Review: ††† – ††† [2014]

Crosses Album Cover[ Erschienen bei Sumerian Records (2014) ]

Der Musikkritiker hat es nicht leicht. Besonders wenn dieser ein negatives Urteil  über das rezensierte Werk fällt, wird er schnell auch selbst zum Gegenstand kritischer Begutachtung,  muss sich darauf einstellen mit mal mehr, mal weniger begründeten Zweifeln an der eigenen Qualifikation konfrontiert zu werden. Nicht selten wird gar die gesamte Profession hinterfragt: Der Kritiker ist in den Augen Vieler immer derjenige, der im Elfenbeinturm seiner eigenen Arroganz von oben herab über die Künste Anderer richtet, ohne selbst etwas zu schaffen oder zumindest nicht nah genug am Geschehen scheint, um einen adäquaten Zugang zur Materie zu finden. Oft gelesene Vorwürfe: Werk nicht verstanden, oberflächliche Auseinandersetzung, fehlerhafte Recherche oder schlicht fehlender musikalischer Sachverstand.

Der leidenschaftliche Musikblogger, der gerne Reviews verfasst und dabei auch kritischere Töne nicht scheut, hat es ebenfalls nicht leicht. Wo der Kritiker alten Schlags sich noch im Zweifel auf redaktionelle Zuständigkeiten berufen kann, die ihn zur Meinungsäußerung über ungeliebte Werke zwingen, dürfte es für den selbstbestimmten Schreiberling schwieriger sein, zu begründen, wieso man denn ausgerechnet über die Musik schreibt, mit der man so überhaupt gar nichts anzufangen weiß.

Warum aber schicke ich diese metareflexiven Gedanken voraus, sollte es hier nicht eigentlich um eine gewöhnliche Plattenbesprechung gehen? Möchte ich das nun Folgende etwa schon vorneweg entschuldigen, um mich beim Leser anzubiedern? Geht es also darum, den möglichen Kritikern meiner Kritik von Beginn an den Wind aus den Segeln zu nehmen? Über all das möchte ich mir selbst wiederum kein Urteil erlauben, spräche daraus nur eine gewisse Selbstgerechtigkeit, die meiner versuchten Reflexion wohl entgegenstehen würde. Fest steht, dass das Schreiben dieser Rezension bis zum Ende von Zweifeln begleitet wurde, ob der Text nach Fertigstellung überhaupt veröffentlicht werden soll, entpuppte sich die Musik entgegen der ersten Annahme als nicht unbedingt in den Blog-Zusammenhang passend. Schuster, bleib bei deinem Leisten? Letzten Endes siegte dann aber die profane Einsicht, dass diese Meinung nur eine unter vielen ist und daher ruhig gleichberechtigt neben anderen stehen darf – ganz egal, ob man sich als Review-Autor damit einen Gefallen tut oder eher nicht.

Was ist also das Besondere an dieser Veröffentlichung, das ein derartig weites Ausholen ohne konkret auf die Musik einzugehen rechtfertigen kann?  Hier kann direkt Entwarnung gegeben werden: Das besprochene Werk ist musikalisch keineswegs außergewöhnlich, nicht einmal polarisierend.  Ein unscheinbares Nebenprojekt von Deftones-Stimmchen Chino Moreno, Produzent Scott Chuck und Far-Klampfenspieler Shaun Lopez, das im prallgefüllten Einerlei der Musikindustrie schnell untergehen würde. Dass „†††“ meine Aufmerksamkeit auf einer anderen Ebene erwecken konnte, qualifiziert das Album als anschauliches Exemplar für die Möglichkeit multipler Zugänge zu einem Werk und spiegelt so auch meine prekäre Rolle als Bewertungsinstanz, bei der sich passiv-verschleiernde Selbstabstraktion und ungeniertes Bekenntnis zum ‚Ich‘ im stetigen Konflikt befinden.

Es sind in erster Linie Künstlername und Songtitel, die sich ausgiebig bei der Symbolik der Witch House-Welle bedienen, welche mich zum Werk geführt haben. Die auffällige Verwendung des  typographischen Kreuzes in Kombination mit okkult bzw. düster anmutenden Bezeichnungen wie „dea†h bell“ waren der Ausgangspunkt für jegliches Interesse. Hört man sich „†††“ in Gänze an, kommt man jedoch zum relativierenden Schluss, dass der musikalische Ansatz der Dreikreuzler nur eine vergleichsweise überschaubare Ähnlichkeit mit dem angesprochenen Online-Phänomen aufweist, obwohl einige Schnittmengen nicht zu verleugnen sind. Spitzfindige mögen an dieser Stelle berechtigterweise einwerfen, dass Witch House eh für keine Musikrichtung im engeren Sinne steht, sondern ein ästhetisches Programm zusammenfasst, das sich neben seiner klanglichen Spezifik und künstlerischen Herangehensweise eben auch über den Einsatz von bestimmten Unicode-Symbolzeichen und kryptischen Glyphenketten definiert.

Ist es also notwendig „†††“ zwangsläufig in den größeren Zusammenhang der angesprochenen Haunted House-, Drag- und Zombie Rave-Bewegung zu setzen, um seine Qualität  bzw. Nicht-Qualität treffender einordnen zu können? Oder sollte das Werk auf idealtypische Weise vollkommen isoliert betrachtet werden, zumal Moreno selbst zwar offen das Interesse an mystischen Motiven teilt, das Projekt aber ausdrücklich nicht als Witch House verstanden wissen möchte? Immerhin handelt es sich abseits aller Etiketten hierbei auch ohne Wenn und Aber um ein Pop-Album. Der tendenziell wohlwollende oder harmoniebedürftige Schreiber würde anführen, die Kreuztruppe öffne das sonst doch eher zugestellte, verbarrikadierte Hexenhaus für ein breiteres Publikum und ergänze den kapriziösen Internet-Hype um neue Facetten. Der gnadenlos Underground-affine Kritiker hingegen könnte den Vorwurf erheben, ††† greifen sich bloß Elemente des Genres heraus und verwässern diese zu einem radiotauglichen Hintergrundgedudel.

Natürlich lässt sich in Zusammenhang mit „†††“ genauso gut vollkommen abseits dieser Kategorien denken. Synthie Pop, Trip-Hop, Ethereal oder New Wave sind mindestens ebenso zutreffende Anknüpfpunkte, meistens blickt auch der stadiongeeignete Alternative Rock („bi†ches brew“) um die Ecke. Mit ein wenig Boshaftigkeit, aber nicht ohne Grund, ließe sich konstatieren, ††† klingen in ihren ruhigen Songs wie James Blake für Arme, in den harscheren Momenten wie die Ultralight-Variante Trent Reznors (NIИ) und bei allem was dazwischen liegt nach Curve ohne Seele. Sicherlich könnte man noch andere krumme Vergleiche bemühen, die für das Verständnis von „†††“ aber ebenso wenig hilfreich sind…

Auf der fünfzehn Track starken LP finden sich ausschließlich kurze Songs, von denen kein einziger die Fünf-Minuten-Marke überschreitet. Und die meisten davon gehen leider auch genauso schnell ins Ohr wie sie es zum anderen wieder verlassen. Vielversprechende Ansätze werden immer noch rechtzeitig so glattgeschliffen, dass gelungene  Soundideen fast schon zwangsläufig im allgegenwärtigen Radioformat ersticken müssen. Und hier komme ich dann wieder auf die eingangs erwähnte Witch House-Connection zurück: Wo dessen prägende Acts in ihren zeitlupenartig verfremdeten Pop-Mutationen US-Rap und R’n’B obskurifizieren und damit gelegentlich selber schon gekonnt auf der Zuckerguss-Grenze balancieren, ist das Drei-Mann-Projekt aus L.A. von Anfang an auf klare Rock- und Pop-Dramaturgien fokussiert, während der in einigen Momenten aufblitzende sentimental verspukte Schleier lediglich als ausschmückende Deko herhält. Eine Rechnung, die nicht aufgeht. Die oft langsamen, zurückgenommenen Beats und subtilen Stimmungsspitzen der ruhigen Passagen bzw. Strophen bekommen kaum Chancen zur Entfaltung, stattdessen ertränken ††† jegliche Atmosphäre im ewig gleichen Songwriting-Kitsch mit Bombastproduktion. Dass der sorgsame Aufbau praktisch immer auf den obligatorischen 08/15-Chorus hinausläuft, macht die Sache nicht unbedingt überraschungsgeladener, nach zwei Liedern haben die Kreuzbraven ihr ganzes Pulver nämlich schon verschossen! Morenos schwülstig penetrante Vocals sind im Übrigen wahrlich keine Offenbarung, sondern eine regelrechte Belastungsprobe für den Hörer. Mit jedem Song steigt folgerichtig die Versuchung auf ‚Skip‘ zu Drücken, um dem Elend wenigstens für ein paar Sekunden zu entkommen – obwohl man dann wiederum auch das schöne Outro von „†hholyghs†“ verpasst.

Song und Sound wollen einfach nicht zusammengehören. Sehr schade, denn gerade in den oft stimmungsvollen Intros zeigt sich ja, dass hier durchaus sehr viel mehr drin gewesen ist. Die detailgenaue Produktion bleibt der eindeutig interessanteste und zugleich leider den säuselig in die Länge gezogenen Vocals untergeordnete Aspekt eines somit insgesamt uninspirierten Albums. Qualitative Lichtblicke können zum Ende des Werks nur noch mit dem höchst gelungenen „nine†een eigh†y seven„, das auf den leise industriellen Spuren von Coil und Co. wandelt, sowie dem fantastischen Rausschmeißer „dea†h bell“ gesetzt werden, der mit seinen Klavier-Patterns und ausgeklügelten Percussions an die minimalistischen Arbeiten von Ben Lukas Boysen erinnert. Bedauerlicherweise zu spät, um das Ruder noch einmal herumreißen zu können. Nein, für diese Erkenntnis wäre der Witch House-Vergleich sicher nicht nötig gewesen. Aber in schlechten Phasen klammert man sich ja schließlich an gute Erinnerungen. Und selten war ich nach der Auseinandersetzung mit einem Album derart froh, drei Kreuze machen zu können…

Tracklist:
01. †his is a †rick
02. †elepa†hy  
03. bi†ches brew
04. †hholyghs†
05. †rophy
06. †he epilogue
07. bermuda locke†
08. fron†iers
09. nine†een nine†y four
10. op†ion
11. nine†een eigh†y seven  
12. blk s†allion
13. †
14. prurien†
15. dea†h bell 

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