Review: Combat Astronomy – Kundalini Apocalypse [2013]

Combat Astronomy - Kundalini Apocalypse| Erschienen bei ZOND / Bandcamp (2013) |

Bei all der Rede um fehlende Innovationen und aussterbende Originalität auf dem ‚Massenmarkt‘ wird gerne mal schnell vergessen, dass es jenseits der konsenssüchtigen Major-Label-Sklaven auch immer noch eine Reihe massenmedial weniger in Erscheinung tretender Künstler gibt, die zwar keine reine Pionierarbeit mehr leisten, aber doch zumindest all die etablierten Formen unkonventionell rekombinieren. Bisweilen könnte man glauben, es gäbe nichts, was es nicht schon mal gegeben hätte und man fragt sich: Ok, wars das schon? Oder lauert da draußen doch noch irgendwo das Unerhörte…?

Die Frage muss an dieser Stelle natürlich unbeantwortet bleiben. Folgerichtig überlasse ich es auch lieber fachkundigen ‚Kollegen‘, darüber zu urteilen, welche Rolle das Treiben der Herrschaften Archer und Hugget im bunten Avantgarde-Zirkus spielt und was das eigentlich genau für eine Mixtur ist, die sie unter dem kernigen Decknamen Combat Astronomy schon seit mehreren Alben-Releaseperioden unters geneigte Publikum bringen. Na gut, ein wenig Information sollte es dann schon sein, so schwer wie das hier auch teilweise fallen mag. Auf dem vorliegenden Album »Kundalini Apocalypse« von 2013 hat man es mit einem progressiven Gemisch zu tun, das auf experimentelle Spielarten des Rock aufbaut, ohne gewöhnliche Songstrukturen daherkommt und viele Free Jazz-Elemente integriert. Elementar sind überdies dem Metal entlehnte Rhythmen, um sich selbst kreisende Riffs, die aber vom dicken Bass fast im Alleingang gestemmt werden.

In der Summe schaffen die Beiden damit ein Werk, das zum einen ‚lustvoll‘ aggressiv, aber niemals wirklich niederdrückend oder übermäßig düster gerät, sondern einen verspielten, chaotischen Charakter mitbringt. Diese Extravaganz scheint im Titel ja quasi angelegt: ‚Kundalini‘ bezeichnet laut Wikipedia eine ätherische Kraft in der tantrischen Lehre – den Rest braucht man nicht zu erklären… Und manchmal kommt es einem tatsächlich vor, als wollte man den Planeten in einem hypnotischen Rausch entfesselter Energie in Schutt und Asche legen – kann ja auch irgendwo was Spirituelles haben, wer weiß. Gesang gibt es übrigens kaum welchen, und wenn, dann geht dieser im bunten Reigen fast unter.

Ungewöhnlich und relativ spannend ist die musikalische Anlage in jedem Fall, wenn auch nicht immer ein ästhetischer Hochgenuss. Gerade die atonalen blasinstrumentalen Überfälle wirken mitunter auch mal krude und beliebig – zumindest sind sie nicht die richtige Begleitung für jeden Gemütszustand. Aber auch bei den Drums gibt‘s noch deutlich Luft nach oben. Angeblich sind diese ja komplett programmiert worden, doch davon ist wenig zu hören, klingen sie doch eher nach Rock-/Metal-Durchschnitt und damit auf die komplette Dauer zu abwechslungsarm. Unverständlich bleibt daher, warum sich Huggett und Archer für die elektronische Herangehensweise entschieden haben, wenn sie deren vielfältige Möglichkeiten überhaupt nicht ausnutzen, sondern nur ‚traditionelles‘ Schlagzeugspiel nachahmen. Mehr Variation und Durchschlagskraft wäre hier wünschenswert gewesen.

Stellenweise überrascht »Kundalini Apocalypse« in der zweiten Hälfte dafür sogar mit atmosphärischen Passagen, die es ‚reifer‘ und vielschichtiger wirken lassen, als es nach der anfänglichen Dauerkanonade zu erwarten gewesen wäre. Das trifft beispielsweise auf das ausgedehnte Drone-Ambient-Outro von »Orchard of the Snakes« zu oder den kurzen Einschub »Telos Reprise« mit seinen gelassenen Bläser-Akkorden und modulierten Synthies. Das repetitiv bohrende »Wrong Wheels« beweist indessen, dass lautes Gebretter bei Combat Astronomy auch möglich ist, ohne ins cartoonhaft Überzogene abzudriften.

Insgesamt aber lebt das Unterfangen natürlich mehr von seiner Kuriosität und Griffigkeit als von Abwechslung oder feinfühliger Zusammenführung der einzelnen Elemente. Die sich wiederholenden Bass-Figuren und Drum-Muster bleiben somit die etwas ausrechenbare Kulisse, vor der sich der wirkliche Wahnwitz abspielt. Kein Material für Tiefschürfen in den eigenen Gedankenschächten also… gepflegtes Ausrasten und Durchdrehen ist aber ausdrücklich erwünscht!

Tracklist:
01. Kundalini Dub
02. Path Finders
03. Recoil
04. Quiet Mutiny
05. Telos
06. Orchard Of The Snakes
07. Wrong Wheels
08. Sequence Seven
09. Telos Reprise
10. Cave War

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