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Richard D. James, Kickstarter und der ‚heilige Gral‘

Dass Richard D. James alias Aphex Twin in näherer Zukunft Musik veröffentlicht, damit rechnen sicher nur noch ganz wenige verbliebene Optimisten aus der Fanbase, obwohl der geniale Querkopf ja angeblich über die Jahre genug Material angehäuft haben soll, um etliche Alben füllen zu können – wenn er denn nur wollen würde. Für James gibt’s offenbar Wichtigeres als Plattenverkäufe, Geldverdienen ist für ihn eh bestenfalls sekundär und musikalische Lebenszeichen sind dementsprechend eben rar gesät. Da muss sich der Fan normalerweise damit zufrieden geben, dass James hin und wieder in den Livesets ein paar seiner unveröffentlichten Kreationen zum Besten gibt.

Wenn der Meister selbst also nicht unbedingt der Freigiebigste ist, wenn es darum geht, seine Anhänger an der außergewöhnlichen Kreativität teilhaben zu lassen und stattdessen lieber im stillen Kämmerchen für den Eigenbedarf komponiert, müssen wohl andere Wege gefunden werden, um das Verlangen nach mehr verschrobener Beatkunst von Irlands Neo-Mozart zu stillen. So kam es jetzt dazu, dass sich engagierte Hörer aufgemacht haben, um eine Rarität aus den Archiven ans Tageslicht zu holen: Eine LP aus dem Jahre 1994, die James unter seinem Pseudonym Caustic Window anfertigte, die aber bislang niemals den Weg in die Öffentlichkeit fand. 20 Jahre versauerte das Werk als Testpressung in der Versenkung. Angeblich nur vier Exemplare, die unter Verschluss gehalten wurden, soll es gegeben haben. Bei den Besitzern handelte es sich um Mike Paradinas (aka µ-ziq), Chris Jeffs (aka Cylob), Grant Wilson-Claridge (Mitbegründer von James‘ Rephlex-Label) und natürlich Richard James himself.

Im April 2014 tauchte ein Exemplar der Platte mit dem ominösen Katalogtitel „CAT 023“ dann als Angebot auf Discogs.com zu einem stolzen Verkaufspreis von 13.500 $ auf! Es folgte eine beispiellose Kickstarter-Kampagne, die von dem Fan-Forum We Are The Music Makers initiiert wurde, mit dem Ziel, die Kopie zu erwerben und legal zu vervielfältigen. Das Ergebnis dieser unorthodoxen DIY-Aktion als erfolgreich zu bezeichnen, wäre dabei eine glatte Untertreibung. Mit einer Beteiligung von sagenhaften 67.424 $ bei einer geforderten Summe von 9.300 $ ist die Kampagne durch alle erdenklichen Decken gegangen! Mag man den ganzen Wirbel als Außenstehender möglicherweise als befremdlich und fanatisch empfinden, ist es dennoch eine erstaunliche Demonstration für die Wertschätzung eines Künstlers durch die Hörerschaft und sollte sowohl der Musikindustrie als auch den raffgierigen Handlangern der Verwertungsgesellschaften zu Denken geben.

Doch hält die 15 Track-starke „Caustic Window LP“ auch wirklich, was der Hype verspricht? Nunja, die ersten beiden Tracks, „Flutey“ und „Stomper 101mod Detunekik“ sind allemal solide Stücke elektronischer Musik, aber Weltbewegendes passiert in dieser Anfangsviertelstunde noch nicht. Ansätze der typischen Aphex Twin-Magie kommen erstmalig bei „Mumbly“ auf, das in Sachen Melodien und Athmosphäre noch ein wenig mehr drauf legt und auf einen schroffen, buckligen Beat setzt. Die gebrochenen Rhythmen von „Fingertrips“ zählen sicher ebenfalls zu den Highlights, wie auch das stampfende „Airflow“ mit seinen wunderschönen Synth-Texturen. Unerwartete Leichtigkeit in das ansonsten recht sperrige Gesamtbild bringen „Squidge in the Fridge“ und „Jazzphase“ hinein, doch da nähert sich die LP schon langsam ihrer Endphase. Diese erstahlt zunächst in „101 Rainbows (ambient mix)„, bevor in den harten, wenig melodischen Beiträgen „Phlaps“ und „Cunt“ die Kakophonie Einzug hält. Abschließend lässt Richard D. James‘ dann noch ein mal seinen schrägen Humor aufblitzen, anders ließe sich nicht erklären, wieso er zum Ende des Albums einfach noch ein paar „Phone Pranks“ draufpackt.

Halten wir also fest: Durch schmuckloses Tribal-Gekloppe, kantigen Acid-Breakbeat und entrückt schwelgerischen Alien-Techno manövrierend, bietet die repetitive und nicht ganz leicht zugängliche LP ungefähr das, was man von einem verworfenen James-Release anno 1994 erwarten durfte. Das neue alte Caustic Window-Werk ist damit ganz sicher nicht der ‚heilige Gral‘, den sich manch einer erhofft haben dürfte. Dafür, dass es jedoch praktisch aus dem Nichts kommt, gibt es keinerlei Grund zur Enttäuschung, bereichert es die musikalische Welt immerhin um ein hörenswertes Zeitdokument.

Links:
The Virtuous Circle of Aphex Twin Fandom (Marc Weidenbaum)
FACT Online

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Ein Kommentar

Verdammt viel aufzuholen…

Eigentlich sollte dieses Projekt schon im Jahr 2013 starten, wozu es aus unterschiedlichen Gründen nicht gekommen ist, daher fällt der Blick hier in den ersten Tagen auch noch dezent in Richtung Vergangenheit. Gleichzeitig möchte ich diese Gelegenheit zum Anlass nehmen, darauf hinzuweisen, dass ich im Verlauf des Bloggens nicht nur ‚tagesaktuelle‘ Themen aufgreifen werde, sondern auch immer wieder mal an passender Stelle Vergangenes der letzten 20 Jahre miteinfließen lasse. Schließlich bietet die Musikgeschichte einen reichhaltigen Fundus, in dem man oft genug aufs Neue fündig wird.

Um diese kleinen Startschwierigkeiten etwas auszugleichen, beginne ich deshalb gleich mal mit einem der Highlights aus 2013:

µ-ziq ist nach langer Pause zurück! Der IDM-Veteran und Labelchef von Planet Mu hat im vergangenen Jahr sogar gleich zwei Releases an den Start gebracht. Für mich gehört sein Track „monj2“ von der EP „XTEP“ zu den besten Kompositionen des letzten Jahres. Dabei scheint sich in all der Zeit kaum etwas am Sound von Mike Paradinas getan zu haben; Beats, Melodien und Flächen klingen immer noch fast so entrückt und verschroben wie zur Blütezeit in den 90er Jahren, scheinbar unbeeindruckt von gegenwärtigen Trends. Kein Problem, meine ich, denn irgendwie ist seine Musik von damals in den stärksten Momenten ja schon recht zeitlos und eigen gewesen.

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