Highlights 2016: Die besten Alben

Jetzt, wo sämtliche Jahresrückblicke längst vergessen und fragwürdige Awards bereits medienwirksam an die üblichen Verdächtigen verteilt worden sind, lasse auch ich mir eine persönliche Abrechnung mit 2K16 nicht nehmen, muss dazu aber leider ein wenig ausholen…

[Wer sich nur für’s Ranking interessiert, kann an dieser Stelle gleich runterscrollen…]

Um gleich mal die größtmögliche Binsenweisheit von der Checkliste zu streichen, schließe ich mich artig dem kollektiven Wehklagen über das vergangene Jahr an, das man gut und gerne als ein irgendwie… ‚schwieriges‘ in Erinnerung behalten darf. Neben all den offensichtlichen Gründen dafür, deren Erläuterung die Ambitionen dieser Seite bei weitem übersteigen würden, blieb 2016 auch aus der Schreiber-Perspektive weit unter den Erwartungen und vor allen Dingen nicht frei von Komplikationen, was die Begeisterungsfähigkeit für Musik auf basaler Ebene betrifft.

Trotz dieser Hindernisse ist es immerhin gelungen, sich mit schätzungsweise rund 200 Releases aus diversen Stilrichtungen näher auseinanderzusetzen und die größten Favoriten herauszupicken – den Umstand immer im Hinterkopf, dass schon die Summe aller gehörten Werke doch nur ein Bruchteil dessen darstellt, was an potentiell interessanter Musik in einem Jahr veröffentlicht wird (ja ja, es ist immer dieselbe Leier…). Außer Konkurrenz lief indes Autechres »elseq 1-5«, ein rahmensprengender Koloss aus hirnzermarternden Bits und Bytes – um zu verstehen, was Sean Booth und Rob Brown da auf die völlig unvorbereitete Menschheit losgelassen haben, wird es vermutlich noch Monate, wenn nicht länger, brauchen…

Was sich schon als Übergewicht in der Jahres-Playliste erkennbar gemacht hat und sich in diesem Ranking fortsetzt, ist, wie viel Musik aus dem ‚elektronischen‘ Spektrum vertreten ist. Eine Tendenz, die im gewissen Maße natürlich auf subjektive, geschmacksbedingte Faktoren zurückgeht, darüber hinaus jedoch als aussagekräftiges Indiz dafür erscheint, dass dieser Sektor seine visionäre Kraft entgegen anderslautender Befürchtungen nicht eingebüßt hat. Im Gegenteil, formieren sich abseits des Mainstreams doch scheinbar mehr und mehr subversive Soundkonzepte, die einen Weg in die Zukunft der alternativen Musik weisen.

Gleichzeitig steht dieses künstlerische Aufbäumen auf denkbar unsicherem Fundament. Ein Independent-Label wie Ad Noiseam zum Beispiel, dessen Output hier regelmäßig in den Bestenlisten vertreten war, musste leider im letzten Jahr auf unabsehbare Zeit seinen Betrieb einstellen. Angesichts sämtlicher Krisen und Spannungen scheint sich auch der generelle Tonfall der Musik noch einmal verschärft beziehungsweise auf die neuen Gegebenheiten eingestellt zu haben. Statt Schonhaltung einzunehmen, gehen die wirklich relevanten musikalischen Beiträge auch dahin, wo es wehtut. Mit anderen, wenngleich banalen Worten: 2016 setzte unbeirrt den Kurs fort, den 2015 bereits eingeschlagen hat.


10│ Oneirogen – Convivium

Auf dem dritten Longplayer verbindet Oneirogen wieder experimentelle Synthesizer-Musik mit apokalyptischem Drone-Getöse. Die unheilschwangere Stimmung und hypnotische Dichte vergangener Alben ist geblieben, basiert diesmal aber auf spürbar weniger gitarreskem Doom zugunsten eines gesteigerten Elektronik-/Noise-Anteils, welcher – anknüpfend an die jüngste EP – erfreulich kakophone Spezialitäten wie heiseren Schreigesang mit sich bringt. Derlei offensive Attacken werden zudem von trügerischen, beinah stillen Passagen clever kontrastiert. Mario Diaz de León hat mit »Convivium« das bislang dynamischste und vielseitigste Release seines Ein-Mann-Band-Projekts hingelegt, das darüber hinaus mit einigen unvorhersehbaren Wendungen aufwarten kann.


9│ Nils Petter Molvær – Buoyancy

Seit seinem Durchbruch vor nun mehr zwei Dekaden (»Khmer«, 1997) hat sich Nils Petter Molvær wie kaum ein Zweiter darum verdient gemacht, das leidende Image des Jazz einer betulich-selbstzufriedenen Altherrenveranstaltung, die den Bezug zur Gegenwart verloren habe, mit bemerkenswerter Kontinuität zu unterlaufen. Der Neugier und Offenheit Molvaers wie auch seiner Co-Musiker gegenüber genrefremden Ansätzen und technischen Neuerungen, kombiniert mit dem nötigen Einfallsreichtum, ist es wieder einmal zu verdanken, dass sich der eine oder andere Bruch mit den Regeln auch bei »Buoyancy« zum gewinnbringenden Unterfangen auswächst. Von schwermütigem Säuseln einsamer Trompeten bis hin zu ausgeklügelten polyrhythmischen Geflechten deckt die Scheibe eine erstaunliche Bandbreite ab. So taucht man in das kühle Nass nordischer Fjorde ebenso ein wie in die urbanen Lichtermeere Mitteleuropas, und darf sich bisweilen sogar an den Sonnenstrahlen aus Nah-, Mittel- und Fernost aufwärmen. Souverän fügen sich vermeintlich widerstrebende Elemente zu einem funktionierenden Gefüge zusammen, ohne dabei allzu naive Harmonieseligkeit aufkommen zu lassen.


8│ Anders Brørby – Nihil

AndersBrorby-Nihil (Gizeh)

»Nihil« ist ein Titel, der viel verspricht… beziehungsweise nichts, wenn man ihn voll und ganz beim Wort nimmt. Insofern kein Wunder, dass das Instrumentalwerk primär von den abgründigen Facetten des menschlichen Daseins inspiriert scheint. Unentwegt finster, zynisch oder demonstrativ niederträchtig geht es darin wider Erwarten nicht zu. Vielmehr besticht es durch „negative beauty“ (Joanna Demers), also der Kopräsenz von Schönheit und Schrecken; zwei Seiten derselben Medaille, die nicht isoliert voneinander existieren können. Gleich einem Wackelbild, reicht eben manchmal schon die kleinste Veränderung des Blickwinkels, um in der Leichtigkeit des Seins den existenziellen Horror zu erblicken. Jene Ambivalenz ist es, die Anders Brørbys Klangteppiche so herzzerreißend macht, wenn schimmernde Melancholie oder beinah Seelenruhe ausstrahlende Flächen eine fatalistische Beziehung mit Distortion, Overdrive und Dissonanzen eingehen.


7│ We Will Fail Hand That Heals / Hand That Bites

we-will-fail-hand-that-healshand-that-bites (monotype)

Die polnische Grafikdesignerin, Illustratorin und Sound-Künstlerin Aleksandra Grünholz versammelt auf »Hand That Heals / Hand That Bites« Klänge der Schnittmenge von Glitch, Electro, Industrial und Dark Ambient. Mal minimalistisch, mal brachial, aber durchweg gelungen und nicht ganz unoriginell. Suggeriert die Aufteilung des Doppelalbums durchaus ein Aufeinandertreffen krasser Gegensätze, stellen sich seine Hälften bei näherer Betrachtung eher als variierende Versionen einer Geschichte heraus. Und die ist im Kern: dystopisch, beunruhigend, voller Brüche. Und doch nach geraumer Zeit überaus reizvoll, hat man den leicht störrischen Ersteindruck überwunden. Aus dem atonalen Klackern, Ziepen und Rascheln schälen sich nämlich wieder und wieder überraschend stabile Grooves heraus. Richtig so! Warum denn nicht einfach mal leichtfüßig, mit dezent paranoidem Grinsen im Gesicht, durch die menschenleeren Korridore der Nostromo tänzeln, bevor es in den verdienten Kälteschlaf geht?


6│ Datach’i – System

datachi-system (planet mu)

Im Vergleich zur jüngsten Welle dekonstruierend vorgehender (Post-)Digital-Innovatoren wie zum Beispiel Arca, Holly Herndon oder Lotic, scheint die noch vor der Jahrhundertwende aufgekommene Generation technisch beschlagener Soundtüftler bis auf wenige Ausnahmen eher aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit geraten zu sein. Einer von ihnen hat sich 2016 in Bestform zurückgemeldet und zeigte mal eben, welch zeitloses Potential in dem Knotenbeatzauber steckt. »System« ist ein wahrgewordener Traum für all jene, die eine Schwäche für Braindance und Modularsynthesizer haben – und dürfte dank der im Dickicht der Zahlenkolonnen versteckten Melodien definitiv nicht nur Rhythmus-Fetischisten begeistern..


5│ Ben Chatwin – Heat & Entropy

ben.chatwin-heat&entropy (badabing)

In der Dunkelheit, tief unter der Oberfläche, lauert etwas Gewaltiges. Nach und nach geht Ben Chatwin (aka Talvihorros) dem Mysterium auf den Grund, und zwar so nachdrücklich, dass es – Achtung: dick aufgetragen! – regelrecht dazu animiert, verborgenen Regungen im Inneren des Selbst nachzuspüren. Ein bisschen schwingt das Vermächtnis von Jules Verne oder H.P. Lovecraft mit, und doch entstanden hier mithilfe ausgefallener Instrumente und unorthodoxer Methoden nahezu unschubladisierbare Kompositionen, reich an Suspense und atmosphärischen Details. Eigentlich sollte Hollywood vor der Haustür dieses Mannes längst Schlangestehen, andererseits kommt »Heat & Entropy« ja wiederum bestens ohne bombastischen Overload und Happy Ending aus. Die abgedroschene Phrase vom Film, der sich beim Hören vor dem geistigen Auge von ganz alleine manifestiert, trifft in diesem Fall ausnahmsweise zu..


4│ Tim Hecker – Love Streams

tim hecker - love-streams (4ad)

Kein Witz: Tim Hecker setzt tatsächlich erstmals Vocals ein, vom konventionellen Song-Format sind seine ziemlich eigenwilligen, strukturoffenen Klangstudien nach wie vor Lichtjahre entfernt. Neben einem Choral-Ensemble wählte der Kanadier für sein Ausgangsmaterial mal wieder die Kirchenorgel und holte sich die Unterstützung anderer Instrumentalisten sowie alter Weggefährten (Ben Frost, Jóhann Jóhannsson). Seine entscheidenden Werkzeuge aber bleiben natürlich Laptop und Mischpult, mit denen er in der Postproduktion die sonderbar faszinierenden »Love Streams« formte. Ob im digitalen Verfremden, Verzerren und Zerschleißen der Arrangements und menschlichen Stimmen das Transzendente zu finden ist oder jede Idee einer ‚höheren‘ Wahrheit dadurch umso effektvoller zertrümmert wird, bleibt dem Hörer überlassen. Man kann den metaphysischen Ballast aber auch ganz einfach ignorieren und sich von der ätherisch-schroffen ultravioletten Strömung mitreißen lassen.


3│ Puce Mary – The Spiral

puce-mary-the-spiral (posh isolation)

Dem Noise-Untergrund wird nicht zuletzt aufgrund seiner doch irgendwie naheliegenden Affinität zu D.I.Y.-Prinzipien und damit verbundener Lo-Fidelity-Ästhetik gerne mal mit abschätziger Intention Dilettantismus nachgesagt. Dass Dilettantismus aber selten das Problem ist, sondern häufig gerade einen rettenden Ausweg aus steifen Konservatismen, drögem Virtuosenkult oder bürgerlich-bravem Gefälligkeitszwang bedeuten kann, hat die (Pop)Kultur-Geschichte ja mehr als nur einmal bewiesen. Oft – und oft genug unbegründet – schließt besagter Vorwurf noch die Behauptung ein, das Kritisierte wäre eindimensional, stumpf und formelhaft. Keines dieser Klischees lässt sich aber für Puce Marys »The Spiral« in Anspruch nehmen. Im Gegenteil, brillieren die Krach-Explorationen der Dänin Frederikke Hoffmeier mit zermürbendem Spannungsaufbau, morbiden Einfällen und raumgreifendem Seelenterror in einer Schärfe, die jede Nuance des Schreckens plastisch in den Gehörgang transferiert. Ohrenbetäubendes Pfeifen und dröhnende Maschinen, auch davon ist reichlich vorhanden, doch wo manch einer mit selbstzweckhaftem Gepolter und müden Schocks ankommt, inszeniert Hoffmeier feinsinnig beklemmende Lärmkulissen. Fifty Shades of Industrial statt monoton rauschender Soundwände – ein moderner Meilenstein albtraumhafter Geräuschmusik.


2│ Dalhous – The Composite Moods Collection Vol.1: House Number 44

dalhous - house no. 44 (png)

»House Number 44« ist der erste Teil einer psychologisch ambitionierten Trilogie und dreht sich konzeptuell um die fiktiven Bewohner des titelgebenden, nicht näher konkretisierten Hauses; nachgegangen wird dem Einfluss der Umwelt, besonders zwischenmenschlicher Interaktion, auf die jeweiligen Bewusstseinszustände beider Protagonisten. Ein Vorstoß in die Kluft, die sich unvermeidlich zwischen Subjekten auftut, angetrieben von der Frage: was genau passiert in diesem ‚Dazwischen‘?
So distanziert, beobachtend und rational sich die Prämisse auch liest, umgesetzt wurde sie in ein ungemein aufwühlendes Kammerspiel, bei dem sich vieles im Halbdunklen abspielt, was den Vorkommnissen einen geheimnisvollen Anschein verleiht. Enigmatische Melodien, weiche, zerfließende Pads, entkörperlichte Stimmfetzen, andere stimmige Samples, Mikro-Layer und Unterschwelligkeiten verdichten sich zu psychoakustisch herausfordernden Audiogemälden, die mitunter dank ihres zwischenweltlich entrückten Charakters eine sanfte Verstörungswirkung entfalten. Verschiedene emotionale Stadien durchfließend, zeigt das Album – nicht durchgängig, sondern optimal dosiert – seine Zähne in Form kantiger Beats, die in kongenialer Kunstfertigkeit ihresgleichen suchen. Dalhous verbindet damit Qualitäten von Gridlock, Tangerine Dream, Future Sound Of London, Labradford und Boards Of Canada, spätestens nach diesem sublimen Meisterwerk gebührt dem Projekt die entsprechende Anerkennung. Meine Stimme haben sie!


1│ Roly Porter – Third Law

roly-porter-3rd-law/ TriAngle

Mein Gott, es ist voller Sterne“ – Machwerke über das Weltall und die Raumfahrt gibt es gefühlt etwa so viele wie Sonnensysteme in unserer Galaxie, doch nur den wenigsten gelingt es auch, diese gigantischen Dimensionen und massiven Kräfte, welche dort draußen walten, tatsächlich vorstellbar und überzeugend herüberzubringen. Die interstellare Reise aus dem Hause Tri Angle Records dagegen ist in ihrer überwältigenden Dynamik, Erhabenheit und schieren Wucht beispiellos. Verantwortlich dafür ist in nicht unerheblichem Maße ein Sound-Design, das einem die Sprache verschlägt ob seiner voluminösen Drones, perkussiven Eruptionen und in feingranularer Perfektion dargebotenen Space-Panoramen. Vertonte Sonnenstürme, Asteroidenfelder wie auch leuchtende Spiralnebel werden hinter sich gelassen, ehe man schließlich den musikgewordenen Ereignishorizont erreicht. Im Weltraum herrscht bekanntlich Stille, für die Kunst gilt das zum Glück nicht. Reden wir nicht weiter drüber… Roly Porter gelang, ohne Wenn und Aber, das Album des letzten Jahres!


…und die waren auch noch ziemlich gut (‚honorable mentions‘):


An die Leser: Was hat gefehlt? Wer gehört hier auf keinen Fall rein? Wie immer sind zahlreiche Kommentare gern gesehen!

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  1. Highlights 2016: Herausragende Tracks | UnSoundaesthetics

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