Highlights 2015: Die besten Alben

Und schon wieder eine Bestenliste! Überall tauchen sie auf, besonders am Jahresende, von den kleinsten Blogs bis zu den reichweitenstärksten Magazinen, alle bombardieren sie die Welt mit ihren inflationären Rankings. Da reiht man sich doch nur zu gerne ein, jedoch durfte die folgende, durchaus wohl überlegte Auswahl immerhin mehr als einen Monat lang heranreifen, um sich nun drastisch verspätet, aber …nennen wir es mal…  einigermaßen vollendet zu präsentieren, sofern dies überhaupt möglich ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen stellt sich ein gewisser Déjà-vu-Effekt ein, deswegen sei auf die Einleitung des letzten Jahres verwiesen und an dieser Stelle nur kurz angemerkt, dass es bei der schieren Menge an veröffentlichter Musik einfach unmöglich ist, ihr in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Denjenigen, die das hier lesen, wurde die Qual der Wahl damit hoffentlich ein wenig aus der Hand genommen. Vielleicht sagt die Selektion der Titel aber auch mehr über die Person aus, die sie vorgenommen hat, als über das Musikjahr 2015 – wer weiß das schon?

Fest steht hingegen – um ein bisschen Pathos in die Sache zu bringen –, dass Musik eines der wenigen Bollwerke gegen die Unannehmlichkeiten der Existenz darstellt und gleichzeitig, sofern sie mehr als bloße Ablenkung sein möchte, trotzdem in jene Realität eingebunden, also nicht vom Leben abgekoppelt ist. Das einleitende Geschwafel beschließe ich also in der Überzeugung, dass die unten gelisteten Alben dies gerade bewerkstelligen, indem sie der faden Mittelmäßigkeit und Austauschbarkeit entsagen und zum Kern der Dinge hervordringen.


Arca – Mutant

Arca - Mutant

Alejandro  Ghersi hat auf seinem zweiten Album schwerst definierbare, atemraubende Klanggebilde geschaffen, deren Logik sich nicht immer sofort erschließen lässt. Digitale Zerrbilder, äußerst fremdartig und doch auf beunruhigende Weise vertraut. ‚Queer‘, aber nicht nach stereotypischer Vorstellung, sondern tatsächlich schräg, sich der Norm entziehend, korrespondiert der entfesselte Soundausdruck mit einer sehr persönlichen Auseinandersetzung des Künstlers mit Geschlechterbildern, welche dadurch in einer universelleren Ebene der Artikulation aufgeht. Ordnung, so denn sie hier aufkommen mag, zerfällt ein ums andere Mal in ihre Einzelteile, die sich neu formieren oder im virtuellen Raum einfach auflösen. Strukturen sind hier variabel wie unsere zunehmend fluiden Identitäten. Die Verfremdungsästhetik, die sich durch Arcas musikalische Mutationen hindurchzieht, kann bisweilen irritieren und verstören, doch sie geht unter die Haut und provoziert nicht weniger als die Frage, was Menschsein und Leben heute, morgen und möglicherweise in ferner Zukunft eigentlich ausmacht. Sind wir nicht alle ein bisschen abnormal? .


A Wake A Week – Twelve Days

A Wake A Week - Twelve Days

Ein Geheimnis liegt über diesen leisen Klängen. Eines, das nie preisgegeben wird. Selbst nachdem der letzte Ton verhallt ist, bleibt es weiter verborgen hinter Nebel, Regen und – von ein paar hintergründigen Sprachfetzen abgesehen – beharrlichem Schweigen. Dave Dando-Moore, der auch unter dem Pseudonym Detritus produziert, versteht es meisterhaft, den Hörer konsequent im Unklaren zu lassen und ein dennoch rundum ergiebiges Hörerlebnis zu erzeugen. Ein Lehrstück in puncto Subtilität, bei dem nachklingende Klaviertöne, kaum wahrnehmbare Synthflächen, Low-end-Brummen und Field Recordings in der genau richtigen Balance zueinander gefunden haben.


Chelsea Wolfe – Abyss

Chelsea Wolfe - Abyss

Die so beliebte Singer/Songwriter-Sparte findet auf diesem Blog aus gutem Grund nicht allzu häufig Gehör – zu lang ist zur Zeit leider die Liste an rührseligem Herzschmerz-Geleier und pseudo-nachdenklichen Belanglosigkeiten (nur meine zwei Cents, versteht sich). Doch Chelsea Wolfe war schon immer anders als viele ihrer auf seichtem Warteschleifen-Niveau musizierenden Kolleggen. Wo die meisten sich mit leicht verdaulicher Beliebigkeit zufriedengeben, schaut sie hinab in tiefe Abgründe, vertont Zustände der Verlorenheit und Hilflosigkeit in eindringlichen Szenarien, statt bloß ihre Zeilen instrumental zu begleiten. Ähnlich wie damals in Trent Reznors Abwärtsspirale wird das Ausdrucksspektrum generischen Songwritings um einige durchaus abseitige Facetten erweitert. Dafür müssen dann schon mal verzerrte Loops, bleischwere Sludge-Gitarren und dissonantes Alptraumgeklimper herhalten. »Abyss« bietet dabei bemerkenswert stilsicheren Bombast und großes Drama, das trotz seines morbiden Einschlags immer noch klar als Rock/Pop identifizierbar ist. Ein Spagat, wie er selten gelingt.


Oiseaux-Tempête Ütopiya?

Oiseaux-Tempête – Ütopiya

Wäre alles ganz normal verlaufen, dann hätte an dieser Stelle sicher der letztjährige Output von Godspeed You! Black Emperor gestanden. Weil dieser jedoch wider Erwarten nicht so wirklich  eingeschlagen ist, konnte sich stattdessen dieses Kleinod still und heimlich in die Top10 schieben. Gute-Laune-Rock geht zwar anders, doch diesen hatten Oiseaux-Tempête sehr wahrscheinlich nicht im Sinn, dafür ist die Lage derzeit zu ernst. Ihre spröden Instrumentalwüsten bevölkern trübselige Darkjazz-Gewächse ebenso wie schmutzige Psychedelic-/Shoegazer-Riffs, die nicht selten zu vernichtenden Stürmen heranwachsen. Spoken-Word-Performances sowie TV-Nachrichtenschnipsel, Straßenaufnahmen und eine Vielzahl anderer Samples sind dabei zuverlässige Stimmungslieferanten und deuten zudem auf das ambitionierte Vorhaben, eine Reflektion des Zeitgeschehens gleich mitzuliefern.


Prurient – Frozen Niagara Falls

Prurient-Frozen Niagara Falls

Noise/Power Electronics lotet die Grenzen dessen aus, was viele Leute als Musik empfinden. Umso erstaunlicher ist, dass dieser Sektor trotz seiner unüberhörbaren Extreme in letzter Zeit mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhält. Einer der Protagonisten war und ist Dominick Fernow mit seinem Solo-Projekt Prurient – und das wird sich dank des herausfordernden wie vielseitigen Doppelalbums »Frozen Niagara Falls« so schnell wohl nicht ändern. Kreischendes Feedback, Knirschgeräusche und schrille Pfeiftöne sind erwartungsgemäß vorhanden, das Bestechende ist aber die atmosphärische Dichte, die das dreckig-poetische 90-Minuten-Werk fest umklammert. Fernow zeichnet ein finsteres, hässliches und gramgebeugtes Bild von New York, das in eine Reihe mit Molochillustrationen wie Finchers »Se7en«, Ellis‘ »American Psycho« oder Rilkes »Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« zu stellen ist. Dass der gewohnte Lärmkatalog hierfür um gegensätzliche Einflüsse aus Darkwave, 80er-Synthie-Scores und sogar Folk ergänzt wurde, lässt manchen Die-Hard-Fan zwar Sell-Out schreien, gibt den Noise-Exzessen im direkten Kontrast aber nur noch mehr entmenschlichte Brutalität.


Rafael Anton Irisarri – A Fragile Geography

Rafael Anton Irisarri – A Fragile Geography

Wo Worte versagen, da muss die Sprache der Musik vermitteln. Das mag nach einer kitschigen Binsenweisheit klingen, fühlt sich aber selten so richtig an wie im Falle von Rafael Anton Irisarris neuestem Album. Umgekehrt ist damit ebenso klar, dass jeder Versuch, »A Fragile Geography« zu beschreiben, seinem Gegenstand unweigerlich Gewalt antut. Schließlich erscheinen seine überwältigenden Soundscapes weniger einfach nur komponiert, als aus unzähligen Schichten purster Emotionen gewoben. Hört man sie, wird man erfasst von einem diffusen Vergänglichkeitsgefühl, Verlustschmerz und quälender Ungewissheit. Ein tieftrauriges und aufwühlendes Werk, das an seinem verdunkelten Horizont allerdings auch dezente Hoffnungsschimmer zum Vorschein bringt. Life goes on… somehow.


Squarepusher – Damogen Furies

Squarepusher - Damogen Furies (Cover)

Ja, es gibt ein paar heikle Momente auf Squarepushers neuer Scheibe, bei denen sich entweder das vermeintliche Tabuwort ‚Festival-EDM‘ zu sehr aufdrängt oder aber die allzu süßlichen Cure-Gedächtnismelodien des Guten wirklich zu viel sind. Erfreulicherweise steckt in »Damogen Furies« jedoch etwas anderes als die naheliegende Überführung von Rockismen und Drop-Kirmes in die alternative Computermusik. Tom Jenkinson geht vielmehr weiter stur seinen eigenen Weg des elektrifizierten Wahnsinns. Konsequent bleiben heißt seinem Fall natürlich irgendetwas anders zu machen als bisher. Klar, das Klangbild ähnelt mitunter dem Vorgänger »Ufabulum«, allerdings glaubt man hier viel weniger die minutiöse Programmierung herauszuhören als improvisiert anmutende Cyberjazz-Attacken. Auf jeden Fall steht alles mächtig unter Strom. Mit dieser launigen, mutwilligen Zerstörung musikalischer Gemeinplätze legt Jenkinson eines seiner bisher krawalligsten und zugleich wohl eingängigsten Alben hin.

 [⇒ zum Review]


Swarm Intelligence Rust

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Im Folgejahr des exzellenten »Faction«-Albums, konnte Simon Hayes  mit »Rust« ein Release nachlegen, das seinem Vorgänger in nichts nachsteht. Der Swarm Intelligence-Sound ist unverkennbar vorhanden, doch diesmal geht es noch tiefer in Industrial-Gefilde – und zwar buchstäblich. Die Aura von ‚Lost Places‘ prägt das garstige Klangbild, denn der Wahlberliner verarbeitete hier seine zahlreichen Tonaufzeichnungen von Industrieruinen, maroden Altbauten und vergleichbaren Überresten moderner Kultur. Das Resultat ist phänomenal: Metallische, schleifende und surrende Geräusche gehen verblüffend organisch in die musikalische Textur ein, ohne dabei ihre Identität oder ihren schroffen Charakter einzubüßen. Dabei entstehen unverhoffte Momente desolater Schönheit. Ein Meisterstück über die Architektur des Verfalls.


Vainio & Vigroux – Peau Froide, Léger Soleil

Vainio & Vigroux - Peau Froide, Léger Soleil

»Peau Froide, Léger Soleil« heißt übersetzt so viel wie „Kalte Haut, sanfte Sonne“ und erkundet vor allem elektronische Klangräume und extreme Dynamiken. Klingt irgendwie unsexy? Wer die sekundenschnellen Metamorphosen von unheimlicher Fast-Stille zu fettestem Distortion-Glitch am eigenen Leibe erfährt und sich von humorlosen, scharfkantigen Sägezahnwellen den Schädel erodieren lässt, der wird sein Urteil schnell revidieren. Die Platte ist halt nur eben was für welche, die es gern hart, kompromisslos und ohne Streicheleinheiten mögen. Bässe, Beats, Stabs,… jedes Soundmolekül ist so unterkühlt wie die Herzen der BILD-Redakteure. Mal wähnt man sich allein in einer verlassenen Raumstation, ein anderes Mal im Inneren eines kaputten Computers. Der unbändigen physischen Energie kann man sich nicht erwehren, doch das Sounddesign ist nicht nur enorm einnehmend, in ihm stecken auch eine Menge intrikater Details.


Vessels – Dilate

Vessels - Dilate CD Cover

Weiter, immer weiter und bloß nicht stehen bleiben: Neuerdings vereinigen Vessels üppige Klangfülle mit erfrischender Geradlinigkeit. Die Bandmitglieder hatten sich ja bis vor kurzem noch regelmäßig Gitarren umgeschnallt, tummeln sich mittlerweile aber lieber vor den Laptops. Ihrem unaufhaltsamen Vorwärtsdrang kommt das nur entgegen, genauso wie die spektakulären Aufs und Abs ihrer Post-Rock-Wurzeln im Dance-Kontext zur absoluten Blüte reifen. Beat für Beat, Layer für Layer mausert sich »Dilate« immer mehr zum schillernden Electro-Feuerwerk. Alles fließt, jedes Puzzleteilchen passt perfekt zusammen. Ekstase, Puls 180. Mission accomplished.

[⇒ zum Review]


…und die waren auch noch ziemlich gut:


An die Leser: Was hat gefehlt? Wer gehört hier auf keinen Fall rein? Wie immer sind zahlreiche Kommentare gern gesehen!

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  1. Highlights 2016: Die besten Alben | UnSoundaesthetics

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