Beiträge getaggt mit Musique concrète

Aus der Mottenkiste: Asmus Tietchens – Clones (1981)

Karg, karger, Asmus Tietchens! – was in Bezug auf die allermeisten Musikschaffenden ziemlich despektierlich geklungen hätte, darf in diesem speziellen Fall durchaus als Kompliment verstanden werden. Seines Zeichens autodidaktischer Klangtüftler, begann der aus Hamburg stammende Tietchens schon in den späten 60ern, inspiriert durch Musique concrète, Stockhausen sowie die frühe elektroakustische Avantgarde, mit ersten Tonbandexperimenten. Während es Horden von Generationsgenossen vornehmlich in die Arenen zu den Stones, Led Zeppelin und Konsorten zog, werkelte der Individualist weitgehend für sich an (bis auf seltene Ausnahmen) abweisend-kühler, atonaler Grenzmusik, in der nicht selten gespenstische Hohlräume zum Klingen gebracht werden.

Es wäre vielleicht bloß ein verstiegenes Hobby geblieben, wenn ihm nicht gewisse Entwicklungen des Zeitgeistes entgegengekommen wären: Progressiv freischwebendes Synth-Genudel aka ‚Kosmische Musik‘ als Alternativ-Pop-Phänomen der 70er; die aufkommende D.I.Y.-Kultur, welche Amateurmusikern schlagartig Independent-Vertriebswege eröffnete, und die Herausbildung einer international vernetzten Noise-/Industrial-Szene, die abseitigen Ästhetiken inzwischen ein Nischenpublikum verschafft hatte. Unter anderem brachte Nurse With Wounds Steven Stapleton auf seinem Label einige von Tietchens Werken unter. Der wiederum fügte sich mit herzigen Release-Titeln wie »Seuchengebiete«, »Abfleischung« oder »Aus Freude am Elend« überraschend gut in das morbid-lärmende Umfeld ein.

Ungeachtet dessen lässt sich Tietchens Vorgehen am ehesten als zugleich explorativ und isolationistisch bezeichnen. Gerade auch letzteres hört man der Musik an und darf gerne konsequent auf die Rezeption übertragen werden. Soll heißen, ein Stück wie »Clones« entfaltet seine Wirkung vor allem, wenn man es alleine in ungestörter Umgebung anhört. Bezeichnenderweise ist es auf »Musik aus der Grauzone« von 1981 zu finden – ein möglicher Hinweis darauf, dass sich sein Erzeuger zu dieser Zeit auf der Schwelle zwischen verfremdetem Konkretmaterial, dunklen Drones und vergleichsweise zugänglichen Synthesizer-Elementen bewegte.

Im Wesentlichen scheint das Soundkonstrukt auf einem dezent schnarrenden Tape-Loop zu basieren, durch den vereinzelte Andeutungen von Melodien flirren. Bei den verhallten Einschlägen mag man jedoch kaum von einem Beat sprechen, genauso wie ein wiederholt auftauchender verzerrter Schreilaut wohl nur Hartgesottenen als Hook durchgehen dürfte. Mehr braucht es allerdings nicht, in den richtigen Händen, um gepflegten Grusel auszulösen. Ein Umstand, der sich im Zusammenspiel mit der visuellen Montage (YouToube-Konto: Ivica Jordanovski) noch verstärkt. Ging es dem heimlichen – und wie man gleich hinzufügen sollte: unfreiwilligen – Dark Ambient-Pionier auch erklärtermaßen niemals darum, bestimmte Bilder oder Vorstellungen zu erwecken, die unheimliche Ausstrahlung von »Clones« ist ganz und gar manifest.

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Highlights 2016: Die besten Alben

Jetzt, wo sämtliche Jahresrückblicke längst vergessen und fragwürdige Awards bereits medienwirksam an die üblichen Verdächtigen verteilt worden sind, lasse auch ich mir eine persönliche Abrechnung mit 2K16 nicht nehmen, muss dazu aber leider ein wenig ausholen…

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Review: Hecq – Mare Nostrum [2015]

Hecq - Mare Nostrum (Hymen Rec.)| Erschienen bei Hymen Records (2015) / Cover artwork by beeple |

2013 reiste Ben Lukas Boysen alias Hecq auf Einladung der Polytechnischen Universität Kataloniens nach Barcelona, um Tonaufzeichnungen des Supercomputers MareNostrum zu machen, welcher von Glas und Eisen umhüllt in einer ausgemusterten Kapelle betrieben wird. Mit Induktionsmikrophonen ausgerüstet, die für den Menschen praktisch kaum wahrnehmbare Betriebsgeräusche auf ein hörbares Level verstärken können, brachte er circa zwei Stunden im Innern der eindrucksvollen Anlage zu. Aus den Ergebnissen dieser äußerst ungewöhnlichen Aufnahmesession entstand durch Post Production der Soundsamples ein nicht minder ausgefallenes Album, das auf zusätzliche Instrumente oder andere Klangerzeuger bewusst verzichtet.

»Mare Nostrum « besteht aus vier Stücken, die sich alle jeweils knapp unter der 20-Minuten-Marke einpendeln. Es ist ohne Zweifel eines der ambitioniertesten Projekte von Boysen, dessen Talent, Ehrgeiz, Neugier und Wagemut ihn längst in eine Reihe mit Größen wie Richard D. James befördert haben. Seine Werke konsumiert man nicht beiläufig, sie müssen durchdrungen, gefühlt und erfahren werden. Besondere Größe beweist er hier jedoch, in dem er sich selbst als Künstler noch stärker zurücknimmt und dem titelgebenden Hochleistungsrechner zum Dreh- und Angelpunkt macht, ihm quasi ein klangliches Denkmal setzt: Es summt, knattert, fiept und rauscht. Von der Herangehensweise ist dies durchaus mit der – falls man diese Formulierung gelten lassen möchte – ‚Tradition‘ der Musique concrète zu vergleichen, auch wenn die fertigen Tracks dann doch anders klingen. Vor allem aber oft ähnlich schwer zugänglich. Als Hörer wird man insgesamt relativ wenig an die Hand genommen. Sogar manch IDM- oder Ambient-Connaisseur dürfte da zunächst mal skeptisch die Augenbrauen hochziehen und gelegentlich mit seiner Aufmerksamkeit etwas abschweifen (obwohl auch das gerade bei atmosphärischen Klängen durchaus mal erlaubt sein sollte).

»Mare Nostrum« basiert auf Field Recordings, jedoch wirkt diese Kategorisierung hierbei im gleichen Zuge fast wieder absurd, da die Aufnahmen an einem so abgeschlossenen, sterilen Ort unter streng kontrollierten Bedingungen stattfanden, wo außerdem nichts im üblichen Sinne als ‚natürlich‘ bezeichnet werden könnte, sondern lediglich Algorithmen – Achtung, Wortspiel! – den Ton angeben. Hört man jedoch genau hin und fokussiert die Geräuschskulpturen, so scheinen sich doch ganze Welten im Inneren des synthetischen Gebildes zu verbergen. Manche davon sind befremdlich oder sogar beunruhigend, andere dagegen haben auch harmonische Untertöne und wirken auf eine seltsame Art und Weise beinahe majestätisch. Während bei »I« etwa noch ein Sturm zu toben scheint, kehrt bei »IV« eine behagliche Geschäftigkeit ein. Diese Welten zu entdecken erfordert jedoch Geduld. Am besten nähert man sich dem Werk entweder hellwach oder alternativ dazu – auch wenn dies zunächst paradox klingen mag – im Zustand konzentrierter Müdigkeit, wenn auditive Reize noch viel intensiver erscheinen als gewöhnlich. Es ist im wahrsten Wortsinn das Innenleben des Computers, das zum Klingen gebracht wurde. Eine eigene Sprache, die erst einmal verstanden werden muss und von Hecq behutsam übersetzt wurde. Natürlich ließen sich die Stücke – um ein altes Klischee zu bemühen – womöglich ebenso erfolgreich als meditatives Hintergrundrauschen anwenden. Mit solch einer an Muzak-hafte Zweckgebundenheit anschließenden Rezeptionshaltung ist der Tiefe der Produktion (wie im Übrigen auch bei den allermeisten experimentellen Ambientwerken) aber gewiss nicht beizukommen.

Neben einem anspruchsvollen Hörerlebnis regt das Albumkonzept zu theoretischen Fragestellungen an: Wer musiziert hier, ist es der Computer, Ben Lukas Boysen oder sind es beide zusammen? Für den Musikgenuss kann man derartige Diskursangelegenheiten selbstverständlich als untergeordnet betrachten. Ohne Frage schien es dem Oldenburger aber darum gegangen zu sein, eine gewisse ‚Authentizität‘ der Situation zu wahren. MareNostrum ist eine gigantische Blackbox und er hat sie ein Stück weit öffnen können. Wo äußerlich Kühle und Bewegungslosigkeit vorherrschen, lauert in silico Dynamik und Leben. In einem Interview beschrieb Boysen, wie sehr er von der speziellen Atmosphäre des Ortes eingenommen gewesen ist, an dem das Sakrale eines Gotteshauses auf die säkularisierte Moderne trifft, wie sie durch die Ratio der Rechenmaschine nicht besser hätte repräsentiert werden können. Hecq ist es gelungen, die einzigartige Kombination der beiden nur scheinbar gegensätzlichen Pole auf subtile Weise einzufangen.

Tracklist:
01. I
02. II 
03. III
04. IV 

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