Beiträge getaggt mit Industrial

Highlights 2017: Die besten EPs

Manch einer ist ja der Überzeugung, dass die herkömmlichen Veröffentlichungsformate der Musiklabels mit der Digitalisierung obsolet geworden seien, wo doch jeder User sich längst auf Internetportalen bequem seine eigenen Playlisten zusammenklicken könne. Nun, ich bin da wenig überraschend etwas anderer Meinung, obwohl ich die neuen Möglichkeiten, die das Netz geschaffen hat, natürlich keineswegs in Abrede stelle – was als Blogger auch reichlich absurd wäre – und Playlisten können in der Tat eine feine Sache sein. Selbstredend stellen sich eine Menge spannender Fragen, etwa inwiefern sich das veränderte Konsumverhalten längerfristig auf die Strategien der Major-Plattenfirmen oder auf den Output von unabhängigen Künstlern auswirken wird… aber eine gründliche Auseinandersetzung muss an dieser Stelle erst einmal vertagt werden.

Beobachten lässt sich jedenfalls, dass der zeitliche Umfang der herausgebrachten Werke stärker variiert als noch früher. 30 Minuten oder 3 Stunden Laufzeit – egal, denn im digitalen Kontext bedeutet Überlänge keinen nennenswerten Mehraufwand. Einhergehend mit der aktuellen Koexistenz verschiedenster Formattypen und Absatzwege (CD, Vinyl, Stream/Download, Kassette, USB Drive,…) lösen sich die sowieso nie eindeutig gewesenen Unterschiede zwischen EP und Album zusehends auf. Vielleicht braucht es diese getrennten Kategorien in Zukunft gar nicht mehr. Mittellange Veröffentlichungen werden damit logischerweise nicht verschwinden, momentan ist sogar eher das Gegenteil der Fall. 2017 hatte einige starke Vertreter dieser Sorte zu bieten.

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Highlights 2017: Die besten Alben

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Sicher mag es etwas sonderbar wirken, jetzt noch auf den Jahreswechsel zurückzukommen, aber bekanntermaßen ticken die Uhren an diesem spärlich beleuchteten Fleck irgendwo am Rande des Internets anders, will heißen: langsamer. Darum werde ich gleich auch mit der Einleitung fortfahren, als wäre gar nichts dabei…  Den Rest des Beitrags lesen »

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Highlights 2016: Die besten Alben

Jetzt, wo sämtliche Jahresrückblicke längst vergessen und fragwürdige Awards bereits medienwirksam an die üblichen Verdächtigen verteilt worden sind, lasse auch ich mir eine persönliche Abrechnung mit 2K16 nicht nehmen, muss dazu aber leider ein wenig ausholen…

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Review: Vatican Shadow – Media In The Service Of Terror [2016]

Vatican_Shadow-Media_in_the_service_of_terror-cover-660x660| Erschienen bei Hospital Productions (2016) |

Dass wir unser gesamtes Wissen über die Welt aus den Massenmedien beziehen, wie es ein gewisser Gesellschaftstheoretiker (ausgerechnet aus Bielefeld) mal erkannt haben wollte, ist längst zum vielzitierten Sinnspruch geworden. Zumindest, wenn man diesen auf das Zeitgeschehen und weltpolitische Zusammenhänge der jüngeren Vergangenheit verengt, lässt sich seine Gültigkeit nur schwer in Abrede stellen. Im ähnlichen Maße, wie wir uns der Abhängigkeit von jenen Informationsquellen bewusst geworden sind, erscheint wiederum die Annahme, dass Medien ihre eigene Wirklichkeit erzeugen beileibe nicht mehr wie mehrheitsfernes, abwegiges Geschwafel einiger ‚postmoderner‘ Intellektueller. Wie gesunder Zweifel bei entsprechendem Nährboden und mangels Differenzierungsvermögen in fundamentalen Irrsinn umschlagen kann, zeigt sich ja dieser Tage symptomatisch im Boom von Verschwörungstheorien und unreflektiert-generalisierendem Medienbashing. Unbestreitbar ist es aber für den Einzelnen verdammt schwer geworden, wenn nicht immer schon unmöglich gewesen, alle Informationen aus erster Hand zu erlangen und zu überprüfen, geschweige denn sich angesichts ihrer komplexen Verflochtenheit einen befriedigenden Überblick der Geschehnisse auf dem Planeten zu verschaffen.

Dominick Fernows Nebenprojekt Vatican Shadow nimmt sich dieser Unübersichtlichkeit und schieren Undurchdringlichkeit an, welche kennzeichnend ist für ein globalisiertes, vernetztes Zeitalter, in dem wir zwar mit Informationen überflutet werden, zugleich aber nicht ganz grundlos den ständigen unangenehmen Verdacht hegen müssen, dass gerade die entscheidenden Details uns verwehrt bleiben; und in dem wir trotz ihrer Omnipräsenz oft den gleichen, zumindest aber zum Verwechseln ähnlichen und daher quasi austauschbar gewordenen Medienbildern ausgesetzt sind. Es ist dieses alltägliche Durcheinander von Tickermeldungen, Schlagzeilen, Fotografien, Telepromptergefasel, Video- und Audioaufnahmen mit all seinen Implikationen, welchem durch das bruchstückhafte Spiel mit Artwork, Albentiteln und Trackbezeichungen in den Arbeiten Vatican Shadows entsprochen wird. Der eigentliche Kampf um Deutungshoheiten hingegen interessiert Fernow – und das ist lobenswert konsequent – allerhöchstens sekundär. Sein starkes Augenmerk auf den erwähnten außermusikalischen Komponenten (manch ein Klugscheißer spricht hier auch gerne von sogenannten Paratexten), kreisend um dieselben unscharf markierten, in ihrem Zusammenspiel zugleich enorm suggestiven Themenfelder (US-Militär, Geheimdienste, Naher Osten, Terrorismus, Religion,…), brachten dem Betreiber des renommierten Underground-Labels Hospital Productions – verbunden mit seinem unverschämt hohen Output – durchaus mal den Vorwurf ein, dass die Musik zunehmend zur Nebensache werde und die Idee des Projektes nun so langsam ausgereizt sei. Tracktitel wie »More of the Same« könnte man als polemischer Kritiker natürlich leicht zum überfälligen Eingeständnis von Ideenlosigkeit umwenden.

Tatsächlich stellt Fernow das Konzept über alle darin enthaltene Einzelelemente. Coverabbildungen zum Beispiel sind keine bloßen Dreingaben zur Audiospur, sondern integraler Teil der Gesamterfahrung. Die Soundcollagen dienen als eine Art auditiver Teppich, der den Schlagworten (etwa »Ziad Jarrah Studied Mathematics«), den entkontextualisierten Fotos und Textstellen, Ausdruck verleiht – und umgekehrt. Die Datenträger-Veröffentlichung von »Media in the Service of Terror« beinhaltet sogar eine Mini-Zeitung. Nach und nach zeichnet sich so ein rätselhaftes, unmöglich dechiffrierbares Mosaik aus den vielfältigen multimedialen Steinchen ab, die Fernow nebeneinander legt. Damit ist ebenso klar, dass sich die imaginative Kraft von Vatican Shadow gerade auch über einzelne Releases hinaus entfaltet, da mit jedem neuen Werk das Bisherige erweitert wird, ohne jemals so etwas wie den Eindruck des Vollständigen zu erreichen.

Der Urheber erliegt zum Glück nicht der Versuchung, das Chaos sinnhaft zu ordnen. Ganz anders als seine musikalische Inspirationsquelle Muslimgauze verfolgt Fernow außerdem keine (geo)politische Agenda. Weder sollen offizielle Narrative demontiert werden, noch die eine gültige Wahrheit aufs Brot geschmiert werden. Vielmehr wird dem Abnehmer ein beträchtlicher Vorstellungsraum eröffnet, in dem er assoziieren und darüber reflektieren kann, ob und wie Verknüpfungen zwischen den aus ihren Ursprüngen herausgelösten Bedeutungssplittern generiert werden können. Vor allem aber liegt der Reiz im Ausstellen des Ungewissen und Geheimnisvollen, das hier an die Stelle lückenloser Welterklärungsmodelle tritt.

Doch wie äußert sich diese Desinformationsstrategie konkret in der musikalischen Ausgestaltung? Bislang habe ich hier klarzumachen versucht, dass man die einzelnen Bausteine im Dienste des Konzeptes als untrennbar behandeln sollte. Dennoch möchte ich natürlich ein paar Worte über die ‚hörbaren‘ Aspekte verlieren. Wenig hitparadengerecht, wie man sich denken kann, dafür der Grundidee umso stärker verpflichtet, werden Song-Schemata genauso entschieden gescheut wie lineare narrative Verläufe, wenngleich hier und da mal Layer oder Patterns zwischenzeitlich erscheinen oder verschwinden. Eher technoider Tradition entsprechend, gibt es keine klaren Anfänge und Enden, kommen Übergänge zwischen den Tracks abrupt. Nimmt »Media in the Service of Terror« die Maximen der Repetition auch weniger ernst als manch ältere VS-Erscheinung, muss hier trotzdem von einer Absage an formale Geschlossenheit, dramaturgische Bögen und gewöhnliche Album-Kontinuität die Rede sein.

Knatternde Rhythmus-Skelette bilden dabei nach wie vor häufig den Fixpunkt der evokativen Loops, deren weitere Bezugslinien zu Ambient und Industrial weisen. »More of the Same« präsentiert sich dahingehend fast schon wie ein Dancefloor-Kandidat, den man sich mit ein wenig Fantasie aber durchaus auch in den Sets einschlägiger Berliner Clubs vorstellen könnte. »Ziad Jarrah Studied Mathematics« dagegen verfügt über ein deutlich weniger scharf konturiertes Beatgerüst. Hier werden atmosphärische Flächen und diskret knisternde Hi-Hat-Schleifen in feiner Regelmäßigkeit durch ferne Detonationen erschüttert. Das erfrischend kurze »Wherever There Is Money There Is Unforgiveness« rasselt sich durchsetzt von metallischen Geräuschen durch fabelhafte dreieinhalb Minuten. Und »Interrogation Mosaic« ist wieder so ein Lehrstück aus der Kategorie hintergründigen Gedankenkinos, wie sie die der geneigte Hörer liebgewonnen haben dürfte.

Dient Dominick Fernow das Pseudonym Prurient als Ventil für stark persönlich eingefärbte Noise-Exzesse, so verschwindet seine Person bei Vatican Shadow vollständig hinter dem Alias. Mysteriös ist denn auch das Attribut der Wahl für solche Musik, die einem das Gefühl verabreicht, geradezu endlos im Unklaren zu verharren, während sich das geistige Auge unweigerlich in Versuchen ergeht, den Blick über verschlossene Geheimdienstakten wandern zu lassen, konspirative Treffen mit dubiosen Mittelsmännern zu beäugen oder den unretouchierten Schrecken einer aschfahlen zerbombten Krisenregion zu Gesicht zu bekommen. Das Tappen im Dunkeln, in diesem Fall hat es jedenfalls Methode.

Tracklist:
01. Ziad Jarrah Studied Mathematics
02. More Of The Same
03. Take Vows
04. Wherever There Is Money There Is Unforgiveness
05. Interrogation Mosaic
06. Take Vows (The Inevitable Bitterness Of Life)
07. More Of The Same (Tunisia) 

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Highlights 2015: Die besten Alben

Und schon wieder eine Bestenliste! Überall tauchen sie auf, besonders am Jahresende, von den kleinsten Blogs bis zu den reichweitenstärksten Magazinen, alle bombardieren sie die Welt mit ihren inflationären Rankings. Da reiht man sich doch nur zu gerne ein, jedoch durfte die folgende, durchaus wohl überlegte Auswahl immerhin mehr als einen Monat lang heranreifen, um sich nun drastisch verspätet, aber …nennen wir es mal…  einigermaßen vollendet zu präsentieren, sofern dies überhaupt möglich ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen stellt sich ein gewisser Déjà-vu-Effekt ein, deswegen sei auf die Einleitung des letzten Jahres verwiesen und an dieser Stelle nur kurz angemerkt, dass es bei der schieren Menge an veröffentlichter Musik einfach unmöglich ist, ihr in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Denjenigen, die das hier lesen, wurde die Qual der Wahl damit hoffentlich ein wenig aus der Hand genommen. Vielleicht sagt die Selektion der Titel aber auch mehr über die Person aus, die sie vorgenommen hat, als über das Musikjahr 2015 – wer weiß das schon?

Fest steht hingegen – um ein bisschen Pathos in die Sache zu bringen –, dass Musik eines der wenigen Bollwerke gegen die Unannehmlichkeiten der Existenz darstellt und gleichzeitig, sofern sie mehr als bloße Ablenkung sein möchte, trotzdem in jene Realität eingebunden, also nicht vom Leben abgekoppelt ist. Das einleitende Geschwafel beschließe ich also in der Überzeugung, dass die unten gelisteten Alben dies gerade bewerkstelligen, indem sie der faden Mittelmäßigkeit und Austauschbarkeit entsagen und zum Kern der Dinge hervordringen.

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Highlights 2015: Die besten EPs & Mini-Alben

Während die Eindrücke aus dem letzten Jahr nun so langsam Platz machen für die Gegenwart (um nicht vom abgedroschenen ‚Hier und Jetzt‘ sprechen zu müssen) und 2016 Kontur annimmt, gibt es doch noch einiges, das nachhallt. Die Rede ist von – wer hätte das gedacht? – sehr guter Musik! Den Startschuss zur wie immer reichlich verspäteten Rückschau auf die Highlights von 2015 macht das Ranking einer oft vergessenen und unterschätzten, jedoch dank des Independent-Sektors niemals irrelevant gewordenen Veröffentlichungsform: der EP. Schließlich erscheinen immer wieder auch tolle Werke, die aber nicht über den Umfang eines gesamten Albums verfügen. Genau solche habe ich hier zusammengestellt.

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Video: Swarm Intelligence – Iridescent

Die tüchtige Bildrecyling-Schmiede the29nov films beschert uns dieses kunstvolle Video zu »Iridescent« von Swarm Intelligence. Letztgenanntes Projekt hat ja kürzlich mit »Rust« sein drittes Album (bereits das zweite auf Ad Noiseam) veröffentlicht, dem auch dieses ausgeklügelte Stück entnommen wurde. Das toll anzusehende Formenspiel wäre für sich alleine betrachtet schon ein kleines Animationskunstwerk. Wahrlich erfrischend wird die Sache aber zusätzlich in der Kombination mit der vertrackt-technoiden Industrialmusik, die somit eine Bebilderung fernab jeglicher motivischer Klischees bekommt, welche sich in diesem Sektor angeboten hätten. Zweifarbig gehalten und diffus flimmernd, zwischen flächiger Abstraktion und symbolhafter Gegenständlichkeit (inklusive Anspielung auf den Schöpfungsmythos?) bruchlos übergehend, wird das Visual der Spannung seiner soundtechnischen Vorlage mehr als gerecht. Nebenbei gelingt es dem Video auch, den Spagat zwischen Synthetik und Organik widerzuspiegeln. Scheinbare Widersprüche zu vereinen ist schließlich der Trumpf des Ganzen: Mögen die metallischen, verzerrten Sounds schroff und lebensfeindlich anklingen, der Track geht einem doch irgendwie ganz nahe… ja, man ist fast geneigt zu sagen, durch den rostigen Eisenpanzer mitten ins verwundbare Herz.

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Video: Mother Room – Sin

Wovor fürchten wir uns? Ist es der Schrecken, der uns offen und direkt begegnet? Oder nicht viel eher das Unbestimmte und Mittelbare; etwas, das sich als fremdartig präsentiert oder sich lediglich erahnen lässt? Oder muss man hier nicht besser differenzieren zwischen blanker Furcht und ihrem Vorboten, dem Unheimlichen? Wenn etwas nicht fassbar erscheint und nur vage Assoziationen auslöst, aus denen sich in der Fantasie ein Angstszenarium fortspinnen lässt, dann kann man das als unheimlich bezeichnen. Fast jeder gute Gruselfilm lebt davon: Was wäre zum Beispiel »Blair Witch Project« ohne die Ängste, die der jeweilige Zuschauer ins Geschehen hineinprojiziert? Oft genug spielt sich der Horror hauptsächlich im Kopf ab. Das Unheimliche ist gewissermaßen die Angst vor der Angst – und sie kommt gerne in Form der Andeutung daher.

»Sin« von Mother Room ist gewiss kein Schocker. Es wirkt subtiler und wirft dem Zuschauer nur ein paar visuelle Brocken hin, deren Geheimnisse wohl nur von der individuellen Vorstellungskraft entlockt werden können. Zwei dunkel verhüllte Gestalten gehen in Zeitlupe über eine Wiese. Das Bild ist unscharf und farblos, der schiefe Bildaufbau eigentlich gar keiner, sondern das Take nur an einem Hang gedreht. Das gleißende Licht der Sonne wird in schwarz-weißen Bildern eingefangen. Eine Vermummte balanciert etwas, das wie ein Tablett aussieht, auf dem Kopf und hat die Hände vor sich gefaltet. Die Einstellungen wiederholen sich zum Teil mit invertierten Farben. Die dunklen Gewänder leuchten nun hell, die Sonne dagegen wird zur riesigen schwarzen Kugel am Himmel. Wir sehen den Rücken einer Frau, jedoch nicht ihr Gesicht. Doch damit nicht genug: Etwas Rundliches, Undefinierbares bewegt sich schnell am Himmel, fast so wie die naive UFO-Vorstellung einer fliegenden Untertasse. Hat sich das Objekt vorher von der verdunkelten Sonne gelöst, denn so scheint es fast? Was geht hier eigentlich vor? Es sind schlichte Zutaten und doch ist die irritierende Wirkung durchaus beachtlich. Aus begrenzten Mitteln wurde hier das Maximale herausgeholt. Nicht mal die Person in der Skelettmännchen-Verkleidung wirkt albern – das muss schon was heißen! Nicht zuletzt ist es auch der famose Noise-Track mit seinem schwergängig-dumpfen Donnern, der perfekt zur rätselhaften Atmosphäre beiträgt.

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Review: Theologian – Pain of the Saints [2015]

Theologican - Pain of the Saints (TumorCD76)| Erschienen bei Malignant Records (2015) |

Lee Bartow alias Theologican gehört zu den prägenden und vor allem ziemlich produktiven Kräften im Post-Industrial-Sektor der letzten Jahre. Obwohl die Diskographie seines gegenwärtigen Solo-Projekts 2009 ihren späten Anfang findet – in Nachfolge zu seinem Engagement als Mastermind der kurz zuvor aufgelösten Navicon Torture Technologies – hat der US-Amerikaner seitdem eine beachtliche Anzahl von Veröffentlichungen angehäuft. Mit »Pain of the Saints« legte Bartow nun sogar ein bis zum Bersten vollgepacktes Doppelalbum vor.

Schon der Titel und das stilvoll-blutige Cover-Artwork deuten auf die hier verfolgte ästhetische Zielrichtung hin. Davon abgesehen ist Theologian auch wahrlich kein Künstler, über den man im Formatradio oder in der TV-Werbung stolpern würde, und auf dem nächsten Kirchentag wird man seine Musik sicher nicht antreffen. Nähert man sich dem neuen Werk trotz aller Vorzeichen ganz unbedarft, dürfte man alsbald kalt erwischt werden. Besser gesagt, man hockt sogleich im Vorhof des Verderbens. Wenige Minuten sollten locker für die Feststellung reichen, dass man hier alles andere als leichte Feierabendkost vor sich hat. Der erste und mit über dreizehn Minuten zugleich längste Track »Savages« schickt einen früh in die akustische Unterwelt; gedämpft-verschwommenes Klopfen im Hintergrund, maschinelles Knattern und Schnarren, statisch-stechende Synthtöne, sinistres Rauschen und wiederholte schmerzverzerrte Laute vereinen sich zu einem ziemlich unfreundlichen Empfangskomitee. Wem dieser morbide Kosmos aus Mystik, Noise und Selbstzerfleischung eine (im Wortsinn) Heidenangst einjagt, ist gut beraten, hier den nächsten Ausgang zu nehmen. Für den geneigten Anhänger abgründig-atmosphärischer Musik hingegen gibt es Balsam für die Ohren.

Bartows Arbeit, angesiedelt in relativ wenig definierten Grenzbereichen zwischen Death Industrial, Dark Ambient und ähnlichen Subgenres, ist zum einen sehr facettenreich ausgefallen, aber bisweilen auch beachtlich komplex. Das virtuose ‚Layering‘ der vielen Soundschichten erweist sich als klarer Trumpf, Klangelemente sind spürbar mit viel Bedacht zusammengesetzt. Und auch wenn die insgesamt 20 Tracks stellenweise ohne jeden Zweifel harsch und mit der nötigen Kompromisslosigkeit daherkommen, geht die von Außenstehenden im Industrial so häufig vermisste Musikalität im Grunde doch nie verloren. Dennoch ist »Pain of the Saints«, alleine schon aufgrund der überbordenden Länge von mehr als 2 ½ Stunden, natürlich ein harter Brocken, der es wirklich in sich hat. Aber einer, in den man sich hervorragend versenken kann, dafür bieten sich genug Zwischentöne, Details und Ideen.

Der repetitive Power Electronics-Stampfer »Infection« gehört in dieser Hinsicht jedoch eher zu den weniger interessanteren Beiträgen. Auffälliger, und das nicht nur wegen des bedingt familienfreundlichen Titels, ist da schon »Piss and Jism«. Das setzt auf einen beharrlich grollenden Drone-Teppich und Vocals, die so verzerrt sind, das man beinah nur noch ein zischendes Spektrum wahrnimmt, sowie langgezogene Schreistimmen, die viel mehr organisch in die Textur eingearbeitet werden, anstatt eine gewöhnliche vokale ‚Funktion‘ einzunehmen. Ein grandioser Ausflug in spacige Sphären ist »Gravity« geworden, bei welchem sternschnuppenartige Tonmodulationen und schmetternde Riesenasteroiden-Klänge die Akzente im ruhigen, fast schon meditativen Wabern setzen. »Of Foulness And Faithfulness« sticht heraus, weil seine ratternde Fabrikkulisse ironischerweise so dumpf geraten ist, als wäre das Stück irgendwann in den frühen 80ern produziert worden. Eine in ihrer sturen Konsequenz und dichten Konstruktion geradezu faszinierend eindringliche Lärmwand. »Sainthood Is Suffering« ist deutlich Beat-orientierter als das restliche Material – das Ganze geht schon stärker in Richtung Electro-Industrial oder Rhythmic Noise -, manövriert sich aber im Verlauf in einen immer dichter werdenden Sturm aus gnadenlos übersteuerten Texturen und Melodie-Schemen.

»The Lies Of The Past Become The Prayers Of The Future« eröffnet die zweite Hälfte noch intensiver als »Savages« die erste, obgleich das Stück im direkten Vergleich deutlich kürzer angelegt ist. Die vielleicht plastischste Repräsentation des Albumkonzepts geht im Anschluss mit »Suppuration« vonstatten, da die eigentlich recht feierliche, erbauliche Stimmung hinterrücks mit qualvollen Lauten unterlegt ist und damit gewissermaßen verdeutlicht wird, dass Leid und Schmerz in der Religiosität des Christentums eine elementare Rolle spielen, was man als durchaus fragwürdig empfinden kann – entsprechend lässt sich dieses ‚Licht‘ auf der texturalen (nicht textlichen) Ebene als Scheinheiligkeit interpretieren. Momente wahrhaftiger Schönheit finden sich allerdings auch auf dem Album: Wie das traurige Violinenspiel in »Blessed Pray« die geheimnisumwobenen, schimmernden Flächen umgarnt und so eine magische Atmosphäre erzeugt, kann einem schon mal die Sprache verschlagen… Weniger Harmonien, dafür jedoch akustisches Waterboarding – im positiven Sinn – verspricht »Redemption Is An Impossibility«; ein einziger Spannungsaufbau, der sich steigert und steigert, sogar eine überraschend groovige Distortion-Bassline zulässt, und dann auf dem Fast-Höhepunkt ohne großen Knall wieder auseinanderfällt. »Self-Flagellation As Faith« bringt zum Schluss mit ritualistischem Getrommel und Frauengesang noch einmal andere Nuancen hinein und außerdem die Kasteiungen vom Anfang des Albums zurück.

Bleibt abschließend festzuhalten: »Pain of the Saints« ist in seiner ausufernden Ganzheit definitiv eine Herausforderung, die sich bei gründlicher Auseinandersetzung aber umso mehr bezahlt macht. Mag die zugrundeliegende Katholizismuskritik, welche Doppelmoral und Sadismus anprangert, manch einem vielleicht zu offensichtlich sein und nicht mehr ganz taufrisch erscheinen, sollte man sich trotzdem nicht abschrecken lassen. Denn Theologian hat ein Werk hingelegt, das durch stilistisches Abwechslungsreichtum, cleveres Verwischen von Subgenre-Codes und handwerkliche Sorgfalt über die volle Laufzeit überzeugen kann.

Tracklist:
1 – 01. Savages
1 – 02. Infection
1 – 03. Serpentine Angels
1 – 04. Piss And Jism
1 – 05. Gravity
1 – 06. Without Trust, Your Love Is Meaningless
1 – 07. Of Foulness And Faithfulness
1 – 08. Iron Pierces Flesh And Bone Alike
1 – 09. You Are The End Of The World
1 – 10. Sainthood Is Suffering
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2 – 01. The Lies Of The Past Become The Prayers Of The Future
2 – 02. Suppuration
2 – 03. Witchfinder
2 – 04. Their Gelded And Rapacious Hearts
2 – 05. Deprivation
2 – 06. Blessed Prey
2 – 07. With Eternal Derision
2 – 08. Redemption Is An Impossibility
2 – 09. It Was You Who Taught Me Indifference
2 – 10. Self-Flagellation As Faith

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Highlights 2014: Top-Alben

Ganz ehrlich: Niemand mag frühe Jahresrückblicke, die einem schon Anfang Dezember allerorts aufgedrängt werden. Deswegen… na gut, auch wegen anderer Gründe, kommt mein Highlight-Ranking für 2014 auch später als alle anderen! Wie schon im letzten Jahr gilt natürlich auch diesmal das Credo: Vollständige oder objektive Bestenlisten gibt es nicht, sie bleiben stets Ausschnitte ohne Universalitätscharakter – eine persönliche Selektion nach individuellen Kriterien. Und trotzdem fiel es mir diesmal sogar schwer, eine für die eigenen Maßstäbe zufriedenstellende Rangliste zu kreieren.

2014 erschien mir in musikalischer Hinsicht nämlich in der Spitze sehr dicht gestaffelt, nur wenig hat sich daher wirklich für eine ‚Ehrung‘ aufgedrängt. Zwar gab es durchaus viele gute und sehr gute Alben, jedoch kaum besonders hervorstechende, brillante, mitreißende Werke, die meine subjektiven Knöpfchen zu drücken wussten. Oder lag es vielleicht an enttäuschten Erwartungen? Manche mit Vorfreude erwartete Alben gestandener Künstler konnten ihre Vorschusslorbeeren letztlich nicht ganz einlösen.

Beherrscht wurde das Jahr indes vor allem von Ambient- und Drone-Klängen, ätherisch-umwasserten Rock-/Pop-Formationen sowie ‚Hauntologen‘-Techno – es ist, als lege sich ein nebulöser Schleier um den Musikbetrieb unserer Zeit –, wohingegen viele bekannte Post-Rock-Bands solide Alben ohne größere Neuerungen nachlegten. Das Ranking haben diese Trends aber nicht unbedingt dominiert. Alles in allem war es ein knappes Rennen an der Spitze, mit vielen Anwärtern auf einen Startplatz, aber keinen echten Titelfavoriten. Nur eines kann ich vorab versprechen, Coldplay oder Kraftclub sind garantiert nicht darunter!

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