Review: Vatican Shadow – Media In The Service Of Terror [2016]

Vatican_Shadow-Media_in_the_service_of_terror-cover-660x660| Erschienen bei Hospital Productions (2016) |

Dass wir unser gesamtes Wissen über die Welt aus den Massenmedien beziehen, wie es ein gewisser Gesellschaftstheoretiker (ausgerechnet aus Bielefeld) mal erkannt haben wollte, ist längst zum vielzitierten Sinnspruch geworden. Zumindest, wenn man diesen auf das Zeitgeschehen und weltpolitische Zusammenhänge der jüngeren Vergangenheit verengt, lässt sich seine Gültigkeit nur schwer in Abrede stellen. Im ähnlichen Maße, wie wir uns der Abhängigkeit von jenen Informationsquellen bewusst geworden sind, erscheint wiederum die Annahme, dass Medien ihre eigene Wirklichkeit erzeugen beileibe nicht mehr wie mehrheitsfernes, abwegiges Geschwafel einiger ‚postmoderner‘ Intellektueller. Wie gesunder Zweifel bei entsprechendem Nährboden und mangels Differenzierungsvermögen in fundamentalen Irrsinn umschlagen kann, zeigt sich ja dieser Tage symptomatisch im Boom von Verschwörungstheorien und unreflektiert-generalisierendem Medienbashing. Unbestreitbar ist es aber für den Einzelnen verdammt schwer geworden, wenn nicht immer schon unmöglich gewesen, alle Informationen aus erster Hand zu erlangen und zu überprüfen, geschweige denn sich angesichts ihrer komplexen Verflochtenheit einen befriedigenden Überblick der Geschehnisse auf dem Planeten zu verschaffen.

Dominick Fernows Nebenprojekt Vatican Shadow nimmt sich dieser Unübersichtlichkeit und schieren Undurchdringlichkeit an, welche kennzeichnend ist für ein globalisiertes, vernetztes Zeitalter, in dem wir zwar mit Informationen überflutet werden, zugleich aber nicht ganz grundlos den ständigen unangenehmen Verdacht hegen müssen, dass gerade die entscheidenden Details uns verwehrt bleiben; und in dem wir trotz ihrer Omnipräsenz oft den gleichen, zumindest aber zum Verwechseln ähnlichen und daher quasi austauschbar gewordenen Medienbildern ausgesetzt sind. Es ist dieses alltägliche Durcheinander von Tickermeldungen, Schlagzeilen, Fotografien, Telepromptergefasel, Video- und Audioaufnahmen mit all seinen Implikationen, welchem durch das bruchstückhafte Spiel mit Artwork, Albentiteln und Trackbezeichungen in den Arbeiten Vatican Shadows entsprochen wird. Der eigentliche Kampf um Deutungshoheiten hingegen interessiert Fernow – und das ist lobenswert konsequent – allerhöchstens sekundär. Sein starkes Augenmerk auf den erwähnten außermusikalischen Komponenten (manch ein Klugscheißer spricht hier auch gerne von sogenannten Paratexten), kreisend um dieselben unscharf markierten, in ihrem Zusammenspiel zugleich enorm suggestiven Themenfelder (US-Militär, Geheimdienste, Naher Osten, Terrorismus, Religion,…), brachten dem Betreiber des renommierten Underground-Labels Hospital Productions – verbunden mit seinem unverschämt hohen Output – durchaus mal den Vorwurf ein, dass die Musik zunehmend zur Nebensache werde und die Idee des Projektes nun so langsam ausgereizt sei. Tracktitel wie »More of the Same« könnte man als polemischer Kritiker natürlich leicht zum überfälligen Eingeständnis von Ideenlosigkeit umwenden.

Tatsächlich stellt Fernow das Konzept über alle darin enthaltene Einzelelemente. Coverabbildungen zum Beispiel sind keine bloßen Dreingaben zur Audiospur, sondern integraler Teil der Gesamterfahrung. Die Soundcollagen dienen als eine Art auditiver Teppich, der den Schlagworten (etwa »Ziad Jarrah Studied Mathematics«), den entkontextualisierten Fotos und Textstellen, Ausdruck verleiht – und umgekehrt. Die Datenträger-Veröffentlichung von »Media in the Service of Terror« beinhaltet sogar eine Mini-Zeitung. Nach und nach zeichnet sich so ein rätselhaftes, unmöglich dechiffrierbares Mosaik aus den vielfältigen multimedialen Steinchen ab, die Fernow nebeneinander legt. Damit ist ebenso klar, dass sich die imaginative Kraft von Vatican Shadow gerade auch über einzelne Releases hinaus entfaltet, da mit jedem neuen Werk das Bisherige erweitert wird, ohne jemals so etwas wie den Eindruck des Vollständigen zu erreichen.

Der Urheber erliegt zum Glück nicht der Versuchung, das Chaos sinnhaft zu ordnen. Ganz anders als seine musikalische Inspirationsquelle Muslimgauze verfolgt Fernow außerdem keine (geo)politische Agenda. Weder sollen offizielle Narrative demontiert werden, noch die eine gültige Wahrheit aufs Brot geschmiert werden. Vielmehr wird dem Abnehmer ein beträchtlicher Vorstellungsraum eröffnet, in dem er assoziieren und darüber reflektieren kann, ob und wie Verknüpfungen zwischen den aus ihren Ursprüngen herausgelösten Bedeutungssplittern generiert werden können. Vor allem aber liegt der Reiz im Ausstellen des Ungewissen und Geheimnisvollen, das hier an die Stelle lückenloser Welterklärungsmodelle tritt.

Doch wie äußert sich diese Desinformationsstrategie konkret in der musikalischen Ausgestaltung? Bislang habe ich hier klarzumachen versucht, dass man die einzelnen Bausteine im Dienste des Konzeptes als untrennbar behandeln sollte. Dennoch möchte ich natürlich ein paar Worte über die ‚hörbaren‘ Aspekte verlieren. Wenig hitparadengerecht, wie man sich denken kann, dafür der Grundidee umso stärker verpflichtet, werden Song-Schemata genauso entschieden gescheut wie lineare narrative Verläufe, wenngleich hier und da mal Layer oder Patterns zwischenzeitlich erscheinen oder verschwinden. Eher technoider Tradition entsprechend, gibt es keine klaren Anfänge und Enden, kommen Übergänge zwischen den Tracks abrupt. Nimmt »Media in the Service of Terror« die Maximen der Repetition auch weniger ernst als manch ältere VS-Erscheinung, muss hier trotzdem von einer Absage an formale Geschlossenheit, dramaturgische Bögen und gewöhnliche Album-Kontinuität die Rede sein.

Knatternde Rhythmus-Skelette bilden dabei nach wie vor häufig den Fixpunkt der evokativen Loops, deren weitere Bezugslinien zu Ambient und Industrial weisen. »More of the Same« präsentiert sich dahingehend fast schon wie ein Dancefloor-Kandidat, den man sich mit ein wenig Fantasie aber durchaus auch in den Sets einschlägiger Berliner Clubs vorstellen könnte. »Ziad Jarrah Studied Mathematics« dagegen verfügt über ein deutlich weniger scharf konturiertes Beatgerüst. Hier werden atmosphärische Flächen und diskret knisternde Hi-Hat-Schleifen in feiner Regelmäßigkeit durch ferne Detonationen erschüttert. Das erfrischend kurze »Wherever There Is Money There Is Unforgiveness« rasselt sich durchsetzt von metallischen Geräuschen durch fabelhafte dreieinhalb Minuten. Und »Interrogation Mosaic« ist wieder so ein Lehrstück aus der Kategorie hintergründigen Gedankenkinos, wie sie die der geneigte Hörer liebgewonnen haben dürfte.

Dient Dominick Fernow das Pseudonym Prurient als Ventil für stark persönlich eingefärbte Noise-Exzesse, so verschwindet seine Person bei Vatican Shadow vollständig hinter dem Alias. Mysteriös ist denn auch das Attribut der Wahl für solche Musik, die einem das Gefühl verabreicht, geradezu endlos im Unklaren zu verharren, während sich das geistige Auge unweigerlich in Versuchen ergeht, den Blick über verschlossene Geheimdienstakten wandern zu lassen, konspirative Treffen mit dubiosen Mittelsmännern zu beäugen oder den unretouchierten Schrecken einer aschfahlen zerbombten Krisenregion zu Gesicht zu bekommen. Das Tappen im Dunkeln, in diesem Fall hat es jedenfalls Methode.

Tracklist:
01. Ziad Jarrah Studied Mathematics
02. More Of The Same
03. Take Vows
04. Wherever There Is Money There Is Unforgiveness
05. Interrogation Mosaic
06. Take Vows (The Inevitable Bitterness Of Life)
07. More Of The Same (Tunisia) 

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