Archiv für die Kategorie Mottenkiste

Aus der Mottenkiste: Orbital – The Box (1996)

Sprechen wir doch mal über Orbital …und die 90er. Nicht, dass Letztere zu wenig Beachtung seitens meiner Generation oder der Massenmedien bekommen würden, doch kann man sich dem Schaffen der Gebrüder Hartnoll wohl auch nur schwer annähern, ohne auf ihre Eingebundenheit in die Musikrevolution jener Dekade einzugehen. Eine Dekade, deren Zeitkolorit vom Aufkommen digitaler Technologien mehr bestimmt wurde als alles andere. Multimedia, Virtual Reality, Cyberspace etc. lauteten damals Entwürfe, auf die man – mal als Schreckgespenster, mal als Verheißungen einer besseren Zukunft – unweigerlich treffen musste. Popkultur und andere Diskursfelder waren in der Prä-Millenium-Ära voll davon. Dass ich besagtes Thema an dieser Stelle auf diese Weise behandeln kann, ist im Übrigen natürlich auch den tatsächlichen Auswirkungen des kulturtechnischen Wandels geschuldet, ganz klar. Den Rest des Beitrags lesen »

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Aus der Mottenkiste: Coil – Remote Viewing 1 (2002)

Ein grauer Tag im Jahr 2013, welcher Monat oder welche Jahreszeit, daran erinnere ich mich nicht mehr – und will es auch nicht unbedingt wissen. Tristesse war angesagt. Wettertechnisch also ein recht treffendes Abbild des Innenlebens. Es war eben so ein typischer Tag, an dem man sich lieber verkriecht und unweigerlich in Gedanken versinkt…

Genau an jenem Tag hörte ich „Remote Viewing 1“ zum ersten Mal. Und das ist der Grund, wieso ich diese eigentlich so vergessenswerten 24 Stunden, losgelöst von irgendeinem größeren Kontext, prägend in Erinnerung behalten habe. Es war zwar nicht die erste Berührung mit der Musik von Coil, doch wo meine vorherige Auseinandersetzung mit der herausfordernden Kunst von John Balance und Peter Christopherson nicht von allzu großer Nachhaltigkeit und Ausdauer geprägt war, konnte mich das rund zwanzigminütige Instrumental von der allerersten Sekunde an packen und ließ mich bis zum letzten Ton nicht mehr los. Ich war sofort machtlos und eingenommen von diesem surrenden Gewitter, das sich durch meine Ohren unerschüttert bis ins Hirn bohrte. Wie ein Käfer, der sich unter der Schädeldecke breitmacht und die zentrale Nervenbahn unter Beschlag nimmt.

(„Remote Viewing 1„)

Von Beginn an wohnt dem Stück eine unergründliche Spannung inne. Schrille Dudelsack-Drones pfeifen, quietschen, tosen beharrlich und dissonant, erzeugen eine Stimmung der Unruhe und Konfusion. Gleichzeitig fühlen sie sich an wie ein unbändiges Klagelied, das ein Schwarm von mechanischen Zikaden ins Universum rausschickt. Synth-Tupfer sprenkeln die Kulisse, oder sind es doch auseinandergepflügte Drehleier-Klänge, die auf fast schon magische Weise im Zusammenspiel wunderschöne Melodien bilden? Man kann sich das ungefähr so vorstellen wie von der Erosion verschonte Fragmente einer ehemals größeren Formation, dessen ursprüngliche Umrisse man noch zu erkennen glaubt. In den leiseren Momenten, wenn das Pfeifkonzert etwas aufklart, kann man im Hintergrund unaufgeregte Tribal-Percussions vernehmen. Doch es passiert noch so viel anderes in diesem schwer fassbaren Musikstück, das sich mit Worten einfach nicht stimmig beschreiben lässt.

Es ist eine merkwürdige Faszination, die „Remote Viewing 1“ auslöst. So unvertraut und weltfern wirkt das alles, doch gleichzeitig so unmittelbar, intensiv und einnehmend. Sublim und sperrig, für Coil-Verhältnisse jedoch erstaunlich entgegenkommend. Seltsam hypnotisch kreist es um wiederkehrende Elemente, die sich aber stetig neu anordnen und variieren, andere Kombinationen bilden – die Vertonung eines archaischen Rituals von einem anderen Planeten? Die Antwort muss wohl jeder für sich selbst finden und bei jedem Hördurchgang gibt es neues zu entdecken in diesem rätselhaften Gebilde.

Das zugehörige Album „The Remote Viewer“ erschien zunächst 2002 in limitierter Auflage. Nach dem tragischen Unfalltod des unter Alkoholismus und Depressionen leidenden John Balance im Jahr 2004, brachte Peter Christopherson 2006 eine um zwei Tracks erweiterte Version heraus. Christopherson starb vier Jahre später. Coil hinterließen eine umfangreiche Diskographie mit obskurer, aufwühlender und nahezu bewusstseinserweiternder Musik.

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Aus der Mottenkiste: DJ Crystl – Warpdrive (1993)

Die frühen bis mittleren 90er Jahre waren für britische Untergrundmusik eine Phase der Hochkonjunktur. Verschiedenste Stilrichtungen entstanden in kürzester Zeit, spalteten sich voneinander ab oder entwickelten sich weiter. Dieses kreative Chaos brachte u.a. Genres wie UK Breakbeat, Jungle und letztlich Drum & Bass hervor, was alles so rasant vonstatten ging, dass man schnell den Überblick verlieren konnte. Es ist da nur bezeichnend, dass der Musik selbst dieser Zeitgeist innewohnte, denn in der Regel war es das ungemein hohe Tempo, das die einzelnen Stile einte. Hochgeschwindigkeits-Beats, die sich achterbahngleich überschlugen oder im hyperaktiv getakteten Turnus für Zuckungen in Hirn und Körper gleichermaßen sorgten.

Zu den erwähnenswertern Vertretern dieser Ära darf, wenn nicht sogar muss, man DJ Crystl zählen, auch wenn dieser heutzutage sicher nur den eingefleischten Ravern von damals ein Begriff sein sollte.
Als erstes in den Kopf geschossen und für diese Rubrik vorgesehen, ist eigentlich das melodiöse Hardcore-Brett „The Dark Crystal“ (1993) gewesen, doch weil die digitale Verfügbarkeit derartiger Klassiker leider von eher kurzer Dauer und insgesamt sowieso recht begrenzt ist, musste ich auf ein anderes ‚Exponat‘ zurückgreifen: „Warpdrive“ aus dem selben Jahr ist aber in jedem Falle auch ein echtes Highlight der Jungle-Geschichte! DJ Crystl lässt seine selbst für Genreverhältnisse noch ungewöhnlich verdrehten Amen-Breaks losrollen und verknoten wie nichts Gutes, während das Stück früh von einer beinah psychotischen Spannung und unterschwelligen Dunkelheit getragen wird, ehe dann im weiteren Verlauf doch noch die Sonne aufsteigt und ein Stück meditativen Optimismus hineinbringt. Alt, aber niemals altgeworden!

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Aus der Mottenkiste: Daniel Pemberton – Phosphine (1994)

Ich weiß nicht viel über Daniel Pemberton, außer dass er für viele TV-Serien, Videospiele und Ridley Scotts „The Counselor“ den Soundtrack komponiert hat. Und dass er sich vor fast zwanzig Jahren mal für die britische Zeitschrift The Wire eine Art Ferndialog mit Avantgarde-Komponist Karlheinz Stockhausen geliefert hat. Aus dieser Zeit stammt auch ein Stück namens „Phosphine„, das Stockhausen im Rahmen des Interviews als kitschig und repetitiv abstrafte. Pemberton (Jahrgang 1977) war erst 16, als er es produzierte. Fast zehn Minuten dauert der Ambient-Tune und besteht hauptsächlich aus auf- und abwallenden, ineinander fließenden Synthesizer-Flächen. Sporadisch erscheinen ein paar simpel programmierte Rhythmen aus der Drum Machine und verschwinden zwischenzeitlich auch wieder.

Da können einem schnell mal Assoziationen zu meditativ plätschernder Entspannungsmusik in den Kopf schießen…, doch meiner bescheidenen Ansicht nach irrte das akademische Schwergewicht Stockhausen hier, wenn er an anspruchslose New Age-Hintergrundbeschallung dachte – dafür ist Pembertons Komposition zu diffus beunruhigend und latent düster, tönt der Sub im Intro zu unheilsschwanger. Dem durchschnittlichen 68er/Eso dürfte das wohl alles zu depressiv zum Chillen gewesen sein. Lässt man sich jedoch auf die wiedersprüchliche Stimmung ein, kann man sich fallen lassen und in wohliger Unsicherheit verlieren…

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Aus der Mottenkiste: Chemlab – Chemical Halo (1993)

I kissed the floor on my way down /
A match head burning out on the frozen ground“

‚Coldwave‘ nannte man in Amerika damals Musik, wie die von Chemlab. Eine gar nicht mal so abwegige und unklug gewählte Genrebezeichnung, hört man sich Alben wie „Burnout At The Hydrogen Bar“ (1993) an. Die Songs der Band haben durchaus hörbare Rückstände aus den 80er Jahren gewahrt und klingen nach heutigen Maßstäben natürlich nicht mehr so frisch. Trotzdem höre ich „Chemical Halo“ sehr gerne – ein Stück, das auszuloten weiß, wie Musik in der Schnittstelle zwischen beiden Jahrzehnten zu klingen hatte.

Info: Es muss ja nicht immer aktuell sein: In unregelmäßigen Abständen werde ich unter dem Stichwort „Mottenkiste“ ältere Musik an die Oberfläche holen. Dabei wird es sowohl um ausgewiesene Klassiker als auch um Geheimtipps und andere eher unbekannte Highlights der Vergangenheit gehen, die in Vergessenheit geraten oder ihrerzeit untergegangen sind.

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