Review: [ B O L T ] – ( 0 3 ) [2015]

 [ B O L T ] ‎– ( 0 3 ) Cover| Erschienen bei Aentitainment Records (2015) / Cover-Artwork von FATSMILEMEDIA |

Wie sich schon am Werktitel unschwer ablesen lässt, haben [ B O L T ] mit »( 0 3 )« nicht ihr erstes, auch nicht ihr zweites, sondern bereits ihr drittes Album herausgebracht – sofern man diverse Kollabo-Releases und eine Remix-Platte bei der Rechnung außen vor lässt. Mir als Rezensenten sind die beiden Vorgänger des Bochumer Duos zugegebenermaßen bislang trotzdem durch die Lappen gegangen, aber mit Drone Doom füllt man ja in der Regel auch keine großen Arenen oder erscheint auf dem Titel der nächstbesten Rock’n’Roll-Gazette… was zweifelsohne auch seine guten Seiten hat. Wie schon das Album selbst sind auch die Tracks bis auf kleine Ausnahmen fast ausschließlich nach eingeklammerten Zahlen benannt, deren Bedeutungen wiederum sich dem Hörer von alleine kaum erschließen. Zumindest eine klar nachvollziehbare Reihenfolge ergibt sich aus den Zifferanordnungen nicht, vielleicht sollen die Titel aber auch einfach nicht vom Wesentlichen ablenken, über das hier nämlich noch zu sprechen sein wird. Diese Schlichtheit setzt sich jedenfalls fort im Cover-Artwork, das fast gänzlich in Schwärze getaucht ist, aus der sich nur ein kleiner, an ein Sichtfenster erinnernder Ausschnitt abhebt, welcher spärliches Astwerk zeigt.

So wenig aussagekräftig die Aufmachung zunächst einmal anmuten mag, beginnt diese augenblicklich Sinn zu machen, sobald man sich »( 0 3 )« dann musikalisch zu Gemüte führt. Das trifft nicht nur auf die Dunkelheit des Sounds zu, die sich beim Hören schnell herausschält. Ebenso deckt sich dies mit einer grundsätzlichen Herangehensweise, oft mit dem Stichwort Minimalismus umschrieben, welches auch immer wieder in Verbindung mit namhaften Vertretern des Subgenres fällt. Bei der Beschreibung auf die Nennung stilistischer Vorbilder komplett zu verzichten, dürfte sich hierbei ohnehin als recht schwierige Aufgabe herausstellen. Vor allem ein Projektname schwebt angesichts der nah verwandten Machart über dem gesamten Album: Die Assoziation mit Sunn O))), den Mönchskuttenträgern aus den Vereinigten Staaten, drängt sich natürlich sofort auf, obwohl deren sporadische, im Metal verwurzelte stimmliche Begleitung bei [ B O L T ] wiederum gänzlich abwesend ist. Als weiterer Referenzpunkt darf daher ruhig auch das Frühwerk der Drone Doom-Urväter Earth angesehen werden. Eigene Akzente vermag der deutsche Instrumental-Act aber dennoch zu setzen.

Ein organischer Soundteppich aus leisem Rauschen und Knistern, mutmaßlich eine Feldaufnahme, markiert den noch verhaltenen Anfang der Platte; eine kurze Basslinie zwielichtiger Färbung kommt hinzu und wiederholt sich fortan permanent, bevor nach rund zweieinhalb Minuten erstmals das charakteristische Amp-Donnern einsetzt, das einen über weite Teile der Platte hinweg begleiten und die Magendecke wieder und wieder bedenklich zum Vibrieren bringen wird. Ob das noch Musik ist, hätten sich verwirrte Gemüter noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gefragt. Heute stellt zum Glück niemand, der ernstgenommen werden möchte, mehr derartige Fragen. Sofern Widerstand hier überhaupt im Rahmen des Möglichen liegen sollte, denn vor diesen zähflüssigen Basswalzen kann man eigentlich nur kapitulieren, sie sind ein Generalangriff auf alle Sinne. Von herkömmlichen Kompositionen kann man nicht sprechen, von Songs schon gar nicht, eher hat man es mit Audiokonstrukten aus dem niederen Frequenzbereich zu tun. Drums haben in diesen spartanisch eingerichteten Klangkellern keinen Platz inne, dafür aber gleich zwei doomige Bassgitarren, die eine ausgiebige Behandlung durch allerhand Effektgeräte erfahren. Bei »[ 1 1 ]« schieben sich zwar vor sich hin perpetuierende Melodien zwischen die gewaltigen Drones, gemütlicher wird es darin trotzdem nicht, eher steigert sich so noch die beunruhigende Wirkung. Repetition, Reduktion, Verlangsamung – das sind die vorherrschenden Mittel. Als eine Art meditativen Exzess mit quasi überzeitlichem Charakter lässt sich die Ästhetik vielleicht ganz gut subsumieren. Und vom Pop ist das alles eh ungefähr so weit entfernt wie die Swans von den Kuschelrock-Compilations. Für manch Hörer mag das in der Konsequenz also zu anstrengend sein, zu monoton oder unter Umständen auch einfach zu lärmintensiv. Andere dagegen finden hier eine handfeste ‚Ganzkörpererfahrung‘, hinter der mehr steckt, als man im ersten Moment erahnen würde.

Man kann nicht von der Hand weisen, dass diesem Musikstil im Kern eine gewisse Radikalität zugrunde liegt. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass das »[ I N T E R L U D E ]« inmitten bleierner Slow Motion-Riffs wie eine kleine Oase der Harmonie erscheint, obwohl auch hier immer wieder die gleichen Tonfolgen auf dem Klavier angeschlagen werden. Aber »( 0 3 )« besteht nicht nur aus statischen Noise-Walls. Verstärker- und Feedback-Orgien werden mitunter pointiert eingesetzt und durchdacht aufgebaut, wodurch ebenfalls Luft für dynamische Verschiebungen und atmosphärische Passagen bleibt. »[ 1 4 ]« schleppt sich wie ein Trauerzug durch verregnete Straßen, um erst verspätet in Tumult auszubrechen. »[ 1 9 ]« widmet sich lange Zeit dem Ambient, sodass wirklich nur in der zweiten Hälfte Schichten aus Verzerrerlärm der trügerischen Ruhe ein Ende bereiten.

Die beiden längsten Tracks gehören gleichzeitig zu den stärksten: Album-Herzstück »[ 0 1 ]« gelingt es mit einfachen Mitteln eine monumentale Wirkung zu entfalten. Das Klangbild gerät diesmal staubtrocken und kernig, ungefähr so wie der Moment kurz vor einem Western-Showdown, nur eben schier endlos gezogen.
»[ 2 6 ]« hingegen ist ein mindestens zweidimensionales 13-Minuten-Monster. Mit leisen, verhallten Klängen gemächlich beginnend, gelangt es zum möglicherweise triumphalsten Augenblick der Platte, wenn das massive Grollen der Bassgitarren losbricht, welches einem auditiven Erdrutsch schon sehr nahe kommt. Kurioserweise hat dieser Part übrigens auch Ähnlichkeit zum Outro von »Dub Me Crazy (Ver. 02)« der Boom Boom Satellites, deren Output ansonsten aber ziemlich wenige Gemeinsamkeiten aufweist.

Einzeln betrachtet mögen die Tracks, was ihre Struktur angeht, nicht unbedingt mit vielen Überraschungen gespickt sein, da sie häufig ähnlich aufgebaut sind. Jedoch, und das bietet sich bei diesem stiltechnisch so geschlossenen Album ohnehin an, sollte man »( 0 3 )« weniger als eine Aneinanderreihung von acht Musikstücken begreifen, zumal die Tracks ja auch nahtlos ineinander übergehen. De facto hat man es mit einem einheitlichen Ganzem zu tun, in dem einige Motive und Sounds wiederholt aufgegriffen oder bestimmte Ideen mehrfach variierend ausformuliert werden. Dass die letzten Minuten zum Beispiel wieder mit den beinah identischen Chords beschlossen werden, wie sie schon am Anfang des Werkes vorkommen, scheint dies zu bestätigen. Entsprechend wird die Mehrheit der Hörer vermutlich keine besonders ‚guten‘ oder ‚schlechten‘ Exemplare rauspicken wollen – entweder erachtet man die gesamte Umsetzung als gelungen oder kann der Prämisse andererseits einfach nichts abgewinnen. Ein Wohlfühlkurs, so viel ist sicher, wird hier über die vollen 63 Minuten definitiv nicht eingeschlagen. Die Musik präsentiert sich frei von jeglichem unnötigen Schnörkel, nicht aber ohne Finesse, denn ihre texturalen Nuancen offenbaren sich bisweilen erst bei genauerem Hinhören.
[ B O L T ] zeigen mit ihrer dritten LP, dass sie dem internationalen Vergleich standhalten und liefern bei aller Konsequenz weitaus mehr als nur vordergründiges Getöse, um unterversorgte Tieftöner an die Belastungsgrenzen zu bringen.

Tracklist:
01. [ 1 5 ] – Beginning 
02. [ 1 1 ] 
03. [ 1 4 ]
04. [ I N T E R L U D E ]
05. [ 0 1 ] 
06. [ 1 9 ] 
07. [ 2 6 ] 
08. [ 1 5 ] – End

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