Das kenn‘ ich doch irgendwo her… (1)

Es gibt sie, die gelegentliche Erinnerung beim Hören eines Musikstücks: „Hey, das kenn‘ ich doch“, also das gedankliche Brückenschlagen von Musik A zu Musik B. In dieser Rubrik wird jenes Phänomen künftig ein wenig anhand exemplarischer – und wie ich hoffe auch interessanter – Fälle beleuchtet werden. Dabei geht es mir natürlich nicht um lückenlose Quellenrecherche oder darum absurde Plagiarismusdebatten von vorvorgestern loszutreten. Im Gegenteil… hier soll es, ‚artsy‘ ausgedrückt, quasi ganz postmodernistisch um jegliche Form von musikalischen Querverweisen, Ähnlichkeitsbeziehungen und referentiellen Verknüpfungen gehen, ganz egal ob es sich dabei konkreter um einzelne musikalische Elemente wie Sounds und Samples handelt oder um rein spekulative Inspirationsquellen, die der jeweilige Künstler gehabt haben könnte.

Alte Kamellen – Volume 1 (inklusive Exkurs in wichtigtuerisches Kulturgefasel)

Das erste Beispiel hat seinen Ausgangspunkt in der Zeit um die vergangene Jahrhundertwende. Nachdem Drum & Bass Ende der 90er Jahre durch zunehmende Vermengung mit Elementen des Soul, Jazz und Chill Out immer salonfähiger, und damit auch tauglicher für Radio, TV und Lounges geworden war, flüchtete sich ein Teil der Szene in die Dunkelheit. Hart und roh sollte der Sound wieder werden, und nach Möglichkeit wieder in spärlich beleuchteten Underground-Clubs der britischen Großstädte stattfinden. Eine glückliche Fügung der Geschichte aus künstlerischer Sicht, die dem Genre längerfristig betrachtet zwar kaum kommerzielle Überlebenschancen garantierte, aber dafür eine überschaubare Menge an dystopischen Glanzlichtern wie etwa den Antimusik-Fatalisten von No U-Turn Records hervorbrachte, die bei all der futuristischen Finsternis für eine begrenzte Zeit besonders hell brannten.

In diesen Kreis lässt sich kaum ein anderes Kollektiv besser einordnen, als die vierköpfige D’n’B-Combo Bad Company. Erst 1998 gegründet, konnte sich die Formation mit einem reduktionistischen Stil aus drückenden, verzerrten Bässen, kantigen Drumloops und industriell-düsterer Atmosphäre schnell einen Namen machen. Techstep war das Stichwort. Das Exemplar, um das es hier gehen soll, stammt vom Genreklassiker „Inside the Machine“ (2000) und nennt sich „Nitrous“ (siehe Video unten). Der Track beginnt mit zwielichtigen, langgezogenen Synthietönen, anschließend setzen nacheinander Hi-Hats, Bass- und Snare Drum ein, bevor es ab ca. 01:05 Min. zu der eigentlich wichtigen Stelle kommt: Die mächtige, bedrohlich grollende Basslinie wird das erste Mal losgelassen und erst danach gesellen sich die rollenden Breaks dazu. Es ist dieser ungemein markante Basslauf, der hervorsticht und einen großen Teil des Reizes an diesem Stück ausmacht!

Bad Company waren zunächst enorm einflussreich, überschritten aber recht bald ihren Zenit und lösten sich 2005 endgültig auf. Mitglied Dj Fresh sollte einige Zeit später noch mit eher fragwürdiger Musik große kommerzielle Erfolge erzielen…

Mitte der 00er gilt Drum & Bass trotz stetiger Weiterentwicklung durch fortgeschrittene technische Möglichkeiten für eine breitere Öffentlichkeit mehr oder weniger als tot. Während einige schon mit den Nachrufen beginnen, werkelt ein gewisser Lynn Standafer derweil an seinen irrwitzigen, geradezu anarchischen Beats, die keinerlei Grenzen oder Dogmen zu kennen scheinen, außer dem Motto: Alles ist erlaubt. Unter dem Pseudonym Enduser betreibt der Amerikaner eine extreme, breakcore-lastige Spielart rhythmischen Sperrfeuers, die sich selbst in die mittlerweile weit entgrenzte Drum & Bass-Schublade nicht so einfach einsortieren lässt. Wie sich das für eine solche Strömung gehört, bedient er sich für die zumeist chaotischen, wüsten und apokalyptischen Outputs bei Richtungen wie Ragga, Dub, Hip Hop, Jungle, Hardcore Techno oder Post Industrial. Aber nicht nur da. „No Wisdom“ heißt der Track von Interesse auf „Bollywood Breaks“ (2004), das wohl nicht zufällig diesen Titel versehen bekommen hat. So startet das Viereinhalb-Minuten-Stück denn auch dank exotischem Geräuschfundament, verträumten Texturen und glockenhellen Backing-Vocalsamples sogar angesichts zerstückelter Jungle-Breakbeats noch vergleichsweise freundlich, als nach… nun ja, es sind tatsächlich wieder ca. 01:05 Minuten – und wer schlau ist, bei dem klingelt’s jetzt – der entscheidende Erinnerungsanker ausgeworfen wird: Richtig, es ist jene Monster-Basslinie, hier leicht verändert, die durch Mark und Bein geht und diesem Track seinen richtungsweisenden Punch verpasst!

Das waren zugegeben ein paar Umwege, doch was bleibt am Ende davon übrig? Viel Lärm um nichts? Möglich, ist ja auch so ein Gemeinplatz, dass sich Geschichte eben wiederholt. So findet das Relikt eines (vermeintlich) aussterbenden Genres zu seinem Nächstverwerter, dem Enduser. Selbigem möchte man ohnehin für die Wahl seines Pseudonyms mal wieder gedanklich High-Five geben, haucht der doch regelmäßig den alten Kamellen höchst gewieft neues Leben ein, bis man im Zitatedschungel endgültig den Durchblick verliert. Wobei es natürlich nur eine Frage der Zeit ist, wann auch das wieder recycelt, verfremdet, neu arrangiert oder rekontextualisiert wird, wenn es nicht eh schon längst irgendwo geschehen ist…

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  1. #1 von Alexander Glas am 6. März 2014 - 20:17

    Bad Company! JA! Natürlich kenne ich das noch. Mein erster DnB-Mix bestand nur aus so Zeugs 🙂
    Aber so ganz inhaltlich komme ich als DnB DJ a.D. nicht hier mit. Kann aber auch ganz subjektiver Natur sein, zumindest habe ich erst Anfang der „00“er-Jahre angefangen den Sound in meiner kleinen Provinzstadt der schmalen Masse bekannt zu machen. Und ich konnte seinerzeit nicht klagen. Erst gegen 2008 habe ich den Genre abgeschworen. Zu viel liquid tracks machen mein Ohr kaputt. Meinen letzten „Gig“ hate ich im August letzten Jahres.
    Mir fehlt aber trotzdem der UK Apache, der original nuttah 😀
    Hier kannst du meine „Zeit“ nachlesen:
    http://www.adelhaid.de/dj-komponist-songwriter/dj-furioso-f-n-p-soundsystem/

    • #2 von unsoundaesthete am 6. März 2014 - 22:50

      Hallo Alexander!

      Freut mich, dass mein Beitrag einige Erinnerungen bei dir wecken konnte 🙂

      Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass es da einige Unterschiede gibt, was die Wahrnehmung anbelangt, vor allem in den früheren D’n’B-Jahren. Die Blütezeit habe ich aufgrund meines jungen Alters gar nicht selber aktiv mitbekommen, ich kam mit dieser Musikrichtung erst so gegen 2007/08 in Berührung, als der größere Boom scheinbar vorbei war (lustigerweise in etwa zu der Zeit, als Du dich vom Genre abwandtest).

      Mein Halbwissen darüber, was so ab den 90er Jahren bis Mitte der 2000er passierte, habe ich daher vor allem am heimischen PC gesammelt, und auf diese Weise dann die ältere Musik – und ein Stückweit die Ursprünge der Kultur – im digitalen Rückwärtsgang für mich „neuentdeckt“. In erster Linie betrifft das die Entwicklungen in UK, dem Mutterland des D’n’B. Daher kann es natürlich sehr gut sein, dass es hier in Deutschland ganz anders zuging 🙂

      Ich hoffe, dass mir in meinen Ausführungen diesbezüglich keine gröberen Schnitzer unterlaufen sind. Ich muss wohl zugeben, dass ich im Beitrag auch einiges nicht ganz so differenziert beschreiben konnte, da ich mehr so das Anekdotenhafte im Sinn hatte, als einen Abriss der gesamten Drum & Bass-Geschichte… 😉

      Ich finde es jedenfalls immer sehr spannend, von einem erfahrenen Genrekenner zu lesen, der seinerzeit „live“ dabei war 🙂

      Ach ja, „Original Nuttah“ ist natürlich ein unkaputtbarer Jungle-Klassiker! 😀

  2. #3 von Alexander Glas am 6. März 2014 - 23:09

    Dir sei verziehen 😀 Ich bin ja auch nicht wohnhaft in Mannheim, dem Domizil seinerzeit schlechthin. Aber Nürnberg sowie auch Schweinfurt waren auch gut aufgestellt.
    Was ich niemanden empfehlen kann ist auf jeden Fall der Wikipedia-Artikel. Da fehlt ein wenig, wo anderswo zu viel steht.

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