Video: Boards Of Canada – Tomorrow’s Harvest (Fan-Movie)

Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum: »Tomorrow’s Harvest« ist ein fantastisches Album. Ganz sicher eines der größten der letzten Jahre, wenn nicht sogar – und da lehne ich mich gerne etwas aus dem Fenster – das Album des Jahrhunderts (bis zu diesem Zeitpunkt, versteht sich)! Ja, das würde ich doch glatt mit fast schon anmaßender Überzeugung vorbringen. Klügere Köpfe als der meinige könnten sicherlich ausladende philosophische Essays darüber verfassen, weshalb das Opus von 2013 weitaus mehr ist als ein retro-futuristisches Endzeit-Narrativ in verwaschener VHS-Ästhetik. Zeitgenossen, die gern mit Begriffen wie ‚Hauntology‘ um sich schmeißen, haben bestimmt ihre helle Freude am hier entwickelten Szenarium, obwohl auch das nur eine potentielle Betrachtungsweise ist. Natürlich steckt der Teufel bei BoC im Detail. Der virtuose Einsatz von Studiotechniken und analog-synthetischen Klangerzeugern bildet einen entscheidenden Baustein dieser Extraklasse, kann selbige aber nicht ohne weiteres erklären.

Hört man nämlich genauer hin und überdenkt das sinnlich Wahrgenommene, stellt man fest, dass man es nicht mit einem Pseudo-Reenactment zu tun hat, einem im Gestern verhafteten Was-wäre-wenn-Gedankenspiel. Denn das, was sich akustisch als Vergangenheit und namentlich als Zukunft verkleidet zu haben scheint, ist nichts anderes als unsere Gegenwart. Wo immer der Eindruck entsteht, die Menschheit würde sich heutzutage in rasender Geschwindigkeit fortbewegen, da dreht sie sich in Wahrheit eigentlich nur im Kreis – und zwar immer schneller; so schnell, dass es mittlerweile fast einem Stillstand gleichkommt. Erklärt das nicht, wieso Moden sich so schnell abnutzen wie nie zuvor? Genau von diesem stumpfen, oder besser abgestumpften, Zirkulieren, dem vorläufigen Ende der Ideen, zeugt »Tomorrow’s Harvest«. Und das auf erstaunlich ergiebige Weise.

Der Weltuntergang als stiller, stetiger und unumkehrbarer Prozess: Diesen ungemein trostlosen, fast nihilistischen Grundton mit obskurer Quasi-Metaphysik, versteckten Andeutungen und subliminalen Feinheiten stimmig zu verknüpfen, das ist schon ein wahres Kunststück. Es hat die Ambivalenz, zu der eben nur tiefsinnige Ausnahmewerke fähig sind, denn es trägt Zeitgeist in sich, indem es die verlorengegange Zeitlichkeit unserer aktuellen Epoche einfängt und negiert jegliche Epochenhaftigkeit damit zugleich. Irgendwie verwirrend und widersprüchlich, nicht wahr? Ja, aber vor allem traurig und desillusionierend schön.

Derart evokative Klangalchemie bedarf nicht zwingend einer visuellen Untermalung, schließlich entsteht das Bild bei Boards of Canada zu allererst im Kopf des Hörers. Doch wer sich ein wenig mit der Aufnahme ihrer Musik durch die äußerst loyale Anhängerschaft beschäftigt, kennt sicherlich die kleinen Fan-Filmchen, zuhauf auf YouTube und Co. zu finden, welche die Tracks mit oftmals passenden Bildern aus der schier unerschöpflichen Recycling-Cloud des Internets untermalen.

Ein User hat sich die Mühe gemacht, aus den zahlreichen inoffiziellen Videoclips (mit Ausnahme des offiziellen Videos zur Single »Reach For The Dead«) ein zusammenhängendes Musikvideo für den kompletten Langspieler zusammenzuschneiden. So wird »Tomorrow’s Harvest« zum audiovisuellen Gesamterlebnis!

Die Auflösung entspricht zwar kaum HD-Niveau, was angesichts des in der Regel eh schon grobkörnigen Ausgangsmaterials und Vintage-Sounds jedoch nicht schwer wiegt. Im Gegenteil: Mitunter verdeutlicht dies kongenialerweise unsere heutige Digitalkultur, in der aus der Vielfalt der geschichtlichen Zusammenhänge eine homogene Pixelmasse geworden ist. Was die Auswahl der Videos angeht, kann man daher geteilter Meinung sein, lag der Fokus hier mehr auf Abwechslungsreichtum denn auf Kohärenz. Wirken die ersten zehn Minuten noch fast wie aus einem Guss, mischen sich nachher Zeichentrick bzw. abstrakte Animation, diverses Dokumaterial und Spielfilm-Ausschnitte (z.B. »Blade Runner«).

Ein überaus netter Zusatz ist der Zusammenschnitt dennoch. Einer von vielen potentiellen Wegen »Tomorrow’s Harvest« synästhetisch auszuformulieren. BoC selbst scheint der extralange Clip jedenfalls gefallen zu haben, denn die beiden Schotten haben ihn vor einiger Zeit sogar auf ihrer ansonsten nicht gerade durch außerordentliche Aktivität auffallenden Facebook-Seite gepostet.

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