Highlights 2015: Die besten Alben

Und schon wieder eine Bestenliste! Überall tauchen sie auf, besonders am Jahresende, von den kleinsten Blogs bis zu den reichweitenstärksten Magazinen, alle bombardieren sie die Welt mit ihren inflationären Rankings. Da reiht man sich doch nur zu gerne ein, jedoch durfte die folgende, durchaus wohl überlegte Auswahl immerhin mehr als einen Monat lang heranreifen, um sich nun drastisch verspätet, aber …nennen wir es mal…  einigermaßen vollendet zu präsentieren, sofern dies überhaupt möglich ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen stellt sich ein gewisser Déjà-vu-Effekt ein, deswegen sei auf die Einleitung des letzten Jahres verwiesen und an dieser Stelle nur kurz angemerkt, dass es bei der schieren Menge an veröffentlichter Musik einfach unmöglich ist, ihr in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Denjenigen, die das hier lesen, wurde die Qual der Wahl damit hoffentlich ein wenig aus der Hand genommen. Vielleicht sagt die Selektion der Titel aber auch mehr über die Person aus, die sie vorgenommen hat, als über das Musikjahr 2015 – wer weiß das schon?

Fest steht hingegen – um ein bisschen Pathos in die Sache zu bringen –, dass Musik eines der wenigen Bollwerke gegen die Unannehmlichkeiten der Existenz darstellt und gleichzeitig, sofern sie mehr als bloße Ablenkung sein möchte, trotzdem in jene Realität eingebunden, also nicht vom Leben abgekoppelt ist. Das einleitende Geschwafel beschließe ich also in der Überzeugung, dass die unten gelisteten Alben dies gerade bewerkstelligen, indem sie der faden Mittelmäßigkeit und Austauschbarkeit entsagen und zum Kern der Dinge hervordringen.

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Highlights 2015: Die besten EPs & Mini-Alben

Während die Eindrücke aus dem letzten Jahr nun so langsam Platz machen für die Gegenwart (um nicht vom abgedroschenen ‚Hier und Jetzt‘ sprechen zu müssen) und 2016 Kontur annimmt, gibt es doch noch einiges, das nachhallt. Die Rede ist von – wer hätte das gedacht? – sehr guter Musik! Den Startschuss zur wie immer reichlich verspäteten Rückschau auf die Highlights von 2015 macht das Ranking einer oft vergessenen und unterschätzten, jedoch dank des Independent-Sektors niemals irrelevant gewordenen Veröffentlichungsform: der EP. Schließlich erscheinen immer wieder auch tolle Werke, die aber nicht über den Umfang eines gesamten Albums verfügen. Genau solche habe ich hier zusammengestellt.

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Zum Jahreswechsel: So klang 2015 (Version 1.0)

Es ist mal wieder soweit: Das alte Jahr geht zu Ende und die allgemeinen Neujahrsplanungen erreichen ihren Höhepunkt. Wer jedoch hippe Veranstaltungen mit teurem Champagner und fragwürdiger Dauerbeschallung ebenso als dekadenten Unfug empfindet, wird womöglich erleichtert sein, dass auch diesmal wieder eine Spotify-Playlist mit den Highlights der letzten 12 Monate die Sidebar dieses Blogs schmückt. Auch diesmal, sofern das überhaupt noch der Erwähnung bedarf, geht es musikalisch darin nicht immer nur harmonisch zu. Will heißen: 2015 wird in allen Facetten repräsentiert, mögen diese auch mal herausfordernd und sperrig sein…

Update: Die Playlist wächst und wächst – und nähert sich langsam ihrem finalen Stand. In Kürze folgt dann auch selbstverständlich wieder das ‚richtige‘ Ranking der besten Songs und Alben, auf das hiermit eingestimmt werden soll. Bis dahin viel Spaß beim Hören!

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Review: Squarepusher – Damogen Furies

Squarepusher - Damogen Furies (Cover)| Erschienen bei Warp Records (2015) / Cover photography by Timothy Saccenti |

Tom Jenkinson ist kein Freund von Kategorisierungen. Dies pflegt er in Interviews gern und oft zu betonen. Vielleicht gilt der Brite hinter dem Squarepusher-Alias ja gerade deswegen bei vielen Journalisten als ernster, etwas grummeliger und eigenbrötlerischer Zeitgenosse, der die obligatorischen Pressetermine eben nicht zu oberflächlichen Feel-Good-Veranstaltungen verkommen lassen will. Eine nonkonforme Haltung, die sich auch in der vielfältigen, durchaus von Humor zeugenden, Diskographie wiedererkennen lässt und den Fachmedien regelmäßig Mühen bereitet. Kaum haben Kritiker nämlich eine Schublade (Drill & Bass, Jazz Fusion Breakbeat etc.) ausgesonnen, markiert Jenkinson den Spielverderber und ändert mit dem nächsten Release die Kursrichtung. Mit Warp Records, einer Institution, die sich bestens mit unangepassten Typen (Oneothrix Point Never, Flying Lotus, Aphex Twin,…) auskennt, hat der Klötzchenschieber einen Heimathafen gefunden, der ihm seit den späten 90ern praktisch freie Handhabe beim Nachgehen manischer Alleingänge gewährt, was dann idealerweise Meisterwerke wie »Hard Normal Daddy« oder »Ultravisitor« nach sich zieht. Eine Arbeitsbasis, die auch für die Entstehung des 2015er Outputs eine überaus zentrale Rolle gespielt haben muss.

Die Verwirrung beginnt diesmal bereits beim Inspizieren der CD-Verpackung, denn das Frontcover mit Jenkinsons digitalverzerrtem Konterfei verrät mir nicht auf Anhieb, wo hier eigentlich oben und unten sein sollen. Auch die beim Aufklappen der Kartonhülle sichtbaren Hilfspfeile vermögen derartige Orientierungsprobleme nicht wirklich zu beseitigen, führen aber immerhin schrittweise zum schwarzbedruckten Datenträger, der sich optisch kaum von seiner Peripherie abhebt. Das Design stellt ein getreue Spiegelung des verdrehten Bastards dar, als der sich dieses »Damogen Furies« erweisen sollte, jedoch täuscht das extrem minimalistische Schwarz-Weiß wiederum ob der wilden Auswüchse und akustischen Farbspielereien, die sich in der ‚Blackbox‘ verbergen.

Opener »Stor Eiglass« prescht mit deftigen Schlägen vor, die die Wände zum Wackeln bringen, etabliert aber bald darauf quietschige, durchaus zum Mitsummen geeignete Melodien aus dem Rechner – Kontraste, die schon der direkte Vorgänger »Ufabulum« aufzuweisen wusste. Im Laufe des Viereinhalbminüters werden die synthetischen Rhythmen zu einem zunehmend diffizilen Datengeflecht zurechtgezwirbelt. Bis hierhin verläuft trotzdem noch alles in vergleichsweise geregelten, weitgehend nachvollziehbaren Bahnen und wenn man dabei leichten Plastikgeruch vernehmen sollte, dann liegt das womöglich daran, dass Mr. Unbequem seinen Einstiegstrack als „Trojan Horse“ für jungfräuliche Gehörgänge ausgetüftelt hat. Richtig los geht es dann erst mit »Baltang Ort«, das mit seiner Verquickung von prachtvollen Flächen und unwirschen Beatfraktalen eine ähnlich tragende Rolle einnimmt wie seinerzeit ‘Pusher-Klassiker »Tundra« auf dem Debütalbum »Feed Me Weird Things« (1996). Nur gerät es vom Ausdruck her weitaus artifizieller und gröber als der ziemlich feingliedrige Jungle-Parcours aus alten Tagen, denn letzterer wird hier durch extragrantige Acid-Einspritzungen und kalte Computerdrums ersetzt. Puh, was ein erhebender Stress das doch ist! Aber wo bleibt der Mindfuck!?

Ein Blick ins Booklet mit einem erklärenden Statement des Künstlers verrät schon mal die Besonderheit der Machart: Alle zu hörenden Sounds entstammen eigenprogrammierter Software, die Jenkinson über viele Jahre hinweg entwickelt hat. Außerdem wurden sämtliche Tracks in einem zusammenhängenden Take ohne nachträgliche Bearbeitung aufgenommen. Irgendwie fast schon kämpferisch klingt dabei seine Proklamation des Wegs des größtmöglichen Widerstandes wie auch das Anliegen, sich von Konsumzwängen freizumachen. Ist Squarepusher damit Gegner einer Kulturindustrie, dessen Teil er unweigerlich selber darstellt? In gewisser Weise ja, doch hierbei geht es ihm merklich weniger um das altbekannte Argument gegen die kommerzielle Verwertung von Musikwerken, als – viel basaler – um die Mittel, die ihrer Entstehung vorausgehen: Instrumente, Hard- und Software. Geräte und Klangerzeuger von der Stange schränken die kreativen Möglichkeiten ein, determinieren zu einem gewissen Grad ihre Nutzungsweisen, so der Gedanke. Sein entschiedener DIY-Approach ist aber auch ein klares Zeichen gegen die Preset- und Readymade-Mentalität des sogenannten ‚EDM‘-Mainstreams der letzten Jahre, dessen Baukasten-Produktionen mit der progressiven, tüftlerischen Essenz der elektronischen Musik denkbar wenig zu tun hätten.

Hektisch, laut und eigenwillig ist »Damogen Furies« ohne Zweifel über weite Strecken, wie auch schon viele Squarepusher-Platten zuvor, doch die Direktheit, mit der die meisten aktuellen Kreationen ins Gesicht ballern, liefert dann doch ein paar Argumente dafür, sein Treiben tatsächlich als eine schräge Art von individualistischer Protestmusik zu begreifen. Nicht in plumpen Parolen, jedoch in eisigen Glitches, Strobo-Breaks und kakophonen Eruptionen findet diese ihren Ausdruck. »Rayc Fire 2«, schrill und kompromisslos, als Single vorab zu vermarkten, bleibt da nur ein kleines Kuriosum mit Randnotizcharakter, schließlich dürfte sich der Kreis derjenigen, die sich von dem tollen Digitalkrach mit Breakcore-Anleihen zum Albumkauf verleiten lassen auf eine relativ überschaubare Anzahl von Musiknerds begrenzen. Das fantastisch rabiate »Kwang Bass« lärmt dunkel und metallisch, beinahe schon mit futuristischem Industrial-Touch; »Exjag Nives« hingegen steigert sich in ein wüstes, ultraverknotetes Drum & Bass-Gefrickel hinein – bekanntermaßen ja ein Feld, auf dem ihm sowieso nur wenige die Stirn bieten können.

Genauso wie die gerade umher geworfenen Genrebegriffe stets nur das Dilemma aufzeigen, dass bei der Beschreibung der Kompositionen entsteht, bleibt die härtere Gangart auch nie bloßes Muskelspiel, sondern hat häufig einen verspielten Charakter. Das expressive Chaos scheint gerade mit dem Bezug zu stereotypen Mustern Sinn zu erhalten. Man nehme etwa »Kontenjaz«, das in seinem Mittelteil kurzzeitig mit gleichmäßigem 4/4-Takt inklusive übertrieben ‚catchy‘ Harmonien überrascht. Doch gerade wenn man denkt, Jenkinson schalte endgültig in den Party-DJ-Modus, treffen einen wieder krachende Beats, die zeigen, was Sache ist. Rein klangästhetisch hat das hier Gebotene ungeahnte Überschneidungen mit den Neonkirmesbespaßern aus dem gegnerischen Lager, doch umso gnadenloser zerschreddert er deren Motive, zerstört bekannte Strukturen, um sie in unorthodoxer Manier neu zu überschreiben. Aus streng reglementiertem Exzess wird ein sich frei entfaltendes Formgemenge. Eine geistige Verwandtschaft zum Free Jazz ist auch diesmal nicht zu verleugnen, die gelungenen melodischen Passagen (»D Frozent Aac«, »Exjag Nives«) hingegen sorgen für das kompositorische Gegengewicht. Der gespaltene Wesenszug ist es, der diese LP trotz aller idiosynkratrischen Ausraster auf gewisse Weise recht zugänglich macht.

Dahinter kann man Kalkül vermuten, tatsächlich lässt sich solch Herangehensweise aber wohl passender mit dem Faktor Eigensinn erklären. „Der Weg ist das Ziel“ galt schon immer für Jenkinsons Ethos, es geht um Risikofreude und das Vermeiden von Routine um jeden Preis. Bloß nicht eine von diesen greisen Rock-Mumien werden, die ihre schalen Hymnen in gefühlter Endlosschleife durch die Stadien krakeelen, ehe man ihnen (zur Bestrafung?) am Schluss noch ein Musical widmet, in der Hoffnung sie würden zum Wohle der Menschheit endlich in Rente gehen. Natürlich bleibt es fraglich, ob die hier bewusst forcierten Unterschiede im Produktionsprozess für den Hörer am Ende überhaupt noch in gleicher Weise greifbar sind wie für den Komponisten. Squarepushers Ansatz ist weniger der ‚Klangforschung‘ verpflichtet als – wenn man es hart ausdrücken möchte – seinem Künstlerego. Alles in allem ist »Damogen Furies« gewiss nicht ‚groundbreaking‘, in der falschen Gemütslage sogar ein anstrengendes Unterfangen, da es konstant auf maximaler Drehzahl powert. Und dennoch stellt es den gelungenen Beweis dar, dass dieser unkonventionelle Musiker auch nach 20 Jahren im Business immer noch sich selbst und das Publikum herauszufordern weiß und unter dieser Prämisse im Stande ist, wahrhaft Spannendes zu fabrizieren.

Tracklist:
01. Stor Eiglass
02. Baltang Ort  
03. Rayc Fire 2  
04. Kontenjaz
05. Exjag Nives  
06. Baltang Arg
07. Kwang Bass  
08. D Frozent Aac  

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Das kenn’ ich doch irgendwoher… (3)

Es ist höchste Zeit, eine alte Rubrik fortzuführen, die im aktuellen Jahr leider etwas kurz gekommen ist. Selbst als Blogger (ohne redaktionelle Pflichten) fühlt man sich nämlich manchmal etwas zu sehr dem Aktualitätszwang und Zeitgeist verpflichtet. Gerade was Musik anbelangt, kann diese attraktiv erscheinende Herangehensweise rasch zum Fallstrick werden – und das gilt längst nicht nur für den schnelllebigen, und doch stets das gleiche liefernden Chartsbetrieb… Was dabei mitunter verloren geht, ist der Blick für das Ganze, eine gewisse Distanzperspektive. Umso interessanter kann es auch mal sein, das Augenmerk hier und da schweifen zu lassen. Da Werke außerdem nie alleine für sich – isoliert, ahistorisch – existieren, mache ich mich also an den Versuch, Verbindungslinien zwischen verschiedenen Musikstücken aufzudecken. Nicht immer muss das zwingend zu sensationellen Erkenntnissen führen, aber doch mindestens, wie ich hoffe, zu kleinen Aha-Effekten. Und kann man überhaupt mehr verlangen, bei solch einer unbegreiflichen Menge an Musik, die es auf dem Planeten gibt?

Von Radio-Djs und Techstep-Legenden

Es ist der initiale Moment, der für diese Rubrik maßgeblich ist und ihr den Namen gibt. Der Augenblick, wenn man unerwarteterweise etwas Vertrautes zu hören meint. So passiert auch beim Schauen und Hören des britischen Thrillers »Harry Brown«. Genau zu dem Zeitpunkt, an dem ein markantes, beinah Schwindel induzierendes Wabern, das zuvor schon eine gewisse Zeit unter der Oberfläche schwelt, aus dem Frequenzkeller der Tonspur hervortritt. Andere irritierende Soundeffekte und jegliche Harmonie scheuendes Klangmaterial sowieso phasenweises Pulsieren wurden darin ebenfalls untergebracht.

Das Stück, um das es hier geht, geschrieben von BBC1-Host Pete Tong und Producer-Kollege Paul Rogers – eine doch eher ungewöhnliche Wahl, was die Vergabe der Posten in Sachen Filmkomposition anbelangt –, ist wirkungsvoll, jedoch nie zu aufdringlich in den Soundtrack des Selbstjustiz-Streifens mit Altstar Michael Caine eingewoben. Es ergänzt die wohl atmosphärisch dichteste, verstörendste Sequenz des Films, in welcher der titelgebende Protagonist das übel abgefuckte Nest von zwei ziemlich übel abgefuckten Drogendealern aufsucht. Und in etwa so abgründig klingt auch die Musik – wie ein ganz schlechter Trip nämlich, aber dazu enorm befremdlich, man könnte fast sagen, den Blick in ein Parralleluniversum aufsperrend. Auf seine eigene Art futuristisch, schickt es Schauer über den Rücken des Hörers. Unnötig zu erwähnen, dass Harrys Besuch im Versteck der Junkies kein friedliches Ende nimmt…

Dunkle Szenarien sind auch das Spezialgebiet von Drum’n’Bass-Veteran Dominic Angas, besser bekannt als Dom & Roland (natürlich ein Soloprojekt, der zweite Namensteil bezieht den heißgeliebten Roland-Synthesizer als ‚Band‘-Mitglied mit ein). Obwohl Dom niemals die Bekanntheit eines Goldie oder Roni Size zuteil wurde, so ist ihm doch eine mindestens genauso tragende Rolle in der Szene zuzuschreiben. Ob als gefragter Studiotechniker und Produzent hinter den Kulissen oder versierter Musiker, der (wie die oben genannten Künstler) das Albumformat zu schätzen weiß: die Arbeit des Londoner Beatkonstrukteurs mündete bereits in den einen oder anderen Meilenstein des Genres. Abgesehen von ihrer Dichte und Kreativität, zeichnen sich seine Produktionen vor allem durch ein immens hohes Level an Professionalität und Tiefe im Klangdesign aus, während sie gleichzeitig die Roughness und Energie des echten UK-Underground-Sounds beibehalten.

Für einen Film durfte Angas meines Wissens noch nicht komponieren, jedoch aber Tracks für ein Videospiel beisteuern. Doch das ist gar nicht der Punkt. Worum es tatsächlich geht? Fast jedes weitere Wort erübrigt sich, sobald man den entscheidenden Track anspielt: »Flux« vom 2011er Album »The Big Bang« bringt uns direkt zurück zu Rogers und Tongs Score. Dom transportiert deren beklemmenden Minimalismus in sein eigenes Universum, haucht ihm mehr Organik ein, steigert den Detailgrad und verpasst der Sache grimmig-monströse Bassfiguren. Vor allem aber beschleunigen stämmige Beats das Tune bis auf Lichgeschwindigkeit. Tatsächlich entfacht der Trackaufbau die Vorstellung, hier würden mehr als nur einmal Schallmauern durchbrochen. Nein, der Thrill ist Dom über die Jahre wahrlich nicht abhanden gekommen. Festhalten!

 

 

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Review: Vessels – Dilate [2015]

Vessels - Dilate CD Cover| Erschienen bei BIAS / Bandcamp (2015) |

Ein bisschen überraschend ist es schon, diese ersten Takte von »Dilate« zu hören. Zumindest wenn man, wie ich, Vessels noch vage als furios und experimentierfreudig aufspielende Gitarrentruppe in Erinnerung hat. Anstatt im erprobten Post-/Math-Rock-Gewand durchzustarten, eröffnen sie ihr aktuelles Album, man höre und staune, mit waschechtem Techno – ganz so, als wollten sie gleich zu Beginn klarstellen: Wir meinen’s ernst mit dem Kurswechsel, das ist kein Allerweltsgeschrammel mit ein bisschen verwässertem Sommerhaus-Elektro! Rund dreißig Sekunden klopft also der Rhythmusautomat praktisch im Alleingang, dann beginnt sich langsam das akustische Gerüst weiter aufzubauen. Zu Klangschlieren verformte Stimmfragmente fliehen vorbei, mehr Reibung und Bass kommen ins Spiel, aus dem dezenten Pochen wird bald ein treibender Beat. Um diesen schmiegen sich wiederum immer mehr rauschhafte Flächen, bis sie ihn letztlich überlagern und kurz vor dem gefühlten Höhepunkt von einer Synthie-Melodiespur tatkräftig unterstützt werden, bevor der Opener ausfadet. »Vertical« präsentiert sich damit als sogartiger Teaser, der Lust auf mehr macht – bis hierhin nicht von schlechten Eltern, dieser neue Vessels-Sound!

Aufmerksamen Verfolgern der Band dürfte diese Rekalibrierung der Klangkoordinaten zugebenermaßen deutlich bruchloser und weniger unerwartet erscheinen, denn bereits auf ihrer »Elliptic EP« von 2013 ist ein großer Sprung in Richtung Elektronische Musik gemacht worden. Ebendieses »Elliptic«, quasi der Meilenstein auf dem bandinternen Weg von den Prog-Bühnen in die Tanztempel, ist folgerichtig auch auf »Dilate« vertreten und markiert ein weiteres Highlight. Über neun Minuten marschiert es leidenschaftlich auf dem schmalen Grad zwischen Euphorie und Elegie, vermag dabei den Hörer trotz Eingängigkeit durchaus zu fordern, ohne aber nur eine Spur verkopft zu wirken.

Bei all der neu gewonnenen Club-Affinität sind in den Dynamiken dennoch die Post-Rock-Wurzeln des Quintetts noch zu erahnen. Vielleicht schält sich in solch kaskadischen Aufbauten aber auch einfach nur die bereits vorhandene Anschlussfähigkeit zwischen diesen beiden musikalischen Sphären deutlicher heraus. So oder so, was die Herren aus Leeds hier treiben ist weniger ein vorsichtiges Liebäugeln mit den Mechanismen der Clubkultur als innige Umarmung! Blitzartige Richtungswechsel und rabiate Riffs haben fürs erste ausgedient. Die Dringlichkeit wurde vielmehr umgeformt in synthetisierten Druck und geradlinige Energie, welche ohne Aggression auskommt, aber den Sound trotzdem nicht zu glatt werden lässt. Neben dem allerorts (und mit Recht) zum Vergleich herangezogenen Jon Hopkins erinnern mich einige Stücke, insbesondere das tolle »Glass Lake«, an die eleganten Dancefloor-Leuchtfeuer von Kiasmos, während das leicht ‚angeglitchte‘ »Beautiful You Me«  eindeutige Stilverwandtschaft mit 65daysofstatics späteren Arbeiten aufweist.

Spärliche Rückgriffe auf das Rock-Instrumentarium, aber nicht unbedingt dessen Regeln, finden sich etwa noch in »Attica«, einer formidabel stampfenden Nummer mit eigenen Star Guitars im Gepäck, die frisch und vertraut gleichermaßen klingt und zweifellos das Potential zum Instant-Klassiker besitzt. Die verantwortlichen Musiker wussten wohl um die Macht ihrer Kreation und haben sie im wahrsten Sinne zum Zentrum gemacht, das heißt exakt in die Albummitte platziert. Wer hier nicht mitgerissen wird… ja, da fällt mir nicht mal mehr ein Satzende für ein. Aber auch danach haben die Jungs ihr Pulver noch nicht verschossen und wunderbar schwelgerischen Stoff in petto wie den Vocal-Track »On Monos« (mit Snow Fox) oder das bereits erwähnte »Beautiful You Me«.

Wie ein farbenfroh leuchtender Nachtzug rauscht das Album vorbei und treibt den Hörer immer wieder in ekstatische Höhen. Ob schimmernde Keys, knackige Drums, warme Atmosphären-Layer oder versiert eingearbeitete Samples – Vessels beherrschen ihre Technik bravourös. Wahrlich eine enorme Ausweitung des Horizonts, da hat der Titel nicht zu viel versprochen. Ihr persönlicher Dance Music-Beitrag klingt schon jetzt so lebendig, zupackend und ausgereift, dass man sich fragen könnte, was bitteschön soll da noch in Zukunft kommen? »Dilate« sichert sich für den Moment jedenfalls einen heißbegehrten Anwärterplatz auf den Titel des Überraschungsalbums des Jahres.

Tracklist:
01. Vertical  
02. Elliptic  
03. Echo In
04. As You Are
05. Attica  
06. On Monos  
07. Glass Lake  
08. On Your Own Ten Toes
09. Beautiful You Me

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Goodbye Tomorrow!

Jahrgang ’15, aber geht ab wie… ’94? Happy Hardcore-Pianos, cheesy Vocal samples und Breakbeats delikat in-your-Face. Das Ding zieht wirklich alle Register, fehlt nur noch die olle Rave-Sirene (Schade drum!). Erzählt mir bloß nichts von Nostalgie. Warum heißt das Teil wohl »Amnesia«? Und wiederholt sich in der gefühlten Endlosschleife? Scharf nachdenken…kommt man drauf. Ich bezweifle fast schon, dass es einen Song gibt, der mehr über unsere heutige Zeit aussagen könnte. Ach, war nicht vor kurzem auch BTTF-Day?

 
Kleiner Nachklapp: Das unschlagbare ‚Original‘ gibt’s auf SoundCloud.

 

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Video: Swarm Intelligence – Iridescent

Die tüchtige Bildrecyling-Schmiede the29nov films beschert uns dieses kunstvolle Video zu »Iridescent« von Swarm Intelligence. Letztgenanntes Projekt hat ja kürzlich mit »Rust« sein drittes Album (bereits das zweite auf Ad Noiseam) veröffentlicht, dem auch dieses ausgeklügelte Stück entnommen wurde. Das toll anzusehende Formenspiel wäre für sich alleine betrachtet schon ein kleines Animationskunstwerk. Wahrlich erfrischend wird die Sache aber zusätzlich in der Kombination mit der vertrackt-technoiden Industrialmusik, die somit eine Bebilderung fernab jeglicher motivischer Klischees bekommt, welche sich in diesem Sektor angeboten hätten. Zweifarbig gehalten und diffus flimmernd, zwischen flächiger Abstraktion und symbolhafter Gegenständlichkeit (inklusive Anspielung auf den Schöpfungsmythos?) bruchlos übergehend, wird das Visual der Spannung seiner soundtechnischen Vorlage mehr als gerecht. Nebenbei gelingt es dem Video auch, den Spagat zwischen Synthetik und Organik widerzuspiegeln. Scheinbare Widersprüche zu vereinen ist schließlich der Trumpf des Ganzen: Mögen die metallischen, verzerrten Sounds schroff und lebensfeindlich anklingen, der Track geht einem doch irgendwie ganz nahe… ja, man ist fast geneigt zu sagen, durch den rostigen Eisenpanzer mitten ins verwundbare Herz.

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Review: [ B O L T ] – ( 0 3 ) [2015]

 [ B O L T ] ‎– ( 0 3 ) Cover| Erschienen bei Aentitainment Records (2015) / Cover-Artwork von FATSMILEMEDIA |

Wie sich schon am Werktitel unschwer ablesen lässt, haben [ B O L T ] mit »( 0 3 )« nicht ihr erstes, auch nicht ihr zweites, sondern bereits ihr drittes Album herausgebracht – sofern man diverse Kollabo-Releases und eine Remix-Platte bei der Rechnung außen vor lässt. Mir als Rezensenten sind die beiden Vorgänger des Bochumer Duos zugegebenermaßen bislang trotzdem durch die Lappen gegangen, aber mit Drone Doom füllt man ja in der Regel auch keine großen Arenen oder erscheint auf dem Titel der nächstbesten Rock’n’Roll-Gazette… was zweifelsohne auch seine guten Seiten hat. Wie schon das Album selbst sind auch die Tracks bis auf kleine Ausnahmen fast ausschließlich nach eingeklammerten Zahlen benannt, deren Bedeutungen wiederum sich dem Hörer von alleine kaum erschließen. Zumindest eine klar nachvollziehbare Reihenfolge ergibt sich aus den Zifferanordnungen nicht, vielleicht sollen die Titel aber auch einfach nicht vom Wesentlichen ablenken, über das hier nämlich noch zu sprechen sein wird. Diese Schlichtheit setzt sich jedenfalls fort im Cover-Artwork, das fast gänzlich in Schwärze getaucht ist, aus der sich nur ein kleiner, an ein Sichtfenster erinnernder Ausschnitt abhebt, welcher spärliches Astwerk zeigt.

So wenig aussagekräftig die Aufmachung zunächst einmal anmuten mag, beginnt diese augenblicklich Sinn zu machen, sobald man sich »( 0 3 )« dann musikalisch zu Gemüte führt. Das trifft nicht nur auf die Dunkelheit des Sounds zu, die sich beim Hören schnell herausschält. Ebenso deckt sich dies mit einer grundsätzlichen Herangehensweise, oft mit dem Stichwort Minimalismus umschrieben, welches auch immer wieder in Verbindung mit namhaften Vertretern des Subgenres fällt. Bei der Beschreibung auf die Nennung stilistischer Vorbilder komplett zu verzichten, dürfte sich hierbei ohnehin als recht schwierige Aufgabe herausstellen. Vor allem ein Projektname schwebt angesichts der nah verwandten Machart über dem gesamten Album: Die Assoziation mit Sunn O))), den Mönchskuttenträgern aus den Vereinigten Staaten, drängt sich natürlich sofort auf, obwohl deren sporadische, im Metal verwurzelte stimmliche Begleitung bei [ B O L T ] wiederum gänzlich abwesend ist. Als weiterer Referenzpunkt darf daher ruhig auch das Frühwerk der Drone Doom-Urväter Earth angesehen werden. Eigene Akzente vermag der deutsche Instrumental-Act aber dennoch zu setzen.

Ein organischer Soundteppich aus leisem Rauschen und Knistern, mutmaßlich eine Feldaufnahme, markiert den noch verhaltenen Anfang der Platte; eine kurze Basslinie zwielichtiger Färbung kommt hinzu und wiederholt sich fortan permanent, bevor nach rund zweieinhalb Minuten erstmals das charakteristische Amp-Donnern einsetzt, das einen über weite Teile der Platte hinweg begleiten und die Magendecke wieder und wieder bedenklich zum Vibrieren bringen wird. Ob das noch Musik ist, hätten sich verwirrte Gemüter noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gefragt. Heute stellt zum Glück niemand, der ernstgenommen werden möchte, mehr derartige Fragen. Sofern Widerstand hier überhaupt im Rahmen des Möglichen liegen sollte, denn vor diesen zähflüssigen Basswalzen kann man eigentlich nur kapitulieren, sie sind ein Generalangriff auf alle Sinne. Von herkömmlichen Kompositionen kann man nicht sprechen, von Songs schon gar nicht, eher hat man es mit Audiokonstrukten aus dem niederen Frequenzbereich zu tun. Drums haben in diesen spartanisch eingerichteten Klangkellern keinen Platz inne, dafür aber gleich zwei doomige Bassgitarren, die eine ausgiebige Behandlung durch allerhand Effektgeräte erfahren. Bei »[ 1 1 ]« schieben sich zwar vor sich hin perpetuierende Melodien zwischen die gewaltigen Drones, gemütlicher wird es darin trotzdem nicht, eher steigert sich so noch die beunruhigende Wirkung. Repetition, Reduktion, Verlangsamung – das sind die vorherrschenden Mittel. Als eine Art meditativen Exzess mit quasi überzeitlichem Charakter lässt sich die Ästhetik vielleicht ganz gut subsumieren. Und vom Pop ist das alles eh ungefähr so weit entfernt wie die Swans von den Kuschelrock-Compilations. Für manch Hörer mag das in der Konsequenz also zu anstrengend sein, zu monoton oder unter Umständen auch einfach zu lärmintensiv. Andere dagegen finden hier eine handfeste ‚Ganzkörpererfahrung‘, hinter der mehr steckt, als man im ersten Moment erahnen würde.

Man kann nicht von der Hand weisen, dass diesem Musikstil im Kern eine gewisse Radikalität zugrunde liegt. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass das »[ I N T E R L U D E ]« inmitten bleierner Slow Motion-Riffs wie eine kleine Oase der Harmonie erscheint, obwohl auch hier immer wieder die gleichen Tonfolgen auf dem Klavier angeschlagen werden. Aber »( 0 3 )« besteht nicht nur aus statischen Noise-Walls. Verstärker- und Feedback-Orgien werden mitunter pointiert eingesetzt und durchdacht aufgebaut, wodurch ebenfalls Luft für dynamische Verschiebungen und atmosphärische Passagen bleibt. »[ 1 4 ]« schleppt sich wie ein Trauerzug durch verregnete Straßen, um erst verspätet in Tumult auszubrechen. »[ 1 9 ]« widmet sich lange Zeit dem Ambient, sodass wirklich nur in der zweiten Hälfte Schichten aus Verzerrerlärm der trügerischen Ruhe ein Ende bereiten.

Die beiden längsten Tracks gehören gleichzeitig zu den stärksten: Album-Herzstück »[ 0 1 ]« gelingt es mit einfachen Mitteln eine monumentale Wirkung zu entfalten. Das Klangbild gerät diesmal staubtrocken und kernig, ungefähr so wie der Moment kurz vor einem Western-Showdown, nur eben schier endlos gezogen.
»[ 2 6 ]« hingegen ist ein mindestens zweidimensionales 13-Minuten-Monster. Mit leisen, verhallten Klängen gemächlich beginnend, gelangt es zum möglicherweise triumphalsten Augenblick der Platte, wenn das massive Grollen der Bassgitarren losbricht, welches einem auditiven Erdrutsch schon sehr nahe kommt. Kurioserweise hat dieser Part übrigens auch Ähnlichkeit zum Outro von »Dub Me Crazy (Ver. 02)« der Boom Boom Satellites, deren Output ansonsten aber ziemlich wenige Gemeinsamkeiten aufweist.

Einzeln betrachtet mögen die Tracks, was ihre Struktur angeht, nicht unbedingt mit vielen Überraschungen gespickt sein, da sie häufig ähnlich aufgebaut sind. Jedoch, und das bietet sich bei diesem stiltechnisch so geschlossenen Album ohnehin an, sollte man »( 0 3 )« weniger als eine Aneinanderreihung von acht Musikstücken begreifen, zumal die Tracks ja auch nahtlos ineinander übergehen. De facto hat man es mit einem einheitlichen Ganzem zu tun, in dem einige Motive und Sounds wiederholt aufgegriffen oder bestimmte Ideen mehrfach variierend ausformuliert werden. Dass die letzten Minuten zum Beispiel wieder mit den beinah identischen Chords beschlossen werden, wie sie schon am Anfang des Werkes vorkommen, scheint dies zu bestätigen. Entsprechend wird die Mehrheit der Hörer vermutlich keine besonders ‚guten‘ oder ‚schlechten‘ Exemplare rauspicken wollen – entweder erachtet man die gesamte Umsetzung als gelungen oder kann der Prämisse andererseits einfach nichts abgewinnen. Ein Wohlfühlkurs, so viel ist sicher, wird hier über die vollen 63 Minuten definitiv nicht eingeschlagen. Die Musik präsentiert sich frei von jeglichem unnötigen Schnörkel, nicht aber ohne Finesse, denn ihre texturalen Nuancen offenbaren sich bisweilen erst bei genauerem Hinhören.
[ B O L T ] zeigen mit ihrer dritten LP, dass sie dem internationalen Vergleich standhalten und liefern bei aller Konsequenz weitaus mehr als nur vordergründiges Getöse, um unterversorgte Tieftöner an die Belastungsgrenzen zu bringen.

Tracklist:
01. [ 1 5 ] – Beginning 
02. [ 1 1 ] 
03. [ 1 4 ]
04. [ I N T E R L U D E ]
05. [ 0 1 ] 
06. [ 1 9 ] 
07. [ 2 6 ] 
08. [ 1 5 ] – End

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Review: Leila Abdul-Rauf – Insomnia [2015]

Leila Abdul-Rauf - Insomnia (Malignant Antibody)| Erschienen bei Malignant Antibody / Bandcamp (2015) / Cover Artwork von Mark Thompson |

„Müde bin ich, geh‘ zur Ruh‘ / Schließe beide Äuglein zu“ – Wer schon einmal ernsthaft unter Schlaflosigkeit, Alpträumen oder anderen Störungen der körpereigenen Regenerationsmechanismen gelitten hat, der weiß, wie spöttisch so ein harmloser Kinderreim für Betroffene klingen kann. Sollte es sich wider Erwarten nicht um einen bloßen Zufall handeln, so darf man sich über die Schlafhygiene kalifornischer Musikerinnen dieser Tage durchaus Sorgen machen. Chelsa Wolfe zum Beispiel verarbeitete ihre zermarternden Schlafparalyse-Erfahrungen ausgiebig in ihrem im Sommer 2015 veröffentlichten Hype-Album »Abyss«, während bereits im März dieses Jahres – wohlgemerkt unter deutlich weniger medialer Aufmerksamkeit – Leila Abdul-Raufs einschlägig betiteltes Zweitwerk »Insomnia« erschien. Doch wo erstgenannte Singer-Songwriterin sämtliche Lo-Fi-Überbleibsel der Vergangenheit abgestreift und der Musikgemeinde nun ihre bislang durchschlagskräftigste Produktion beschert hat, kommen Abdul-Raufs Soundscapes dagegen erheblich ruhiger und introvertierter, aber ähnlich eindrucksvoll daher. Ein möglicher Grund für diese Zurückhaltung könnte in dem einfachen Umstand liegen, dass die Künstlerin aus San Francisco seit vielen Jahren an unterschiedlichen Projekten im Extreme Metal- und Industrial-Bereich aggressivere Seiten ausleben konnte, demgegenüber ihre entschleunigten Solo-Arbeiten einen wohltuenden Ausgleich zu bilden scheinen.

Ethereal-, Drone- und Ambient-Elemente finden sich darin zusammen, in eine vorgefertigte Genre-Schublade lässt sich die Musik aber nicht zwängen. Stilistisch wie ästhetisch knüpft »Insomnia« an das tolle Debütalbum »Cold And Cloud« (2013, erschienen bei Saadi Saati) an, unterscheidet sich von diesem allerdings in einigen Nuancen. Was nicht bedeutet, das hier nicht ebenfalls jene in sich gekehrte Betrübtheit ihren Platz gefunden hat, die schon den Vorgänger auszeichnete, jedoch sind die Stücke nicht nur trist und grau ausgefallen. Schillerndes Mondlicht hellt von Zeit zu Zeit die nachtschattige Schwer- und Wehmut auf und gibt den flächigen Tracks einen geheimnisvollen Schimmer. Eine allzu klischierte Gothik-Romantik darf man sich darunter nicht vorstellen; vielmehr mischt sich eine verschwommene, geisterhafte Schönheit unter die nebelverhangenen Texturen, denen sie auf diese Weise zu traumwandlerischem Glanz verhilft. Welchem Aspekt man das größere Gewicht zugestehen möchte, hängt im Wesentlichen von der individuellen Wirkung auf den jeweiligen Hörer ab. Die herrliche Winterlandschaft auf Mark Thompsons großartigem Cover Artwork erweist sich dabei als durchaus treffendes Abbild dieser unterschiedlichen Dimensionen: Unschwer lässt sich die Szenerie als Ausdruck von Einsamkeit und Verzweiflung lesen, manch einer wird der verschneiten Stille aber ebenso eine friedvolle Erhabenheit attestieren wollen.

Für das klanglich-atmosphärische Fundament aus zumeist langgezogenen Tönen kommen unter anderem effektverfremdete, gedämpfte E-Gitarren-Feedbackschleifen und verschiedene Elektronik zum Einsatz, seltener treten Klavier- und Violinklänge hinzu. Die entscheidenden emotionalen Akzente setzt die Multiinstrumentalistin jedoch mit ihrem aufwühlenden Trompetenspiel. Darüber hinaus macht sie in einigen Stücken von ihrer Stimme Gebrauch, die mal wortlos als reines Texturelement eingesetzt, mal für den Vortrag von Liedtexten verwendet wird. Nicht nur aufgrund des gläsernen Sirenengesangs fühlt man sich momentweise – um mal einen bekannten Namen einzuwerfen – ein bisschen an Grouper erinnert; diesen Vergleich darf man aber nicht überstrapazieren, dafür ist der stilistische Ansatz von Leila Abdul-Rauf viel zu eigenständig.

Die elf Tracks fügen sich somit zu einem kohäsiven Gesamtbild zusammen, das zwischen den unwirklichen Verzerrungen der Nacht und der grüblerischen Realität im Angesicht des Schlafentzuges oszilliert. Mit angemessen geisterstündlicher Spukstimmung um »Midnight« beginnend und in den »Dark Hours of Early Morning« sinister endend, lässt sich sogar ein narrativer Faden ausmachen, dazwischen scheinen reduzierte Einschübe wie »Clock Glows« oder »Seconds Tick« den Ablauf der Nacht wiederzugeben. Anders ausgedrückt, handelt es sich also weniger um ein ‚klassisches‘ Ambientwerk, das quasi im Endlosen zirkuliert, noch um eine Sammlung disparater Stücke. Zutreffender dagegen erscheint der beinahe unausweichliche Vergleich mit einem Soundtrack/Score – nur mit umgekehrter Hierarchie, weil die Musik einen imaginativen Film beim Hörer entstehen lässt. Zu den Highlights in der ersten Albumhälfte gehört auf jeden Fall das entrückt schillernde »The Opening«. Das klaviergestützte »Pull (feat. Kat Young)« wiederum ist von allen Tracks derjenige, welcher nicht nur wegen seiner klar vorgetragenen Vokalpassagen noch am ehesten an einen konventionellen Song erinnert, was die atmosphärischen Qualitäten jedoch kaum mindert. Die Verse hierfür hat übrigens Leila Abdul-Raufs Mutter eingesungen. Bei »He Sits in His Room« ist sie dann wieder selbst am Mic zu hören. Und natürlich an der Trompete. Selbige durchdringt die unbeschreibliche Klanglandschaft mit solch eindringlicher Melancholie, das eine Gänsehaut praktisch vorprogrammiert ist. Überwältigungspotential, das auch die direkt darauf folgende, ungemein dichte Instrumentalkomposition »Wane« auszureizen weiß. Großartig.

Wenn auch nicht jeder Track derart heraussticht wie die oben beschriebenen Exemplare, ist »Insomnia« eine ziemlich runde und nahezu makellose Angelegenheit. Manchmal unterschwellig, aber niemals einfach dahinplätschernd. Ein fabelhaftes Album, das selbstverständlich den großen Menschenmassen fremd bleiben wird. Nichtsdestotrotz ist dennoch zu hoffen, dass es über das Dasein eines bloßen Geheimtipps hinauskommen wird. Verdient wäre es allemal.

Tracklist:
01. Midnight
02. Drift 
03. The Opening 
04. Clock Glows
05. Pull (feat. Kat Young)
06. Seconds Tick
07. Edges Of A Mirror
08. Absence 
09. He Sits In His Room 
10. Wane 
11. Dark Hours of Early Morning

 

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