Highlights 2016: Herausragende Tracks

Das Krampfjahr 2016 ist zwar seit ein paar Monaten Geschichte, doch irgendwie will es sich immer noch nicht ganz abschütteln lassen, schließlich ist seine Aufarbeitung bis hierhin zu einer scheinbar nichtLogo Unsoundaesthetics 2016 enden wollenden Odyssee verkommen. Aber damit soll jetzt, wo sogar schon der kalendarische Frühlingsanfang überschritten wurde, endlich mal Schluss sein!

Bleibt final also nur noch zu klären, welche Songs beziehungsweise Musikstücke sich eine kleine Würdigung verdient haben. Worten, denen – wer hätte das geahnt? – im Anschluss an diese Einleitung ‚Taten‘ (also, das heißt eigentlich weitere Worte) folgen werden. Wichtig zu wissen: Diese Auswahl soll keine vollumfängliche Repräsentation dessen darstellen, was der Blogbetreiber für die ‚besten‘ Tracks des abgelaufenen Jahres hält, sondern umfasst lediglich Musik, die nicht bereits über die zehn Albumfavoriten abgedeckt wurde, und ist auch eher als Ergänzung zu dieser Liste zu verstehen.

Hinweis: Zusätzlich zu den eingebetteten Playern befinden sich (Alternativ-)Links jeweils in den Tracktitel-Überschriften, über die man zu den besprochenen Songs gelangt. Im Notfall sollte also möglichst jeder die Gelegenheit haben, sich die aufgeführten Musikstücke anhören zu können.

 

10│ Milan W. – Contender

Erinnert ein wenig an die recht melodischen und dabei immer auch reichlich rätselhaft herumeiernden Elektrokreationen aus Meister Aphex»I Care Because You Do«Tagen… und das ist sowieso eine gute Sache! Durchaus nicht niedrig anzurechnen ist seinem Urheber, dass sich das Machwerk angesichts dieser relativ nostalgiebehafteten Ausgangslage genug Eigenständigkeit bewahrt, um nicht blindlings in die Retrofalle zu tappen oder gar nur als Reverenz tauglich zu sein. Der eigentümlich weltvergessen pluckernde Groove von »Contender« verspricht zu keinem Zeitpunkt, sich zu Peaktime-Ekstase hochzuschrauben, sondern driftet konsequent in ominösen Sphären umher, die der Alltagsbanalität kaum ferner liegen könnten.

 

9│ Sigur Rós – óveður

Als Allerweltsband kann man Sigur Rós nun wirklich nicht bezeichnen. Das liegt unter anderem daran, dass alle Bandmitglieder aus Island stammen, mitunter in umgebauten Schwimmhallen recorden und Frontmann Jónsi seine Gitarre mit einem Cellobogen bespielt, während er dazu mit unverwechselbar elfenhafter Falsettstimme Fantasieworte ins Mikro trällert – auch wenn dieser imagefördernde Exotenstatus und natürlich der Umstand, dass die Truppe mit Schmalz nicht sehr sparsam umgeht, ihnen zur weltweiten Berühmtheit verholfen haben. Zur ganzen Wahrheit gehört jedoch unbedingt die Ergänzung, dass neben einem manchmal grenzwertig überkandidelten Ästhetizismus mit Hang zum Kitsch ein ebenso oft musikalisch spannender wie substantieller Ansatz zum Vorschein kommt. Bei »Óveður« präsentieren sich Sigur Rós von ihrer besten, von immenser Kreativität zeugenden Seite. Mit dieser herrlich windschiefen, beinah post-dubsteppigen Nummer betreten sie Neuland, ohne ihre bandeigenen Trademarks außen vor zu lassen.

 

8│ The Body – Two Snakes

Langsam, aber sicher wird The Body hier zum Stammgast. Allein in dieser Kategorie ist das nimmermüde Duo aus den Vereinigten Staaten verdientermaßen schon das dritte Jahr in Folge vertreten. Ihren Sludge-lastigen Anfängen längst entwachsen, greift sämtliches Metal-Vokabular kaum noch, um dem eklektizistischen Wahnsinn die richtigen Worte zu verpassen. Grobschlächtig bollert in »Two Snakes« eine Drum Machine gegen nicht minder rustikale HipHop-Gunshots an, derweil drängen sich beängstigende Chöre um Chip Kings gewohnt schrilles, qualvolles Geschrei. Als wäre das nicht genug, legen die Beiden noch akustische Schmutzschichten darunter, wie es Corrupted oder die frühen Godflesh nicht fieser hätten hinkriegen können!

 

7│ 65daysfostatic – Supermoon

Die Single »Supermoon« gehört zu den Titeln, welche die Band im Rahmen ihrer Mitarbeit am generativen Soundtrack des ambitionierten Weltraumerkundungsspiels »No Man’s Sky« auf die Beine gestellt hat. Ein kleines Juwel – kompakt, und doch seinem epischen Sujet gerecht werdend. Regelrecht… himmlische Sounds, ist man geneigt zu sagen. Der makellose, in ein 65dos-typisches Crescendo mündende Aufbau überzeugt, alles hier fühlt sich so verdammt richtig an. Die Engländer bleiben weiterhin ein Garant für imposante wie innovative Musik, die keines herkömmlichen Gesanges bedarf und einzig auf die Wirkmacht ihrer ausgefeilten Klangwelten vertraut.

 

6│ Autechre – feed1

Dass zwischen Musik und Sex eine gewisse Verbindung besteht, ist kein Geheimnis (allein das Stichwort Rhythmus sollte für einen ersten Anhaltspunkt schon mehr als ausreichen…). Aber vermutlich nur die wenigsten denken dabei als erstes an Autechres ultra-artifizielle, algorithmisch gestützte Soundgebilde aus dem Warp-Labor. Doch Erotik… ach was, biologisches Leben überhaupt? Eher nicht. Naheliegende Assoziationen liegen meist im Bereich des üblichen ‚Nerd-Zeugs‘: Nanotechnik, A.I., Robotik… oder abstrakte Formen. Fair enough. Und doch entginge einer voreiligen Einordnung womöglich, was »feed1« eigentlich ausmacht, nämlich das Zelebrieren totaler Zügellosigkeit und orgiastischer Energie – drum plädiere ich: nieder mit dem Kohlenstoffchauvinismus! Am Anfang war der Input, dann begann sich ein Eigenleben zu entwickeln. Machine Learning außer Kontrolle, rasch zu anorganischen Wucherungen führend. Hat ja irgendwie, wenn schon nicht mit Sinnlichkeit, dann zumindest etwas mit Fortpflanzung zu tun. Aus der Abteilung: Schlafzimmerklänge fürs posthumane Zeitalter. Falls es dann noch so etwas wie Schlafzimmer geben sollte…

 

5│ Ben Lukas Boysen – Nocturne 3

Inzwischen beim populären Erased Tapes-Label um Nils Frahm und Co. untergekommen, setzt Ben Lukas Boysen unbeirrt den Weg der letzten Jahre fort. Entsprechend vertraut, obwohl sogar noch ein bisschen zurückgenommener, wird Kennern seines Back-Katalogs dieses im post-klassischen Gewand daherkommende Ambient-Electronica-Kammerpop-Instrumental vorkommen (wer die ersten beiden Nocturne sucht, findet sie auf dem Vorgänger »Gravity«). Wie schon Jahrzehnte vor ihm Arvo Pärt oder Eric Satie vermutet der vielseitig begnadete Oldenburger die wahre Kunst eben nicht (mehr?) im endlosen Ausschmücken und Aufblähen von Kompositionen, sondern gerade in der perfektionierten Reduktion. Ein anmutiges Grundgerüst einfachster, software-gestützter Piano-Harmonien mit knapper Schlagzeug-Begleitung, so klar und aufgeräumt, dass schon winzige Ergänzungen – mit viel Fingerspitzengefühl platzierte Harfen-Einsprengsel, Flächen oder Hall-Effekte – Akzente mit ungeahnt ergreifender Wirkung setzen.

 

4│ Zenjungle – Tomorrow

Ja, es ist wahr, die Zukunft sah schon mal strahlender aus. Angefangen beim einprägsamen Klaviermotiv, das herzlich wenig Zuversicht versprüht, hüllt einen Zenjungles Soundscape früh in trostlose Novemberstimmung. Schwärzliche Vogelschwärme und Gewitterwolken lassen den Horizont zur dunkel-flirrenden Kulisse werden, die den düsteren Gedanken an ein Morgen ohne Hoffnung Vorschub leistet. Ein schwermütiger Happen, der gleichzeitig eine seltsam verlockende Anziehungskraft ausübt.

 

3│ Three Trapped Tigers – Elsewhere

Apokalyptische Stimmen sind nicht selten dieser Tage, was logischerweise wiederum viele Eskapisten auf den Plan ruft. Auch die Three Trapped Tigers haben offenbar Sehnsucht nach »Elsewhere«, beweisen jedoch in diesem Zuge, dass bei aller Traumtänzerei und Zerstreuung kein lahmer, belangloser Konsensquark rumkommen muss. Das Trio findet genau die richtige Balance von Komplexität und Eingängigkeit, verbindet handwerkliches Ausnahmevermögen mit einem ungeniert sentimentalen Ausdruck. Flauschig weich tönen die Synthies, spielerisch genial klappert die Rhythmus-Abteilung. Mittendrin geht’s dann auch kurz mal ein bisschen ruppiger zu. Das hat wirklich Charme.

 

2│ The Body – The Myth Arc

Die schon wieder! Stillstand ist The Body offenbar ein Gräuel. Wer laut eigenen Aussagen unter anderem die Beach Boys, Beyoncé, Judas Priest, The Prodigy, Young Thug sowie diverse Avantgarde-Krachmacher zu seinen Inspirationsquellen zählt und seine Vergangenheit in den randständigsten Einflusssphären von Doom und Punk zugebracht hat, bewegt sich gleichzeitig in so vielen Bezugssystemen, dass trotz lediglich zweiköpfigem Besetzungskern immer wieder für irritierende Hörerfahrungen gesorgt ist. Längst nicht alles passt zusammen beziehungsweise funktioniert auf »No One Deserves Happiness«, aber wenn – wie zum Beispiel im Falle von »The Myth Arc« –, dann trifft das Ergebnis aber sowas von ins Schwarze! Infernaler Donnerhall, der Mark und Bein durchdringt, wirkt doch gleich viel freundlicher mit Chrissy Wolperts lieblichem Gesang. Einer der merkwürdigsten Lovesongs seit langem!

 

1│ Dalhous – The Essential Wander

Die drei bisherigen Dalhous-Alben waren schon ein Segen, doch eine seiner bis dato stärksten  Arbeiten findet man auf der Split EP mit Pye Corner Audio. Wo sich im letztjährigen Longplayer spürbar Filmmusik-inspirierte Soundskizzen ineinander verwoben, setzt »The Essential Wander« auf eine abgeschlossene Track-Struktur. Eindringlich hingegen bleibt die Atmo. Schmetternd weisen Beats einen Pfad durch undurchsichtige Gewölbe, die im Verlauf zunehmend von Lichtschein erfüllt werden. So kehrt schlussendlich beinah versöhnliche Stimmung in dieses schattenhafte ‚Audio Noir‘ ein. Auf dem Weg dahin dürfte manch einer von ordentlichen Gänsehautschüben heimgesucht worden sein…

 
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