Heute ist morgen ist vorgestern – Gefangen in der Retroschleife?

Im von mir nicht sonderlich geschätzten (aber das ist ein anderes Thema) Online-Mag Noisey, schrieb Joe Zadeh kürzlich einen Artikel über aktuelle Tendenzen und die Zukunft der Popkultur, der mich im Nachgang doch mehr beschäftigte als zunächst angenommen. Entgegen meiner Erwartungen war ich nicht auf einen weitere unsägliche, gewollt auf hip und jugendlich getrimmte Ansammlung von Fast-Food-journalistischen Phrasen gestoßen, sondern auf im Ansatz durchaus nachdenkliche Worte über eine kreative Sackgasse, auf welche die kontemporäre Musikkultur durch ihre pathologische Vergangenheitsfixierung in den 00ern zugesteuert wäre.
Er stützt sich dabei hauptsächlich auf die Überlegungen von Simon Reynolds („Retromania“), Kulturjournalist und bekannt für seine umfangreichen Chroniken und Analysen verschiedenster Musikszenen, und Mark Fisher („Ghosts Of My Life“), seines Zeichens scharfer Kritiker des Neoliberalismus. Thema ist bei beiden der kulturelle Stillstand als Ausdruck derzeitiger ökonomischer Krisenzustände. Popkultur habe jegliche Vorstellungen einer Zukunft verloren und könne folglich Gegenwart nicht mehr adäquat repräsentieren. Soweit also erst mal nichts neues.

Zadeh sieht diese Thesen konkret in der Musik des Jahres 2014 bestätigt. Kate Bush und Aphex Twin zum Beispiel würden im breiteren Konsens zur Zeit als die wichtigsten und einflussreichsten Akteure angesehen, dabei wären die aktuellen Beiträge der einstigen Parade-Innovatoren durch und durch nostalgisch. Zadehs Diagnose (bzw. die seiner Vordenker) wirkt hier für mich recht schlüssig. Die zwei erwähnten Künstler fallen nach wie vor durch individuelle Ästhetik und hohe künstlerische Bandbreite auf, operieren aber eben viel eher selbstreferentiell als progressiv. Daher ist es bezeichnend für die Branche in dieser Zeit, wenn gerade ihnen der Status von Zugpferden zugestanden wird – wie soll es denn dann nur um den Rest stehen? Musik heutzutage befindet sich gewiss in einer endlosen Referenzschleife. Man muss sich nur mal die ganzen etablierten ‚Indie‘-Bands anhören oder zahlreiche Newcomer, welche als ‚the next big thing‘ gehandelt werden… fast ohne Ausnahmen klingen sie hoffnungslos wie etwas, dass es in den 60ern, 70ern oder 80ern schon mal so ganz ähnlich gegeben hat. Rock hat sich seit Jahrzehnten nur marginal verändert. Auch Popstars wie Adele, Lady Gaga oder Amy Winehouse sind bzw. waren bis vor kurzem reine Retro-Erscheinungen. Im kommerziell angepassten EDM nähern sich die Vocals inzwischen wieder verdächtig dem Eurodance der 90er Jahre an. Und aus dem generell ziemlich verzweigten Metal-Sektor sind ebenfalls seit geraumer Zeit kaum wegweisende Neuerungen hervorgegangen. Weiterhin grassiert seit den 00er Jahren der Electroswing-Hype; eine Erscheinung, die sich direkt auf Spielarten der 20er und 30er Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts bezieht. Daft Punk trieben im vergangenen Jahr mit „Random Access Memories“ das ästhetische Konzept der Nostalgie sogar mit bisweilen fetischhaftem Nachbildungsperfektionismus auf einen vormals unerreichten Höhepunkt. Wenn man sucht, findet man noch viele andere Beispiele, die für eine solche Stagnation und Retro-Pluralismus unserer identitätslosen Zeit sprechen.

Ich habe Fishers und Reynolds Abhandlungen leider noch nicht gelesen, kenne ihre Thesen nur aus TV-Beiträgen, Zeitungsrezensionen oder anderen Sekundärquellen, jedoch scheint mir eines trotzdem wichtig zu betonen: Innovation, Fortschritt und Originalität sind als Begriffe nicht ganz unproblematisch, zumindest aber haftet ihnen immer etwas Ambivalentes an. Ihre eigentlichen Bedeutungen werden oft auch fehlinterpretiert oder die Wörter im falschen Zusammenhang gebraucht. Fakt ist, Kunst und Kultur bauen immer auf bereits Vorhandenem auf. Die genuine künstlerische ‚Neuschöpfung‘ ist ein altes Märchen, ähnlich wie eine sich um die Erde drehende Sonne. Der Rückbezug auf die Vergangenheit ist also zu gewissen Teilen unumgänglich. Es ist fast so wie mit der Mode: Irgendwann kommt alles wieder. Vielleicht ist also solch Kreislauf ein Stück weit der natürliche Lauf der Dinge.

Sicher werden Reynolds und Fisher dies bedacht haben, und noch wichtiger: Es gibt natürlich einen Unterschied zwischen bloßem uninspirierten Recycling und vergangenheitsbesessener Rückschau auf der einen Seite, und dem traditionsbewussten Modifizieren und Rekontextualisieren auf der anderen Seite. Die letzten wirklich tiefgreifenden, zukunftsweisenden Innovationen der Musikkultur gingen mit technischen Entwicklungen und soziokulturellen Umbrüchen einher: Es ist die Stilexplosion des Undergrounds in den 90er Jahren mit ihren futuristischen Spielarten wie Jungle, Trip Hop, Drum & Bass und Garage. Mit der Kommerzialisierung der Genres, der fortschreitenden Digitalisierung und dem endgültigen Durchbruch des Internets als Massenmedium sei dieser Zukunftsglaube wiederum zu Grabe getragen worden. Die vielversprechenden Potentiale der Technik kippen demnach sozusagen in ihr Gegenteil um. Die Macht der digitalen Archive, die gleichzeitige Verfügbarkeit aller popkulturellen Erzeugnisse aus unterschiedlichen Epochen, brächte die Kultur letztendlich zum Erlahmen. Es mache also heutzutage keinen Unterschied mehr, ob man sich auf Musik von vor 15, 30 oder 70 Jahren bezieht, denn die Zeitlichkeit wird praktisch aus den Angeln gehoben, die Vergangenheit verschwimmt zusehends und mit jeder weiteren Kopie-der-Kopie-der-Kopie, die als ‚next level shit‘ verkauft wird, werden Gestern, Heute und Morgen als Kategorien immer brüchiger; die Intervalle, in denen wechselseitige Bezugnahmen stattfinden, immer kürzer. Von daher ist es wohl kein Wunder, dass phantomhafte Figuren wie Zomby oder Burial ihr Unwesen in der aktuellen Bass Music treiben und durch die Jetztzeit-Brille wehmütig auf die Zukunftssmanie der Rave-Ära zurückblicken. ‚Hauntologische Musik‘ nennt man das in Anlehnung an ein Theorem von Derrida, wenn Musik sich ihrer Anachronismen bewusst ist und diese Desillusion in Form eines gespenstischen Schleiers im Werk Einzug hält.

Diese kulturpessimistischen Beobachtungen taugen durchaus, um die Post-9/11-Ära treffend zu charakterisieren, keine Frage. Es darf aber erlaubt sein, hier auch mal ein bisschen differenzierter hinzuschauen. Zum Beispiel stellt sich die Frage, ob der angeblich allgegenwärtige Retro-Wahn nicht teilweise auch ein Resultat von subjektiver Wahrnehmung ist, welche die randständigeren Neuerungen und Impulse übersieht. Es ist nun mal viel leichter, direkt den Teufel an die Wand zu malen und vorschnell den Untergang unserer Kultur herbeizureden. Wäre ja nicht das erste Mal. Man vergisst außerdem schnell, dass das 20. Jahrhundert viele Veränderungen gebracht hat. Dass nun für 15 Jahre mal relativ wenig Neues geschieht, ist in Anbetracht der gesamten Musikgeschichte bestimmt nicht so ungewöhnlich. Und auch ist nicht alles, was augenscheinlich eine Verbindung zur Vergangenheit durchblicken lässt oder diese nur thematisch verhandelt, auch zwangsläufig Ausdruck von Ewiggestrigkeit, Ideenarmut oder Gegenwartsverdrossenheit. Es lassen sich aus dieser Prämisse durchaus neue Ästhetiken gewinnen.

Klar, das eigentliche Problem sehen manche eher darin, dass es heutzutage einfach keine Utopien mehr gäbe, und damit auch keine Aussicht auf zukünftige Paradigmenwechsel in der Musik, welche die Künstler zum Experimentieren treiben würde. Hat die aktuelle Generation – bewusst oder unbewusst – vielleicht einfach die unangenehme Wahrheit erkannt, dass es diese schlichtweg nicht geben kann?

Paul Wolinski, Mastermind von 65daysofstatic, die man ohne Zweifel als eine der vorwärtsgerichtetsten Bands der 00er Jahre adeln muss, schrieb in seinem tollen Essay für Disquiet ebenfalls über diese Entwicklungen aus seiner eigenen Perspektive. In Mark Fishers kapitalismuskritischer Bestandsaufnahme kann er seine Befürchtungen wiedererkennen, lässt aber trotzdem auch andere Aspekte in seinem Text durchblicken. Hier gewinne ich eher den Eindruck, bei Wolinski schwingt nicht nur großes Unbehagen über die ‚Erosion‘ der Zukunft mit, sondern auch eine gewisse Akezeptanz dafür, dass eine große avantgardistische Illusion nun mal ihr berechtigtes Ende gefunden hat. Die Band hat mit der Zeit ihren naiven Fortschrittsanspruch abgelegt und verstanden, dass es alles quasi schon mal gegeben hat. Warum also noch den möglichen Trends von morgen hinterherjagen, wenn die übermorgen wieder von gestern sind? Mit ihrem letztjährigen Album wollte die Combo aus Sheffield nicht auf Biegen und Brechen etwas Neues und Revolutionäres schaffen, sondern mit größtmöglicher Hingabe ein gutes Werk hinlegen. „Wild Light“, ihre beeindruckende Antwort auf die Sinnkrise und Austauschbarkeit der heutigen Musik, klingt wie der seltene Entwurf einer tatsächlichen Gegenwart jenseits von Vintage-Hipsterism und blindem Revivaltum.

Links:
Joe Zadeh: Gefährdet die unbändige Nostalgie die Zukunft der Underground-Kultur?
Paul Wolinksi: Wrote Through Ghosts To Get Here: Ghosts Of My Life & Cultural Paralysis
Philipp Hindahl: Zurück in welche Zukunft? Mark Fishers Essayband “Ghosts of My Life”

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  1. #1 von Tina am 15. Oktober 2014 - 17:17

    Mhm ja gut. Wenn man sechs einfach mal rein logisch überlegt, isses natürlich so, dass aktuelle Musik auf schon Vorhandenem aufbaut. Ob dadurch aber unsere Popkultur stirbt, wage ich an dieser Stelle aber mal zu bezweifeln…..das ist immer noch eine sehr dramatische These wie ich finde…
    Liebe Grüße

    • #2 von unsoundaesthete am 30. September 2015 - 21:08

      Hallo Tina,
      beim Herauskramen des Artikels ist mir aufgefallen, dass ich damals irgendwie verpasst hatte, auf Deinen Kommentar einzugehen. Sorry, doch das hol ich jetzt nach 😉
      Zunächst einmal stimme ich deiner Aussage grundsätzlich zu – mit dem Hinweis, dass ich im Text ja gerade dieses Argument gegen die These der sterbenden Popkultur angebracht habe (und eben nicht als Grund für diese Entwicklung). Das Problem ist aber noch ein Stück komplexer: Simon Reynolds sieht hier zum Beispiel das Internet mit seinen quasi unerschöpflichen, mehr oder weniger frei verfügbaren Archiven als Ursache für die rückwärtsgewandte Beliebigkeit. Und Mark Fisher meint, durch den neoliberalen, kulturfeindlichen Kurs der letzten Jahrzehnte gäbe es kaum noch Schlupflöcher für unabhängige Künstler (Logik der Politik: Kultur zahlt sich nicht aus). Übrig bleibt nur die finanzstarke, aber blutleere Musikinsdustrie, die ohne den Untergrund naturgemäß nicht in der Lage ist, Innovatives hervorzubringen.

  1. Preview: Jean-Michel Jarre & Gesaffelstein – Conquistador | UnSoundaesthetics

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