Aus der Mottenkiste: Coil – Remote Viewing 1 (2002)

Ein grauer Tag im Jahr 2013, welcher Monat oder welche Jahreszeit, daran erinnere ich mich nicht mehr – und will es auch nicht unbedingt wissen. Tristesse war angesagt. Wettertechnisch also ein recht treffendes Abbild des Innenlebens. Es war eben so ein typischer Tag, an dem man sich lieber verkriecht und unweigerlich in Gedanken versinkt…

Genau an jenem Tag hörte ich „Remote Viewing 1“ zum ersten Mal. Und das ist der Grund, wieso ich diese eigentlich so vergessenswerten 24 Stunden, losgelöst von irgendeinem größeren Kontext, prägend in Erinnerung behalten habe. Es war zwar nicht die erste Berührung mit der Musik von Coil, doch wo meine vorherige Auseinandersetzung mit der herausfordernden Kunst von John Balance und Peter Christopherson nicht von allzu großer Nachhaltigkeit und Ausdauer geprägt war, konnte mich das rund zwanzigminütige Instrumental von der allerersten Sekunde an packen und ließ mich bis zum letzten Ton nicht mehr los. Ich war sofort machtlos und eingenommen von diesem surrenden Gewitter, das sich durch meine Ohren unerschüttert bis ins Hirn bohrte. Wie ein Käfer, der sich unter der Schädeldecke breitmacht und die zentrale Nervenbahn unter Beschlag nimmt.

(„Remote Viewing 1„)

Von Beginn an wohnt dem Stück eine unergründliche Spannung inne. Schrille Dudelsack-Drones pfeifen, quietschen, tosen beharrlich und dissonant, erzeugen eine Stimmung der Unruhe und Konfusion. Gleichzeitig fühlen sie sich an wie ein unbändiges Klagelied, das ein Schwarm von mechanischen Zikaden ins Universum rausschickt. Synth-Tupfer sprenkeln die Kulisse, oder sind es doch auseinandergepflügte Drehleier-Klänge, die auf fast schon magische Weise im Zusammenspiel wunderschöne Melodien bilden? Man kann sich das ungefähr so vorstellen wie von der Erosion verschonte Fragmente einer ehemals größeren Formation, dessen ursprüngliche Umrisse man noch zu erkennen glaubt. In den leiseren Momenten, wenn das Pfeifkonzert etwas aufklart, kann man im Hintergrund unaufgeregte Tribal-Percussions vernehmen. Doch es passiert noch so viel anderes in diesem schwer fassbaren Musikstück, das sich mit Worten einfach nicht stimmig beschreiben lässt.

Es ist eine merkwürdige Faszination, die „Remote Viewing 1“ auslöst. So unvertraut und weltfern wirkt das alles, doch gleichzeitig so unmittelbar, intensiv und einnehmend. Sublim und sperrig, für Coil-Verhältnisse jedoch erstaunlich entgegenkommend. Seltsam hypnotisch kreist es um wiederkehrende Elemente, die sich aber stetig neu anordnen und variieren, andere Kombinationen bilden – die Vertonung eines archaischen Rituals von einem anderen Planeten? Die Antwort muss wohl jeder für sich selbst finden und bei jedem Hördurchgang gibt es neues zu entdecken in diesem rätselhaften Gebilde.

Das zugehörige Album „The Remote Viewer“ erschien zunächst 2002 in limitierter Auflage. Nach dem tragischen Unfalltod des unter Alkoholismus und Depressionen leidenden John Balance im Jahr 2004, brachte Peter Christopherson 2006 eine um zwei Tracks erweiterte Version heraus. Christopherson starb vier Jahre später. Coil hinterließen eine umfangreiche Diskographie mit obskurer, aufwühlender und nahezu bewusstseinserweiternder Musik.

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