Review: Ruby My Dear – Form [2013]

Ruby My Dear - Form[Erschienen bei Ad Noiseam (2013) / Painting by Marc Streichen]

Es mag keine allzu waghalsige Behauptung sein, doch Breakcore und IDM lassen sich immer weniger voneinander unterscheiden. Das zeigt schon ein Blick auf die Diskographien von Künstlern wie Venetian Snares oder Enduser. Sofern eine solche Trennlinie überhaupt jemals eindeutig gezogen werden konnte, denn schließlich handelt es sich bei beiden Kategorien mehr oder weniger um paradoxe Hilfskonstrukte, die als Genremarkierungen gerade das bündeln wollen, was sich orientierungsstiftenden Schemata ohnehin weitgehend entzieht bzw. idealerweise einen nahezu dogmenbefreiten Ausdruck der Kreativität darstellt. In der Tat passen die radikale MashUp-Attitüde und Zerstörungswut auf der einen Seite und die oft exzentrischen, mitunter sämtliche Hörgewohnheiten sprengenden Klangtüfteleien auf der anderen Seite gut zusammen.

Auch Ruby My Dear scheint sich mehr denn je auf einem solchen Mittelweg zwischen verschiedenen Stilrichtungen zu bewegen. So einfach lässt sich sein letztes Album eben nicht schubladisieren, weswegen der schlichte Titel „Form“ und das stilistisch abstrakte Cover-Artwork in Anbetracht dessen alles andere als willkürlich gewählt zu sein scheinen. Entsprechend vielfältig gestalten sich die musikalischen Ausprägungen der elf Tracks. Ist man nur auf der Suche nach dem schnellen Breakcore-Kick, muss man sich zunächst gedulden. Der ebenso so kompakte wie ausgezeichnete Opener „Prah“ verzichtet z.B. auf ein leitendes Beatgerüst und hätte sogar hervorragend auf eines der letzten Alben von Klangkunst-Genie Amon Tobin gepasst, so reichhaltig, entrückt und schlicht umwerfend ist das Sounddesign geraten – wie eine Szene vom anderen Stern…

Bei „Stax bleiben die heftigen Beat-Bombardements ebenso aus, wenngleich die abgehackte, von Glitches und Brüchen durchzogene Downtempo-Nummer von jeglicher Easy-Listening-Tauglichkeit weit entfernt ist, dank ihrer kurz vor Schluss einsetzenden Piano-Klänge aber zu einem ruhigen Ende gelangt. „Spleen operiert zu Anfang mit trübsinnigen Hip Hop-Beats und geht dann im weiteren Verlauf  ein erstes Mal zu labyrinthisch verzweigten Highspeed-Drum-Attacken über, die jedoch auf sich alleine gestellt leider noch ein wenig farblos und erstaunlich moderat ausfallen.

Die darauffolgenden Tracks sind dann eher von im weitesten Sinne Dubstep-ähnlichen Rhythmen geprägt, wie z.B. das narkotisch wabernde „Carradine Suicide“, ohne jedoch ihre experimentelle Clicks & Cuts-Affinität aufzugeben. „Jitter Room und „Annwvynklingen ebenfalls wunderbar verspult. Hier trifft die träumerische Atmosphäre auf kontrapunktiv platzierte Knarzbässe und disharmonische Frickelelemente. Gegensätze bleiben auch danach das Thema, allerdings wendet sich das Album wieder mehr den altbewährten Braindance-Ingredienzen zu. 20-bits Fish“, in dem verspielte Melodien und eine kindlich zufriedene Grundstimmung ironisch gebrochen auf hyperaktiv zuckelnde Schachtelbeats prallen, könnte geradewegs Aphex Twins verrücktem „Richard D. James Album“ entsprungen sein.

Entspannte Zupftöne und Hawaii-Feeling begleiten „Geysa, den Ruhepol der Platte. Hier übernehmen sanfte Ambient-Klänge und schräge Geräuschkunst die Oberhand, ohne dass aggressive Percussions die Idylle wie üblich durchbrechen.
Erst im Schlussdrittel des Albums („Focus on Sanity“ u.a.) hält der Breakcore mit seinen charakteristischen Extremen – Hardcore-Geballer, abrupte Rhythmuswechsel, augenzwinkernde Over-the-Top-Samples – tatsächlich verstärkt Einzug. Das macht wohldosiert umso mehr Spaß, die Ernsthaftigkeit geht aber glücklicherweise nie ganz verloren. So beendet „Embruns das Gesamtwerk nach einem Marathon der zermarternden Sounds in seinen letzten Sekunden mit einem überraschend bodenständigen und organischen Breakbeat, der einfach nur unwiderstehlich ist…

Mit „Form“ hat Ruby My Dear ein abwechslungsreiches, wenn auch insgesamt nur bedingt innovatives Album hingelegt. Phasenweise durchläuft sein Schaffen Drill & Bass-Gebiete, die Aphex Twin und Co. schon vor ca. fünfzehn Jahren abgeklopft haben, weshalb die hier vorgefundenen Variationen eher als Referenzen, denn als Weiterentwicklung angesehen werden müssen. Allerdings zeigen sich einige Stücke beeinflusst von neuerer Bass Music, wodurch dem Werk der Anschluss an die zeitgenössische Musikgeneration gelingt. Nur relativ selten droht sich der Fluss ein wenig zu verlieren, wird das hektische Hin und Her anstrengend.
Herauszuheben ist eine neue Ausgeglichenheit und Kohärenz, denn „Form“ ist kein überbordend destruktives Album. Lärmige Passagen und stimmungsvolle Momente halten sich die Waage. Anstatt ‚Copy & Paste‘-Fragmentarismus und szenetypische Anarcho-Prinzipien des Breakcore weiter auf die Spitze zu treiben, ist ein spürbar größeres Interesse für ungewöhnliche Sounds, Melodien und ausgefeilte Texturen hinzugekommen. Es scheint, als hätte jemand seine Form gefunden.

Tracklist:
01. Prah
02. Stax
03. Spleen
04. Carradine Suicide
05. Jitter Room
06. Annwvyn
07. 20-bits Fish
08. Geysa
09. Focus On Sanity
10. Oct Chrystal
11. Embruns

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  1. #1 von blogARTig am 10. März 2014 - 9:16

    Aloha,

    wir haben deinen Beitrag auf unserer Facebookseite „blogARTig“ verlinkt.
    Solltest du etwas dagegen haben, bitte laut schreien.

    Liebste Grüße
    blogARTig

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