Review: The Haxan Cloak – Excavation [2013]

The Haxan Cloak - Excavation[Erschienen bei Tri Angle (2013) / Design: D.R. ME / Photography by Cody Cobb]

Was geschieht nach dem Tod? Zerfällt man einfach zu Staub und verliert sich im Nichts, gibt es ein Jenseits, in dem das Bewusstsein weiterlebt, oder wird man vielleicht doch wiedergeboren? Fragen, die weder die Wissenschaften noch die Religionen einhellig beantworten können und zu den großen Rätseln gehören, die die Menschheit seit Jahrhunderten begleiten. Selbstverständlich können auch die Künste keine befriedigenden Antworten darauf geben, was mit der Seele – wenn es sie geben sollte – geschieht, wenn der Körper der Vergänglichkeit anheim gefallen ist, doch sie können die Imaginationskraft beschwören, um derartigen Mysterien Ausdruck zu verleihen. Nicht weniger als den Weg eines Verstorbenen möchte das ambitionierte Konzeptalbum „Excavation“ in ein klangliches Gewand hüllen.

Hinter The Haxan Cloak verbirgt sich Bobby Krlic, der nach seinem selbstbetitelten Debüt (2011) im April 2013 mit „Excavation“ sein vielbeachtetes Zweitwerk veröffentlicht hat, das es auf zahlreiche Jahresbestenlisten schaffte. Völlig zu Recht, wie man schnell feststellen muss, begibt man sich in die tiefschwarzen Abgründe, die der Engländer in seinen beeindruckenden Soundkreationen aufstößt. „Excavation“ ist ein minimalistischer Alptraum aus bedrohlichen Subbässen, abstrakten Slow Motion-Beats, Spukgeräuschen und zermürbenden Drone-Texturen, den man sich am besten alleine in den vier Wänden zu Gemüte führt – sofern man nicht zu den Zartbesaiteten gehört (dann wäre man hier allerdings eh an der falschen Stelle). Denn beim ausgiebigen Hören der Platte könnte einem mehr als nur einmal das Gefühl ereilen, von der Dunkelheit völlig verschlungen zu werden. Musik wie ein Fall ins Bodenlose.

Krlic erweist sich abermals als exzellenter Sounddesigner mit dem Gespür für verstörende und fremdartige Motive. Unter den dumpf lodernden Niederfrequenztonmassen und infernalen Trommelschlägen tummeln sich mitunter Kirchenglocken („The Mirror Reflecting (Part 1)“), Choralfragmente („Consumed“), nervöse Streichpassagen („Dieu“), irritierende Lautschnipsel („Miste“) und andere elektronisch verfremdete Klangelemente, doch die Arbeit mit Stille und Raum nimmt einen entscheidenden Platz ein, lässt das pure Nichts der Nachwelt im Kopf des Hörers plastisch werden. Zarte Melodieschleifen kommen ebenfalls mehrfach zum Einsatz und geben den Kompositionen zusätzlich eine fragile, geheimnisvolle Magie.

All das erinnert in Ansätzen durchaus an Horrorfilm-Scores, und die anfänglichen Keyboard-Arrangements im Schlusstrack „The Drop“ hätten sogar fast aus einem sehnsuchtsvollen 80er Synth-Popsong stammen können (aber auch nur fast), doch Krlic orientiert sich nicht an Genrekonventionen. „Excavation“ verfügt trotz mannigfaltiger Einflüsse aus Richtungen wie Drone Doom, Filmmusik und Minimal Techno über einen verblüffenden Überschuss an Originalität, um sich vom Gros herkömmlicher Friedhofsuntermalung abzusetzen. Es ist diese elektrifizierte Andersartigkeit, die musikgewordene Aushöhlung der Seele, die das Album so faszinierend und erschreckend zugleich macht. Ein meisterlicher Kraftakt, experimentell und doch flüssig, in sich geschlossen und ohne Schwächephasen. Zwischen Grauen und Schönheit wandelnd, wird „Excavation“ dem eigenen Anspruch mehr als gerecht, akustisch durchzuspielen, was einen Menschen nach dem Tod erwartet, bleibt dabei gleichzeitig stets ungewiss und rätselhaft wie das Thema selbst, sodass die Frage nur von der individuellen Vorstellungskraft beantwortet werden kann.

Tracklist:
01. Consumed
02. Excavation (Part 1)
03. Excavation (Part 2)
04. Mara
05. Miste
06. The Mirror Reflecting (Part 1)
07. The Mirror Reflecting (Part 2)
08. Dieu
09. The Drop

 

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