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Highlights 2016: Die besten Alben

Jetzt, wo sämtliche Jahresrückblicke längst vergessen und fragwürdige Awards bereits medienwirksam an die üblichen Verdächtigen verteilt worden sind, lasse auch ich mir eine persönliche Abrechnung mit 2K16 nicht nehmen, muss dazu aber leider ein wenig ausholen…

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Highlights 2015: Die besten Alben

Und schon wieder eine Bestenliste! Überall tauchen sie auf, besonders am Jahresende, von den kleinsten Blogs bis zu den reichweitenstärksten Magazinen, alle bombardieren sie die Welt mit ihren inflationären Rankings. Da reiht man sich doch nur zu gerne ein, jedoch durfte die folgende, durchaus wohl überlegte Auswahl immerhin mehr als einen Monat lang heranreifen, um sich nun drastisch verspätet, aber …nennen wir es mal…  einigermaßen vollendet zu präsentieren, sofern dies überhaupt möglich ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen stellt sich ein gewisser Déjà-vu-Effekt ein, deswegen sei auf die Einleitung des letzten Jahres verwiesen und an dieser Stelle nur kurz angemerkt, dass es bei der schieren Menge an veröffentlichter Musik einfach unmöglich ist, ihr in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Denjenigen, die das hier lesen, wurde die Qual der Wahl damit hoffentlich ein wenig aus der Hand genommen. Vielleicht sagt die Selektion der Titel aber auch mehr über die Person aus, die sie vorgenommen hat, als über das Musikjahr 2015 – wer weiß das schon?

Fest steht hingegen – um ein bisschen Pathos in die Sache zu bringen –, dass Musik eines der wenigen Bollwerke gegen die Unannehmlichkeiten der Existenz darstellt und gleichzeitig, sofern sie mehr als bloße Ablenkung sein möchte, trotzdem in jene Realität eingebunden, also nicht vom Leben abgekoppelt ist. Das einleitende Geschwafel beschließe ich also in der Überzeugung, dass die unten gelisteten Alben dies gerade bewerkstelligen, indem sie der faden Mittelmäßigkeit und Austauschbarkeit entsagen und zum Kern der Dinge hervordringen.

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Highlights 2015: Die besten EPs & Mini-Alben

Während die Eindrücke aus dem letzten Jahr nun so langsam Platz machen für die Gegenwart (um nicht vom abgedroschenen ‚Hier und Jetzt‘ sprechen zu müssen) und 2016 Kontur annimmt, gibt es doch noch einiges, das nachhallt. Die Rede ist von – wer hätte das gedacht? – sehr guter Musik! Den Startschuss zur wie immer reichlich verspäteten Rückschau auf die Highlights von 2015 macht das Ranking einer oft vergessenen und unterschätzten, jedoch dank des Independent-Sektors niemals irrelevant gewordenen Veröffentlichungsform: der EP. Schließlich erscheinen immer wieder auch tolle Werke, die aber nicht über den Umfang eines gesamten Albums verfügen. Genau solche habe ich hier zusammengestellt.

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Review: [ B O L T ] – ( 0 3 ) [2015]

 [ B O L T ] ‎– ( 0 3 ) Cover| Erschienen bei Aentitainment Records (2015) / Cover-Artwork von FATSMILEMEDIA |

Wie sich schon am Werktitel unschwer ablesen lässt, haben [ B O L T ] mit »( 0 3 )« nicht ihr erstes, auch nicht ihr zweites, sondern bereits ihr drittes Album herausgebracht – sofern man diverse Kollabo-Releases und eine Remix-Platte bei der Rechnung außen vor lässt. Mir als Rezensenten sind die beiden Vorgänger des Bochumer Duos zugegebenermaßen bislang trotzdem durch die Lappen gegangen, aber mit Drone Doom füllt man ja in der Regel auch keine großen Arenen oder erscheint auf dem Titel der nächstbesten Rock’n’Roll-Gazette… was zweifelsohne auch seine guten Seiten hat. Wie schon das Album selbst sind auch die Tracks bis auf kleine Ausnahmen fast ausschließlich nach eingeklammerten Zahlen benannt, deren Bedeutungen wiederum sich dem Hörer von alleine kaum erschließen. Zumindest eine klar nachvollziehbare Reihenfolge ergibt sich aus den Zifferanordnungen nicht, vielleicht sollen die Titel aber auch einfach nicht vom Wesentlichen ablenken, über das hier nämlich noch zu sprechen sein wird. Diese Schlichtheit setzt sich jedenfalls fort im Cover-Artwork, das fast gänzlich in Schwärze getaucht ist, aus der sich nur ein kleiner, an ein Sichtfenster erinnernder Ausschnitt abhebt, welcher spärliches Astwerk zeigt.

So wenig aussagekräftig die Aufmachung zunächst einmal anmuten mag, beginnt diese augenblicklich Sinn zu machen, sobald man sich »( 0 3 )« dann musikalisch zu Gemüte führt. Das trifft nicht nur auf die Dunkelheit des Sounds zu, die sich beim Hören schnell herausschält. Ebenso deckt sich dies mit einer grundsätzlichen Herangehensweise, oft mit dem Stichwort Minimalismus umschrieben, welches auch immer wieder in Verbindung mit namhaften Vertretern des Subgenres fällt. Bei der Beschreibung auf die Nennung stilistischer Vorbilder komplett zu verzichten, dürfte sich hierbei ohnehin als recht schwierige Aufgabe herausstellen. Vor allem ein Projektname schwebt angesichts der nah verwandten Machart über dem gesamten Album: Die Assoziation mit Sunn O))), den Mönchskuttenträgern aus den Vereinigten Staaten, drängt sich natürlich sofort auf, obwohl deren sporadische, im Metal verwurzelte stimmliche Begleitung bei [ B O L T ] wiederum gänzlich abwesend ist. Als weiterer Referenzpunkt darf daher ruhig auch das Frühwerk der Drone Doom-Urväter Earth angesehen werden. Eigene Akzente vermag der deutsche Instrumental-Act aber dennoch zu setzen.

Ein organischer Soundteppich aus leisem Rauschen und Knistern, mutmaßlich eine Feldaufnahme, markiert den noch verhaltenen Anfang der Platte; eine kurze Basslinie zwielichtiger Färbung kommt hinzu und wiederholt sich fortan permanent, bevor nach rund zweieinhalb Minuten erstmals das charakteristische Amp-Donnern einsetzt, das einen über weite Teile der Platte hinweg begleiten und die Magendecke wieder und wieder bedenklich zum Vibrieren bringen wird. Ob das noch Musik ist, hätten sich verwirrte Gemüter noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gefragt. Heute stellt zum Glück niemand, der ernstgenommen werden möchte, mehr derartige Fragen. Sofern Widerstand hier überhaupt im Rahmen des Möglichen liegen sollte, denn vor diesen zähflüssigen Basswalzen kann man eigentlich nur kapitulieren, sie sind ein Generalangriff auf alle Sinne. Von herkömmlichen Kompositionen kann man nicht sprechen, von Songs schon gar nicht, eher hat man es mit Audiokonstrukten aus dem niederen Frequenzbereich zu tun. Drums haben in diesen spartanisch eingerichteten Klangkellern keinen Platz inne, dafür aber gleich zwei doomige Bassgitarren, die eine ausgiebige Behandlung durch allerhand Effektgeräte erfahren. Bei »[ 1 1 ]« schieben sich zwar vor sich hin perpetuierende Melodien zwischen die gewaltigen Drones, gemütlicher wird es darin trotzdem nicht, eher steigert sich so noch die beunruhigende Wirkung. Repetition, Reduktion, Verlangsamung – das sind die vorherrschenden Mittel. Als eine Art meditativen Exzess mit quasi überzeitlichem Charakter lässt sich die Ästhetik vielleicht ganz gut subsumieren. Und vom Pop ist das alles eh ungefähr so weit entfernt wie die Swans von den Kuschelrock-Compilations. Für manch Hörer mag das in der Konsequenz also zu anstrengend sein, zu monoton oder unter Umständen auch einfach zu lärmintensiv. Andere dagegen finden hier eine handfeste ‚Ganzkörpererfahrung‘, hinter der mehr steckt, als man im ersten Moment erahnen würde.

Man kann nicht von der Hand weisen, dass diesem Musikstil im Kern eine gewisse Radikalität zugrunde liegt. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass das »[ I N T E R L U D E ]« inmitten bleierner Slow Motion-Riffs wie eine kleine Oase der Harmonie erscheint, obwohl auch hier immer wieder die gleichen Tonfolgen auf dem Klavier angeschlagen werden. Aber »( 0 3 )« besteht nicht nur aus statischen Noise-Walls. Verstärker- und Feedback-Orgien werden mitunter pointiert eingesetzt und durchdacht aufgebaut, wodurch ebenfalls Luft für dynamische Verschiebungen und atmosphärische Passagen bleibt. »[ 1 4 ]« schleppt sich wie ein Trauerzug durch verregnete Straßen, um erst verspätet in Tumult auszubrechen. »[ 1 9 ]« widmet sich lange Zeit dem Ambient, sodass wirklich nur in der zweiten Hälfte Schichten aus Verzerrerlärm der trügerischen Ruhe ein Ende bereiten.

Die beiden längsten Tracks gehören gleichzeitig zu den stärksten: Album-Herzstück »[ 0 1 ]« gelingt es mit einfachen Mitteln eine monumentale Wirkung zu entfalten. Das Klangbild gerät diesmal staubtrocken und kernig, ungefähr so wie der Moment kurz vor einem Western-Showdown, nur eben schier endlos gezogen.
»[ 2 6 ]« hingegen ist ein mindestens zweidimensionales 13-Minuten-Monster. Mit leisen, verhallten Klängen gemächlich beginnend, gelangt es zum möglicherweise triumphalsten Augenblick der Platte, wenn das massive Grollen der Bassgitarren losbricht, welches einem auditiven Erdrutsch schon sehr nahe kommt. Kurioserweise hat dieser Part übrigens auch Ähnlichkeit zum Outro von »Dub Me Crazy (Ver. 02)« der Boom Boom Satellites, deren Output ansonsten aber ziemlich wenige Gemeinsamkeiten aufweist.

Einzeln betrachtet mögen die Tracks, was ihre Struktur angeht, nicht unbedingt mit vielen Überraschungen gespickt sein, da sie häufig ähnlich aufgebaut sind. Jedoch, und das bietet sich bei diesem stiltechnisch so geschlossenen Album ohnehin an, sollte man »( 0 3 )« weniger als eine Aneinanderreihung von acht Musikstücken begreifen, zumal die Tracks ja auch nahtlos ineinander übergehen. De facto hat man es mit einem einheitlichen Ganzem zu tun, in dem einige Motive und Sounds wiederholt aufgegriffen oder bestimmte Ideen mehrfach variierend ausformuliert werden. Dass die letzten Minuten zum Beispiel wieder mit den beinah identischen Chords beschlossen werden, wie sie schon am Anfang des Werkes vorkommen, scheint dies zu bestätigen. Entsprechend wird die Mehrheit der Hörer vermutlich keine besonders ‚guten‘ oder ‚schlechten‘ Exemplare rauspicken wollen – entweder erachtet man die gesamte Umsetzung als gelungen oder kann der Prämisse andererseits einfach nichts abgewinnen. Ein Wohlfühlkurs, so viel ist sicher, wird hier über die vollen 63 Minuten definitiv nicht eingeschlagen. Die Musik präsentiert sich frei von jeglichem unnötigen Schnörkel, nicht aber ohne Finesse, denn ihre texturalen Nuancen offenbaren sich bisweilen erst bei genauerem Hinhören.
[ B O L T ] zeigen mit ihrer dritten LP, dass sie dem internationalen Vergleich standhalten und liefern bei aller Konsequenz weitaus mehr als nur vordergründiges Getöse, um unterversorgte Tieftöner an die Belastungsgrenzen zu bringen.

Tracklist:
01. [ 1 5 ] – Beginning 
02. [ 1 1 ] 
03. [ 1 4 ]
04. [ I N T E R L U D E ]
05. [ 0 1 ] 
06. [ 1 9 ] 
07. [ 2 6 ] 
08. [ 1 5 ] – End

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Preview: Final – Black Dollars

Wenn es einen zeitgenössischen Musiker gibt, dem man das Attribut ‚umtriebig‘ aufdrücken möchte, dann ist man bei Justin K. Broadrick aber sowas von an der richtigen Adresse. Der Brite tritt mit derart vielen Projekten musikalisch in Erscheinung, dass man leicht durcheinanderkommen kann im Dickicht stiltechnisch enorm breitgefächerter Veröffentlichungen. Jesu, Godflesh, JK Flesh, Pale Sketcher und White Static Demon laufen bei ihm quasi simultan; darüber hinaus wirkt Broadrick in Supergroups wie Greymachine oder Blood Of Heroes mit und ist auch ziemlich gefragter Remixer in den unterschiedlichsten Genregefilden. Nicht zu vergessen sind natürlich seine ehemaligen Engagements bei Techno Animal, Napalm Death, Fall Of Because u.a. Ein häufig übersehenes Projekt stellt jedoch sein Output unter dem Alias Final dar, dabei ist es doch erstaunlicherweise sein ältestes. Seit 1982 widmet sich Broadrick hierunter allerhand Experimentellem und Minimalistischem, meist im Bereich Drone, Noise und Ambient. Doch trotz eines stolzen Backkatalogs weiß man eigentlich nie so richtig, was man bekommt. Das bestätigt sich wieder mal beim Hören des Snippets zum anstehenden Album »Black Dollars«. Umgarnende Harmonieflächen, barsche Distortion, Chords von der Akustik-Klampfe und irritierende Vocal-Fetzen, als wären diese aus einer fernen Popwelt in den Mix zugeschaltet worden. Im Schnelldurchlauf schon mal durchaus beeindruckend. »Black Dollars« soll im September bei Downwards erscheinen.

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Review: Godspeed You! Black Emperor – Asunder, Sweet and Other Distress [2015]

GYBE-Asunder,Sweet&OtherDistressCST111cover| Erschienen bei Constellation Records (2015) |

Nur wenige Bands haben es zu einem derart einvernehmlichen Kultstatus gebracht wie Godspeed You! Black Emperor, denen Anerkennung durch Kritiker unterschiedlicher Fasson ebenso zuteilwurde wie Verehrung durch Musikbegeisterte rund um den Globus. Bemerkenswert ist dieser allgemein vorherrschende Respekt angesichts eines Gesamtwerks, das ohne einen einzigen Refrain oder eingesungene Strophe auskommt, eines Ensembles ohne hervorstechende Star-Figur und Stücken mit einer durchschnittlichen Länge von 15 Minuten. Entsprechend ist das Schaffen des Montrealer Projekts aber nur bedingt als musikalisches Fast-Food genießbar und sollte einem nicht unbedeutenden Teil der Musikkonsumenten dank entschiedener Independent-Positionierung inklusive marketingtechnischer Zurückhaltung auch schlichtweg unbekannt geblieben sein.

Ihre Sporen verdienten sich die gegen den Strom schwimmenden Kanadier vor allem zu einer Zeit, als ‚Post-Rock‘ noch eher eine recht unbestimmte Umschreibung für grenzgängerisches Experimentieren, das zwar irgendwas mit Rock zu tun hatte, aber dessen sture Konventionen zu brechen wusste, dargestellt hat – und kein eigenes Quasi-Subgenre, das selbst schon mit einem gewissen Fundus von Regeln und relativ eingegrenzten Vorstellungen daherkommt. Godspeed boten schon in den 90ern im Kern das Meiste dessen auf, was charakteristisch für dieses ‚Etikett‘ werden sollte (und mittlerweile längst auch von einigen zweitklassigen Bands nur semi-originell reproduziert wird), waren aber noch mehr als das. Die Art zu arrangieren war etwas Besonderes, die konkrete Ausformulierung einmalig und ihre atmosphärische Qualität ließ jedes Werk zum reinsten Vorstellungsmonster gerieren. Vor allem zeigte man früh auf, wie man Rock’n’Roll spielen und gleichzeitig außergewöhnliche Tiefe und Emotionalität erreichen konnte. Eigenheiten, durch die sich die Band auch später noch von den Nachzüglern merklich abzuheben wusste.

Wie die vielen anderen Künstler, mit denen man sich im weitesten Sinne eine Sparte teilt, gehen GY!BE auch mit extremen Ausschlägen auf der dynamischen Skala vor – das heißt, von fast stillen Momenten bis hin zu tosenden Crescendos wird das volle Spektrum hoch und runter gespielt. Und daran wird dankenswerterweise nicht gerüttelt. Skizzieren lässt sich dennoch eine klare Entwicklung: Waren die frühen Arbeiten noch fragmentarische, zumeist deprimierende Endzeitcollagen mit Field Recordings und hörspielartigen Sequenzen, so gerieten die jüngeren Werke zunehmend homogener bzw. uniformer, sind auf weniger Elemente reduziert und wesentlich stringenter in ihrer Konstruktion.

Hier knüpft »Asunder, Sweet and Other Distress«, das nunmehr fünfte Album, direkt an. Wer die Band in letzter Zeit verfolgt hat, wird schnell feststellen, dass es sich bei der neuen Scheibe um die Studioversion ihres ca. dreiviertelstündigen Live-Stücks »Behemoth« handelt, das hierzu in vier Tracks untergliedert und unbenannt wurde, aber de facto natürlich genauso ein zusammenhängendes Ganzes bildet. Track und Album werden bei GY!BE ohnehin wieder mal zu brüchigen Kategorien, die miteinander verschmelzen. Dass die aktuelle Schöpfung im Gegensatz zu allen Vorgängern auf eine einzige CD passt, nährt zusätzlich den Verdacht, die Post-Rock-Überväter möchten ihre musikalischen Visionen inzwischen deutlich kompakter zum Ausdruck bringen.

»Peasantry or ‚Light! Inside of Light!« ist ein Beginn ohne sorgsamen Aufbau und atmosphärisches Klein-klein. Blankes, knochentrockenes Schlagzeugspiel muss als Einleitung herhalten und dann dröhnt es auch schon nach ziemlich schnellen 20 Sekündchen los, lang gefackelt wird hier nicht mehr. Diese schleppende Direktheit klingt überraschend pompös, aber gleichzeitig auch unfreundlich und barsch. Streicher und E-Gitarren variieren im Verlauf wie gewohnt zwischen schroffer Disharmonie und bildstarker Melodiösität. Das Ganze könnte alternativ auch den Titel tragen ‚Streifzug der Nomaden durch die Wüste‘. Nach ‚nur‘ etwas mehr als zehn Minuten geht dieser… man möchte fast sagen… flotte Einstieg in das böse Grummeln von »Lambs’ Breath« über. Diejenigen, welche anfangs noch besser in die Platte reingekommen sind, als sie es von der Band gewohnt sind, werden spätestens hier vermutlich wieder ein wenig zurückschrecken. Minimalistische Drones übernehmen das Kommando – für einige Minuten hört man auch fast ausschließlich einen summenden Ton, der leicht variiert wird.

»Asunder, Sweet« setzt genau dort an und baut das akustische Gerüst wieder von neuem auf. Dieses mit obskuren Effekten und kakophonischen Scherben durchzogene, sich stetig steigernde dritte Viertel zeigt GY!BE erstmals in absoluter Bestform und bereitet den Weg für das Finale. Als solches kommt »Piss Crowns Are Trebled« dann auch durchaus gewaltig und belohnend daher, wenn auch vielleicht nicht ganz so fulminant wie man sich das mit einer immensen Erwartungshaltung ausgemalt hat. Soll heißen: Die Schlagzahl ist wirklich enorm hoch und die ‚Action‘ wird ohne Atempause durchgezogen, der Funke mag dennoch nicht hundertprozentig überspringen.

Ausgezeichnet hat die Formation nämlich schon immer ihre Fähigkeit, große und epische Motive als Höhepunkte zu setzen, ohne dabei in die Klischeefalle zu tappen. Man hat man es schlicht fertiggebracht, selbst in den bombastischsten Momenten nie einem unangenehmen Pathos zu verfallen, aber trotzdem bewegende Akkorde zu fabrizieren. Allerdings begann man mit »‚Allelujah! Don’t Bend Ascend« (2012) offenbar diese Prinzipien vorsichtig zu lockern. Das ist auch gerade beim Schlussakt von »Asunder, Sweet and Other Distress« in einigen Momenten zu merken. Natürlich ist man nach wie vor weit davon entfernt, Zuckerguss nach Aerosmith-Manier zu servieren. Aber in der Ferne, hinter den zerfurchten Schluchten und ausgedörrten Weidehügeln sieht man zumindest schon die ersten langgelockten Hard Rocker und Heavy Metal-Jünger näherkommen.

insgesamt enthält die aktuelle LP vom Prinzip her das Meiste von dem, was die Vorgänger schon aufzubieten hatten. Melodiebögen und Klangfragmente sind ungebrochen souverän miteinander verflochten. Gelegentlich macht sich sogar ein Tick zu viel Routine breit. Aber von Stagnation zu reden, wäre nicht fair, denn man folgt dem Trend der letzten Veröffentlichungen, den Sound nicht etwa auszudünnen, sondern zu komprimieren, also einfach schneller auf den Punkt zu kommen, und sich zudem etwas mehr in Richtung konventioneller Gitarrenmusik zu öffnen, ohne die experimentelle Bastelei zu vernachlässigen. Selbstverständlich benötigt die Musik trotz allem noch viel Platz zur Entfaltung – eingezäunte Reservate sind eben nicht ihre Sache. Mit dem asketischen Mittelteil wird dabei diesmal noch leicht die Struktur variiert. Womöglich ist »Asunder, Sweet and Other Distress« die schwächste Arbeit der Gruppe. Doch das liegt zum großen Teil daran, dass die Vergangenheit von einer Reihe großartiger Werke bestimmt wird und die Kritik folgerichtig in der Abteilung ‚Meckern auf hohem Niveau‘ aufgehoben ist.

Tracklist:
01. Peasantry or ‘Light! Inside of Light!’
02. Lambs’ Breath
03. Asunder, Sweet
04. Piss Crowns Are Trebled

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Review: Theologian – Pain of the Saints [2015]

Theologican - Pain of the Saints (TumorCD76)| Erschienen bei Malignant Records (2015) |

Lee Bartow alias Theologican gehört zu den prägenden und vor allem ziemlich produktiven Kräften im Post-Industrial-Sektor der letzten Jahre. Obwohl die Diskographie seines gegenwärtigen Solo-Projekts 2009 ihren späten Anfang findet – in Nachfolge zu seinem Engagement als Mastermind der kurz zuvor aufgelösten Navicon Torture Technologies – hat der US-Amerikaner seitdem eine beachtliche Anzahl von Veröffentlichungen angehäuft. Mit »Pain of the Saints« legte Bartow nun sogar ein bis zum Bersten vollgepacktes Doppelalbum vor.

Schon der Titel und das stilvoll-blutige Cover-Artwork deuten auf die hier verfolgte ästhetische Zielrichtung hin. Davon abgesehen ist Theologian auch wahrlich kein Künstler, über den man im Formatradio oder in der TV-Werbung stolpern würde, und auf dem nächsten Kirchentag wird man seine Musik sicher nicht antreffen. Nähert man sich dem neuen Werk trotz aller Vorzeichen ganz unbedarft, dürfte man alsbald kalt erwischt werden. Besser gesagt, man hockt sogleich im Vorhof des Verderbens. Wenige Minuten sollten locker für die Feststellung reichen, dass man hier alles andere als leichte Feierabendkost vor sich hat. Der erste und mit über dreizehn Minuten zugleich längste Track »Savages« schickt einen früh in die akustische Unterwelt; gedämpft-verschwommenes Klopfen im Hintergrund, maschinelles Knattern und Schnarren, statisch-stechende Synthtöne, sinistres Rauschen und wiederholte schmerzverzerrte Laute vereinen sich zu einem ziemlich unfreundlichen Empfangskomitee. Wem dieser morbide Kosmos aus Mystik, Noise und Selbstzerfleischung eine (im Wortsinn) Heidenangst einjagt, ist gut beraten, hier den nächsten Ausgang zu nehmen. Für den geneigten Anhänger abgründig-atmosphärischer Musik hingegen gibt es Balsam für die Ohren.

Bartows Arbeit, angesiedelt in relativ wenig definierten Grenzbereichen zwischen Death Industrial, Dark Ambient und ähnlichen Subgenres, ist zum einen sehr facettenreich ausgefallen, aber bisweilen auch beachtlich komplex. Das virtuose ‚Layering‘ der vielen Soundschichten erweist sich als klarer Trumpf, Klangelemente sind spürbar mit viel Bedacht zusammengesetzt. Und auch wenn die insgesamt 20 Tracks stellenweise ohne jeden Zweifel harsch und mit der nötigen Kompromisslosigkeit daherkommen, geht die von Außenstehenden im Industrial so häufig vermisste Musikalität im Grunde doch nie verloren. Dennoch ist »Pain of the Saints«, alleine schon aufgrund der überbordenden Länge von mehr als 2 ½ Stunden, natürlich ein harter Brocken, der es wirklich in sich hat. Aber einer, in den man sich hervorragend versenken kann, dafür bieten sich genug Zwischentöne, Details und Ideen.

Der repetitive Power Electronics-Stampfer »Infection« gehört in dieser Hinsicht jedoch eher zu den weniger interessanteren Beiträgen. Auffälliger, und das nicht nur wegen des bedingt familienfreundlichen Titels, ist da schon »Piss and Jism«. Das setzt auf einen beharrlich grollenden Drone-Teppich und Vocals, die so verzerrt sind, das man beinah nur noch ein zischendes Spektrum wahrnimmt, sowie langgezogene Schreistimmen, die viel mehr organisch in die Textur eingearbeitet werden, anstatt eine gewöhnliche vokale ‚Funktion‘ einzunehmen. Ein grandioser Ausflug in spacige Sphären ist »Gravity« geworden, bei welchem sternschnuppenartige Tonmodulationen und schmetternde Riesenasteroiden-Klänge die Akzente im ruhigen, fast schon meditativen Wabern setzen. »Of Foulness And Faithfulness« sticht heraus, weil seine ratternde Fabrikkulisse ironischerweise so dumpf geraten ist, als wäre das Stück irgendwann in den frühen 80ern produziert worden. Eine in ihrer sturen Konsequenz und dichten Konstruktion geradezu faszinierend eindringliche Lärmwand. »Sainthood Is Suffering« ist deutlich Beat-orientierter als das restliche Material – das Ganze geht schon stärker in Richtung Electro-Industrial oder Rhythmic Noise -, manövriert sich aber im Verlauf in einen immer dichter werdenden Sturm aus gnadenlos übersteuerten Texturen und Melodie-Schemen.

»The Lies Of The Past Become The Prayers Of The Future« eröffnet die zweite Hälfte noch intensiver als »Savages« die erste, obgleich das Stück im direkten Vergleich deutlich kürzer angelegt ist. Die vielleicht plastischste Repräsentation des Albumkonzepts geht im Anschluss mit »Suppuration« vonstatten, da die eigentlich recht feierliche, erbauliche Stimmung hinterrücks mit qualvollen Lauten unterlegt ist und damit gewissermaßen verdeutlicht wird, dass Leid und Schmerz in der Religiosität des Christentums eine elementare Rolle spielen, was man als durchaus fragwürdig empfinden kann – entsprechend lässt sich dieses ‚Licht‘ auf der texturalen (nicht textlichen) Ebene als Scheinheiligkeit interpretieren. Momente wahrhaftiger Schönheit finden sich allerdings auch auf dem Album: Wie das traurige Violinenspiel in »Blessed Pray« die geheimnisumwobenen, schimmernden Flächen umgarnt und so eine magische Atmosphäre erzeugt, kann einem schon mal die Sprache verschlagen… Weniger Harmonien, dafür jedoch akustisches Waterboarding – im positiven Sinn – verspricht »Redemption Is An Impossibility«; ein einziger Spannungsaufbau, der sich steigert und steigert, sogar eine überraschend groovige Distortion-Bassline zulässt, und dann auf dem Fast-Höhepunkt ohne großen Knall wieder auseinanderfällt. »Self-Flagellation As Faith« bringt zum Schluss mit ritualistischem Getrommel und Frauengesang noch einmal andere Nuancen hinein und außerdem die Kasteiungen vom Anfang des Albums zurück.

Bleibt abschließend festzuhalten: »Pain of the Saints« ist in seiner ausufernden Ganzheit definitiv eine Herausforderung, die sich bei gründlicher Auseinandersetzung aber umso mehr bezahlt macht. Mag die zugrundeliegende Katholizismuskritik, welche Doppelmoral und Sadismus anprangert, manch einem vielleicht zu offensichtlich sein und nicht mehr ganz taufrisch erscheinen, sollte man sich trotzdem nicht abschrecken lassen. Denn Theologian hat ein Werk hingelegt, das durch stilistisches Abwechslungsreichtum, cleveres Verwischen von Subgenre-Codes und handwerkliche Sorgfalt über die volle Laufzeit überzeugen kann.

Tracklist:
1 – 01. Savages
1 – 02. Infection
1 – 03. Serpentine Angels
1 – 04. Piss And Jism
1 – 05. Gravity
1 – 06. Without Trust, Your Love Is Meaningless
1 – 07. Of Foulness And Faithfulness
1 – 08. Iron Pierces Flesh And Bone Alike
1 – 09. You Are The End Of The World
1 – 10. Sainthood Is Suffering
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2 – 01. The Lies Of The Past Become The Prayers Of The Future
2 – 02. Suppuration
2 – 03. Witchfinder
2 – 04. Their Gelded And Rapacious Hearts
2 – 05. Deprivation
2 – 06. Blessed Prey
2 – 07. With Eternal Derision
2 – 08. Redemption Is An Impossibility
2 – 09. It Was You Who Taught Me Indifference
2 – 10. Self-Flagellation As Faith

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Preview: Godspeed You! Black Emperor – Asunder, Sweet And Other Distress

Eine bestimmte Musikgruppe als die ‚größte‘ Band der Welt zu bezeichnen, hat schon immer mindestens etwas Gewagtes, wenn nicht schon Albernes, peinlich Anmaßendes gehabt. Nicht mal die Rolling Stones oder Beatles durften solche Titulierungen tragen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Manchmal weist diese ‚Adelung‘ eher auf den Status als konsenstauglichste Stadionkapelle hin, was dann auch erklärt wieso Guns N‘ Roses oder Linkin Park solch zweifelhafte Ehre zuteil wurde.

Die Kanadier von Godspeed You! Black Emperor hingegen gehören zu den wenigen Bands, bei der entsprechende Zuschreibungen nicht so übertrieben fehlplatziert erscheinen, wie sie es für gewöhnlich tun. Das Esemble mit dem wandernden Ausrufezeichen im Bandnamen gibt sich auch redlich Mühe, ihre Brötchen in Extra Large zu backen. Episch anmutende, wenn auch teils humorvoll gebrochene, Titel und überlange Kompositionen, die im dynamischem Wechselspiel von ruhigen Athmosphärenpassagen, unheilvollen Drones, strahlenden Streicherarrangements und krachendem Instrumentalrock postapokalyptische Landstriche in monumentaler Breite erkunden. Offenkundige Großspurigkeit, die aber nie bloße Behauptung blieb, sondern stets mit grandiosen Werken eingelöst wurde.

Jetzt haben GY!BE ihren neuen Longplayer angekündigt: Nennt sich »Asunder, Sweet And Other Distress« und erscheint schon am 31. März – natürlich wieder bei Constellation Records, dem hauseigenen Label des Montrealer Dunstkreises. Vier Tracks wird die LP enthalten, von der nun auch schon ein rund achtminütiger Ausschnitt verfügbar ist. Definitiv nicht von schlechten Eltern! Wer sich vom Tamtam im kontextlosen Snippet aber noch nicht zu Begeisterungsstürmen hingerissen fühlt, wartet lieber noch gut einen Monat und lässt dann das Gesamtwerk auf sich wirken – schließlich hat die Truppe bislang noch nie etwas Enttäuschendes abgeliefert!

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Highlights 2014: Top-Alben

Ganz ehrlich: Niemand mag frühe Jahresrückblicke, die einem schon Anfang Dezember allerorts aufgedrängt werden. Deswegen… na gut, auch wegen anderer Gründe, kommt mein Highlight-Ranking für 2014 auch später als alle anderen! Wie schon im letzten Jahr gilt natürlich auch diesmal das Credo: Vollständige oder objektive Bestenlisten gibt es nicht, sie bleiben stets Ausschnitte ohne Universalitätscharakter – eine persönliche Selektion nach individuellen Kriterien. Und trotzdem fiel es mir diesmal sogar schwer, eine für die eigenen Maßstäbe zufriedenstellende Rangliste zu kreieren.

2014 erschien mir in musikalischer Hinsicht nämlich in der Spitze sehr dicht gestaffelt, nur wenig hat sich daher wirklich für eine ‚Ehrung‘ aufgedrängt. Zwar gab es durchaus viele gute und sehr gute Alben, jedoch kaum besonders hervorstechende, brillante, mitreißende Werke, die meine subjektiven Knöpfchen zu drücken wussten. Oder lag es vielleicht an enttäuschten Erwartungen? Manche mit Vorfreude erwartete Alben gestandener Künstler konnten ihre Vorschusslorbeeren letztlich nicht ganz einlösen.

Beherrscht wurde das Jahr indes vor allem von Ambient- und Drone-Klängen, ätherisch-umwasserten Rock-/Pop-Formationen sowie ‚Hauntologen‘-Techno – es ist, als lege sich ein nebulöser Schleier um den Musikbetrieb unserer Zeit –, wohingegen viele bekannte Post-Rock-Bands solide Alben ohne größere Neuerungen nachlegten. Das Ranking haben diese Trends aber nicht unbedingt dominiert. Alles in allem war es ein knappes Rennen an der Spitze, mit vielen Anwärtern auf einen Startplatz, aber keinen echten Titelfavoriten. Nur eines kann ich vorab versprechen, Coldplay oder Kraftclub sind garantiert nicht darunter!

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Review: Paul Wolinski – Full Bleed [2014]

p.wolinkski - full_bleed(400x)| Erschienen bei Sacred Tapes / Bandcamp (2014) / Cover-Artwork von Caspar Newbolt |

Paul „65daysofstatic“ Wolinski ist nicht nur die treibende Kraft hinter den großartigen Sheffielder Glitch-Post-Rockern, abseits dieser vielbeachteten Hauptbeschäftigung ist der Brite musikalisch inzwischen auch auf einzelgängerischen Pfaden unterwegs. 2011 konnte man sich das Ergebnis dieses Alleingangs unter dem Pseudonym Polinski in Form seines ersten Solo-Albums anhören: »Labyrinths« bot mit seinen regenbogenfarbenen Dance-Klängen und energetischen IDM-Pop-Hybriden ein immerhin abwechslungsreiches Hörerlebnis, das scheinbar losgelöst von zeitgenössischen Trends daherkam und irgendwie aus der Zeit gefallen wirkte. Kein großer Wurf, aber dennoch mit ein paar spannenden Momenten gesegnet, die das Talent Wolinskis durchblicken ließen. Insbesondere der mit Noise-Elementen und Pianotönen angereicherte Rausschmeißer stach dabei als interessantestes Stück heraus.

Noch viel stärker in die letztgenannte Richtung geht die neueste Arbeit namens »Full Bleed«, die Wolinski diesmal unter seinem bürgerlichen Namen beim englischen Nischenlabel Sacred Tapes auf Kassette veröffentlicht hat – einem Medium, das aufgrund seiner Historizität und technisch bedingten Klangcharakteristika bestens geeignet ist für eine dem Lo-Fi-Gedanken verpflichtete Herangehensweise. Dieser bleibt hier nicht bloß in der Oberfläche verhaftet, die Eigenarten und Nebeneffekte eines solchen Prinzips werden förmlich zum elementaren Gestaltungsmittel, also musikalischen Gegenstand. »Full Bleed« verbindet die synthiehaltigen Flächen von 65dos‘ »Wild Light« mit großzügigem Einsatz von Rauschen, Verzerrung und dem minimalistischen Gebrauch des Klaviers. Die Überlagerung von unterschiedlichen Loops und Texturen sowie das fließende Wechselspiel aus Harmonien und ihrer Dekonstruktion stehen im Zentrum. Die Stücke erinnern damit erstaunlich oft an das renommierte Werk Tim Heckers, mengen dieser brüchig-flirrenden Ästhetik aber noch eine Prise spaciger Eleganz und Zugänglichkeit bei.

Auch im digitalen Release wird das Format der Musikkassette in gewisser Weise beibehalten – technisch gesehen handelt es sich um zwei längere Tracks, die den Seiten A und B des physischen Datenträgers entsprechen. Natürlich besteht wiederum jeder Track aus mehreren Musikstücken. Der Tonband-Ursprung erklärt damit auch, wieso »Full Bleed« mit einem Umfang von rund 25 Minuten recht knapp ausgefallen ist. Auf der ersten Seite trifft man auf dichte, laut dröhnende Soundwände (»Russian Echo«, »Black Square«), gelegentlich genehmigt man dem Hörer aber etwas mehr Raum zum Atmen (»Piano Room«, »Borrowed Time«), in den sich Piano-Akkorde, Subbass-Wellen und andere delikate Details drängen. Die ‚Rückseite‘ startet zunächst mit Feldaufnahmen, ehe man bei »Somewhere Else, not Here« zu einer Expedition durch ebenso schroffe wie schöne Drone-Canyons mitgenommen wird. Im abschließenden Titeltrack von »Full Bleed« werden energische, aufbruchfreudige Klavier-Melodieschleifen und perkussive Nadelstiche nach und nach immer mehr von Distortion und Audionebel verschluckt, womit das Tape auf äußerst gelungene Art zum Ende kommt.

Mit seinem bislang experimentellsten Projekt entfernt sich Paul Wolinski vom rhythmisch und melodisch zuletzt sehr klaren, strukturierten Band-Output und seinen vergangenen Solo-Gehversuchen. »Full Bleed« ist ein überzeugender, unerwartet sicherer Schritt auf abstraktes Noise- und Ambient-Terrain, der auf ein beachtliches klangkünstlerisches Potential hindeutet. Weiteres Engangement in dieser Richtung wäre also durchweg zu begrüßen!

Tracklist:
01. Russian Echo / Piano Room / Black Square / Anxiety / Borrowed Time
02. Somewhere Else, Not Here / Full Bleed

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