente gehen. Natürlich bleibt es fraglich, ob die hier bewusst forcierten Unterschiede im Produktionsprozess für den Hörer am Ende überhaupt noch in gleicher Weise greifbar sind wie für den Komponisten. Squarepushers Ansatz ist weniger der ‚Klangforschung‘ verpflichtet als – wenn man es hart ausdrücken möchte – seinem Künstlerego. Alles in allem ist »Damogen Furies« gewiss nicht ‚groundbreaking‘, in der falschen Gemütslage sogar ein anstrengendes Unterfangen, da es konstant auf maximaler Drehzahl powert. Und dennoch stellt es den gelungenen Beweis dar, dass dieser unkonventionelle Musiker auch nach 20 Jahren im Business immer noch sich selbst und das Publikum herauszufordern weiß und unter dieser Prämisse im Stande ist, wahrhaft Spannendes zu fabrizieren.

Tracklist:
01. Stor Eiglass
02. Baltang Ort  
03. Rayc Fire 2  
04. Kontenjaz
05. Exjag Nives  
06. Baltang Arg
07. Kwang Bass  
08. D Frozent Aac  

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Ein Kommentar

Goodbye Tomorrow!

Jahrgang ’15, aber geht ab wie… ’94? Happy Hardcore-Pianos, cheesy Vocal samples und Breakbeats delikat in-your-Face. Das Ding zieht wirklich alle Register, fehlt nur noch die olle Rave-Sirene (Schade drum!). Erzählt mir bloß nichts von Nostalgie. Warum heißt das Teil wohl »Amnesia«? Und wiederholt sich in der gefühlten Endlosschleife? Scharf nachdenken…kommt man drauf. Ich bezweifle fast schon, dass es einen Song gibt, der mehr über unsere heutige Zeit aussagen könnte. Ach, war nicht vor kurzem auch BTTF-Day?

 
Kleiner Nachklapp: Das unschlagbare ‚Original‘ gibt’s auf SoundCloud.

 

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Review: End.user & N.L.I.C. – her shadow EP [2015]

End.user & N.L.I.C. - her shadow EP| Erschienen bei Bandcamp / Sonicterror (2015) / Coverfotografie von Chris Arson |

Die Atmosphäre ist elektrisch geladen, ein finsteres Grollen ertönt im Hintergrund. Vom Himmel regnet ein Bombenteppich nieder und wüstes Batteriefeuer von allen Seiten durchsiebt die Luft. Die Rede ist nicht etwa von einem Schlachtfeld aus dem vergangenen Jahrhundert, sondern von Musik. Einer radikalen Artikulation von Musik, die sich gebärdet, als wäre der dritte Weltkrieg ausgebrochen – so kennt und schätzt man die Soundgewalt von End.user. Es kommt also nicht von ungefähr, dass er und Kollege N.L.I.C. ihre musikalisches Heim und Wirkungsstätte Sonicterror getauft haben. Doch auf reine Krawallmacherei darf man die Beiden längst nicht reduzieren, haben Lynn Standafer und Carl Sealey, die Personen hinter den Pseudonymen, oft genug bewiesen, dass sie versierte Samplingkünstler mit einem Gespür für Atmosphäre und elaboriertes Klangdesign sind.

Gemeinsam haben die zwei Breakcore-Heads nun eine neue EP herausgebracht. Nicht etwa auf Hymen, Ohm Resistance oder Ad Noiseam, einige der namhaften Stationen in der Vergangenheit – nein, stattdessen ganz einfach und ohne große Promotion via Bandcamp. Fünf Tracks beinhaltet das Release, die meisten davon sind mit etwas mehr oder weniger als vier Minuten Laufzeit recht kurz gehalten. Opener »tranquility (pulling the veil)« erklingt bemerkenswert ruhig und melodisch. Die nach ungefähr einer Minute einsetzende Drumspur ist dann aber doch ein bisschen zu schneidend, nervös und verzwickt konstruiert, um die Bezeichnung Downtempo hier adäquat erscheinen zu lassen. In jedem Falle handelt es sich um einen ebenso gelungenen wie unaufgeregten Beginn, den man durchaus mehrmals hören kann, bevor man alle Feinheiten registriert. In eine vergleichbare Richtung wie das Eröffnungsstück weist auch »regret (iamthesun – zinovia version)«, die alternative Version eines älteren Tracks, den man schon damals auf End.users Album »Even Weight« von 2011 zu hören bekam. Wie der Hinweis im Titel verrät, entstand diese Fassung in Zusammenarbeit mit der äußerst begnadeten Produzentin Zinovia Arvanitidi. Auch wenn das Stück an sich nicht wirklich neu ist, so fügt es sich doch passend in die Veröffentlichung ein. Denn auch der nachfolgende Titel (»i didn’t forget it, i left it there for you«) ist wieder melancholisch und zurückgenommen ausgefallen, lediglich die impulsive Schlagzeug-Rhythmik unternimmt hin und wieder Zuckungen, die aus der getragenen Stimmung etwas ausbrechen. Und wieder überzeugt das Duo mit schwermütiger Komposition und niedrigem Tempo.

Die Ruhe soll jedoch bald ein Ende haben. Programmatisch wird die zweite Hälfte der EP von »awakening the beast« eingeläutet: Anfangs ein recht einfach gehaltenes Drum & Bass-Stück neuerer Schule, bringt es im weiteren Verlauf die heftigen, überfallartig rollenden Beat-Attacken zurück, wegen der sich End.user seinen Ruf als kompromisslosen Breakbeat-Berserker verdiente. Nach diesem kurzweiligen Fast-Vierminüter lässt »ditch« mit Kollabopartner Gore Tech endgültig die Breakcore-Katze aus dem Sack – und zwar so, als wäre das Biest mit Absicht lange Zeit nicht gefüttert worden! Zunächst muss es einen verschlungenen, stimmungsvollen Intro-Parcours hinter sich lassen, bevor es schließlich seinen vernichtenden Beutezug antreten darf, bei dem wirklich nichts mehr heil bleibt. Das Verheerende: Es ist brutal und intelligent – also gleich doppelt gefährlich. Aber genug der Rhetorik! »ditch« ist eine irre gute Haudrauf-Chose mit Dynamik, Ideen und diversen Rhythmusverschiebungen. Zutaten: Kreischende Soundspitzen und hysterisches Geballer wie aus einem Sci-Fi-Shooterspiel. Zum Schluss setzt der Track ganz und gar auf pure Amen Break-Power; richtig eingesetzt, zeigt sich auch hier wieder zu welcher brachialen Sprengkraft dieses altbekannte Drumming-Sample fähig ist!

Das Gesamtbild stimmt: »her shadow« ist eine runde und schlüssige EP, die eine klare Progression durchläuft. Sind die ersten Titel noch vergleichsweise langsam und ausgeglichen, steigt die Aggressivität und Härte nachher eklatant an. End.user und N.L.I.C. beweisen, dass sie beide Seiten – die leisen Töne und das Martialisch-destruktive – sowie das Grau dazwischen beherrschen. Beachtenswert dabei ist zudem der Umstand, dass das Release ohne unterstützendes Label im Rücken und quasi auf eigenes Risiko der Künstler in die Welt gesetzt wurde. Ein waschechtes Independent-Werk sozusagen. Umso mehr wäre es den Urhebern zu gönnen, dass diese hörenswerte Musik auch ein Publikum findet.

Tracklist:
01. tranquility (pulling the veil)
02. regret (zinovia version)
03. i didn’t forget it, i left it there for you
04. awakening the beast
05. ditch (feat. Gore Tech)

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Review: The Prodigy – The Day Is My Enemy [2015]

The Prodigy - The Day Is My Enemy| Erschienen bei Take Me To The Hospital / Cooking Vinyl (2015) |

“Any musician that puts himself primarily at the service of his audience is likely to quite rapidly become a self-repeating machine.With audiences, there’s always a tension. Audiences, particularly at gigs, tend to want to hear the favorites, and if you’re not careful, as I see it, and I certainly feel that I’ve observed it in looking at other people’s careers, you can get fenced into an area that the audience wants you in.” (Squarepusher)

Die Vorgeschichte

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Video: The Prodigy – Nasty

In Unterzahl, von allen gejagt und am Ende doch die Oberhand gewonnen, die Gegner sogar auf die eigene Seite gezogen – so in etwa ergeht es dem protagonistischen Fuchs in The Prodigys schick animierten Video zur neuen Single »Nasty« und nur ein Schelm würde hier gewisse Parallelen zum Selbstverständnis der Band erkennen. Die Crew aus Essex versteht sich eben noch immer am liebsten auf Abgrenzungkämpfe gegen die ‚Anderen‘ da draußen. »Always Outnumbered, Never Outgunned« hat als Devise scheinbar noch lange nicht ausgedient.

In musikalischer Hinsicht reminisziert der Track aber eigentlich nur wenige Aspekte jenes unterschätzten Albums aus dem Jahr 2004. Das gegenwärtige Lebenszeichen könnte Kritikern diesmal zur Abwechslung wirklich berechtigten Stoff für den Vorwurf liefern, man hätte hiermit lediglich einen Abklatsch alter Glanztaten vorgelegt. In seinen schwächsten Momenten, etwa den teils aus übergeschnappten, recht plakativen – ironischerweise eher kraftlos vorgetragenen – Selbstbehauptungen bestehenden Lyrics, ruft »Nasty« unangenehmerweise sogar das verworfene Material inklusive Bandkrise aus der Zeit kurz nach der Jahrhundertwende ins Gedächtnis (von der bis auf das gar nicht mal soo üble »Baby’s Got A Temper« fast alle Spuren beseitigt wurden).

Zugegeben, das wäre jedoch eine arg drastische Einschätzung der Lage. Liam Howletts Sound mag sicherlich schon bessere Tage gesehen haben und die vorliegende Single ist nicht gerade ein kreativer Höhenflug, jedoch genauso wenig ein Schandfleck in der Diskographie. Ein kurzweiliges, schnörkelloses Geballer im bewährten Breakbeat-Punkrock-Gewand, das den meisten Hardcore Techno- und Metal-Acts immer noch locker die Show stiehlt. Mit dieser Nummer kann man sich arrangieren. Ob dieses solide Mittelmaß eine Wartezeit von mehr als fünf Jahren rechtfertigt, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Abzuwarten bleibt weiterhin, ob The Prodigy auf ihrem kommenden Album »The Day Is My Enemy« mehr als bloße Routine aufbieten können… wenngleich ungelenke und etwas einfallslose Songtitel wie »Rebel Radio« (RATM-Anspielung?), »Rok-Weiler« oder »Rhythm Bomb« bislang nicht unbedingt dafür sprechen. Bis dahin kann man sich lediglich in Spekulationen ergehen…

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Review: Aphex Twin – Syro [2014]

Aphex Twin - Syro| Erschienen bei Warp Records (2014) |

Wenn Richard D. James mittels seiner Musik eines am liebsten macht, dann ist es ganz sicher die Angewohnheit mit der Erwartungshaltung seiner Hörer zu spielen. Oder eine bestimmte Erwartungshaltung ähnlich wie Kollege Squarepusher erst gar nicht aufkommen zu lassen, indem man den Überraschungseffekt zum Aushängeschild macht – es kommt eben auf die jeweilige Sichtweise an. James ist ein stilistisches Chamäleon, das in nahezu genialischer Manier seinen eigenen Sound Metamorphosen noch und nöcher vollziehen lässt, geradezu spielerisch unterschiedlichen Strömungen Einlass in seinen Klangkosmos gewährt und gleichzeitig doch unverkennbar die eigenwillige Handschrift erkennen lässt. Unter seinen zahlreichen Pseudonymen widmete sich das unter Wunderkind-Verdacht stehende Schlitzohr schon in Teenagerzeiten nicht nur seinen berühmt gewordenen, traumwandlerisch ruhigen Elektroklängen („Selected Ambient Works 85-92“), sondern machte sich ebenfalls Formen des Industrial-Techno, Acid, Rave und Oldschool Breaks („Classics“) zu eigen; dazu kommen eine ganze Reihe wegweisender IDM-Veröffentlichungen („On“, „Hangable Auto Bulb“, „I Care Because You Do“ uvm.) mit universalem Meilenstein-Status. In den späteren 90ern prägte er maßgeblich die Entwicklung des Drill & Bass-Subgenres („Richard D. James Album“) und landete mit „Come To Daddy“ und „Windowlicker“ sogar zwei subversive Hits, bevor „Drukqs“ im Jahr 2001 als vorübergehendes Ende der Aphex-Ära die Musikgeschichte von vielen Jahrhunderten in einer herausfordernden Doppel-CD zu subsumieren schien. Doch auch danach ist der König der Soundtüftler nicht untätig, bringt unter dem AFX-Alias die „Analord-Serie heraus oder veröffentlicht inkognito als The Tuss exzellenten Braindance.

Die Erwartungen, um darauf noch einmal zurückzukommen, sie waren wohl bei noch keinem Aphex Twin-Album so hoch wie bei „Syro“. Immerhin hat sich James 13 Jahre Zeit für die Fertigstellung gelassen und die Öffentlichkeit weitgehend gescheut, um dann mit aufsehenerregenden PR-Tricks von Warp Records‘ Werbe-Abteilung die Aufmerksamkeit plötzlich wieder auf sich zu lenken. In der Zwischenzeit kokettierte James zu ausgewählten Anlässen damit, genug Material für mehrere Alben angehäuft zu haben, aber schlichtweg nicht in Release-Laune gewesen zu sein. So oder so, die Fallhöhe dürfte nicht geringer geworden sein. Doch all dieses Drumherum, die verblüffenden Marketingaktionen und doppelbödigen Interviews, sind vergessen und unwichtig, sobald der erste Ton von „Syro“ seinen Weg ins Ohr bahnt.

Dabei klingt der Nachfolger des labyrinthischen „Drukqs“ trotz der langen Veröffentlichungspause von Anfang an erstaunlich vertraut. Ein Eindruck, der fortan nicht mehr weichen wird. Diese verknoteten Rhythmen, seltsam entrückten Melodien und schrägen Basslinien – das kann nur ein Aphex Twin-Album sein. Moment mal! …war die unerwartete Komponente, diese Extradosis Wahnsinn, nicht eines der Markenzeichen? Stimmt, doch diesmal hat der gebürtige Ire offenbar keinen Generalangriff auf die allgemeinen Hörgewohnheiten vorgesehen. Stattdessen liefert er eine auffallend zurückhaltende, jedoch blitzsaubere Demonstration seines musikalischen Könnens ab, die weder den Hörer verstört noch großartige Stil-Modifikationen beinhaltet. Hyperaktive Ausbrüche sind eher die Seltenheit auf „Syro“, die Stücke in der Regel weit von Überfrachtung entfernt. Stattdessen scheint James die reduktionistische Schönheit der „Selected Ambient Works“ wieder für sich entdeckt zu haben, die er mit dem melodiös-treibenden AFX-Acid („Chosen Lords“) kombiniert. Das Ergebnis ist ein ausgeglichenes, kohärentes Werk: Ohne Frage verschroben, eigensinnig und weltvergessen, dabei aber so zugänglich wie lange nicht mehr.

Verträumte Synthie-Landschaften laden zum ausgiebigen Erkunden ein, natürlich nicht gänzlich ohne vertrackte Wegführung, Computer-Bleeps und das eine oder andere verrückte Detail am Wegesrand. Die Kompositionen scheinen vordergründig betrachtet nicht unbedingt fokussiert, doch erweist sich das auch gerade als eine Stärke von „Syro“. Aphex Twin arbeitet wie gewohnt nicht mit gewöhnlichen Spannungsbögen. Statt sich in dramaturgische Korsetts zu zwängen, lässt er den Sound fließen und sich entfalten, Altes verschwinden und Neues hinzukommen; ganz offen und grenzenlos. Selbst wenn die Veränderungen manchmal nur unscheinbar und verhalten sind – immer noch bringt er in wenigen Minuten mehr Ideen unter als manche anderen Künstler in einem ganzen Album.

Viele Tracks sind genau genommen nicht neu, sondern vor mehr als fünf Jahren entstanden, wie z.B. „XMAS_EVET10 [120][thanaton3 mix]“, dessen Livemitschnitt man sich als „Unreleased Metz Track“ schon seit geraumer Zeit im Netz anhören konnte. Und es ist der Musik durchaus anzuhören, dass sie größtenteils aus der Mitte der 2000er entstammt, was jedoch nicht negativ ins Gewicht fällt, denn die ausgefeilten Arrangements haben nach wie vor nichts von ihrer Faszination verloren. „4 bit 9d api+e+6 [126.26]“ hätte mit etwas mehr Lo-Fi-Appeal gefühlt auch vor fünfzehn bis zwanzig Jahren erscheinen können, nichtsdestotrotz nimmt man diese wohltuenden Höreindrücke liebend gerne mit. Wo sonst bekommt man schließlich derart leichtfüßige, in einzigartiger Erhabenheit strahlende und dennoch intellektuell bestechende Klangkunst geboten? Eben. „180db_ [130]“, das mit einfachen 4/4-Technobeats startet, wirkt eher wie ein ironischer Abgesang auf die Tanzmusik der 90er, wahrgenommen im Drogenrausch. Irgendwie scheint das Stück immer wieder beinah in sich zu kollabieren, aber degenerierte Rave-Fanfaren und Breakbeats bäumen sich mit letzter Energie dagegen auf. Es folgen ultrakomplexe Geniestreiche wie „CIRCLONT6A [141.98][syrobonkus mix]“, die man besser gar nicht mehr weiter kommentiert… Mit “PAPAT4 [155][pineal mix]” und “s950tx16wasr10 [163.97][earth portal mix]” haut der Chef-Exzentriker in der zweiten Albumhälfte doch tatsächlich noch mal mit handfesten Jungle-Rhythmen auf die Kacke, um die Platte anschließend mit den wundervollen Klavierakkorden von „aisatsana [102]“ leise, melancholisch und ergreifend simpel ausklingen zu lassen.

Manch einer wird das extreme Element oder neue Impulse vermissen. Wie vielerorts richtigerweise angemerkt wird, unterscheidet sich „Syro“ bis auf kleinere Akzentverschiebungen im Grunde wenig von dem, was James in den letzten zwei Dekaden fertiggebracht hat. Doch bevor man Britanniens vielleicht größten zeitgenössischen Musiker Rückwärtsgewandtheit vorwirft, sollte man sich klarmachen, dass die Klangwelt von Aphex Twin nie wirklich in der Gegenwart oder Zukunft verhaftet war, sondern sich trotz vieler Einflüsse seit jeher schon losgelöst von Raum und Zeit konstituierte. Auch beim Zusammenspiel der Melodien, Rhythmen und Geräusche auf „Syro“ hat man immer noch das Gefühl, mehr den Klängen von fernen Alienkolonien zu lauschen als denen einer menschlichen Vergangenheit. „Syro“ mag nicht so monumental ausufern wie „Drukqs“ oder so kompakt und verspielt wie das „Richard D. James Album“ daherkommen. Es ist einfach ein ziemlich gutes Album.

Tracklist:
01. minipops 67 [120.2] 
02. XMAS_EVET10 [120][thanaton3 mix] 
03. produk 29 [101]
04. 4 bit 9d api+e+6 [126.26]
05. 180db_ [130]
06. CIRCLONT6A [141.98][syrobonkus mix]
07. fz pseudotimestretch+e+3 [138.85]
08. CIRCLONT14 [152.97][shrymoming mix]
09. syro u473t8+e [141.98][piezoluminescence mix]
10. PAPAT4 [155][pineal mix]
11. s950tx16wasr10 [163.97][earth portal mix]
12. aisatsana [102]

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Ein Kommentar

Happy Birthday, Jilted Generation!

Vor ziemlich genau 20 Jahren erschien The Prodigys Kultalbum „Music for the Jilted Generation„. Grund genug, um eine Rückschau zu wagen und diesen Klassiker noch ein mal ausdrücklich zu würdigen…

Als Liam Howletts Geniestreich anno 1994, genauer gesagt am 4. Juli des besagten Jahres, veröffentlicht wurde, war ich vier Jahre alt und es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich etwas von dieser Musik, die ihrerzeit einer kleinen Revolution gleichkam, bewusst mitbekommen habe (zwei Jahre später sollte sich das mit „Firestarter“ abrupt ändern). Sicher irgendwie bedauerlich, aber eben dem jungen Alter geschuldet. Viel später erst sollte ich diesen Meilenstein für mich entdecken und richtig zu würdigen wissen. Doch hier soll es eben nicht um meine persönliche, offen gestanden wenig interessante, Story gehen.

“I was feeling free – free of the rave BPMs, and feeling slightly rebellious against it. Rave had turned into something that we didn’t like. I remember standing on stage in Scotland, at a rave, and it just felt silly. I was like: ‘What the f*ck am I doing here? I’m not into this. It’s now so far from what it was.’ That made me want to do something different.”
(Liam Howlett)

Aus musikhistorischer Perspektive liegt es rückblickend nah, „Music for the Jilted Generation“ als Bindeglied in der musikalischen Entwicklung von The Prodigy zu verorten, das den Wechsel vom wenig massentauglichen Hardcore Rave („Experience„, 1992) zum stilistisch unverwechselbaren Rock’n’Roll-Psycho-Breakbeat („The Fat of the Land„, 1996) markiert, der ungeachtet seiner innovativen Form zum internationalen Chartbreaker avancierte. Ein gewisser Übergangscharakter beim Zweitwerk ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dennoch verkennt dieses Labeling die eigentliche Wirkungsmacht und Einflusskraft des 94’er Longplayers. So großartig sein Vorgänger und der Nachfolger auch gewesen sind, der wirkliche Coup ist Howlett und Co. mit „Music for the Jilted Generation“ gelungen! Ein nie dagewesener Hybrid aus Rock und Rave, der alles gleichzeitig und doch nichts von beidem war; einer, der vor lauter Ideen überzulaufen schien (ebenfalls nicht zu vergessen sind die Jazz-, Funk- und Hip Hop-Einflüsse) und bezeichnend war für die wahrscheinlich produktivste und kreativste Phase einer in vielerlei Hinsicht unkonventionellen Band.

Das Cover-Artwork allein ist ein kleines Meisterwerk. Kalt, synthetisch, aber alles andere als hochglanzpoliert sieht das Motiv aus. Es zeigt die Konturen eines Gesichtes, die aus einem metallisch anmutenden Untergrund hervorzutreten scheinen. Der Mund ist weit aufgerissen. Maskenhaft, fremdartig und ein bisschen unheimlich wirkt diese Silhouette. Manche fühlen sich an Han Solos Karbonit-Hülle aus „Star Wars“ erinnert, andere wiederum an den Flüssigmetall-Androiden T-1000 aus „Terminator 2„. Oder handelt es sich möglicherweise doch bloß um ein Industrial-Update von Munchs „Der Schrei“? The Prodigy - Music for the Jilted Generation ArtworkSo ganz eindeutig mag man das Gezeigte nicht einordnen. Es bleibt bei vage angedeuteten Vielleicht-Referenzen. Das Motiv erscheint nicht nur deshalb fremd und vertraut gleichzeitig – für Freud schlichtweg die Definition des Unheimlichen. Was verbirgt sich hinter der silbrigen Ausformung?  Ist sie ein Insignium für etwas Lebendiges, das sich dort hinter befindet? Oder doch nur ein simpler Abdruck, eine eiserne Totenmaske? Ist es artifizieller Herkunft, vom Menschen gemacht? Diese unbeantwortbaren Fragen und suggestiven Qualitäten geben der Abbildung etwas Rätselhaftes. Dass sie nicht zu viel verrät, ist einer der Gründe, weshalb sie so reizvoll für den Betrachter ist. In jedem Falle transportiert das Jilted-Generation-Motiv jene sinister anmutenden Fortschrittsgedanken der 90er Jahre, die im multimedialen Vernetzungswahn und einer regelrechten Technophilie kulminierten. Wenngleich deutlich subtiler im Ausdruck, steht es damit auch dem nicht weniger gelungenem Artwork von Apollo 440s „Millenium Fever“ nahe, das die Ästhetik des Cyberpunks noch unmittelbarer repräsentiert und in Kombination mit seinem Albumtitel sogar eine unmissverständliche Ausrichtung vornimmt.

Mit dem Titel nahm man im Fall von The Prodigy hingegen scheinbar direkt Bezug auf eine Subkultur desillusionierter Jugendlicher, denen man die letzten Rückzugsgebiete wie z.B. Warehouse-Parties per Gesetz weggenommen hatte („Fuck’em, and their law!„). Howlett bestreitet diesen Zusammenhang und dennoch klingt es auf dem Album fast so, als wollten The Prodigy mit einem sich über stilistische Grenzen hinwegsetzenden Sound die verschiedenen Szenen auseinandernehmen und zu etwas Neuem vereinen. Experimentierfreudig ging man vor und dementsprechend abwechslungsreich ist auch das Programm, kamen hier mit Drum Machines, gesampelten Percussions, E-Gitarrenriffs, Synthieflächen, gepitchten Vocals, Flöten-Arrangements, Filmschnippseln, Acid-Geblubber usw. eine Fülle an unterschiedlichen Zutaten zum Einsatz, ohne dass das Ergebnis beliebig wirkte oder an Konsistenz vermissen ließ. Jeder der 12 Tracks klingt einzigartig und würde eine seperate Besprechung verdienen. Zusammengehalten als Gesamtwerk wurde das alles hauptsächlich durch die angenehm dreckigen Breakbeats und erhabenen Synthesizer-Klänge, die finster und spacig tönen.

Auch nach zwei Dekaden und unzähligen Durchläufen ist es immer noch erstaunlich, wie dicht und mitreißend Howlett sein Opus Magnum gewebt hat: Ein Highlight folgt auf das nächste, „MFTJG(so die inofizielle Kurzform) ist episch und kompakt, atmet neonfarbige 90er-Jahre Luft und ist seiner Zeit dennoch um Lichtjahre voraus gewesen. Untypische, wüst daherkommende Hits wie das unnachahmlich galoppierende Brett „Voodoo People“ oder Kopfnicker „Poison“ mit seinem Jam-Charakter, sind genauso anzutreffen wie großzügige UK Hardcore-Rückstände, denen man in oldschooligen Breakbeat-Attacken der Marke „Full Throttle“ oder „One Love (Edit)“ begegnet. Den endgültigen Siegeszug auf den musikalischen Olymp tritt die Truppe aus Essex jedoch erst in der Verlängerung an: Das finale Dreigestirn mit dem Untertitel „The Narcotic Suite“ hievt das bereits zu diesem Zeitpunkt hervorragende Album in schwindelerregende Sphären. „3 Kilos“ läutet die Odyssee tiefenentspannt und verspielt ein, langsam und majestätisch beginnt man schließlich abzuheben und alles um einen herum verschwindet in der Ferne. In „Skylined“ hat man die Umlaufbahn längst verlassen. Schwerelos lauscht man dem experimentellen Weltraum-Techno, aufregend und wunderschön ist das, aber auch ungewiss und trügerisch still. Allmählich wandelt sich die erhebende Spannung in eine zunehmend hypnotische Beklemmung. Was vorher noch frei und grenzenlos schien, zieht sich immer enger um den Hörer zusammen. Bei „Claustrophobic Sting“ ist man bis in die dunkelsten Randbereiche des Universums vorgedrungen und blickt dem puren Nichts ins Auge. „My mind is glowing„, ein fiebriger Acid-Rave-Alptraum zum Abschluss. Man klopft an die Türen des Unfassbaren. 78 Minuten und sieben Sekunden sind gespielt. Und dann endet es.

Während die Welt in trashigem Euro Dance und dumpfer Grunge-Ödnis zu versinken drohte, waren vier englische Querdenker längst zwei Schritte weiter, wenn auch die Errungenschaften dieses Weges eine unvermeidliche Eigendynamik nach sich zogen, die von der Band selber erst ein mal verkraftet werden musste. Sie hatten alles Vorherige durcheinandergewirbelt und wären bei all der Energie fast selber ins Schleudern gekommen. The Prodigy expandierten, verkauften Millionen Platten, füllten Stadien und blieben gleichzeitig doch irgendwie Underground im Geiste. Das soll ihnen mal einer nachmachen…

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Richard D. James, Kickstarter und der ‚heilige Gral‘

Dass Richard D. James alias Aphex Twin in näherer Zukunft Musik veröffentlicht, damit rechnen sicher nur noch ganz wenige verbliebene Optimisten aus der Fanbase, obwohl der geniale Querkopf ja angeblich über die Jahre genug Material angehäuft haben soll, um etliche Alben füllen zu können – wenn er denn nur wollen würde. Für James gibt’s offenbar Wichtigeres als Plattenverkäufe, Geldverdienen ist für ihn eh bestenfalls sekundär und musikalische Lebenszeichen sind dementsprechend eben rar gesät. Da muss sich der Fan normalerweise damit zufrieden geben, dass James hin und wieder in den Livesets ein paar seiner unveröffentlichten Kreationen zum Besten gibt.

Wenn der Meister selbst also nicht unbedingt der Freigiebigste ist, wenn es darum geht, seine Anhänger an der außergewöhnlichen Kreativität teilhaben zu lassen und stattdessen lieber im stillen Kämmerchen für den Eigenbedarf komponiert, müssen wohl andere Wege gefunden werden, um das Verlangen nach mehr verschrobener Beatkunst von Irlands Neo-Mozart zu stillen. So kam es jetzt dazu, dass sich engagierte Hörer aufgemacht haben, um eine Rarität aus den Archiven ans Tageslicht zu holen: Eine LP aus dem Jahre 1994, die James unter seinem Pseudonym Caustic Window anfertigte, die aber bislang niemals den Weg in die Öffentlichkeit fand. 20 Jahre versauerte das Werk als Testpressung in der Versenkung. Angeblich nur vier Exemplare, die unter Verschluss gehalten wurden, soll es gegeben haben. Bei den Besitzern handelte es sich um Mike Paradinas (aka µ-ziq), Chris Jeffs (aka Cylob), Grant Wilson-Claridge (Mitbegründer von James‘ Rephlex-Label) und natürlich Richard James himself.

Im April 2014 tauchte ein Exemplar der Platte mit dem ominösen Katalogtitel „CAT 023“ dann als Angebot auf Discogs.com zu einem stolzen Verkaufspreis von 13.500 $ auf! Es folgte eine beispiellose Kickstarter-Kampagne, die von dem Fan-Forum We Are The Music Makers initiiert wurde, mit dem Ziel, die Kopie zu erwerben und legal zu vervielfältigen. Das Ergebnis dieser unorthodoxen DIY-Aktion als erfolgreich zu bezeichnen, wäre dabei eine glatte Untertreibung. Mit einer Beteiligung von sagenhaften 67.424 $ bei einer geforderten Summe von 9.300 $ ist die Kampagne durch alle erdenklichen Decken gegangen! Mag man den ganzen Wirbel als Außenstehender möglicherweise als befremdlich und fanatisch empfinden, ist es dennoch eine erstaunliche Demonstration für die Wertschätzung eines Künstlers durch die Hörerschaft und sollte sowohl der Musikindustrie als auch den raffgierigen Handlangern der Verwertungsgesellschaften zu Denken geben.

Doch hält die 15 Track-starke „Caustic Window LP“ auch wirklich, was der Hype verspricht? Nunja, die ersten beiden Tracks, „Flutey“ und „Stomper 101mod Detunekik“ sind allemal solide Stücke elektronischer Musik, aber Weltbewegendes passiert in dieser Anfangsviertelstunde noch nicht. Ansätze der typischen Aphex Twin-Magie kommen erstmalig bei „Mumbly“ auf, das in Sachen Melodien und Athmosphäre noch ein wenig mehr drauf legt und auf einen schroffen, buckligen Beat setzt. Die gebrochenen Rhythmen von „Fingertrips“ zählen sicher ebenfalls zu den Highlights, wie auch das stampfende „Airflow“ mit seinen wunderschönen Synth-Texturen. Unerwartete Leichtigkeit in das ansonsten recht sperrige Gesamtbild bringen „Squidge in the Fridge“ und „Jazzphase“ hinein, doch da nähert sich die LP schon langsam ihrer Endphase. Diese erstahlt zunächst in „101 Rainbows (ambient mix)„, bevor in den harten, wenig melodischen Beiträgen „Phlaps“ und „Cunt“ die Kakophonie Einzug hält. Abschließend lässt Richard D. James‘ dann noch ein mal seinen schrägen Humor aufblitzen, anders ließe sich nicht erklären, wieso er zum Ende des Albums einfach noch ein paar „Phone Pranks“ draufpackt.

Halten wir also fest: Durch schmuckloses Tribal-Gekloppe, kantigen Acid-Breakbeat und entrückt schwelgerischen Alien-Techno manövrierend, bietet die repetitive und nicht ganz leicht zugängliche LP ungefähr das, was man von einem verworfenen James-Release anno 1994 erwarten durfte. Das neue alte Caustic Window-Werk ist damit ganz sicher nicht der ‚heilige Gral‘, den sich manch einer erhofft haben dürfte. Dafür, dass es jedoch praktisch aus dem Nichts kommt, gibt es keinerlei Grund zur Enttäuschung, bereichert es die musikalische Welt immerhin um ein hörenswertes Zeitdokument.

Links:
The Virtuous Circle of Aphex Twin Fandom (Marc Weidenbaum)
FACT Online

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