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Review: Aphex Twin – Syro [2014]

Aphex Twin - Syro| Erschienen bei Warp Records (2014) |

Wenn Richard D. James mittels seiner Musik eines am liebsten macht, dann ist es ganz sicher die Angewohnheit mit der Erwartungshaltung seiner Hörer zu spielen. Oder eine bestimmte Erwartungshaltung ähnlich wie Kollege Squarepusher erst gar nicht aufkommen zu lassen, indem man den Überraschungseffekt zum Aushängeschild macht – es kommt eben auf die jeweilige Sichtweise an. James ist ein stilistisches Chamäleon, das in nahezu genialischer Manier seinen eigenen Sound Metamorphosen noch und nöcher vollziehen lässt, geradezu spielerisch unterschiedlichen Strömungen Einlass in seinen Klangkosmos gewährt und gleichzeitig doch unverkennbar die eigenwillige Handschrift erkennen lässt. Unter seinen zahlreichen Pseudonymen widmete sich das unter Wunderkind-Verdacht stehende Schlitzohr schon in Teenagerzeiten nicht nur seinen berühmt gewordenen, traumwandlerisch ruhigen Elektroklängen („Selected Ambient Works 85-92“), sondern machte sich ebenfalls Formen des Industrial-Techno, Acid, Rave und Oldschool Breaks („Classics“) zu eigen; dazu kommen eine ganze Reihe wegweisender IDM-Veröffentlichungen („On“, „Hangable Auto Bulb“, „I Care Because You Do“ uvm.) mit universalem Meilenstein-Status. In den späteren 90ern prägte er maßgeblich die Entwicklung des Drill & Bass-Subgenres („Richard D. James Album“) und landete mit „Come To Daddy“ und „Windowlicker“ sogar zwei subversive Hits, bevor „Drukqs“ im Jahr 2001 als vorübergehendes Ende der Aphex-Ära die Musikgeschichte von vielen Jahrhunderten in einer herausfordernden Doppel-CD zu subsumieren schien. Doch auch danach ist der König der Soundtüftler nicht untätig, bringt unter dem AFX-Alias die „Analord-Serie heraus oder veröffentlicht inkognito als The Tuss exzellenten Braindance.

Die Erwartungen, um darauf noch einmal zurückzukommen, sie waren wohl bei noch keinem Aphex Twin-Album so hoch wie bei „Syro“. Immerhin hat sich James 13 Jahre Zeit für die Fertigstellung gelassen und die Öffentlichkeit weitgehend gescheut, um dann mit aufsehenerregenden PR-Tricks von Warp Records‘ Werbe-Abteilung die Aufmerksamkeit plötzlich wieder auf sich zu lenken. In der Zwischenzeit kokettierte James zu ausgewählten Anlässen damit, genug Material für mehrere Alben angehäuft zu haben, aber schlichtweg nicht in Release-Laune gewesen zu sein. So oder so, die Fallhöhe dürfte nicht geringer geworden sein. Doch all dieses Drumherum, die verblüffenden Marketingaktionen und doppelbödigen Interviews, sind vergessen und unwichtig, sobald der erste Ton von „Syro“ seinen Weg ins Ohr bahnt.

Dabei klingt der Nachfolger des labyrinthischen „Drukqs“ trotz der langen Veröffentlichungspause von Anfang an erstaunlich vertraut. Ein Eindruck, der fortan nicht mehr weichen wird. Diese verknoteten Rhythmen, seltsam entrückten Melodien und schrägen Basslinien – das kann nur ein Aphex Twin-Album sein. Moment mal! …war die unerwartete Komponente, diese Extradosis Wahnsinn, nicht eines der Markenzeichen? Stimmt, doch diesmal hat der gebürtige Ire offenbar keinen Generalangriff auf die allgemeinen Hörgewohnheiten vorgesehen. Stattdessen liefert er eine auffallend zurückhaltende, jedoch blitzsaubere Demonstration seines musikalischen Könnens ab, die weder den Hörer verstört noch großartige Stil-Modifikationen beinhaltet. Hyperaktive Ausbrüche sind eher die Seltenheit auf „Syro“, die Stücke in der Regel weit von Überfrachtung entfernt. Stattdessen scheint James die reduktionistische Schönheit der „Selected Ambient Works“ wieder für sich entdeckt zu haben, die er mit dem melodiös-treibenden AFX-Acid („Chosen Lords“) kombiniert. Das Ergebnis ist ein ausgeglichenes, kohärentes Werk: Ohne Frage verschroben, eigensinnig und weltvergessen, dabei aber so zugänglich wie lange nicht mehr.

Verträumte Synthie-Landschaften laden zum ausgiebigen Erkunden ein, natürlich nicht gänzlich ohne vertrackte Wegführung, Computer-Bleeps und das eine oder andere verrückte Detail am Wegesrand. Die Kompositionen scheinen vordergründig betrachtet nicht unbedingt fokussiert, doch erweist sich das auch gerade als eine Stärke von „Syro“. Aphex Twin arbeitet wie gewohnt nicht mit gewöhnlichen Spannungsbögen. Statt sich in dramaturgische Korsetts zu zwängen, lässt er den Sound fließen und sich entfalten, Altes verschwinden und Neues hinzukommen; ganz offen und grenzenlos. Selbst wenn die Veränderungen manchmal nur unscheinbar und verhalten sind – immer noch bringt er in wenigen Minuten mehr Ideen unter als manche anderen Künstler in einem ganzen Album.

Viele Tracks sind genau genommen nicht neu, sondern vor mehr als fünf Jahren entstanden, wie z.B. „XMAS_EVET10 [120][thanaton3 mix]“, dessen Livemitschnitt man sich als „Unreleased Metz Track“ schon seit geraumer Zeit im Netz anhören konnte. Und es ist der Musik durchaus anzuhören, dass sie größtenteils aus der Mitte der 2000er entstammt, was jedoch nicht negativ ins Gewicht fällt, denn die ausgefeilten Arrangements haben nach wie vor nichts von ihrer Faszination verloren. „4 bit 9d api+e+6 [126.26]“ hätte mit etwas mehr Lo-Fi-Appeal gefühlt auch vor fünfzehn bis zwanzig Jahren erscheinen können, nichtsdestotrotz nimmt man diese wohltuenden Höreindrücke liebend gerne mit. Wo sonst bekommt man schließlich derart leichtfüßige, in einzigartiger Erhabenheit strahlende und dennoch intellektuell bestechende Klangkunst geboten? Eben. „180db_ [130]“, das mit einfachen 4/4-Technobeats startet, wirkt eher wie ein ironischer Abgesang auf die Tanzmusik der 90er, wahrgenommen im Drogenrausch. Irgendwie scheint das Stück immer wieder beinah in sich zu kollabieren, aber degenerierte Rave-Fanfaren und Breakbeats bäumen sich mit letzter Energie dagegen auf. Es folgen ultrakomplexe Geniestreiche wie „CIRCLONT6A [141.98][syrobonkus mix]“, die man besser gar nicht mehr weiter kommentiert… Mit “PAPAT4 [155][pineal mix]” und “s950tx16wasr10 [163.97][earth portal mix]” haut der Chef-Exzentriker in der zweiten Albumhälfte doch tatsächlich noch mal mit handfesten Jungle-Rhythmen auf die Kacke, um die Platte anschließend mit den wundervollen Klavierakkorden von „aisatsana [102]“ leise, melancholisch und ergreifend simpel ausklingen zu lassen.

Manch einer wird das extreme Element oder neue Impulse vermissen. Wie vielerorts richtigerweise angemerkt wird, unterscheidet sich „Syro“ bis auf kleinere Akzentverschiebungen im Grunde wenig von dem, was James in den letzten zwei Dekaden fertiggebracht hat. Doch bevor man Britanniens vielleicht größten zeitgenössischen Musiker Rückwärtsgewandtheit vorwirft, sollte man sich klarmachen, dass die Klangwelt von Aphex Twin nie wirklich in der Gegenwart oder Zukunft verhaftet war, sondern sich trotz vieler Einflüsse seit jeher schon losgelöst von Raum und Zeit konstituierte. Auch beim Zusammenspiel der Melodien, Rhythmen und Geräusche auf „Syro“ hat man immer noch das Gefühl, mehr den Klängen von fernen Alienkolonien zu lauschen als denen einer menschlichen Vergangenheit. „Syro“ mag nicht so monumental ausufern wie „Drukqs“ oder so kompakt und verspielt wie das „Richard D. James Album“ daherkommen. Es ist einfach ein ziemlich gutes Album.

Tracklist:
01. minipops 67 [120.2] 
02. XMAS_EVET10 [120][thanaton3 mix] 
03. produk 29 [101]
04. 4 bit 9d api+e+6 [126.26]
05. 180db_ [130]
06. CIRCLONT6A [141.98][syrobonkus mix]
07. fz pseudotimestretch+e+3 [138.85]
08. CIRCLONT14 [152.97][shrymoming mix]
09. syro u473t8+e [141.98][piezoluminescence mix]
10. PAPAT4 [155][pineal mix]
11. s950tx16wasr10 [163.97][earth portal mix]
12. aisatsana [102]

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Ein Kommentar

Happy Birthday, Jilted Generation!

Vor ziemlich genau 20 Jahren erschien The Prodigys Kultalbum „Music for the Jilted Generation„. Grund genug, um eine Rückschau zu wagen und diesen Klassiker noch ein mal ausdrücklich zu würdigen…

Als Liam Howletts Geniestreich anno 1994, genauer gesagt am 4. Juli des besagten Jahres, veröffentlicht wurde, war ich vier Jahre alt und es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich etwas von dieser Musik, die ihrerzeit einer kleinen Revolution gleichkam, bewusst mitbekommen habe (zwei Jahre später sollte sich das mit „Firestarter“ abrupt ändern). Sicher irgendwie bedauerlich, aber eben dem jungen Alter geschuldet. Viel später erst sollte ich diesen Meilenstein für mich entdecken und richtig zu würdigen wissen. Doch hier soll es eben nicht um meine persönliche, offen gestanden wenig interessante, Story gehen.

“I was feeling free – free of the rave BPMs, and feeling slightly rebellious against it. Rave had turned into something that we didn’t like. I remember standing on stage in Scotland, at a rave, and it just felt silly. I was like: ‘What the f*ck am I doing here? I’m not into this. It’s now so far from what it was.’ That made me want to do something different.”
(Liam Howlett)

Aus musikhistorischer Perspektive liegt es rückblickend nah, „Music for the Jilted Generation“ als Bindeglied in der musikalischen Entwicklung von The Prodigy zu verorten, das den Wechsel vom wenig massentauglichen Hardcore Rave („Experience„, 1992) zum stilistisch unverwechselbaren Rock’n’Roll-Psycho-Breakbeat („The Fat of the Land„, 1996) markiert, der ungeachtet seiner innovativen Form zum internationalen Chartbreaker avancierte. Ein gewisser Übergangscharakter beim Zweitwerk ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dennoch verkennt dieses Labeling die eigentliche Wirkungsmacht und Einflusskraft des 94’er Longplayers. So großartig sein Vorgänger und der Nachfolger auch gewesen sind, der wirkliche Coup ist Howlett und Co. mit „Music for the Jilted Generation“ gelungen! Ein nie dagewesener Hybrid aus Rock und Rave, der alles gleichzeitig und doch nichts von beidem war; einer, der vor lauter Ideen überzulaufen schien (ebenfalls nicht zu vergessen sind die Jazz-, Funk- und Hip Hop-Einflüsse) und bezeichnend war für die wahrscheinlich produktivste und kreativste Phase einer in vielerlei Hinsicht unkonventionellen Band.

Das Cover-Artwork allein ist ein kleines Meisterwerk. Kalt, synthetisch, aber alles andere als hochglanzpoliert sieht das Motiv aus. Es zeigt die Konturen eines Gesichtes, die aus einem metallisch anmutenden Untergrund hervorzutreten scheinen. Der Mund ist weit aufgerissen. Maskenhaft, fremdartig und ein bisschen unheimlich wirkt diese Silhouette. Manche fühlen sich an Han Solos Karbonit-Hülle aus „Star Wars“ erinnert, andere wiederum an den Flüssigmetall-Androiden T-1000 aus „Terminator 2„. Oder handelt es sich möglicherweise doch bloß um ein Industrial-Update von Munchs „Der Schrei“? The Prodigy - Music for the Jilted Generation ArtworkSo ganz eindeutig mag man das Gezeigte nicht einordnen. Es bleibt bei vage angedeuteten Vielleicht-Referenzen. Das Motiv erscheint nicht nur deshalb fremd und vertraut gleichzeitig – für Freud schlichtweg die Definition des Unheimlichen. Was verbirgt sich hinter der silbrigen Ausformung?  Ist sie ein Insignium für etwas Lebendiges, das sich dort hinter befindet? Oder doch nur ein simpler Abdruck, eine eiserne Totenmaske? Ist es artifizieller Herkunft, vom Menschen gemacht? Diese unbeantwortbaren Fragen und suggestiven Qualitäten geben der Abbildung etwas Rätselhaftes. Dass sie nicht zu viel verrät, ist einer der Gründe, weshalb sie so reizvoll für den Betrachter ist. In jedem Falle transportiert das Jilted-Generation-Motiv jene sinister anmutenden Fortschrittsgedanken der 90er Jahre, die im multimedialen Vernetzungswahn und einer regelrechten Technophilie kulminierten. Wenngleich deutlich subtiler im Ausdruck, steht es damit auch dem nicht weniger gelungenem Artwork von Apollo 440s „Millenium Fever“ nahe, das die Ästhetik des Cyberpunks noch unmittelbarer repräsentiert und in Kombination mit seinem Albumtitel sogar eine unmissverständliche Ausrichtung vornimmt.

Mit dem Titel nahm man im Fall von The Prodigy hingegen scheinbar direkt Bezug auf eine Subkultur desillusionierter Jugendlicher, denen man die letzten Rückzugsgebiete wie z.B. Warehouse-Parties per Gesetz weggenommen hatte („Fuck’em, and their law!„). Howlett bestreitet diesen Zusammenhang und dennoch klingt es auf dem Album fast so, als wollten The Prodigy mit einem sich über stilistische Grenzen hinwegsetzenden Sound die verschiedenen Szenen auseinandernehmen und zu etwas Neuem vereinen. Experimentierfreudig ging man vor und dementsprechend abwechslungsreich ist auch das Programm, kamen hier mit Drum Machines, gesampelten Percussions, E-Gitarrenriffs, Synthieflächen, gepitchten Vocals, Flöten-Arrangements, Filmschnippseln, Acid-Geblubber usw. eine Fülle an unterschiedlichen Zutaten zum Einsatz, ohne dass das Ergebnis beliebig wirkte oder an Konsistenz vermissen ließ. Jeder der 12 Tracks klingt einzigartig und würde eine seperate Besprechung verdienen. Zusammengehalten als Gesamtwerk wurde das alles hauptsächlich durch die angenehm dreckigen Breakbeats und erhabenen Synthesizer-Klänge, die finster und spacig tönen.

Auch nach zwei Dekaden und unzähligen Durchläufen ist es immer noch erstaunlich, wie dicht und mitreißend Howlett sein Opus Magnum gewebt hat: Ein Highlight folgt auf das nächste, „MFTJG(so die inofizielle Kurzform) ist episch und kompakt, atmet neonfarbige 90er-Jahre Luft und ist seiner Zeit dennoch um Lichtjahre voraus gewesen. Untypische, wüst daherkommende Hits wie das unnachahmlich galoppierende Brett „Voodoo People“ oder Kopfnicker „Poison“ mit seinem Jam-Charakter, sind genauso anzutreffen wie großzügige UK Hardcore-Rückstände, denen man in oldschooligen Breakbeat-Attacken der Marke „Full Throttle“ oder „One Love (Edit)“ begegnet. Den endgültigen Siegeszug auf den musikalischen Olymp tritt die Truppe aus Essex jedoch erst in der Verlängerung an: Das finale Dreigestirn mit dem Untertitel „The Narcotic Suite“ hievt das bereits zu diesem Zeitpunkt hervorragende Album in schwindelerregende Sphären. „3 Kilos“ läutet die Odyssee tiefenentspannt und verspielt ein, langsam und majestätisch beginnt man schließlich abzuheben und alles um einen herum verschwindet in der Ferne. In „Skylined“ hat man die Umlaufbahn längst verlassen. Schwerelos lauscht man dem experimentellen Weltraum-Techno, aufregend und wunderschön ist das, aber auch ungewiss und trügerisch still. Allmählich wandelt sich die erhebende Spannung in eine zunehmend hypnotische Beklemmung. Was vorher noch frei und grenzenlos schien, zieht sich immer enger um den Hörer zusammen. Bei „Claustrophobic Sting“ ist man bis in die dunkelsten Randbereiche des Universums vorgedrungen und blickt dem puren Nichts ins Auge. „My mind is glowing„, ein fiebriger Acid-Rave-Alptraum zum Abschluss. Man klopft an die Türen des Unfassbaren. 78 Minuten und sieben Sekunden sind gespielt. Und dann endet es.

Während die Welt in trashigem Euro Dance und dumpfer Grunge-Ödnis zu versinken drohte, waren vier englische Querdenker längst zwei Schritte weiter, wenn auch die Errungenschaften dieses Weges eine unvermeidliche Eigendynamik nach sich zogen, die von der Band selber erst ein mal verkraftet werden musste. Sie hatten alles Vorherige durcheinandergewirbelt und wären bei all der Energie fast selber ins Schleudern gekommen. The Prodigy expandierten, verkauften Millionen Platten, füllten Stadien und blieben gleichzeitig doch irgendwie Underground im Geiste. Das soll ihnen mal einer nachmachen…

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Ein Kommentar

Richard D. James, Kickstarter und der ‚heilige Gral‘

Dass Richard D. James alias Aphex Twin in näherer Zukunft Musik veröffentlicht, damit rechnen sicher nur noch ganz wenige verbliebene Optimisten aus der Fanbase, obwohl der geniale Querkopf ja angeblich über die Jahre genug Material angehäuft haben soll, um etliche Alben füllen zu können – wenn er denn nur wollen würde. Für James gibt’s offenbar Wichtigeres als Plattenverkäufe, Geldverdienen ist für ihn eh bestenfalls sekundär und musikalische Lebenszeichen sind dementsprechend eben rar gesät. Da muss sich der Fan normalerweise damit zufrieden geben, dass James hin und wieder in den Livesets ein paar seiner unveröffentlichten Kreationen zum Besten gibt.

Wenn der Meister selbst also nicht unbedingt der Freigiebigste ist, wenn es darum geht, seine Anhänger an der außergewöhnlichen Kreativität teilhaben zu lassen und stattdessen lieber im stillen Kämmerchen für den Eigenbedarf komponiert, müssen wohl andere Wege gefunden werden, um das Verlangen nach mehr verschrobener Beatkunst von Irlands Neo-Mozart zu stillen. So kam es jetzt dazu, dass sich engagierte Hörer aufgemacht haben, um eine Rarität aus den Archiven ans Tageslicht zu holen: Eine LP aus dem Jahre 1994, die James unter seinem Pseudonym Caustic Window anfertigte, die aber bislang niemals den Weg in die Öffentlichkeit fand. 20 Jahre versauerte das Werk als Testpressung in der Versenkung. Angeblich nur vier Exemplare, die unter Verschluss gehalten wurden, soll es gegeben haben. Bei den Besitzern handelte es sich um Mike Paradinas (aka µ-ziq), Chris Jeffs (aka Cylob), Grant Wilson-Claridge (Mitbegründer von James‘ Rephlex-Label) und natürlich Richard James himself.

Im April 2014 tauchte ein Exemplar der Platte mit dem ominösen Katalogtitel „CAT 023“ dann als Angebot auf Discogs.com zu einem stolzen Verkaufspreis von 13.500 $ auf! Es folgte eine beispiellose Kickstarter-Kampagne, die von dem Fan-Forum We Are The Music Makers initiiert wurde, mit dem Ziel, die Kopie zu erwerben und legal zu vervielfältigen. Das Ergebnis dieser unorthodoxen DIY-Aktion als erfolgreich zu bezeichnen, wäre dabei eine glatte Untertreibung. Mit einer Beteiligung von sagenhaften 67.424 $ bei einer geforderten Summe von 9.300 $ ist die Kampagne durch alle erdenklichen Decken gegangen! Mag man den ganzen Wirbel als Außenstehender möglicherweise als befremdlich und fanatisch empfinden, ist es dennoch eine erstaunliche Demonstration für die Wertschätzung eines Künstlers durch die Hörerschaft und sollte sowohl der Musikindustrie als auch den raffgierigen Handlangern der Verwertungsgesellschaften zu Denken geben.

Doch hält die 15 Track-starke „Caustic Window LP“ auch wirklich, was der Hype verspricht? Nunja, die ersten beiden Tracks, „Flutey“ und „Stomper 101mod Detunekik“ sind allemal solide Stücke elektronischer Musik, aber Weltbewegendes passiert in dieser Anfangsviertelstunde noch nicht. Ansätze der typischen Aphex Twin-Magie kommen erstmalig bei „Mumbly“ auf, das in Sachen Melodien und Athmosphäre noch ein wenig mehr drauf legt und auf einen schroffen, buckligen Beat setzt. Die gebrochenen Rhythmen von „Fingertrips“ zählen sicher ebenfalls zu den Highlights, wie auch das stampfende „Airflow“ mit seinen wunderschönen Synth-Texturen. Unerwartete Leichtigkeit in das ansonsten recht sperrige Gesamtbild bringen „Squidge in the Fridge“ und „Jazzphase“ hinein, doch da nähert sich die LP schon langsam ihrer Endphase. Diese erstahlt zunächst in „101 Rainbows (ambient mix)„, bevor in den harten, wenig melodischen Beiträgen „Phlaps“ und „Cunt“ die Kakophonie Einzug hält. Abschließend lässt Richard D. James‘ dann noch ein mal seinen schrägen Humor aufblitzen, anders ließe sich nicht erklären, wieso er zum Ende des Albums einfach noch ein paar „Phone Pranks“ draufpackt.

Halten wir also fest: Durch schmuckloses Tribal-Gekloppe, kantigen Acid-Breakbeat und entrückt schwelgerischen Alien-Techno manövrierend, bietet die repetitive und nicht ganz leicht zugängliche LP ungefähr das, was man von einem verworfenen James-Release anno 1994 erwarten durfte. Das neue alte Caustic Window-Werk ist damit ganz sicher nicht der ‚heilige Gral‘, den sich manch einer erhofft haben dürfte. Dafür, dass es jedoch praktisch aus dem Nichts kommt, gibt es keinerlei Grund zur Enttäuschung, bereichert es die musikalische Welt immerhin um ein hörenswertes Zeitdokument.

Links:
The Virtuous Circle of Aphex Twin Fandom (Marc Weidenbaum)
FACT Online

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Ein Kommentar

Das kenn‘ ich doch irgendwo her… (2)

Daft Punk? Kennt man doch! Around the World, Anime-Filmchen, Robot Rock, Get Lucky… und zuletzt sogar einen Haufen Grammys für die Ärmsten. World Invasion: Check.
Doch lange bevor die amerikanische Musikindustrie den Helmträgern und ihrem Disco-Funk-Revival zu Füßen lag, als French House der neueste Schrei war und Hundewesen mit Radios durch die Großstädte zogen, waren sie durchaus auch mal für härtere Nummern zuständig, bei denen Omi und Opi nicht so leicht mitwippen konnten. Und wenn ich davon spreche, dann meine ich vor allem einen ganz bestimmten Track: Rollin‘ & Scratchin‘ (1997). Ein dumpf-monotoner Stampfbeat, der erst nach einer Weile zum crunchigen Bumm-Tschack ausgebaut wird und kratzig schrille Synthietöne, die teils wie ein mechanisches Zirpen, häufig kompromisslos schabend, aber immer unglaublich roh und brachial über, unter oder zwischen dem Beat Alarm machen, wodurch sie dem Tracktitel alle Ehre machen. Dieses Acid-hafte Geschubber eskaliert im Verlauf des Tracks dann regelrecht, sodass sich Schöngeister alter Schule wahrscheinlich einfach nur die Ohren zuhalten wollen angesichts der elektroakustischen Kakophonie. Gerade deshalb ist Rollin‘ & Scratchin‘ so ein wunderbar nonkonformes Teil, das mit seiner bis ans Stumpfe grenzenden Grobschlächtigkeit und Härte, sowie den effektiv-simplen Bassqualitäten prinzipiell die erste Anspielstation für jeden Subwoofer-Test darstellen sollte.

Dass Boys Noize ein großer Daft Punk-Verehrer ist, die beiden Franzosen zu seinen absoluten Idolen zählt, sollte sich mittlerweile längst rumgesprochen haben. Mitunter äußert sich das auch merklich im Sound, zuletzt etwa bei seinem 2012er Album „Out of the Black„. Es wäre natürlich ein Leichtes gewesen, den Vocoder-geschwängerten Electro von „Touch It“ als eine einzige Daft Punk-Hommage herauszustellen, doch um diesen etwas zu offensichtlichen Schluss geht es hier nicht.

Werfen wir doch lieber stattdessen einen Blick auf „Stop„. Ja genau, das ist der Tune, der schon vom Namen her nach deutscher Maschinenmusik klingt, und nicht nach funkiger Franzosen-Disko. Und siehe da! Ein Techno-Brett, ebenso kompromisslos, synthetisch und rau wie Rollin‘ & Scratchin‘, das zu allem Überfluss auch noch verblüffende konzeptuelle Ähnlichkeit mit Daft Punks Track aufweist, einzig die eingestreuten Sprachsamples scheinen sich von der Vorlage klar abzuheben. „Stop“ kann somit meines Erachtens sogar als äußerst gelungenes 2012er Update durchgehen – und ist natürlich ebenso als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für unterforderte Tieftöner geeignet…

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