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Review: SHXCXCHCXSH – SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs [2016]

SHXCXCHCXSH - SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs| Erschienen bei Avian (2016) |

Als die sogenannte ‚Witch House‘-Welle Anfang der 2010er das World Wide Web heimsuchte, erlebten mit ihr bislang kaum beachtete Sonderzeichen einen unerwarteten Popularitätsschub. Okkult angehauchte Symbolketten mit Dreiecken, Petruskreuzen etc. schmückten die Namen unzähliger obskurer D.I.Y.-Musikacts, die auf Videoportalen, Social Media-Plattformen und Blogs von sich reden machten, so manchen Suchmaschinen-User indes zur Verzweiflung trieben (unvergessen: ///▲▲▲\\\).

SHXCXCHCXSH haben mit Witch House übrigens gar nichts am Hut, dennoch pflegt das Producer-Duo, dessen Pseudonym sich so wunderbar leicht einprägen lässt, seit ihrem Erscheinen auf der musikalischen Landkarte ein ähnliches Faible für Geheimniskrämerei und ungewöhnliche Codierungen, nur dass sie bei ihren kryptischen Betitelungen mit den Buchstaben des lateinischen Alphabets auskommen. Stilistische Alleinstellungsmerkmale muss man in ihrem unverwüstlich schubbernden, von der Kritik zu Recht begeistert aufgenommenen Experimental-Techno nicht lange suchen. Da wähnt man mit dem Klopfen der Bass Drum auch den von den perforierten Kellerwänden splitternden Beton in der Aufnahme wiederzufinden, und imaginiert das moderne Soundsystem, auf dem das Ganze abgespielt wird, inmitten einer Armada rustikal aus der Zeit gefallener Gerätschaften, die es mit schwer arbeitenden Antriebsmechanismen am Laufen halten. Der drückend-repetitive Grundcharakter behält auch angesichts stetiger Transformationen seine Dringlichkeit; ebenjene paradox wirkende Dynamik erschafft aus monolithischen Arrangements atmende, wenn auch stoische Kreaturen, die die eigentümliche Faszination der früheren Releases ausmachen.
»Linear S Decoded« gab sich in der Folge nicht nur schriftsprachlich erstmals auskunftsfreudiger, auch der Sound wurde einerseits zugänglicher und melodischer, aber glücklicherweise sogar noch variantenreicher. Kurzum: den Skandinaviern war genreübergreifend eines der besten Alben des Jahres 2014 gelungen.

Also was nun, wird der geheimnisvolle Schleier mit dem dritten Album endgültig gelöst? Und schlägt man diesmal vielleicht sogar einen Weg ein, an dessen Ende ein Schild mit der berüchtigten Aufschrift ‚Pop‘ aus der Ferne erkennbar sein wird? − Nein und nein. Das Werk mit dem mindestens so kompakten wie ausdrucksstarken Titel »SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs« ist im Ganzen wieder merklich reduzierter, schroffer und abstrakter ausgefallen. Auch die auf dem Coverbild platzierte Trackliste sorgt nur bedingt für mehr Verständlichkeit. Die Anzahl der Buchstaben nimmt also von Titel zu Titel exponentiell zu, schön und gut, doch lässt sich daraus keine Verbindung zum Gehörten ausfindig machen. Hypnotische Loops, befremdende Stimmbearbeitungen oder zerfurchte Texturen erwarten den Hörer dagegen allerortens. Mal sind die Tracks ätherischer, mal eher am Beat orientiert, doch wenn man ehrlich ist, werden diese Unterscheidungen beim Hören des Albums mit zunehmender Laufzeit immer hinfälliger. Tauchen gleichmäßige Rhythmen häufig auf, so sind sie doch nie wirklich catchy, treibend oder gar tanzflächenkompatibel, zumindest nach konventionellen Maßstäben besehen. Drums schrappen und knirschen eher beschwerlich dahin oder verhallen einsam in Zeitlupentempo. Feierwütige Konsumenten holt man anders ab, so viel ist mal sicher.

Bei 15 Titeln auf 54 Minuten Spielzeit ist die durchschnittliche Tracklänge entsprechend knapp bemessen. Die durchaus zahlreichen Zwei- bis Vierminüter können innerhalb dieses begrenzten Zeitrahmens natürlich keine größeren Build-Ups und Veränderungsprozesse durchexerzieren, wie es etwa bei Track #6 der seltene Fall ist. Tatsächlich gehen ein paar solcher Exemplare eher als Skizzen oder Interludes durch. Der Experimentierfreude tut das natürlich wenig Abbruch, stellt diese Form der Reduktion schließlich einen neuen Aspekt im Vorgehen der öffentlichkeitsscheuen Schweden dar. Einige der bereits erprobten Zutaten haben indes wieder ihren Weg hinein gefunden, seien es Anleihen dubbiger Raumkonstruktion (#3, #8), Acid-inspirierte Modulationen (#6) oder famos garstiges Industrial-Gerumpel (#5, #11). Verblüffenderweise erinnert die Schlussphase des Albums (#14, #15) an die perkussiveren Ausflüge von Glitchscape-Großmeister Tim Hecker, was im gleichen Zug demonstriert, wie weit nach außen das Experimentierfeld mittlerweile ausgedehnt wurde. Es kreuzen also an den Randgebieten mitunter fremde Spuren ihre Pfade und doch befindet man sich als Hörer unverkennbar im Territorium von SHXCXCHCXSH, wo jedoch selten zuvor ein so kaltes und unfreundliches Klima vorherrschte. Von dort geht eine fremdartige Präsenz aus, die achtlose Durchreisende barsch zurückweist, aufgeschlossene Entdeckerseelen jedoch bald in ihren Bann zu schlagen weisSsSsSsSsSsSsSsSsSs…

Tracklist:
01. Ss
02. SsSs 
03. SsSsSs
04. SsSsSsSs
05. SsSsSsSsSs
06. SsSsSsSsSsSs
07. SsSsSsSsSsSsSs
08. SsSsSsSsSsSsSsSs
09. SsSsSsSsSsSsSsSsSs 
10. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
11. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
12. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
13. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs
14. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs 
15. SsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSsSs

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