Aus der Mottenkiste: Orbital – The Box (1996)

Sprechen wir doch mal über Orbital …und die 90er. Nicht, dass Letztere zu wenig Beachtung seitens meiner Generation oder der Massenmedien bekommen würden, doch kann man sich dem Schaffen der Gebrüder Hartnoll wohl auch nur schwer annähern, ohne auf ihre Eingebundenheit in die Musikrevolution jener Dekade einzugehen. Eine Dekade, deren Zeitkolorit vom Aufkommen digitaler Technologien mehr bestimmt wurde als alles andere. Multimedia, Virtual Reality, Cyberspace etc. lauteten damals Entwürfe, auf die man – mal als Schreckgespenster, mal als Verheißungen einer besseren Zukunft – unweigerlich treffen musste. Popkultur und andere Diskursfelder waren in der Prä-Millenium-Ära voll davon. Dass ich besagtes Thema an dieser Stelle auf diese Weise behandeln kann, ist im Übrigen natürlich auch den tatsächlichen Auswirkungen des kulturtechnischen Wandels geschuldet, ganz klar.

Aus einem weiteren Blickwinkel betrachtet, lässt sich die Beschäftigung mit Technik und ihren Folgen ja seit den Anfängen der industriellen Revolution gut und gerne als das Thema der Moderne schlechthin ausmachen. Ebenso sind die vielen Ausprägungen elektronischer Musik schon seit jeher mit Motiven vom Fortschritt und dem Aufbruch in eine neue Epoche aufgeladen worden. So vielversprechend die futuristischen Verkabelungsfantasien auch geklungen haben mögen, die sub- und gegenkulturelle Realität der frühen 90er Jahre spielte sich dann doch außerhalb des Einflussbereiches von Computern ab. An vorderster Stelle stand die Begegnung im physikalischen Raum, kurzfristig arrangierte Partys in abgewrackten Industriestandorten oder anderen geheimen Plätzen; organisiert wurde das alles noch ohne die Möglichkeiten des Internets und das Auffinden der Locations geriet zum essentiellen Teil der Erfahrung. Dazu passt dann auch, dass der Stage-Name Orbital, transportiert er noch so viel Science Fiction, nicht etwa durch Quantenmechanik oder Astrophysik inspiriert wurde, sondern der Ringautobahn Londons entlehnt ist, über die seinerzeit viele Raver der ersten Generation zu den alternativen Schlupfwinkeln am Rande der Metropole fanden.

Vielleicht ist es gerade kein Zufall, dass Straßen und Verkehrsmittel im Videoclip von »The Box« (1996) ebenfalls ins Licht gerückt werden, ihre verbindende, quasi-soziale Funktion nun aber keinerlei Bedeutung mehr zu haben scheint. Vielmehr geht es um den Blick eines Außenstehenden auf die moderne Zivilisation. Wir begleiten einen (extraterrestrischen?) Besucher aus einem anderen Zeitkontinuum, an dem das ruhelose Großstadtleben im Zeitraffer vorbeirast. Und wer hätte diese Rolle schon besser ausfüllen können, als die unverwechselbare Tilda Swinton?

Orbitals gehetzte, drängende Breakbeats lassen die Überforderung angesichts der Geschwindigkeit noch plastischer wirken. Beschleunigung ist hier kein erstrebenswerter Zustand mehr, erscheint sie nunmehr gedankenlos und auf nichts Bedeutungsvolles mehr hinauszulaufen. Die Regisseure Jes Benstock und Luke Losey zeigen ein trotz aller Hektik graues und trostloses London, das den urförmigen Rave als ein Untergrundphänomen längst beerdigt hat, stattdessen war selbiger bereits in die Markthallen und Stadien eingezogen, angepasst an die Mechanismen des bräsigen Rock- und Pop-Business. Kurzum: Die Party war vorbei und es herrschte Katerstimmung, alles lief schließlich wieder in gewohnten Bahnen.

Doch nicht nur das: Vom Heilsversprechen des technischen Fortschritts ist ebenso wenig zu spüren. Entsprechend besorgt fällt der Blick des fremden Besuchers – offenbar mit grünem Daumen ausgestattet – auf den ignoranten Umgang der Menschen mit ihrer Lebenswelt. So sieht man in einem verschmutzten Hafenbecken in den östlich gelegenen Docklands eine ausgemusterte Beinprothese, die bar jeglicher Kontrolle immer noch unbeirrt weiter vor sich hin baumelt, abgestützt auf einem alten Einkaufswagen wohlgemerkt. Allein in dieser kurzen Szene eröffnet sich ein durchaus weitläufiger Bedeutungsraum um Konsumkritik, Technisierung und Nachhaltigkeit, sofern man bereit ist, die Einstellung als Sinnbild über die herrschenden Verhältnisse zu lesen. Und die spärlich anzutreffenden Pflanzen scheinen ohnehin die einzigen Lebewesen zu sein, die innerhalb der urbanen Betonwüsten noch Notiz von der Durchreisenden nehmen, ja geradezu um Hilfe schreien.

Das mag so aufgeschrieben arg offensichtlich, womöglich sogar plakativ bis naiv klingen, und scheinen im Video auch regelrecht antimoderne Züge durch, so macht es die Öko-Botschaft inmitten des öffentlichkeitswirksamen technophilen Deliriums aber nicht weniger bemerkenswert. Nicht zuletzt ist die Umsetzung so phantasievoll geraten, dass man sich ihrem Charme kaum entziehen kann, selbst wenn man das hier unterstellte Sendungsbewusstsein für verfehlt hält. Die surreale Inszenierung gefällt, wie auch die Atmosphäre des Clips im Allgemeinen. Diese ist, der brillanten musikalischen Vorlage folgend, neben der bereits angesprochenen Nervosität getragen von einem diffusen Unbehagen und schattierter Eleganz. »The Box« hat den Test der Zeit hervorragend überstanden. Das Elektro-Duo setzte sich von der zwar spannenden, aber bald ausgereizten Cyberpunk-Ästhetik genauso ab wie von typischen Neonfarben der Partyszene oder den anno dazumal epidemisch umsichgreifenden Neo-Rockismen und fand schließlich seinen ganz eigenen Platz in der Musikgeschichte.

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