Review: The Body – I Shall Die Here [2014]

The Body - I Shall Die Here (Cover)[ Erschienen bei RVNG Intl. (2014) / Bandcamp ]

Jeder von uns ist sein eigener Teufel, und wir machen uns diese Welt zur Hölle“, lautet ein erstaunlich zeitloser Satz von Oscar Wilde, welcher ein nicht gerade schmeichelhaftes Urteil über das Menschsein durchscheinen lässt. Auch Aufklärer Immanuel Kant verortet das Böse unmittelbar im Menschen – es steckt in uns allen und niemand ist davor gefeit. Ganz in diesem Sinne präsentiert sich auch das Album „I Shall Die Here“ der amerikanischen Experimental-Metaller The Body. Mit archaischer Brutalität und quälender Langsamkeit fegt das ambitionierte Werk über sämtliche humanistischen Wertvorstellungen, Rock-Klischees und schöngeistigen Kunstideale hinweg – ein wohltuend extremes Hörerlebnis, welches das innere Seelendunkel freisetzt. Die Titel der Songs allein sprechen Bände.

Verzerrte Gitarren-Drones, scheppernde Drums, sinistere Spoken Word-Samples und gnadenlose Noise-Attacken prägen das Soundbild des Albums, lassen dieses zur hervorragenden Grenzerfahrung für aufgeschlossene Hörer werden. Das Verderben kommt langsamen Schrittes, aber unaufhaltsam – monoton und monolithisch bohrt es sich durch den Gehörgang bis ins Innerste. All das mit einer Wucht und Intensität, die ihresgleichen sucht. Wer bei diesem Höllenlärm noch von Minimalismus als Konzept sprechen möchte, ist selbst schuld. Das ist Suizid-Musik.

Einen Gutteil seiner Faszination und Originalität verdankt „I Shall Die Here“ dabei den speziellen Umständen seiner Entstehung, genauer gesagt einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen The Body und Bobby Krlic, den man besser unter dem Namen The Haxan Cloak kennt. Der Engländer, dem im letzten Jahr mit dem avantgardistischen Sensationsalbum „Excavation“ (hier zur Kritik) ein Überraschungserfolg gelang, hat bei jedem Song persönlich Hand angelegt. Tatsächlich hat Krlic das von der amerikanischen Band bereitgestellte Rohmaterial vollständig neu arrangiert und mit eigenen Facetten versehen. Damit ist er für die finalen Versionen der Tracks zuständig gewesen, weshalb er mindestens den halben Anteil am Gelingen des Albums trägt. Erstaunlich ist also, dass er hier nicht offenkundig als künstlerisch Verantwortlicher neben The Body geführt wird, zumal die Handschrift des Briten permanent präsent ist. Das zeigt sich insbesondere an den ungemein druckvollen Bässen und aufreibenden Synthie-Sprenklern, aber auch wenn es um Dynamik, den geschickten Einsatz von ‚Raum‘ bzw. Stille und unerwartete Twists geht.

Es dauert nicht lange, bis das Werk seinen perfide entschleunigten Terror entfaltet: Ein gelooptes obskures Kreischen, wie man sich das einer Hexe vorstellt, läutet „To Carry the Seeds of Death Within Me“ ein, wenig später kommen metallische, mit Hall unterfütterte Drumschläge und schabende Gitarrenklänge hinzu. Auch das folgende „Alone All The Way“ dröhnt genial bösartig, dass es eine wahre Freude ist und hält die fast unerträgliche Spannung bis zum Schluss, sodass man sich weiterer Todeswalzen gewiss sein kann. Mit herkömmlichem Sludge und Doom Metal hat das übrigens nur noch recht wenig gemein, bewegen sich die Tracks eher in einer Grauzone zwischen Drone, Industrial, Dark Ambient/Horrorfilmmusik und den genannten Genres.

Die Vocals der Zwei-Mann-Truppe aus Rhode Island lassen sich mehr als ein hysterisches, beinah unverständliches Keifen denn als Gesang bezeichnen. Sie dienen deswegen eher der Athmosphäre, statt als unmittelbarer Bedeutungsträger zu fungieren. In der ersten Albumhälfte befindet sich diese exzentrische stimmliche Darbietung dicht an der Grenze zur unfreiwilligen Komik, doch im weiteren Verlauf wandelt sich dieser Eindruck immer mehr in Verstörung; eine Komponente, die den Tracks einen gewissen Wahnsinn verleiht. So auch im großartigen „Hail To Thee, Everlasting Pain“. Mit eiskalten elektronischen Beats und Synthie-Spitzen beginnend, mündet der Aufbau in einer markerschütternden Kakophonie aus Folterschreien, Quietschgeräuschen, durchdringenden Percussions und anderen Noise-Trümmern. „Our Souls Were Clean“ begeistert mit ähnlichen Qualitäten, integriert aber sogar auf fabelhafte Weise ‚gewöhnliche‘ Gitarrenriffs. „Darkness Surrounds Us“ hingegen leistet sich nervöse, disharmonische Grusel-Streicher, die ihre zermürbende Wirkung nicht verfehlen.

I Shall Die Here“ ist ein grandioses Album, das dem Hörer einen tiefen Blick in die eigenen Abgründe eröffnet. Der radikale Ansatz erlaubt es, existenzielle Fragen jenseits aller verklärten Heile-Welt-Vorstellungen zu stellen: Wenn der Mensch an sich gut ist, wo liegt dann die Quelle des Bösen? Ist das Schlechte auf der Welt nur das Vakuum infolge der Abwesenheit des Guten oder hat es eine eigenständige Qualität? Angesichts der sechs nervenzerfetzenden, wenig hoffnungsvollen Stücke bleibt jedoch das beunruhigende Gefühl zurück, dass es sich von Anfang an nur um spöttisch-rhetorische Fragen gehandelt haben muss. Wenn du nicht zur Hölle fährst, dann kommt die Hölle eben zu dir.

Tracklist:
01. To Carry The Seeds Of Death Within Me 
02. Alone All The Way 
03. The Night Knows No Dawn
04. Hail To Thee, Everlasting Pain 
05. Our Souls Were Clean 
06. Darkness Surrounds Us

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  1. Highlights 2014: Top-Alben | UnSoundaesthetics

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