Review: Vatican Shadow – Media In The Service Of Terror [2016]

Vatican_Shadow-Media_in_the_service_of_terror-cover-660x660| Erschienen bei Hospital Productions (2016) |

Dass wir unser gesamtes Wissen über die Welt aus den Massenmedien beziehen, wie es ein gewisser Gesellschaftstheoretiker (ausgerechnet aus Bielefeld) mal erkannt haben wollte, ist längst zum vielzitierten Sinnspruch geworden. Zumindest, wenn man diesen auf das Zeitgeschehen und weltpolitische Zusammenhänge der jüngeren Vergangenheit verengt, lässt sich seine Gültigkeit nur schwer in Abrede stellen. Im ähnlichen Maße, wie wir uns der Abhängigkeit von jenen Informationsquellen bewusst geworden sind, erscheint wiederum die Annahme, dass Medien ihre eigene Wirklichkeit erzeugen beileibe nicht mehr wie mehrheitsfernes, abwegiges Geschwafel einiger ‚postmoderner‘ Intellektueller. Wie gesunder Zweifel bei entsprechendem Nährboden und mangels Differenzierungsvermögen in fundamentalen Irrsinn umschlagen kann, zeigt sich ja dieser Tage symptomatisch im Boom von Verschwörungstheorien und unreflektiert-generalisierendem Medienbashing. Unbestreitbar ist es aber für den Einzelnen verdammt schwer geworden, wenn nicht immer schon unmöglich gewesen, alle Informationen aus erster Hand zu erlangen und zu überprüfen, geschweige denn sich angesichts ihrer komplexen Verflochtenheit einen befriedigenden Überblick der Geschehnisse auf dem Planeten zu verschaffen.

Dominick Fernows Nebenprojekt Vatican Shadow nimmt sich dieser Unübersichtlichkeit und schieren Undurchdringlichkeit an, welche kennzeichnend ist für ein globalisiertes, vernetztes Zeitalter, in dem wir zwar mit Informationen überflutet werden, zugleich aber nicht ganz grundlos den ständigen unangenehmen Verdacht hegen müssen, dass gerade die entscheidenden Details uns verwehrt bleiben; und in dem wir trotz ihrer Omnipräsenz oft den gleichen, zumindest aber zum Verwechseln ähnlichen und daher quasi austauschbar gewordenen Medienbildern ausgesetzt sind. Es ist dieses alltägliche Durcheinander von Tickermeldungen, Schlagzeilen, Fotografien, Telepromptergefasel, Video- und Audioaufnahmen mit all seinen Implikationen, welchem durch das bruchstückhafte Spiel mit Artwork, Albentiteln und Trackbezeichungen in den Arbeiten Vatican Shadows entsprochen wird. Der eigentliche Kampf um Deutungshoheiten hingegen interessiert Fernow – und das ist lobenswert konsequent – allerhöchstens sekundär. Sein starkes Augenmerk auf den erwähnten außermusikalischen Komponenten (manch ein Klugscheißer spricht hier auch gerne von sogenannten Paratexten), kreisend um dieselben unscharf markierten, in ihrem Zusammenspiel zugleich enorm suggestiven Themenfelder (US-Militär, Geheimdienste, Naher Osten, Terrorismus, Religion,…), brachten dem Betreiber des renommierten Underground-Labels Hospital Productions – verbunden mit seinem unverschämt hohen Output – durchaus mal den Vorwurf ein, dass die Musik zunehmend zur Nebensache werde und die Idee des Projektes nun so langsam ausgereizt sei. Tracktitel wie »More of the Same« könnte man als polemischer Kritiker natürlich leicht zum überfälligen Eingeständnis von Ideenlosigkeit umwenden.

Tatsächlich stellt Fernow das Konzept über alle darin enthaltene Einzelelemente. Coverabbildungen zum Beispiel sind keine bloßen Dreingaben zur Audiospur, sondern integraler Teil der Gesamterfahrung. Die Soundcollagen dienen als eine Art auditiver Teppich, der den Schlagworten (etwa »Ziad Jarrah Studied Mathematics«), den entkontextualisierten Fotos und Textstellen, Ausdruck verleiht – und umgekehrt. Die Datenträger-Veröffentlichung von »Media in the Service of Terror« beinhaltet sogar eine Mini-Zeitung. Nach und nach zeichnet sich so ein rätselhaftes, unmöglich dechiffrierbares Mosaik aus den vielfältigen multimedialen Steinchen ab, die Fernow nebeneinander legt. Damit ist ebenso klar, dass sich die imaginative Kraft von Vatican Shadow gerade auch über einzelne Releases hinaus entfaltet, da mit jedem neuen Werk das Bisherige erweitert wird, ohne jemals so etwas wie den Eindruck des Vollständigen zu erreichen.

Der Urheber erliegt zum Glück nicht der Versuchung, das Chaos sinnhaft zu ordnen. Ganz anders als seine musikalische Inspirationsquelle Muslimgauze verfolgt Fernow außerdem keine (geo)politische Agenda. Weder sollen offizielle Narrative demontiert werden, noch die eine gültige Wahrheit aufs Brot geschmiert werden. Vielmehr wird dem Abnehmer ein beträchtlicher Vorstellungsraum eröffnet, in dem er assoziieren und darüber reflektieren kann, ob und wie Verknüpfungen zwischen den aus ihren Ursprüngen herausgelösten Bedeutungssplittern generiert werden können. Vor allem aber liegt der Reiz im Ausstellen des Ungewissen und Geheimnisvollen, das hier an die Stelle lückenloser Welterklärungsmodelle tritt.

Doch wie äußert sich diese Desinformationsstrategie konkret in der musikalischen Ausgestaltung? Bislang habe ich hier klarzumachen versucht, dass man die einzelnen Bausteine im Dienste des Konzeptes als untrennbar behandeln sollte. Dennoch möchte ich natürlich ein paar Worte über die ‚hörbaren‘ Aspekte verlieren. Wenig hitparadengerecht, wie man sich denken kann, dafür der Grundidee umso stärker verpflichtet, werden Song-Schemata genauso entschieden gescheut wie lineare narrative Verläufe, wenngleich hier und da mal Layer oder Patterns zwischenzeitlich erscheinen oder verschwinden. Eher technoider Tradition entsprechend, gibt es keine klaren Anfänge und Enden, kommen Übergänge zwischen den Tracks abrupt. Nimmt »Media in the Service of Terror« die Maximen der Repetition auch weniger ernst als manch ältere VS-Erscheinung, muss hier trotzdem von einer Absage an formale Geschlossenheit, dramaturgische Bögen und gewöhnliche Album-Kontinuität die Rede sein.

Knatternde Rhythmus-Skelette bilden dabei nach wie vor häufig den Fixpunkt der evokativen Loops, deren weitere Bezugslinien zu Ambient und Industrial weisen. »More of the Same« präsentiert sich dahingehend fast schon wie ein Dancefloor-Kandidat, den man sich mit ein wenig Fantasie aber durchaus auch in den Sets einschlägiger Berliner Clubs vorstellen könnte. »Ziad Jarrah Studied Mathematics« dagegen verfügt über ein deutlich weniger scharf konturiertes Beatgerüst. Hier werden atmosphärische Flächen und diskret knisternde Hi-Hat-Schleifen in feiner Regelmäßigkeit durch ferne Detonationen erschüttert. Das erfrischend kurze »Wherever There Is Money There Is Unforgiveness« rasselt sich durchsetzt von metallischen Geräuschen durch fabelhafte dreieinhalb Minuten. Und »Interrogation Mosaic« ist wieder so ein Lehrstück aus der Kategorie hintergründigen Gedankenkinos, wie sie die der geneigte Hörer liebgewonnen haben dürfte.

Dient Dominick Fernow das Pseudonym Prurient als Ventil für stark persönlich eingefärbte Noise-Exzesse, so verschwindet seine Person bei Vatican Shadow vollständig hinter dem Alias. Mysteriös ist denn auch das Attribut der Wahl für solche Musik, die einem das Gefühl verabreicht, geradezu endlos im Unklaren zu verharren, während sich das geistige Auge unweigerlich in Versuchen ergeht, den Blick über verschlossene Geheimdienstakten wandern zu lassen, konspirative Treffen mit dubiosen Mittelsmännern zu beäugen oder den unretouchierten Schrecken einer aschfahlen zerbombten Krisenregion zu Gesicht zu bekommen. Das Tappen im Dunkeln, in diesem Fall hat es jedenfalls Methode.

Tracklist:
01. Ziad Jarrah Studied Mathematics
02. More Of The Same
03. Take Vows
04. Wherever There Is Money There Is Unforgiveness
05. Interrogation Mosaic
06. Take Vows (The Inevitable Bitterness Of Life)
07. More Of The Same (Tunisia) 

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Aus der Mottenkiste: Orbital – The Box (1996)

Sprechen wir doch mal über Orbital …und die 90er. Nicht, dass Letztere zu wenig Beachtung seitens meiner Generation oder der Massenmedien bekommen würden, doch kann man sich dem Schaffen der Gebrüder Hartnoll wohl auch nur schwer annähern, ohne auf ihre Eingebundenheit in die Musikrevolution jener Dekade einzugehen. Eine Dekade, deren Zeitkolorit vom Aufkommen digitaler Technologien mehr bestimmt wurde als alles andere. Multimedia, Virtual Reality, Cyberspace etc. lauteten damals Entwürfe, auf die man – mal als Schreckgespenster, mal als Verheißungen einer besseren Zukunft – unweigerlich treffen musste. Popkultur und andere Diskursfelder waren in der Prä-Millenium-Ära voll davon. Dass ich besagtes Thema an dieser Stelle auf diese Weise behandeln kann, ist im Übrigen natürlich auch den tatsächlichen Auswirkungen des kulturtechnischen Wandels geschuldet, ganz klar. Den Rest des Beitrags lesen »

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Review: Three Trapped Tigers – Silent Earthling [2016]

Three Trapped Tigers - Silent Earthling Cover| Erschienen bei Superball Music (2016) / Cover-Artwork von Paul Maurice |

Seien wir ehrlich: Als Tom Rogerson, Matt Calvert und Adam Betts sich für ihren Bandnamen entschieden, hätte ihnen der Irrtum eigentlich sofort klar gewesen sein müssen. Ganz anders als eine Raubkatze hinter Gitterstäben – passiv, träge, jeglicher Kraft und Gefahr beraubt – gelang dem Trio in der MySpace-Ära mit wilden, unberechenbaren, regelrecht entfesselten Performances der Durchbruch auf der Insel. Vielleicht spricht aus dieser an Ironie nicht sonderlich armen Namenswahl ja nur eine gewisse Vorliebe der Instrumentalmusiker, ahnungslose Hörer auf die falsche Fährte zu locken. Ihr ebenso verspielter wie technisch versierter Stilhybrid, der die für sich alleine betrachtet schon exzentrischen Sphären von Don Caballero und Squarepusher vereinen konnte, verdiente sich mit all seinem Gebimmel, Geklacker und Gefrickel den sprichwörtlichen Titel der klanggewordenen Wundertüte – und stellte Gewohnheitstiere damit vor handfeste Herausforderungen.

Für »Silent Earthling« haben sie fast fünf Jahre nach ihrem Debütalbum »Route One or Die« das ultradichte Soundgefüge, so scheint es mir zumindest, ein wenig aufgeräumt: Drum Kit, E-Gitarre, Lead-Synthies werden als Kernelemente der textfreien Songs nun klarer erkennbar. Insbesondere die noch eingängiger gewordenen Keyboardlinien stehen stärker denn je im Vordergrund. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass ihnen komplexe Arrangements und Spielwitz abhandengekommen wären – nach wie vor wird mit Rhythmus- und Tempowechseln die Aufmerksamkeit gefordert, tummeln sich eine Menge verschiedener Zutaten im Topf. Für TTT-Verhältnisse jedoch ist manch eine Passage im Vergleich zum sprühenden Erfindungsreichtum vergangener Releases beinah schon überschaubar geraten. Beinah, wie gesagt.

Von Reduktion kann und darf angesichts immer noch überdurchschnittlich üppiger Ausgestaltung keine Rede sein. Der mächtige Titeltrack gibt sich schon in seinem hallenden Intro wenig Mühe, die durchaus beachtlichen Größenverhältnisse herunterzuspielen, ehe Betts‘ spektakuläres Drumming »Silent Earthling« zum ersten, aber nicht einzigen Mal auf Höchstgeschwindigkeit katapultiert; diverse, mehr oder weniger betuliche Abschnitte kulminieren letztlich in einen schwindelerregenden Synthesizer-Strudel. Derlei Momente, wie sie der Opener bereithält, die ein merkliches Gewicht mit sich bringen, bilden seltene Ausnahmen auf der Platte. Rogerson und Co. verlegen sich hier überwiegend auf unbeschwerten Synth-Prog-Optimismus, stets im flinken Wechsel zwischen Gaspedal und Bremse. Für »Kraken« ist man sich sogar nicht zu schade, sich ein wenig jener ‚Cockiness‘ zu bemächtigen, die normalerweise eher dem puristischen Rockspektrum zu eigen ist, um diese einer nerdigen Neubehandlung zu unterziehen. Dessen ungeachtet ist das symbiotische Zusammenspiel von Elektronik und verzerrten Gitarren einfach hervorragend, auch wenn hier schon mal die eine oder andere anachronistische Keyboard-Einlage für irritiertes Aufhorchen sorgt.

Dass die Band sich an solchen oder ähnlichen Zuschreibungen vermutlich nicht besonders stören wird, liegt denn auch an ihrer spleenigen, aber unprätentiösen Herangehensweise, wie man sie gerade im Math-Rock der jüngeren Vergangenheit häufig antrifft. Keine Spur also von überkandideltem, pseudoelitärem ‚High-Art‘-Gehabe oder schwülstigem Ästhetizismus. Bei aller Virtuosität zeigen die Tiger keinerlei Berührungsängste mit dem vermeintlich ‚Trivialen‘, schöpfen im Gegenteil ausgiebig aus den künstlichen Welten der Massenkultur. Vor allem ältere Videogame-Soundtracks scheinen es ihnen angetan zu haben. »Rainbow Road« referiert sogar schon namentlich an die Rennstrecke aus den Mario Kart-Spielen und ‚emuliert‘ auch gewissermaßen deren klanglichen Ausdruck. Der merkliche 80er-Computermusik-Einschlag des Albums lässt sich ohne weiteres als retro-nostalgische Strategie klassifizieren. Und damit wären TTT, glaubt man Simon Reynolds, dem Zeitgeist paradoxerweise wieder sehr nah. Aber womöglich lohnt es sich auch, zumindest darüber nachzudenken, ob ihr Ansatz dem eklektizistischen Eifer eines Oneothrix Point Never vielleicht näher steht als angenommen, mag dieser Vergleich zunächst auch abwegig erscheinen. Als ein mit dem elektronischen Sektor assozierter Solo-Künstler (um nicht die irreführende Vokabel ‚Producer‘ weiterzutragen) nähert sich Daniel Lopatin der Angelegenheit nur eben von der anderen Seite – und verarbeitet natürlich ungleich abseitigere bzw. weniger erinnerungswürdige Facetten der Konsumgesellschaft als die eher heimelig verklärten Pixelwelten aus der Kindheit.

Dieser quietschbunte Nintendo– und Arcade-Automaten-Charme jedenfalls kann durchaus mit den zuletzt so überdrehten Veranstaltungen von Battles oder And So I Watch You From Afar in Konkurrenz treten. So unterhaltsam sich diese Komponente im Sound auch weitgehend niederschlagen mag, verlieren sich einige Songs leider einen Tick zu sehr im naiven Kitsch… ja, es droht der Überdruss an Regenbogenfarben! »Blimp« und das erste Drittel von »Engrams« sind etwas zu zuckrig geraten, beim genannten »Rainbow Road« verlässt man sich außerdem das eine Mal zu viel auf hymnisches Lalala als kompositorischen Rettungsanker. Der an und für sich wunderbar wüste Math-Ausbruch kurz vor Schluss wirkt im Kontext dann irgendwie zu halbherzig und bemüht, um das Steuer noch herumreißen zu können.

Abseits dieser Kritikpunkte ist das auf »Silent Earthling« Geleistete jedoch definitiv zu würdigen. Gerade der Einfluss jener Inspirationsquellen, die über Daddelbuden-Ästhetik hinausweisen, geht beim flüchtigen Hören fast unter. Das energetische »Strebek« glänzt mit Synthie-Eskapaden im Stile Aphex Twins sowie einem pastoralen Ambient-Outro. »Hemisphere« hingegen greift auf subtile Weise die unterkühlte Soundpalette von Electro-Funk und Old School Hip-Hop auf. Und »Rainbow Roads« Rhythmik erinnert sicher nicht zufällig an die des Drum & Bass.

Bleiben in der Aufzählung also noch zwei bislang gänzlich unerwähnte Stücke übrig, die aber unbedingt einer Bemerkung bedürfen: »Tekkers«, weil es in seiner markanten Einfachheit problemlos in das Happy End eines typischen High School-Films passen würde, wo es dann auf dem Abschlussball gespielt würde – und trotzdem sehr cool geraten ist! Ebenfalls nicht zu vergessen: »Elsewhere«, der tatsächliche (und nebenbei grandiose) Schlusspunkt der Platte. Die Gruppe bringt hier ihre ganze Stärke zur Geltung, die nämlich nicht einfach nur Könnerschaft und raffiniertes Engineering umfasst, sondern sich in Verbindung mit einer gesunden Portion Sentimentalität erst wirklich entfaltet. Unterm Strich ist »Silent Earthling« ein gutes Album mit ein paar signifikanten  Ausschlägen nach oben. Wenn es auch etwas hinter seinen Vorgängern, insbesondere der tollen EP-Sammlung, zurückfällt, gelingt Three Trapped Tigers kurzweiliger und dabei clever aufgebauter Synth-Rock, der zu keiner Sekunde streberhaft rüberkommt. Für dieses Mal haben sie den Streckenverlauf klar abgesteckt und manchmal gar ein bisschen zu konsequent verfolgt. Nun wird es spannend sein, zu erfahren, welche Richtung als nächstes eingeschlagen wird.

Tracklist:
01. Silent Earthling  
02. Strebek  
03. Blimp
04. Engrams
05. Tekkers  
06. Hemisphere  
07. Rainbow Road
08. Elsewhere  

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Video: Mark Pritchard – Sad Alron

Da hat es sich doch wirklich gelohnt, mal wieder bei Warp Records vorbeizuschauen – obwohl es zugegebenermaßen einige Sekunden bei mir gedauert hat, bis sich aus dem diffusen Grübeln à la „der Name kommt mir bekannt vor“ eine eindeutige Assoziation herausschälen konnte. Mark Pritchard ist mir bis dato lediglich als die eine Hälfte des inzwischen lange zurückliegenden Projekts Global Communication, auf welches der unsterbliche Downtempo-/Ambient-Techno-Meilenstein »76:14« von 1994 zurückgeht, zu Ohren gekommen. Eine denkbar einfache 10-Sekunden-Recherche ergibt, dass der gute Mann aber in den letzten zwei Dekaden äußerst aktiv gewesen ist und beständig Werke veröffentlicht hat. Spätestens an dieser Stelle wird die eigene Bildungslücke eklatant… Shame on me!

Nun ja, »Sad Alron«, um dies schon mal vorwegzunehmen, liefert mehr als überzeugende Argumente dafür, Pritchards Back-Katalog zumindest mal einer Stippvisite zu unterziehen. Ein faszinierendes Kleinod, diese Komposition! Jonathan Zawadas zugehörige Bilder sind ferner ein wahrer Glücksfall, da sie die evokative Magie des Ausgangswerks nicht entzaubert, sondern im Gegenteil noch dessen enigmatische Strahlkraft multipliziert! Keine drei Minuten lang ist die audiovisuelle Symbiose, doch durchaus epochal. Bild und Ton wirken dabei wirklich wie füreinander geschaffen. Langsame Kamerafahrten durch (teil)colorierte Canyons mit wechselfarbenem ‚Himmelszelt‘, knallbunte geometrische Objekte, irreale Gesteinsformationen und stakkatoartiges Morphen des Horizonts entführen in ein fantastisches Terrain, das niemals einem bedeutungsschwangeren Bombast anheim zu fallen droht.

Es liegt natürlich nicht fern, angesichts des Szenarios an »2001: Odyssee im Weltraum« zu denken, jedoch tummelt sich Zawadas Clip ebensowenig im überfüllten Pastiche-Planschbecken der Kubrick-Kopisten (das gibt 10 Gummipunkte auf’s Alliterationskonto!). »Sad Alron« bleibt ähnlich rätselhaft, erscheint aber zugleich auch unverbindlich, sodass es problemlos auf ästhetischer Ebene für sich selbst stehen kann, ohne den semantischen Ballast einer Entschlüsselung zu bedürfen. Auf musikalischer Ebene blitzt indes die »76:14«-Grandeur unverkennbar auf. Vormerken sollte man sich den 12. Mai, dann kommt nämlich Pritchards Album »Under The Sun« in den Handel.

 

 

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Highlights 2015: Top 10 Tracks

Keine Sorge, diesmal gibt es keinen langen Einleitungstext, ein paar Worte sollten ausreichen. Schließlich ist die folgende Liste der besten Songs, die das 2015er-Special vervollständigt, aus praktischen Gründen mal etwas schlanker ausgefallen, wodurch auch ein paar Dopplungen vermieden werden. Das hier ist also definitiv die letzte Rückschau aufs vergangene Jahr – versprochen! Unsound-Logo WP2015

PS: (Alternativ-)Links zu den Songs, falls die eingebetteten Player aus irgendeinem Grund nicht funktionieren sollten, gibt’s in den jeweiligen Track-Überschriften! 

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Highlights 2015: Die besten Alben

Und schon wieder eine Bestenliste! Überall tauchen sie auf, besonders am Jahresende, von den kleinsten Blogs bis zu den reichweitenstärksten Magazinen, alle bombardieren sie die Welt mit ihren inflationären Rankings. Da reiht man sich doch nur zu gerne ein, jedoch durfte die folgende, durchaus wohl überlegte Auswahl immerhin mehr als einen Monat lang heranreifen, um sich nun drastisch verspätet, aber …nennen wir es mal…  einigermaßen vollendet zu präsentieren, sofern dies überhaupt möglich ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen stellt sich ein gewisser Déjà-vu-Effekt ein, deswegen sei auf die Einleitung des letzten Jahres verwiesen und an dieser Stelle nur kurz angemerkt, dass es bei der schieren Menge an veröffentlichter Musik einfach unmöglich ist, ihr in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Denjenigen, die das hier lesen, wurde die Qual der Wahl damit hoffentlich ein wenig aus der Hand genommen. Vielleicht sagt die Selektion der Titel aber auch mehr über die Person aus, die sie vorgenommen hat, als über das Musikjahr 2015 – wer weiß das schon?

Fest steht hingegen – um ein bisschen Pathos in die Sache zu bringen –, dass Musik eines der wenigen Bollwerke gegen die Unannehmlichkeiten der Existenz darstellt und gleichzeitig, sofern sie mehr als bloße Ablenkung sein möchte, trotzdem in jene Realität eingebunden, also nicht vom Leben abgekoppelt ist. Das einleitende Geschwafel beschließe ich also in der Überzeugung, dass die unten gelisteten Alben dies gerade bewerkstelligen, indem sie der faden Mittelmäßigkeit und Austauschbarkeit entsagen und zum Kern der Dinge hervordringen.

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Highlights 2015: Die besten EPs & Mini-Alben

Während die Eindrücke aus dem letzten Jahr nun so langsam Platz machen für die Gegenwart (um nicht vom abgedroschenen ‚Hier und Jetzt‘ sprechen zu müssen) und 2016 Kontur annimmt, gibt es doch noch einiges, das nachhallt. Die Rede ist von – wer hätte das gedacht? – sehr guter Musik! Den Startschuss zur wie immer reichlich verspäteten Rückschau auf die Highlights von 2015 macht das Ranking einer oft vergessenen und unterschätzten, jedoch dank des Independent-Sektors niemals irrelevant gewordenen Veröffentlichungsform: der EP. Schließlich erscheinen immer wieder auch tolle Werke, die aber nicht über den Umfang eines gesamten Albums verfügen. Genau solche habe ich hier zusammengestellt.

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Zum Jahreswechsel: So klang 2015 (Version 1.0)

Es ist mal wieder soweit: Das alte Jahr geht zu Ende und die allgemeinen Neujahrsplanungen erreichen ihren Höhepunkt. Wer jedoch hippe Veranstaltungen mit teurem Champagner und fragwürdiger Dauerbeschallung ebenso als dekadenten Unfug empfindet, wird womöglich erleichtert sein, dass auch diesmal wieder eine Spotify-Playlist mit den Highlights der letzten 12 Monate die Sidebar dieses Blogs schmückt. Auch diesmal, sofern das überhaupt noch der Erwähnung bedarf, geht es musikalisch darin nicht immer nur harmonisch zu. Will heißen: 2015 wird in allen Facetten repräsentiert, mögen diese auch mal herausfordernd und sperrig sein…

Update: Die Playlist wächst und wächst – und nähert sich langsam ihrem finalen Stand. In Kürze folgt dann auch selbstverständlich wieder das ‚richtige‘ Ranking der besten Songs und Alben, auf das hiermit eingestimmt werden soll. Bis dahin viel Spaß beim Hören!

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Review: Squarepusher – Damogen Furies

Squarepusher - Damogen Furies (Cover)| Erschienen bei Warp Records (2015) / Cover photography by Timothy Saccenti |

Tom Jenkinson ist kein Freund von Kategorisierungen. Dies pflegt er in Interviews gern und oft zu betonen. Vielleicht gilt der Brite hinter dem Squarepusher-Alias ja gerade deswegen bei vielen Journalisten als ernster, etwas grummeliger und eigenbrötlerischer Zeitgenosse, der die obligatorischen Pressetermine eben nicht zu oberflächlichen Feel-Good-Veranstaltungen verkommen lassen will. Eine nonkonforme Haltung, die sich auch in der vielfältigen, durchaus von Humor zeugenden, Diskographie wiedererkennen lässt und den Fachmedien regelmäßig Mühen bereitet. Kaum haben Kritiker nämlich eine Schublade (Drill & Bass, Jazz Fusion Breakbeat etc.) ausgesonnen, markiert Jenkinson den Spielverderber und ändert mit dem nächsten Release die Kursrichtung. Mit Warp Records, einer Institution, die sich bestens mit unangepassten Typen (Oneothrix Point Never, Flying Lotus, Aphex Twin,…) auskennt, hat der Klötzchenschieber einen Heimathafen gefunden, der ihm seit den späten 90ern praktisch freie Handhabe beim Nachgehen manischer Alleingänge gewährt, was dann idealerweise Meisterwerke wie »Hard Normal Daddy« oder »Ultravisitor« nach sich zieht. Eine Arbeitsbasis, die auch für die Entstehung des 2015er Outputs eine überaus zentrale Rolle gespielt haben muss.

Die Verwirrung beginnt diesmal bereits beim Inspizieren der CD-Verpackung, denn das Frontcover mit Jenkinsons digitalverzerrtem Konterfei verrät mir nicht auf Anhieb, wo hier eigentlich oben und unten sein sollen. Auch die beim Aufklappen der Kartonhülle sichtbaren Hilfspfeile vermögen derartige Orientierungsprobleme nicht wirklich zu beseitigen, führen aber immerhin schrittweise zum schwarzbedruckten Datenträger, der sich optisch kaum von seiner Peripherie abhebt. Das Design stellt ein getreue Spiegelung des verdrehten Bastards dar, als der sich dieses »Damogen Furies« erweisen sollte, jedoch täuscht das extrem minimalistische Schwarz-Weiß wiederum ob der wilden Auswüchse und akustischen Farbspielereien, die sich in der ‚Blackbox‘ verbergen.

Opener »Stor Eiglass« prescht mit deftigen Schlägen vor, die die Wände zum Wackeln bringen, etabliert aber bald darauf quietschige, durchaus zum Mitsummen geeignete Melodien aus dem Rechner – Kontraste, die schon der direkte Vorgänger »Ufabulum« aufzuweisen wusste. Im Laufe des Viereinhalbminüters werden die synthetischen Rhythmen zu einem zunehmend diffizilen Datengeflecht zurechtgezwirbelt. Bis hierhin verläuft trotzdem noch alles in vergleichsweise geregelten, weitgehend nachvollziehbaren Bahnen und wenn man dabei leichten Plastikgeruch vernehmen sollte, dann liegt das womöglich daran, dass Mr. Unbequem seinen Einstiegstrack als „Trojan Horse“ für jungfräuliche Gehörgänge ausgetüftelt hat. Richtig los geht es dann erst mit »Baltang Ort«, das mit seiner Verquickung von prachtvollen Flächen und unwirschen Beatfraktalen eine ähnlich tragende Rolle einnimmt wie seinerzeit ‘Pusher-Klassiker »Tundra« auf dem Debütalbum »Feed Me Weird Things« (1996). Nur gerät es vom Ausdruck her weitaus artifizieller und gröber als der ziemlich feingliedrige Jungle-Parcours aus alten Tagen, denn letzterer wird hier durch extragrantige Acid-Einspritzungen und kalte Computerdrums ersetzt. Puh, was ein erhebender Stress das doch ist! Aber wo bleibt der Mindfuck!?

Ein Blick ins Booklet mit einem erklärenden Statement des Künstlers verrät schon mal die Besonderheit der Machart: Alle zu hörenden Sounds entstammen eigenprogrammierter Software, die Jenkinson über viele Jahre hinweg entwickelt hat. Außerdem wurden sämtliche Tracks in einem zusammenhängenden Take ohne nachträgliche Bearbeitung aufgenommen. Irgendwie fast schon kämpferisch klingt dabei seine Proklamation des Wegs des größtmöglichen Widerstandes wie auch das Anliegen, sich von Konsumzwängen freizumachen. Ist Squarepusher damit Gegner einer Kulturindustrie, dessen Teil er unweigerlich selber darstellt? In gewisser Weise ja, doch hierbei geht es ihm merklich weniger um das altbekannte Argument gegen die kommerzielle Verwertung von Musikwerken, als – viel basaler – um die Mittel, die ihrer Entstehung vorausgehen: Instrumente, Hard- und Software. Geräte und Klangerzeuger von der Stange schränken die kreativen Möglichkeiten ein, determinieren zu einem gewissen Grad ihre Nutzungsweisen, so der Gedanke. Sein entschiedener DIY-Approach ist aber auch ein klares Zeichen gegen die Preset- und Readymade-Mentalität des sogenannten ‚EDM‘-Mainstreams der letzten Jahre, dessen Baukasten-Produktionen mit der progressiven, tüftlerischen Essenz der elektronischen Musik denkbar wenig zu tun hätten.

Hektisch, laut und eigenwillig ist »Damogen Furies« ohne Zweifel über weite Strecken, wie auch schon viele Squarepusher-Platten zuvor, doch die Direktheit, mit der die meisten aktuellen Kreationen ins Gesicht ballern, liefert dann doch ein paar Argumente dafür, sein Treiben tatsächlich als eine schräge Art von individualistischer Protestmusik zu begreifen. Nicht in plumpen Parolen, jedoch in eisigen Glitches, Strobo-Breaks und kakophonen Eruptionen findet diese ihren Ausdruck. »Rayc Fire 2«, schrill und kompromisslos, als Single vorab zu vermarkten, bleibt da nur ein kleines Kuriosum mit Randnotizcharakter, schließlich dürfte sich der Kreis derjenigen, die sich von dem tollen Digitalkrach mit Breakcore-Anleihen zum Albumkauf verleiten lassen auf eine relativ überschaubare Anzahl von Musiknerds begrenzen. Das fantastisch rabiate »Kwang Bass« lärmt dunkel und metallisch, beinahe schon mit futuristischem Industrial-Touch; »Exjag Nives« hingegen steigert sich in ein wüstes, ultraverknotetes Drum & Bass-Gefrickel hinein – bekanntermaßen ja ein Feld, auf dem ihm sowieso nur wenige die Stirn bieten können.

Genauso wie die gerade umher geworfenen Genrebegriffe stets nur das Dilemma aufzeigen, dass bei der Beschreibung der Kompositionen entsteht, bleibt die härtere Gangart auch nie bloßes Muskelspiel, sondern hat häufig einen verspielten Charakter. Das expressive Chaos scheint gerade mit dem Bezug zu stereotypen Mustern Sinn zu erhalten. Man nehme etwa »Kontenjaz«, das in seinem Mittelteil kurzzeitig mit gleichmäßigem 4/4-Takt inklusive übertrieben ‚catchy‘ Harmonien überrascht. Doch gerade wenn man denkt, Jenkinson schalte endgültig in den Party-DJ-Modus, treffen einen wieder krachende Beats, die zeigen, was Sache ist. Rein klangästhetisch hat das hier Gebotene ungeahnte Überschneidungen mit den Neonkirmesbespaßern aus dem gegnerischen Lager, doch umso gnadenloser zerschreddert er deren Motive, zerstört bekannte Strukturen, um sie in unorthodoxer Manier neu zu überschreiben. Aus streng reglementiertem Exzess wird ein sich frei entfaltendes Formgemenge. Eine geistige Verwandtschaft zum Free Jazz ist auch diesmal nicht zu verleugnen, die gelungenen melodischen Passagen (»D Frozent Aac«, »Exjag Nives«) hingegen sorgen für das kompositorische Gegengewicht. Der gespaltene Wesenszug ist es, der diese LP trotz aller idiosynkratrischen Ausraster auf gewisse Weise recht zugänglich macht.

Dahinter kann man Kalkül vermuten, tatsächlich lässt sich solch Herangehensweise aber wohl passender mit dem Faktor Eigensinn erklären. „Der Weg ist das Ziel“ galt schon immer für Jenkinsons Ethos, es geht um Risikofreude und das Vermeiden von Routine um jeden Preis. Bloß nicht eine von diesen greisen Rock-Mumien werden, die ihre schalen Hymnen in gefühlter Endlosschleife durch die Stadien krakeelen, ehe man ihnen (zur Bestrafung?) am Schluss noch ein Musical widmet, in der Hoffnung sie würden zum Wohle der Menschheit endlich in Rente gehen. Natürlich bleibt es fraglich, ob die hier bewusst forcierten Unterschiede im Produktionsprozess für den Hörer am Ende überhaupt noch in gleicher Weise greifbar sind wie für den Komponisten. Squarepushers Ansatz ist weniger der ‚Klangforschung‘ verpflichtet als – wenn man es hart ausdrücken möchte – seinem Künstlerego. Alles in allem ist »Damogen Furies« gewiss nicht ‚groundbreaking‘, in der falschen Gemütslage sogar ein anstrengendes Unterfangen, da es konstant auf maximaler Drehzahl powert. Und dennoch stellt es den gelungenen Beweis dar, dass dieser unkonventionelle Musiker auch nach 20 Jahren im Business immer noch sich selbst und das Publikum herauszufordern weiß und unter dieser Prämisse im Stande ist, wahrhaft Spannendes zu fabrizieren.

Tracklist:
01. Stor Eiglass
02. Baltang Ort  
03. Rayc Fire 2  
04. Kontenjaz
05. Exjag Nives  
06. Baltang Arg
07. Kwang Bass  
08. D Frozent Aac  

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Ein Kommentar

Das kenn’ ich doch irgendwoher… (3)

Es ist höchste Zeit, eine alte Rubrik fortzuführen, die im aktuellen Jahr leider etwas kurz gekommen ist. Selbst als Blogger (ohne redaktionelle Pflichten) fühlt man sich nämlich manchmal etwas zu sehr dem Aktualitätszwang und Zeitgeist verpflichtet. Gerade was Musik anbelangt, kann diese attraktiv erscheinende Herangehensweise rasch zum Fallstrick werden – und das gilt längst nicht nur für den schnelllebigen, und doch stets das gleiche liefernden Chartsbetrieb… Was dabei mitunter verloren geht, ist der Blick für das Ganze, eine gewisse Distanzperspektive. Umso interessanter kann es auch mal sein, das Augenmerk hier und da schweifen zu lassen. Da Werke außerdem nie alleine für sich – isoliert, ahistorisch – existieren, mache ich mich also an den Versuch, Verbindungslinien zwischen verschiedenen Musikstücken aufzudecken. Nicht immer muss das zwingend zu sensationellen Erkenntnissen führen, aber doch mindestens, wie ich hoffe, zu kleinen Aha-Effekten. Und kann man überhaupt mehr verlangen, bei solch einer unbegreiflichen Menge an Musik, die es auf dem Planeten gibt?

Von Radio-Djs und Techstep-Legenden

Es ist der initiale Moment, der für diese Rubrik maßgeblich ist und ihr den Namen gibt. Der Augenblick, wenn man unerwarteterweise etwas Vertrautes zu hören meint. So passiert auch beim Schauen und Hören des britischen Thrillers »Harry Brown«. Genau zu dem Zeitpunkt, an dem ein markantes, beinah Schwindel induzierendes Wabern, das zuvor schon eine gewisse Zeit unter der Oberfläche schwelt, aus dem Frequenzkeller der Tonspur hervortritt. Andere irritierende Soundeffekte und jegliche Harmonie scheuendes Klangmaterial sowieso phasenweises Pulsieren wurden darin ebenfalls untergebracht.

Das Stück, um das es hier geht, geschrieben von BBC1-Host Pete Tong und Producer-Kollege Paul Rogers – eine doch eher ungewöhnliche Wahl, was die Vergabe der Posten in Sachen Filmkomposition anbelangt –, ist wirkungsvoll, jedoch nie zu aufdringlich in den Soundtrack des Selbstjustiz-Streifens mit Altstar Michael Caine eingewoben. Es ergänzt die wohl atmosphärisch dichteste, verstörendste Sequenz des Films, in welcher der titelgebende Protagonist das übel abgefuckte Nest von zwei ziemlich übel abgefuckten Drogendealern aufsucht. Und in etwa so abgründig klingt auch die Musik – wie ein ganz schlechter Trip nämlich, aber dazu enorm befremdlich, man könnte fast sagen, den Blick in ein Parralleluniversum aufsperrend. Auf seine eigene Art futuristisch, schickt es Schauer über den Rücken des Hörers. Unnötig zu erwähnen, dass Harrys Besuch im Versteck der Junkies kein friedliches Ende nimmt…

Dunkle Szenarien sind auch das Spezialgebiet von Drum’n’Bass-Veteran Dominic Angas, besser bekannt als Dom & Roland (natürlich ein Soloprojekt, der zweite Namensteil bezieht den heißgeliebten Roland-Synthesizer als ‚Band‘-Mitglied mit ein). Obwohl Dom niemals die Bekanntheit eines Goldie oder Roni Size zuteil wurde, so ist ihm doch eine mindestens genauso tragende Rolle in der Szene zuzuschreiben. Ob als gefragter Studiotechniker und Produzent hinter den Kulissen oder versierter Musiker, der (wie die oben genannten Künstler) das Albumformat zu schätzen weiß: die Arbeit des Londoner Beatkonstrukteurs mündete bereits in den einen oder anderen Meilenstein des Genres. Abgesehen von ihrer Dichte und Kreativität, zeichnen sich seine Produktionen vor allem durch ein immens hohes Level an Professionalität und Tiefe im Klangdesign aus, während sie gleichzeitig die Roughness und Energie des echten UK-Underground-Sounds beibehalten.

Für einen Film durfte Angas meines Wissens noch nicht komponieren, jedoch aber Tracks für ein Videospiel beisteuern. Doch das ist gar nicht der Punkt. Worum es tatsächlich geht? Fast jedes weitere Wort erübrigt sich, sobald man den entscheidenden Track anspielt: »Flux« vom 2011er Album »The Big Bang« bringt uns direkt zurück zu Rogers und Tongs Score. Dom transportiert deren beklemmenden Minimalismus in sein eigenes Universum, haucht ihm mehr Organik ein, steigert den Detailgrad und verpasst der Sache grimmig-monströse Bassfiguren. Vor allem aber beschleunigen stämmige Beats das Tune bis auf Lichgeschwindigkeit. Tatsächlich entfacht der Trackaufbau die Vorstellung, hier würden mehr als nur einmal Schallmauern durchbrochen. Nein, der Thrill ist Dom über die Jahre wahrlich nicht abhanden gekommen. Festhalten!

 

 

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