Highlights 2014: Top-Alben

Ganz ehrlich: Niemand mag frühe Jahresrückblicke, die einem schon Anfang Dezember allerorts aufgedrängt werden. Deswegen… na gut, auch wegen anderer Gründe, kommt mein Highlight-Ranking für 2014 auch später als alle anderen! Wie schon im letzten Jahr gilt natürlich auch diesmal das Credo: Vollständige oder objektive Bestenlisten gibt es nicht, sie bleiben stets Ausschnitte ohne Universalitätscharakter – eine persönliche Selektion nach individuellen Kriterien. Und trotzdem fiel es mir diesmal sogar schwer, eine für die eigenen Maßstäbe zufriedenstellende Rangliste zu kreieren.

2014 erschien mir in musikalischer Hinsicht nämlich in der Spitze sehr dicht gestaffelt, nur wenig hat sich daher wirklich für eine ‚Ehrung‘ aufgedrängt. Zwar gab es durchaus viele gute und sehr gute Alben, jedoch kaum besonders hervorstechende, brillante, mitreißende Werke, die meine subjektiven Knöpfchen zu drücken wussten. Oder lag es vielleicht an enttäuschten Erwartungen? Manche mit Vorfreude erwartete Alben gestandener Künstler konnten ihre Vorschusslorbeeren letztlich nicht ganz einlösen.

Beherrscht wurde das Jahr indes vor allem von Ambient- und Drone-Klängen, ätherisch-umwasserten Rock-/Pop-Formationen sowie ‚Hauntologen‘-Techno – es ist, als lege sich ein nebulöser Schleier um den Musikbetrieb unserer Zeit –, wohingegen viele bekannte Post-Rock-Bands solide Alben ohne größere Neuerungen nachlegten. Das Ranking haben diese Trends aber nicht unbedingt dominiert. Alles in allem war es ein knappes Rennen an der Spitze, mit vielen Anwärtern auf einen Startplatz, aber keinen echten Titelfavoriten. Nur eines kann ich vorab versprechen, Coldplay oder Kraftclub sind garantiert nicht darunter!


Platz 10: Hauschka – Abandoned City

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Volker Bertelmann holt den Hörer mit eingängigen Akkordfolgen seines präparierten Pianos ab, bietet dahinter aber eine organische Atmosphäre, welche dank einfallsreicher Klangquellen in seinen besten Momenten eine überraschende Tiefe auszuloten weiß. Unprätentiöse Musik, die aber nie langweilig wird oder unterfordert. Zwischen neugierig und vorsichtig, hoffnungsfroh und melancholisch oszillierend, hat »Abandoned City« viele Gesichter, doch Hauschka weiß ganz genau wohin es geht – und so folgt man ihm nur zu gerne.

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Platz 9: Oyaarss – Zemdega

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Postmodernes Sperrfeuer für aufgeschlossene Geister und schräg gesonnene Audioästheten, das einen zwar nicht ganz so uneingeschränkt vom Sessel bläst wie noch seine Vorgänger, aber trotzdem eine Fülle um-die-Ecke-gedachter Frickeleien, erstklassig produzierter Hybridkompositionen und Momente fulminanten poetischen Krawalls zu bieten hat. Da trifft ‚neu-klassischer‘ Klavierminimalismus schon mal auf brutales Computerbeatgewitter oder türmen sich dystopische Glitch-Gebilde in ungeahnter Post-Rock-Manier zu emotionalen Höhepunkten auf – diese Musik baut Verknüpfungen dort auf, wo man sie kaum für möglich gehalten hätte.

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Platz 8: Kamikazes – Kleiner Vogel

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Es ist kalt und trostlos auf der Außenseite der hiesigen Raplandschaft und dennoch halten Mythos und Antagonist hier wacker die Stellung. „Zurück aus der Versenkung“, bewegt sich ihr Sprechgesang im fein austarierten Spannungsfeld zwischen kämpferischem Gestus gegen die Obrigkeit sowie der ihr hörigen Massen auf der einen Seite und bitterer Ohnmachtserkenntnis, der wiederum nur mit Verdrängungsreflexen entgegnet werden kann, auf der anderen. Es geht um illusionäre Freiheit, zwischenmenschliche Beziehungen – insofern ein typisches Kamikazes-Album, nur eben lyrisch und musikalisch/produktionstechnisch viel ausgefeilter, komplexer und doppelbödiger. Hier wird nichts glorifiziert, man muss nur genauer hinhören und entschlüsseln. Kein Wunder, dass solch desillusionierende Lines eher träge und zäh dahinfließen.


Platz 7: Vessel – Punish, Honey!

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In Zeiten musikindustrieller Fließbandware mit all ihren austauschbaren Readymade-Bands und Preset-Producern, die als ‚Indie‘ verkauft werden, führt Vessel den ursprünglichen Industrial-Gedanken ad absurdum, in dem er sich kurzerhand aus Schrott und Gebrauchsgegenständen eigene Musikinstrumente bastelt. Nein, das ist nicht rückwärtsgewandt, sondern im Ergebnis einer der originellsten Longplayer des letzten Jahres. Und wegen seines enormen Könnens ohne wenn und aber auch eine echte musikalische Offenbarung!


Platz 6: Lawrence English – Wilderness of Mirrors

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Atmosphärenmusik zu beschreiben, ist eine tägliche Herausforderung, an der ich regelmäßig scheitere. Und so stehe ich auch diesmal ratlos vor diesem Monolithen von einem Werk, das der Australier namens English auf die Menschheit losgelassen hat. Tiefschwarze, sich bewegende Massen; grelle Lichtsäulen, die sich in die Iris einbrennen bis zur vollständigen Blindheit; ein dunkler Strudel, in dem man hinabgezogen wird. Hintergrundbeschallung? Mitnichten! Dieses Meisterstück erfordert die volle Aufmerksamkeit, um seine immersive finstere Kraft und all die kompositorischen Feinheiten preiszugeben.


Platz 5: Aphex Twin – Syro

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Aphex bleibt Aphex, klang aber selten so poppig und beschwingt. Klar, einen Innovationspreis gewinnt Richard James damit nicht – das war aber auch nie der Plan! »Syro« ist, wie er selbst sagt, der Abschluss einer Ära der unveröffentlichten Tracks; eine Maßnahme, um Ordnung im überfüllten Archiv zu schaffen und die jahrelang perfektionierten Stücke endgültig fertig sein zu lassen. Dazu hat James aus einer Unmenge von angehäuften Tracks, die er mithilfe seines mittlerweile mehr als hundert Exemplare umfassenden Synthie-Fuhrparks gezimmert hat, eine beeindruckend kohäsive Auswahl zusammengestellt. Für seine Verhältnisse sind das ruhige und gelassene Sounds. Mal humorig zirpend und flatulierend, wenige Sekunden später dann wieder absolut bewegend und Gänsehaut-evozierend, bleibt seine Beatkunst eine musikalische Wundertüte. Willkommen zurück, Richard.

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Platz 4: Swarm Intelligence – Faction

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Asche regnet vom Himmel, Städte liegen in Trümmern. In den Resten alter Bunkeranlagen sucht man Schutz vor einschlagenden Granaten, die mit ihren Detonationen das rissige Gemäuer immer wieder zum Beben bringen und von Mal zu Mal weiter zermürben. Entkräftet wagt man sich bei Feuerpausen in die Kälte und findet auf der Suche nach Essbarem nur marode Fabrikhallen vor, in denen von Rost zerfressene Maschinenkolonnen stoisch und autonom vor sich hin lärmen: das klirrende Hämmern von Metall auf Metall, Schleifgeräusche, dumpf vibrierende Motoren. »Faction« liefert den Stoff, aus dem postapokalyptische Kriegsalpträume gemacht sind. Industrial Bass Music und Rhythmic Noise in Vollendung – großkalibrig, tiefgängig und von schauderhafter Intensität.


Platz 3: The Future Sound of London – Environment Five

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Die IDM-Pioniere segeln in der öffentlichen Wahrnehmung mittlerweile so tief unter dem Radar, dass man sie fast wieder als Geheimtipp bezeichnen könnte – was ihrer Größe und Relevanz jedoch keinesfalls gerecht würde. »Environment Five« ist mehr als nur das erste ‚richtige‘ neue Album seit vielen Jahren, es zeigt auch zwei Künstler auf der Höhe ihres Schaffens. Vielseitig wie nie zuvor, kommen die 52 Minuten wie ein Querschnitt durch die FSOL-Diskographie daher, der mit den alten Meisterwerken ebenbürtig ist. Konzeptuell zwar ein Werk über den Prozess des Sterbens, kann man sich tatsächlich aber kaum ein lebendigeres Album vorstellen, schließlich kommen hier alle nur erdenklichen Gefühle, Farben und verschiedene Stilelemente zusammen, die von Ambient- und Electronica- über Jazz- bis hin zu (post-)klassischen Einflüssen reichen – beisammengehalten durch einen ausgefeilten erzählerischen Rahmen.

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Platz 2: The Body – I Shall Die Here

The Body - I Shall Die Here (Cover)

Die vielleicht interessanteste Kollaboration des Jahres: Wenn sich Grusel-Soundarchitekt The Haxan Cloak und das Avant-Metal-Duo The Body zusammentun, entsteht daraus der Soundtrack für jene, die es wagen, einen Blick in die eigenen Abgründe werfen oder mit ihrem Dasein auf diesem Planeten längst abgeschlossen haben. Tödliche Basswellen, aufwühlende Samples, markerschütterndes Kreischen und andere Finessen der grauenerregenden Klangraumgestaltung lassen die letzten Umtriebe von Sunn O))) und Partnern im Vergleich geradezu wie eine Kindergeburtstags-Jamsession wirken. Der dröhnende, perfekt konstruierte Audioterror auf »I Shall Die Here« ist aber niemals selbstzweckhaftes Schockprogramm, sondern Artikulation schwerer existentieller Krisen, tiefster Verzweiflung und seelischer Isolation – unberechenbar, schmerzvoll und bisweilen grausam wie das Leben selbst.

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Platz 1: Ben Frost – A U R O R A

Ben Frost- AURORA Cover

Ben Frost gräbt in Schichten aus Lärm und bringt Unglaubliches zum Vorschein. Wenn es ein auditives Äquivalent zu Kubricks »2001« geben sollte, dann hat der Australier es der Welt gebracht – ohne Witz! Ein außergewöhnlicher Trip in Lichtgeschwindigkeit durch Raum und Zeit. Wo Molekularteilchen kollidieren, Atomkerne zerbersten, Laserstrahlen als Anhäufung einzelner Partikel sichtbar werden. Angetrieben von hämmernden Bolzen, rostigen Zylindern und überdimensionierten Turbinen geht es dem Materiesturm entgegen, während sich Neonfarben ihren Weg durch den dunstigen Maschinenraum bahnen. Wie Frost seinen energetisch aufgeladenen Krachkompositionen ein erstaunliches Facettenreichtum abringt, harschen, ölig triefenden Noise mit ultraviolett schimmernden Melodiemomenten so mühelos wie außergewöhnlich vereint und das Ganze in unbestechlicher Dynamik inszeniert, raubt schlichtweg den Atem. „It’s about light pushing the dark away”, wird das Konzept vom Künstler selbst zusammengefasst. Doch es lässt es nicht wirklich beschreiben, man muss es hören und fühlen. Dieses Album ist nicht weniger als ein Naturereignis, das die Sinneswahrnehmung in bislang nicht für möglich gehaltene Bereiche erweitert. Science. Fiction. Kopfkino par excellence.

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…und die waren auch noch ziemlich gut:


Zuletzt geht die Frage an die Leser: Was hat gefehlt? Was gehört hier auf keinen Fall rein? Wie schätzt ihr das Jahr 2014 musikalisch ein, d.h. hat es euch gefallen oder eher gelangweilt?

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  1. Highlights 2014: 25 herausragende Musikstücke | UnSoundaesthetics
  2. Highlights 2015: Die besten Alben | UnSoundaesthetics

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