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Review: NOISIA – Purpose [2014]

purpose-ep-cover_600x600[Erschienen bei VISION Recordings (2014) / Artwork by Nik and Khomatech]

Beflissene Hörer wissen längst, dass unsere westlichen Nachbarn nicht nur Käse, Tulpen, Weltklasse-Fußballspieler oder aberwitzige Trash-TV-Formate in den Rest der Welt exportieren. Seit mehr als einem Jahrzehnt schon beglückt das unter dem Namen NOISIA firmierende Dreiergespann aus Groningen Anhänger bassgewaltiger Musik rund um den Globus mit ihrer speziellen Form der akustischen Starkstrom-Therapie. Einen Namen unter Kennern hat man sich Mitte der 00er vor allem mit unorthodoxem Drum & Bass machen können, wie man es bis dato nicht zu hören bekommen hatte. Dass die kontinentaleuropäische Institution des neumodischen Neurofunk ausgerechnet aus Holland, immerhin Hochburg von kommerziellem Großraum-Trance, Jumpstyle und anderen geschmacklich grenzwertigen  Kuriositäten, stammt, darf man getrost als außerordentlichen Umstand bezeichnen. 2010 veröffentlichen die Niederländer, denen man nachsagt in eine einzelne Basslinie mehr Facetten unterbringen zu können als manch eine Band in der gesamten Karriere, mit „Split the Atom“ ihr durchaus bemerkenswertes Debütalbum, das ein zugänglicheres und stilistisch vielfältigeres Soundspektrum präsentierte. Zuletzt tat sich das Trio am ehesten mit ihrer Soundtrack-Arbeit für „DmC: Devil May Cry“ hervor, sowie mit dem Kollabo-Projekt I am Legion, das den Höhepunkt in der symbiontischen Arbeitsbeziehung mit Britanniens Foreign Beggars darstellt.

Wer aber gedacht hat, dass NOISIA nach Ausflügen ins Trap-, Electro-House- und Dubstep-Genre oder Kollaborationen mit Mainstream-Acts wie den unsäglichen KoЯn an Schlagkraft und Kompromisslosigkeit eingebüßt haben, darf sich beim neuesten Werk eines Besseren belehren lassen: „Purpose“ liefert die erwünscht gnadenlose Schlachtpalette und knüpft beinah an die ungestüme Gewalt und dystopische Atmosphäre älterer Singles wie „The Tide“ (2005), „Exodus“ (2007) oder „Stigma“ (2008) an – eine Eigenschaft, die NOISIAs Schaffen übrigens niemals wirklich abhandengekommen ist.

Bereits ein Blick in die Feature-Liste verrät, dass hier um keinen Preis Gefangene gemacht werden, tauchen Namen wie Evol Intent, Prolix und Phace doch für gewöhnlich nicht in den Dance-Charts, sondern im Umfeld des bevorzugt dunklen und technoiden Drum & Bass auf. Eingeweihte wissen worauf sie sich gefasst machen müssen: Kein Beat purzelt ‚geradeaus‘ aus dem Speaker ohne Kollateralschäden zu verursachen, eingängige Four-to-the-Floor-Rhythmik ist verpönt und  klassische Melodien, so bekommt man immer wieder den Eindruck, gelten als Eingeständnis von Schwäche, weshalb sie bis in die Unkenntlichkeit verfremdet beziehungsweise höchstens dazu verwendet werden, um zwischendurch für düstere Stimmung zu sorgen. Ansonsten regieren grummelige Bassfiguren und bis zum Exzess verzerrte elektronische Klanggeburten, die zu eindringlichen Cyberpunk-Collagen mit eigenartigen Groove-Qualitäten verdichtet werden. Es ist das Zelebrieren einer gewissen – wenn man so möchte – Anti-Musikalität, die spätestens seit dem legendären No U-Turn-Label eine Tradition bildet und in der digitallastigen Folgezeit eine nahezu paradigmatische Wendung in Richtung Technikfetischismus vollzogen hat. NOISIA, selbst entscheidend beteiligt  an diesen Entwicklungen, erschüttern diese Konventionen des Subgenres mit „Purpose“ natürlich nicht mehr in ihren Grundfesten. Nach wie vor liefern sie jedoch ein technisch brillantes Neuro-Brett mit gewohnt starkem Sound-Design. Und selbstverständlich zielt ihre wenig massentaugliche Ingenieurskunst auch vornehmlich auf die Beine, ohne sich von der finsteren Maschinenästhetik zu entfernen – beides geht in natürlich erscheinender Weise Hand in Hand. Mal berserkergleich mit Brutalo-Drums, dann wieder introvertierter und den Fokus auf futuristische Klangwelten direkt aus der Computerhölle legend, oszilliert das Release zwischen dreckig-brachialer Darkstep-Energie und kalt-synthetischem Neurofunk, der sich sicher als gute Ergänzung zur William Gibson-Lektüre eignet. Umso erstaunlicher, dass die zwei stärksten Tracks die normalerweise fließend verlaufenden Grenzen wieder zu polaren Extremen aufrichten, da sie jeweils für sich prototypische Exemplare einer Stilrichtung darstellen. „Running Blind“ begeistert schon beim Intro mit einem eigenwilligen Doppelbeat-Inferno, das einen ähnlich schädelsprengenden Effekt bewirkt wie schon einst der Spannungsaufbau im Nu-School-D’n’B-Klassiker „Stigma“. Anschließend werden grimmig rollende Beats losgelassen – angenehm altmodisch, aber natürlich State-of-the-Art produziert! „Long Gone“ wiederum kredenzt eine kühne Midtempo-Zukunftsvision mit paranoidem Tenor, gibt den Melodien und Sounds trotz slammender  Drums viel Raum zur Entfaltung. Ich lehne mich bestimmt nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich NOSIA und Evol Intent hier nicht weniger als ein Neurofunk-Meisterwerk bescheinige…

Wie eigentlich immer in diesem Subgenre wird sich auch „Purpose“ vermutlich den Vorwürfen von Außenstehenden aussetzen müssen, nicht nur eintönig und melodiearm zu sein, sondern auch wahlweise wie das Liebesspiel zweier Roboter oder wie der Mitschnitt einer Alien-Radiostation zu klingen. All das erscheint diskutabel, ändert aber nichts daran, dass NOISIA abermals das richtige Material bereitstellt, um sich stilvoll mit abgespaceten Beats aus der Umlaufbahn zu schießen.

Tracklist:
01. Oh Oh
02. Purpose (feat. Phace)
03. Running Blind 
04. Shaking Hands
05. Asteroids (feat. Prolix)
06. Long Gone (feat. Evol Intent) 
07. Stamp Out
08. Leopard Slug

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Das kenn‘ ich doch irgendwo her… (1)

Es gibt sie, die gelegentliche Erinnerung beim Hören eines Musikstücks: „Hey, das kenn‘ ich doch“, also das gedankliche Brückenschlagen von Musik A zu Musik B. In dieser Rubrik wird jenes Phänomen künftig ein wenig anhand exemplarischer – und wie ich hoffe auch interessanter – Fälle beleuchtet werden. Dabei geht es mir natürlich nicht um lückenlose Quellenrecherche oder darum absurde Plagiarismusdebatten von vorvorgestern loszutreten. Im Gegenteil… hier soll es, ‚artsy‘ ausgedrückt, quasi ganz postmodernistisch um jegliche Form von musikalischen Querverweisen, Ähnlichkeitsbeziehungen und referentiellen Verknüpfungen gehen, ganz egal ob es sich dabei konkreter um einzelne musikalische Elemente wie Sounds und Samples handelt oder um rein spekulative Inspirationsquellen, die der jeweilige Künstler gehabt haben könnte.

Alte Kamellen – Volume 1 (inklusive Exkurs in wichtigtuerisches Kulturgefasel)

Das erste Beispiel hat seinen Ausgangspunkt in der Zeit um die vergangene Jahrhundertwende. Nachdem Drum & Bass Ende der 90er Jahre durch zunehmende Vermengung mit Elementen des Soul, Jazz und Chill Out immer salonfähiger, und damit auch tauglicher für Radio, TV und Lounges geworden war, flüchtete sich ein Teil der Szene in die Dunkelheit. Hart und roh sollte der Sound wieder werden, und nach Möglichkeit wieder in spärlich beleuchteten Underground-Clubs der britischen Großstädte stattfinden. Eine glückliche Fügung der Geschichte aus künstlerischer Sicht, die dem Genre längerfristig betrachtet zwar kaum kommerzielle Überlebenschancen garantierte, aber dafür eine überschaubare Menge an dystopischen Glanzlichtern wie etwa den Antimusik-Fatalisten von No U-Turn Records hervorbrachte, die bei all der futuristischen Finsternis für eine begrenzte Zeit besonders hell brannten.

In diesen Kreis lässt sich kaum ein anderes Kollektiv besser einordnen, als die vierköpfige D’n’B-Combo Bad Company. Erst 1998 gegründet, konnte sich die Formation mit einem reduktionistischen Stil aus drückenden, verzerrten Bässen, kantigen Drumloops und industriell-düsterer Atmosphäre schnell einen Namen machen. Techstep war das Stichwort. Das Exemplar, um das es hier gehen soll, stammt vom Genreklassiker „Inside the Machine“ (2000) und nennt sich „Nitrous“ (siehe Video unten). Der Track beginnt mit zwielichtigen, langgezogenen Synthietönen, anschließend setzen nacheinander Hi-Hats, Bass- und Snare Drum ein, bevor es ab ca. 01:05 Min. zu der eigentlich wichtigen Stelle kommt: Die mächtige, bedrohlich grollende Basslinie wird das erste Mal losgelassen und erst danach gesellen sich die rollenden Breaks dazu. Es ist dieser ungemein markante Basslauf, der hervorsticht und einen großen Teil des Reizes an diesem Stück ausmacht!

Bad Company waren zunächst enorm einflussreich, überschritten aber recht bald ihren Zenit und lösten sich 2005 endgültig auf. Mitglied Dj Fresh sollte einige Zeit später noch mit eher fragwürdiger Musik große kommerzielle Erfolge erzielen…

Mitte der 00er gilt Drum & Bass trotz stetiger Weiterentwicklung durch fortgeschrittene technische Möglichkeiten für eine breitere Öffentlichkeit mehr oder weniger als tot. Während einige schon mit den Nachrufen beginnen, werkelt ein gewisser Lynn Standafer derweil an seinen irrwitzigen, geradezu anarchischen Beats, die keinerlei Grenzen oder Dogmen zu kennen scheinen, außer dem Motto: Alles ist erlaubt. Unter dem Pseudonym Enduser betreibt der Amerikaner eine extreme, breakcore-lastige Spielart rhythmischen Sperrfeuers, die sich selbst in die mittlerweile weit entgrenzte Drum & Bass-Schublade nicht so einfach einsortieren lässt. Wie sich das für eine solche Strömung gehört, bedient er sich für die zumeist chaotischen, wüsten und apokalyptischen Outputs bei Richtungen wie Ragga, Dub, Hip Hop, Jungle, Hardcore Techno oder Post Industrial. Aber nicht nur da. „No Wisdom“ heißt der Track von Interesse auf „Bollywood Breaks“ (2004), das wohl nicht zufällig diesen Titel versehen bekommen hat. So startet das Viereinhalb-Minuten-Stück denn auch dank exotischem Geräuschfundament, verträumten Texturen und glockenhellen Backing-Vocalsamples sogar angesichts zerstückelter Jungle-Breakbeats noch vergleichsweise freundlich, als nach… nun ja, es sind tatsächlich wieder ca. 01:05 Minuten – und wer schlau ist, bei dem klingelt’s jetzt – der entscheidende Erinnerungsanker ausgeworfen wird: Richtig, es ist jene Monster-Basslinie, hier leicht verändert, die durch Mark und Bein geht und diesem Track seinen richtungsweisenden Punch verpasst!

Das waren zugegeben ein paar Umwege, doch was bleibt am Ende davon übrig? Viel Lärm um nichts? Möglich, ist ja auch so ein Gemeinplatz, dass sich Geschichte eben wiederholt. So findet das Relikt eines (vermeintlich) aussterbenden Genres zu seinem Nächstverwerter, dem Enduser. Selbigem möchte man ohnehin für die Wahl seines Pseudonyms mal wieder gedanklich High-Five geben, haucht der doch regelmäßig den alten Kamellen höchst gewieft neues Leben ein, bis man im Zitatedschungel endgültig den Durchblick verliert. Wobei es natürlich nur eine Frage der Zeit ist, wann auch das wieder recycelt, verfremdet, neu arrangiert oder rekontextualisiert wird, wenn es nicht eh schon längst irgendwo geschehen ist…

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